Widerstand, Opposition und Exil im Nationalsozialismus

Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, Versammlung Hunderttausender auf dem Platz in Potsdam, 21.03.1933 (AdsD).

Die Arbeiterbewegung zählte zu den Milieus, in denen die politische Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus schon vor 1933 besonders ausgeprägt war. Nach der Zerschlagung ihrer Parteien und Organisationen im Frühjahr 1933 und unter dem Eindruck des nationalsozialistischen Terrors zogen sich viele Mitglieder und Funktionäre der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften resigniert ins Privatleben zurück, ohne ihre Gegnerschaft gegen das NS-Regime grundsätzlich aufzugeben. Neben jenen, die zwar über eine (relative) „Resistenz“ verfügten, sich den Lebensbedingungen in einer Diktatur aber partiell anpassten, gab es eine Minderheit, die aktiv Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime leistete.

Die SPD war als demokratische Massenpartei nur unzureichend auf die Illegalität vorbereitet; sie hielt nach der Machtübertragung an Hitler zunächst strikt am Legalitätskurs fest. Hingegen waren die bereits als Kaderorganisationen agierenden sozialistischen Zwischengruppen – Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), Neu Beginnen und Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK) – besser auf die konspirative Arbeit eingestellt und (bezogen auf die Zahl ihrer Mitglieder) überdurchschnittlich stark an Widerstandsaktionen beteiligt. Sozialdemokratischer Widerstand entwickelte sich teils aus der getarnten Fortführung früherer organisatorischer Zusammenhänge, der Aufrechterhaltung bestehender Kontakte, aus Hilfsmaßnahmen für Verfolgte oder als bewusster Neuanfang durch die Schaffung illegaler Netzwerke. Ziel war es, durch die Beschaffung und Verbreitung unzensierter Informationen den eigenen Zusammenhalt zu stärken und durch Aufklärung über den Charakter des Regimes zum Sturz der NS-Diktatur beizutragen. Unterstützend wirkte dabei die seit Frühjahr 1933 vom Parteivorstand im Prager Exil aufgebaute SOPADE (Sozialdemokratische Partei im Exil). Die an zahlreichen Orten im Reich arbeitenden Widerstandsgruppen der SPD wurden vom Ausland aus über sog. Grenzsekretariate bei der Beschaffung und Verbreitung von gegen die nationalsozialistische Diktatur gerichteten Flugblättern und Zeitungen unterstützt. Andere Gruppen stellten selbst Schriften im Untergrund her oder organisierten – zum Teil mit Hilfe internationaler Gewerkschaften – illegale Netzwerke in den Betrieben. Der größte Teil der sozialdemokratischen und sozialistischen Widerstandsgruppen wurde bis 1934/35 bzw. 1936 zerschlagen. Während des Krieges nahmen einzelne Sozialdemokraten und Gewerkschafter Kontakte zum militärischen Widerstand und zum Kreisauer Kreis auf und beteiligten sich an den Umsturzplänen des 20. Juli 1944.

Die KPD sah in Befolgung der Komintern-Richtlinien im Nationalsozialismus die unvermeidliche letzte Phase des Kapitalismus und versuchte zunächst, trotz der Zerschlagung der Partei, durch massenhafte illegale Propaganda Präsenz zu beweisen; dabei wurden hohe Verluste durch Verhaftungen bewusst in Kauf genommen. Erst ab 1935 setzte eine stärkere Dezentralisierung des Widerstandes ein. Einer Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Flügeln der Arbeiterbewegung im Widerstand standen nicht nur die Erfahrungen mit der Bekämpfung der Sozialdemokraten durch die KPD vor 1933 („Sozialfaschisten“) entgegen. Die Moskauer Schauprozesse 1936-1938 und der Hitler-Stalin-Pakt (1939) zerstörten allenfalls bestehende Hoffnungen auf ein gemeinsames Vorgehen. Während des Krieges arbeiteten die noch in Deutschland agierenden kommunistischen Widerstandskämpfer zunehmend selbständig, wobei partiell auch Kontakte zu anderen Widerstandskreisen aufgenommen wurden.

Neben der SPD besaßen auch die SAP, Neu Beginnen, der ISK sowie die KPD Auslandsleitungen. In den 1930er Jahren waren die Tschechoslowakei, Österreich und Frankreich wegen der Nähe zum Deutschen Reich bevorzugte Zufluchtsländer; aber auch in vielen anderen europäischen Ländern und den USA befanden sich Flüchtlinge aus Deutschland. Bis 1935 flohen vor dem nationalsozialistischen Terror und vor drohenden Verhaftungen ca. 5.000 bis 6.000 Sozialdemokraten, 6.000 bis 8.000 Kommunisten und ca. 5.000 Regimegegner anderer Parteien ins Ausland. Zahlreiche Mitglieder in führenden Positionen in SPD und KPD waren jüdischer Herkunft und zusätzlich von rassistischer Verfolgung betroffen. Das Exil war für die in Deutschland verbotenen Parteien und Organisationen zugleich die einzige Möglichkeit, sich in der Weltöffentlichkeit weiterhin Gehör zu verschaffen. In den Exilorganisationen fanden politische Diskussionen über die zukünftige politische Gestaltung Deutschlands und über das Verhältnis der verschiedenen politischen Richtungen untereinander statt. Der Alltag der Flüchtlinge in den Zufluchtsländern war allerdings häufig von wirtschaftlicher Not und der Sorge um die drohende Abschiebung geprägt. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs gelang einem Teil der Emigranten die Flucht nach Übersee, viele wurden in Internierungslager gesperrt, manche nach Deutschland verschleppt und ermordet. Die SOPADE musste 1938 ihren Sitz nach Paris verlegen; 1940/41 flüchtete ein Teil der Vorstandmitglieder nach London. Die Hoffnung der Exilgruppen, durch ihre politische Arbeit in den Gastländern auch die Politik der Alliierten gegenüber Deutschland beeinflussen zu können, erfüllte sich nicht. Auf der anderen Seite wirkte jedoch der Aufenthalt in den westlichen Demokratien, vor allem in Großbritannien und Skandinavien prägend auf die deutschen Emigranten, die nach ihrer Rückkehr nach Deutschland neue politische Ideen und Wertvorstellungen in die Wiederaufbauarbeit einbrachten.

Der Anteil von Mitgliedern der Arbeiterbewegung am Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur war (im Vergleich mit anderen politischen oder sozialen Milieus) besonders hoch; entsprechend groß war die Zahl derjenigen, die der Verfolgung durch das Regime zum Opfer fielen. Ohne die Unterstützung durch andere Bevölkerungskreise war es jedoch nicht möglich, den Nationalsozialismus „von innen“ zu stürzen; so blieb zuletzt nur die Hoffnung auf die Befreiung „von außen“.

Quellen und Materialien

Artikelaktionen

Startseite | Epochen | Themen | Datenbanken | Zeitschriften | Archive | Netz-Quellen | Kontakt
Archiv der sozialen Demokratie | Bibliothek der FES | Karl-Marx-Haus