Gewerkschaften

Gründungsurkunde des DGB (AdsD).

Die ersten Gewerkschaften, Verbände der Buchdrucker und Zigarrenarbeiter, entstanden in der Revolution von 1848/49. Ihre Organisationen wurden in der Reaktionsphase verboten. Das Tempo der industriellen Entwicklung, Erfahrungen mit der Zuspitzung der Interessenkonflikte zwischen Unternehmern und Arbeitern und erste Streiks förderten generell das Streben nach solidarischem Zusammenschluss unter Arbeitern und Gesellen; seit den 1860er Jahren kam es daher erneut zur Gründung von Gewerkschaften. Die Initiativen dazu gingen häufig von Arbeitergruppen mit hohem berufsständischen Traditionsbewusstsein und älteren Organisationserfahrungen aus. Die Gewerkschaftsverbände entwickelten sich parallel oder in politischer Nähe zu den sich 1863 bzw. 1869 formierenden Arbeiterparteien ADAV (Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein) und SDAP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei). Daneben entstanden aus liberalen Selbsthilfe-Konzepten unter Postulierung harmonischer Unternehmer-Arbeiter-Beziehungen die von Max Hirsch und Franz Duncker gegründeten Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine.

Von polizeilichen Repressionen in den ersten Jahrzehnten stark behindert, stieg die Mitgliederzahl der "freien" sozialistischen Gewerkschaften nach dem Fall des "Sozialistengesetzes" sprunghaft an - von knapp 300.000 im Jahr 1890 auf über 2,5 Millionen im Jahr 1913. Das Verhältnis zwischen SPD und Freien Gewerkschaften wurde1906 durch das "Mannheimer Abkommen" definiert, das die Gewerkschaften als gleichberechtigte Organisationen neben der Partei anerkannte. Seit den 1890er Jahren bildeten sich auch christliche Gewerkschaften. Bei ihnen spielten zum Teil wirtschaftsfriedliche und ständestaatliche Vorstellungen eine Rolle, doch wurden Streiks nicht ausgeschlossen. Im Kaiserreich sahen sich die Gewerkschaften wie die Arbeiterbewegung insgesamt immer wieder mit Angriffen auf die Koalitionsfreiheit konfrontiert. Der "Herr-im Hause-Standpunkt" der Unternehmer erschwerte die Durchsetzung gewerkschaftlicher Forderungen; Tarifverträge konnten nur in wenigen Branchen durchgesetzt werden.

Während des Ersten Weltkriegs ließen sich Gewerkschaften aller Richtungen durch die Zustimmung zum "Hilfsdienstgesetz" und die Einbindung in militär- und versorgungswirtschaftliche Institutionen in erheblichem Ausmaß in die "Burgfriedenspolitik" integrieren. Die erhofften sozialen Reformen brachten jedoch erst die Revolution 1918/19 sowie die Verfassung und Gesetzgebung der Weimarer Republik, die den Gewerkschaften rechtliche Anerkennung, Koalitionsfreiheit, Rechtsverbindlichkeit der Tarifverträge, die Einrichtung von Betriebsräten und den Achtstundentag zusicherten. Weiterreichende Hoffnungen der Arbeiterschaft hinsichtlich einer Sozialisierung in der Wirtschaft gingen nicht in Erfüllung. In der Weimarer Republik kam den Gewerkschaften eine wichtige stabilisierende Rolle für die erste deutsche Demokratie zu. Während des Kapp-Lüttwitz- Putsches 1920 trugen sie durch einen Generalstreik zu dessen Scheitern bei. Das Erstarken republikfeindlicher Kräfte, die Enttäuschung in der Arbeiterschaft über die Ergebnisse der Revolution, wirtschaftliche Krisen und Arbeitslosigkeit sowie die Zurücknahme sozialpolitischer Errungenschaften führten jedoch zur Schwächung der Gewerkschaften und drängten sie immer mehr in die Defensive.

Nach der "Machtübertragung" an Hitler waren auch die Gewerkschaften von dem einsetzenden Terror gegen die Arbeiterbewegung betroffen. Versuche, durch einen Anpassungs- und Entpolitisierungskurs die Organisationen zu retten, scheiterten. Am 2. Mai 1933 wurden die Freien Gewerkschaften zerschlagen; die anderen Richtungsgewerkschaften unterstellten sich freiwillig dem "Aktionsbündnis zum Schutze der Deutschen Arbeit". Gewerkschaftlicher Widerstand formierte sich u.a. durch den Zusammenschluss führender Funktionäre in der "Illegalen Reichsleitung", vor allem aber innerhalb verschiedener regionaler oder betrieblicher Netzwerke im Untergrund, die sich zum Teil mit Unterstützung ausländischer bzw. internationaler Verbände bildeten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Sowjetischen Besatzungszone der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) gegründet, der sich zum Herrschaftsinstrument der SED entwickelte. In der Bundesrepublik schlossen sich im Oktober 1949 sechzehn Industriegewerkschaften zum Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammen, der als "Einheitsgewerkschaft" an die Stelle der alten Richtungsgewerkschaften trat. Die Gewerkschaften, die sich in Westdeutschland rasch erstarkenden Arbeitgeber- und Unternehmerverbänden gegenüber sahen, engagierten sich in den Nachkriegsjahrzehnten in zahlreichen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen (Montanmitbestimmung, Betriebsverfassungsgesetz, 40-Stundenwoche, Notstandsgesetze, "Konzertierte Aktion", Maßnahmen zur Humanisierung der Arbeitswelt).

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