In Indien sind Straßenhändler allgegenwärtig. Sie sind Teil eines riesigen informellen Sektors, in dem mit rund 400 Millionen Menschen 90 Prozent aller Erwerbstätigen in diesem Land ein Auskommen suchen. Man schätzt, dass es in Indien insgesamt 20 Millionen Straßenhändler gibt. Davon sind über sechs Millionen Frauen. Sie bieten Waren zu günstigen Preisen an, was diese Erzeugnisse für die große Mehrzahl der Bevölkerung erschwinglich macht. Trotzdem werden sie von Polizei und Behörden schikaniert, weil Straßenhandel als gesetzwidrig gilt und sie wie alle im informellen Sektor Tätigen weitgehend recht- und schutzlos sind.
Die in Indien mit Abstand größte Selbsthilfeorganisation ist die „Self Employed Women Association (SEWA)“, die Frauen im informellen Sektor und darunter seit einigen Jahren auch Straßenhändlerinnen organisiert. Sie ist kein klassischer Gewerkschaftsdachverband, arbeitet aber mit anderen Schwesterorganisationen zusammen und kommt mit diesen auf eine Million Mitglieder. SEWA ist Mitglied im internationalen Gewerkschaftsbund und unterhält weltweit Kontakte zu Frauenorganisationen und anderen Nichtregierungsorganisationen.
Auf Initiative von SEWA und einer zweiten Selbsthilfeorganisation namens Nidan, beides langjährige Partner der Friedrich-Ebert-Stiftung, entstand eine „Nationale Allianz der Straßenhändler Indiens“. Dieser gehören heute 737 Organisationen mit rund 300.000 Mitgliedern an. Die Allianz veranstaltete im Juli eine zweitägige Konferenz in Delhi, an der 700 Delegierte aus allen Landesteilen teilnahmen. Sie erreichten, dass die anwesende Ministerpräsidentin des Bundesstaates Delhi, Sheila Dixit, ein Gesetz zusicherte, auf dessen Grundlage der Straßenhandel in Delhi künftig rechtmäßig wäre. Frau Dixit versprach darüber hinaus die Einrichtung von 200.000 Verkaufsständen. Dies wäre für die Händlerinnen und Händler zumindest der Anfang für ein menschenwürdiges Leben.
FES | 2009