I. Perspektiven der Frauenförderung in den Neunziger Jahren

Anläßlich der Weltfrauenkonferenz in Kopenhagen legten die Vereinten Nationen 1980 der Weltöffentlichkeit folgende Statistik vor: über die Hälfte der Menschen sind Frauen; sie erzeugen 80 Prozent der Weltnahrungsmittel, verrichten zwei Drittel der Weltarbeitsstunden, erhalten ein Zehntel des Welteinkommmens und besitzen ein Prozent des Eigentums. Hinter diesen statistischen Angaben verbergen sich vielfältige Formen der Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen: die ungerechte Lastenverteilung in der Familie, ihre wirtschaftliche Ausbeutung, der Verlust ihrer Kontrolle über Ressourcen und schließlich die ungleiche Bewertung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Gerade die unbezahlte Frauenarbeit summiert sich in Form von Familienarbeit, Landarbeit, Gemeinschaftsarbeit zur Verbesserung der lokalen Lebensbedingungen, Pflegeleistungen für Alte und Kranke meist zu einem 14- bis 16stündigen Arbeitstag. Zwar hat die Erwerbstätigkeit von Frauen überall auf der Welt weiter zugenommen, doch arbeitet eine Vielzahl von Frauen in sicherheitsgefährdenden und sozial nicht abgesicherten Beschäftigungsverhältnissen, die schlecht bezahlt und in der Regel kaum mit Aufstiegschancen verbunden sind. Viele Frauen können ihr Einkommen nur im städtisch informellen Sektor oder in der Landwirtschaft erwirtschaften. Nach Schätzungen von UNDP würde in allen Ländern das Nationaleinkommen um 20 bis 30 Prozent steigen, wenn diese Leistungen (ohne Berücksichtigung der landwirtschaftlichen Subsistenzproduktion) bei der Berechnung des Bruttosozialproduktes Berücksichtigung finden würden (UNDP 1993).
Zwar haben das Jahrzehnt der Frau (1976-1985) und die Verabschiedung der Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (1979) der Schlüsselrolle von Frauen im Entwicklungsprozeß und ihren Rechten weltweite Öffentlichkeit verschafft und darüber hinaus eine Neuorientierung internationaler Frauenpolitik eingeleitet, doch sind trotz der zahlreichen internationalen Fortschritte im Bereich der formalen Gesetzgebung die politischen Auseinandersetzungen um den Rechtsstatus der Frau keinesfalls abgeschlossen.
Allgemeine Aussagen über Wirkungszusammenhänge von gesellschaftlicher Entwicklung und der Situation von Frauen sind schwierig, da die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich sind. Dennoch erweist sich Frauendiskriminierung in den meisten traditionellen wie auch modernen Gesellschaften als Strukturmerkmal. UNDP hat wiederholt darauf hingewiesen, daß nirgendwo auf der Welt Frauen "so gut" wie Männer behandelt werden und alle Länder auf der Skala der menschlichen Entwicklung "absteigen", wenn die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in die Indexberechnung einbezogen wird. Noch immer ergeben sich die unterschiedlichen Lebenslagen und -chancen zwischen Mann und Frau aus den ungleichen Zugangsmöglichkeiten zu Beschäftigung, Einkommen, wirtschaftlichen Ressourcen, Gesundheitsversorgung, Ernährung, Erziehung und Ausbildung.
Soziale Entwicklungen wie grundlegende Veränderungen in traditionellen Familien- und Gesellschaftsstrukturen, Migration, Urbanisierung, der Kontrast zwischen traditioneller und "moderner" Lebensweise sowie oft ungünstige wirtschaftliche Entwicklungen für die Mehrheit der Bevölkerung beeinflussen in starkem Maße die Rolle der Frau in den verschiedenen Ländern der Dritten Welt. Die zunehmende Differenzierung des Südens in ärmere und reichere Länder kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich in den neunziger Jahren die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Mehrheit der Frauen nicht verbessert haben.
Fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung in den Ländern des Südens lebt in existenzbedrohender Armut, der überwiegende Teil hiervon sind Frauen. Das Erscheinungsbild von weiblicher Armut hat unterschiedliche Facetten, wie z.B. Einkommensarmut, geringes Alphabetisierungsniveau, fehlende Berufsausbildung und Altersarmut.
Darüber hinaus erschwert der in vielen Gesellschaften fortbestehende Rechtspluralismus Gleichstellungsbemühungen. Obwohl in vielen Ländern Frau und Mann inzwischen lt. Verfassung und Gesetzgebung gleichgestellt sind, besteht zwischen den verfassungsmäßig abgesicherten Rechten und der Realität noch immer ein großer Widerspruch. Nach religiösem Recht oder Gewohnheitsrecht sind Frauen in vielen Ländern den Männern nicht gleichgestellt, d.h. sie haben z.B. kein Eigentumsrecht oder dürfen ohne den Ehemann keine Verträge abschließen. Dies beinhaltet neben der Einschränkung der Menschen- und Verfassungsrechte die Gefahr der Verarmung, insbesondere für alleinerziehende, geschiedene oder verwitwete Frauen.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, daß Frauen ungenügend in politischen Entscheidungsgremien, Regierungsämtern, Parteien, Gewerkschaften und Verbänden vertreten sind. In den Strukturen vieler Institutionen finden Frauen wenig Unterstützung für ihre Interessen, die Führungspositionen werden fast ausschließlich von Männern besetzt. Teilweise werden frauenspezifische Maßnahmen als Pflichtübung betrachtet und bestenfalls als Mode toleriert.
Generell eröffnen aber die in vielen Ländern stattfindenden Umbruchsprozesse neue Chancen für Frauenpolitik. Zum einen, weil das Ausmaß der Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen stärker hervortritt, zum anderen, weil sich die Betätigungsfelder für Frauen erweitert haben - wenn auch primär in den städtischen Zentren. In einigen Ländern haben Frauen verbindliche rechtliche Regelungen durchsetzen können (Wahlgesetze und Parteistatuten, Quotenregelungen für kommunale Parlamente), um ihre stärkere Partizipation in Parteien und Gewerkschaften zu gewährleisten. Mit den Programmwörtern "empowerment" und "redistribution of power" fordern Frauen, die in Selbsthilfeorganisationen, Verbänden, Netzwerken und Parteien organisiert sind, eine Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen, den Zugang zu den Institutionen des politischen Systems und streben nach gesellschaftlicher Macht, um auf die Faktoren Einfluß nehmen zu können, die ihre Diskriminierung verursachen.
Der Übergang von autoritären zu demokratischen Regierungsformen in zahlreichen Ländern hat Frauenorganisationen in ein verändertes Umfeld gestellt. Heute existieren unzählige Frauenorganisationen, die die Interessen ihrer Mitglieder repräsentieren und von diesen verwaltet werden. Der gesellschaftliche Status von Frauen verändert sich unter diesem Einfluß und trägt zur Erweiterung ihrer sozialen Handlungsspielräume bei. Gleichzeitig bestehen in einzelnen Ländern aber immer noch erhebliche Schwierigkeiten für Frauen, sich mit formalem Status zu organisieren.
Aufgrund fortschreitender Verarmung werden jedoch diese neugewonnenen Handlungs- und Gestaltungsräume stark eingeengt. Aktuelle Entwicklungen wie religiöser Fundamentalismus oder wirtschaftliche Rezession wirken sich hemmend auf neue frauenpolitische Ansätze aus, so daß teilweise von einem "backlash" gesprochen werden muß. Selbst dort, wo die Rechtsstellung von Frauen verbessert wurde, können Frauen ihre sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rechte nicht wahrnehmen. In einigen Ländern wird befürchtet, daß nur elitäre Frauenorganisationen eine Chance haben werden, sich in den politischen Prozeß einzubringen.

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