Genossenschaftsbewegung

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10. Genossenschaftstag des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine, 16.6.1913 - 21.6.1913 in Dresden Kongreß-Postkarte Reproduktion, 16.06.1913 (Rechteinhaber nicht ermittelbar).

Der Beginn der modernen Genossenschaftsbewegung lässt sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verorten. Als Reaktion auf die verheerenden sozialen Verwerfungen der Zeit steht sie im Kontext der ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der frühen Industrialisierung. Die zugrunde liegende Idee war, sich auf Basis des Prinzips der Selbsthilfe zusammenzuschließen und durch freiwillige Kooperation die eigenen Mitglieder vor dem Abrutschen in soziales Elend zu bewahren. Dabei lag der Fokus primär auf wirtschaftlichen Zwecken.

Derartige genossenschaftliche Unternehmungen gründeten sich in mehreren west- und mitteleuropäischen Ländern, insbesondere in Großbritannien und Frankreich. In Deutschland war ihre Entwicklung stark mit den Liberalen Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen verbunden, die unabhängig voneinander und beinahe zeitgleich Kredit- und Einkaufsgenossenschaften aufbauten. Doch auch in den Reihen der Arbeiterbewegung wurde der Gedanke der solidarischen Selbsthilfe früh als wirksames Mittel zur Verbesserung der prekären Verhältnisse der Arbeiter erkannt. So setzte sich die von Stephan Born 1848 ins Leben gerufene Arbeiterverbrüderung den Aufbau durch Staatskredit finanzierter Produktivassoziationen zum Ziel. Dieser Ansatz wurde von Ferdinand Lassalle 1862/63 aufgegriffen und unterschied sich durch das Konzept der öffentlichen Finanzierung bewusst von den liberalen Initiativen. Rasch gewann dieser Gedanke an Breitenwirkung. Sozialdemokratisch organisierte Arbeiter und Arbeiterinnen nahmen die neuen Unternehmensformen mit Begeisterung auf, was nicht zuletzt die Entwicklung der Konsumgenossenschaften zeigte. Eine ähnliche Entwicklung konnte bei den Wohnungsgenossenschaften beobachtet werden.

Mit zunehmendem Erfolg der Genossenschaftsidee stellte sich bald die Frage übergreifender Strukturen. 1861 wurde schließlich das „Centralkorrespondenzbureau der deutschen Vorschuss- und Kreditvereine“ gegründet, welches drei Jahre später umbenannt wurde und fortan unter „Allgemeiner Verband der auf Selbsthilfe beruhenden Deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften“ firmierte. Auch im Bereich der ländlichen und der Baugenossenschaften kam es zu Gründungen von zentralen Verbänden.

Die stetige Ausbreitung der Genossenschaften machte die Notwendigkeit eines gesetzlichen Rahmenwerks offenkundig. Dieser wurde zunächst 1867 mit dem preußischen Genossenschaftsgesetz entsprochen, das ein Jahr darauf im gesamten Norddeutschen Bund Geltung erlangte und 1871 schließlich zum Reichsgesetz erhoben wurde. Mit dem revidierten „Reichsgesetz betreffend die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften“ von 1889 wurde ein rechtliches Fundament für die Genossenschaften geschaffen, das in Teilen bis heute besteht.

An dem Aufschwung der genossenschaftlichen Organisation konnte auch der Erste Weltkrieg kaum etwas ändern. Die weitere Entwicklung, die in den 1920er Jahren vor allem durch eine Konsolidierung der Genossenschaftsverbände geprägt war, fand jedoch 1933 ein jähes Ende. Der demokratische Aufbau der Genossenschaften ließ sich nicht mit der am „Führerprinzip“ orientierten Staatskonzeption der Nationalsozialisten in Einklang bringen, sodass auch sie Opfer der ,Gleichschaltung‘ wurden.

Die Nachkriegsjahre zeitigten einen genossenschaftlichen Neu- beziehungsweise Wiederanfang auf Basis der bewährten Prinzipien. In der Bundesrepublik Deutschland setzte dabei im Laufe der Jahrzehnte ein zunehmender Konzentrations- und Fusionsprozess ein, der insbesondere durch die 1972 erfolgte Gründung des „Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands“ nochmals verstärkt wurde.

In der Sowjetischen Besatzungszone ließ der Wiederaufbau genossenschaftlicher Organisationen ebenfalls nicht lange auf sich warten. Von Anfang an waren die dortigen Neuanfänge jedoch von planwirtschaftlichen Bestrebungen begleitet, was im besonderen Maß für die ländlichen Genossenschaften galt. Diese schienen der SED ein geeignetes Mittel zur Machtkonsolidierung im Agrarbereich zu sein und wurden entsprechend gefördert. Auch nach der Gründung der DDR verlief die Entwicklung in staatlich kontrollierten Bahnen, und die planwirtschaftlichen Eingriffe wurden auf Konsum-, Wohnungs- und gewerbliche Genossenschaften ausgeweitet. Zwar gingen auch die DDR-Genossenschaften nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten 1989/90 zu dem Prinzip der demokratischen Selbstverwaltung über, doch fiel insbesondere den Konsumgenossenschaften die Anpassung an die Bedingungen des freien Markts schwer.

Auch heute noch erscheint der genossenschaftliche Zusammenschluss als attraktives Mittel der wirtschaftlichen Selbsthilfe. Zu Neugründungen kommt es dabei in unterschiedlichen Bereichen, beispielsweise in der Energiewirtschaft oder dem Gesundheitswesen.

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