Internationale Arbeiterbewegung

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Simon, Ferdinand; Simon, Frieda / geb. Bebel; Zetkin, Clara; Engels, Friedrich; Bebel, Julie; Bebel, August; Schattner, Ernst; Bernstein, Regina; Bernstein, Eduard Internationaler Sozialistischer Arbeiterkongreß Zürich Reproduktion, 09.08.1893 (Rechteinhaber nicht ermittelbar).

Die Internationale Arbeiterbewegung ist fest mit dem Begriff der Internationale verbunden. Die Internationale bezeichnet einen bestehenden und mehrere historische Zusammenschlüsse sozialistischer und anderer aus der Arbeiterbewegung hervorgegangener Parteien weltweit. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden unter diesem Namen verschiedene Vereinigungen, die sich in ihren konstitutionellen Zusammensetzungen wie in ihren ideologischen Ausrichtungen zum Teil deutlich unterschieden. Allen Internationalen gemeinsam war die kontinuierliche Tagung eines Kongresses, zu dem Delegierte aller Parteien gesandt wurden und auf dem über die Grundsätze der internationalen Arbeiterbewegung oder mindestens der hier vertretenen Parteien abgestimmt und beschlossen wurde.

Grob lässt sich von vier Internationalen sprechen. Die Erste Internationale wurde 1864 gegründet. Da es in den Ländern noch sehr wenige feste Parteien der Arbeiterbewegung gab – der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein war erst ein Jahr zuvor ins Leben gerufen worden – verkörperte die Erste Internationale noch eher eine zentralistische Vereinigung. Ein Generalrat fungierte als ihr oberstes Organ. Politisch deckte sie aber alle Richtungen der Arbeiterbewegung ab. Neben den Anhängern von Karl Marx, der eine wesentliche Rolle bei ihrer Gründung und ihrem Fortbestehen spielte, waren auch Anarchisten und gemäßigte Sozialisten Teilnehmer der Kongresse. Dementsprechend drehten sich die Ziele der Ersten Internationale vorerst allgemein um die Emanzipation der Arbeiterbewegung, aber auch die Aufhebung der Klassengesellschaft war ein Thema. Letztlich scheiterte die Vereinigung jedoch an den divergierenden Tendenzen, vor allem zwischen Marxisten und Anarchisten. 1876 löste sich die Erste Internationale offiziell auf.

Die Zweite Internationale, 1889 gegründet, zeigte sich langlebiger, ging, im Gegensatz zur Ersten Internationale, deutlich über Europa und die USA hinaus und war marxistisch-sozialistisch geprägt mit zum Teil revolutionären Tendenzen. Weniger stellte sie jedoch einen festen Verbund als vielmehr einen lockeren Zusammenschluss der verschiedenen Parteien dar. Als wichtiges Instrument zur Durchsetzung sozialistischer Ziele gegen einen imperialistischen und autokratischen Staat sowie gegen einen Krieg, bei dem Arbeiter gegeneinander kämpfen müssten, sah sie den Generalstreik vor. Auch hier kam es im Vorfeld und während des Ersten Weltkriegs zur Spaltung und später zu weiteren Erosionserscheinungen, da sich einige Mitglieder der Internationale nicht von den Krieg führenden nationalen Regierungen distanzierten. Während des Ersten Weltkriegs fanden nur Rumpfkongresse statt.

Der kommunistische Flügel unter Wladimir Iljitsch Lenin formierte sich zur 1919 gegründeten, sogenannten Dritten oder Kommunistischen Internationale. Ihr Ziel verkörperte die Weltrevolution, die seit 1917 von Russland aus die anderen Länder erfassen sollte. Erfolgreiche radikale Umstürze in den anderen europäischen Ländern blieben aber aus und die kommunistischen Parteien spielten zum großen Teil keine wesentlichen Rollen außerhalb der Sowjetunion. So entwickelte sich die Kommunistische Internationale immer mehr zum internationalen Sprachrohr der KPdSU. 1943 löste Jossif Stalin im Rahmen der Kooperation mit den Westalliierten die Dritte Internationale als propagandistischen Rest der Weltrevolution auf.

1923 vereinigten sich die sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien in der Sozialistischen Arbeiter-Internationale wieder. Die politische Tendenz besaß nun kaum noch revolutionäre Charakteristika. In vielen Ländern waren die Mitglieder dieser Fortsetzung der Zweiten Internationale an den Regierungen beteiligt. Der Erste Weltkrieg hatte die Grundzüge dieser Internationale geprägt, zu denen ein strikter Pazifismus zählte. Anfangs kam es in der Zweiten Internationale noch zu Bestrebungen der Vereinigung oder aber zumindest der Kooperation mit der Kommunistischen Internationale, doch diese verweigerte eine Annäherung an die von ihr als „Sozialfaschisten“ verunglimpften sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien. Die Motivation von Teilen der Arbeiter-Internationale, sich auf die Kommunistische Internationale zuzubewegen verminderte sich, als die Bolschewiki zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft begannen, mit Staatsterror gegen die Menschewiki und die sowjetische Bevölkerung vorzugehen. Ende der 1920er-Jahre und zu Beginn der 1930er-Jahre unternahm die Arbeiter-Internationale angesichts der zunehmenden totalitären Regime in Europa große Anstrengungen zur Verteidigung der Demokratie. Dabei zerrieben sich ihre Mitglieder an der abermaligen Frage, ob angesichts des rechten Totalitarismus eine Annäherung an die Sowjetunion gewagt werden sollte. Schließlich mussten die sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien wie auch die Mitglieder der Kommunistischen Internationale um ihr eigenes Bestehen kämpfen. Mit der Auflösung beziehungsweise dem Verbot wichtiger Parteien, wie die der Sozialdemokraten und Sozialisten in Italien, Deutschland Spanien und der Tschechoslowakei konnte die Arbeiter-Internationale nicht länger bestehen. Während des Zweiten Weltkriegs kam es nicht mehr zu größeren Kongressen.

Die Nachkriegszeit brachte den sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien eine Vereinigung und Spaltung zugleich. Zum einen wurde die SPD als eine der wichtigsten Parteien der Arbeiterbewegung von der internationalen Arbeiterbewegung rehabilitiert. Zum anderen fand aber durch die Ost-West-Blockbildung eine Abspaltung der osteuropäischen Mitglieder der ehemaligen Zweiten Internationale statt, die erst in den 1990er-Jahren überwunden werden konnte. 1951 wurde in der Tradition der Zweiten Internationale und der daraus hervorgegangenen Sozialistischen Arbeiter-Internationale die Sozialistische Internationale gegründet, die bis heute Bestand hat. Vor Kurzem ist unter Beteiligung der SPD mit der „Progressive Alliance“ jedoch eine Parallel- und Konkurrenzorganisation zu der in die Kritik geratenen Internationalen entstanden.

Vor allem im Rahmen der Spaltungen kam es zu weiteren kleineren, meist sehr kurzlebigen internationalen Bewegungen, die für sich den Namen der Internationale beanspruchten. So bildeten sich zum Beispiel eine Anarchistische Internationale und eine Wiener Internationale, die für kurze Zeit eine zusätzliche Vereinigung neben der Zweiten und Dritten Internationale bildete.

Der weitaus länger bestehende Internationale Gewerkschaftsbund, der mit den sozialistisch geprägten Internationale kooperierte, wurde von Carl Legien 1901 gegründet und stellt ein wichtiges Feld der internationalen Arbeiterkooperation dar.

 

Quellen und Materialien


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