Arbeiterkulturbewegung

arbeiterkulturbewegung_FB003784.jpg

Geräte-Pyramide anlässlich des alljährlichen Sommernachtfestes. Freie Turn- und Sängervereinigung Mörfelden, ca. August 1924 (Reproduktion) .


 

Schon vor der Zeit des „Sozialistengesetzes“ (1878–1890) gab es Vorläufer späterer Arbeiterkulturvereine. Es existierten Arbeiterbildungsvereine, die teilweise von bürgerlicher oder christlicher Seite eingerichtet worden waren und mitunter als Selbsthilfevereinigungen der Arbeiterschaft dienten.

Nach 1890 erlebte die SPD einen großen Zustrom von Mitgliedern, wodurch zahlreiche neue Vereine im Umfeld der Partei entstanden. Nach dem Vorbild bestehender bürgerlicher Kulturvereine wurden der Deutsche Arbeiter-Sängerbund, die (freie) Volksbühne, Arbeitersportvereine, die Naturfreunde-Bewegung, der Arbeiter-Abstinenten-Bund, die Freidenker-Bewegung, der Arbeiter-Esperanto-Bund, der Reichsverband Freisozialistischer Studenten, der Arbeiter-Radio-Bund und Frauenvereinigungen wie der Bildungsverein für Frauen und Mädchen des arbeitenden Volkes gegründet. Die Vereine bestanden größtenteils aus SPD-Mitgliedern, die meistens in mehr als einer dieser Organisationen aktiv waren.

Die Kulturorganisationen boten den Arbeitern vor allem Entspannung und Vergnügen, wodurch Kräfte freigesetzt werden sollten, mit denen die politischen und sozialen Ziele der Arbeiterbewegung erkämpft werden konnten. Die Ausgestaltung einer Arbeiterkultur lässt sich als ein wichtiger Teil des Emanzipationskampfs der Arbeiterschaft verstehen. Angehörige der Arbeiterklasse hatten in dem deutschen Obrigkeitsstaat nur begrenzten Zugang zu Bildung und Wissen. Auch von bestehenden bürgerlichen Vereinen waren Arbeiter ausgeschlossen, weshalb sie eigene Kulturorganisationen gründeten.

Die wichtigste Voraussetzung für die Entfaltung der Kulturorganisationen waren die hart erkämpften Arbeitszeitverkürzungen, da erst dadurch eine „Freizeit“ entstand. Vor dem Ersten Weltkrieg weiteten sich das sozialdemokratische Organisationsnetz und somit auch die Arbeiterkulturbewegung beträchtlich aus. In den Kriegsjahren erfuhr diese Entwicklung einen starken Rückgang. Nach Ende des Kriegs erhielten die Arbeiterkulturvereine jedoch wieder regen Zulauf. Die Arbeiterkulturbewegung erreichte in den 1920er-Jahren ihren Höhepunkt. Die Parteiführung der SPD stand vielen Kulturorganisationen, die vor allem bürgerliche Inhalte aufgriffen, zunächst skeptisch oder sogar ablehnend gegenüber. Man sorgte sich darum, dass die Vereine die Mitglieder von den politischen Zielen der Arbeiterbewegung ablenken könnten. Die zögernde Haltung der Parteispitze in den ersten Jahren nach dem Fall des „Sozialistengesetzes“ gegenüber den Kulturorganisationen verschwand während der Weimarer Republik. Die SPD-Führung erkannte das Potenzial der Vereine, die den Zusammenhalt innerhalb der Arbeiterbewegung stärkten.

In den Jahren 1917/18 spaltete sich die Arbeiterbewegung mit der Gründung von USPD und KPD, wodurch auch die sozialistischen Arbeiterkulturvereine fragmentiert wurden. Der Zusammenhalt des Milieus wurde also von innen heraus geschwächt. Auch die Weltwirtschaftskrise 1929ff. sorgte dafür, dass die Mittel für die Arbeiterkultur fehlten.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Arbeiterkulturbewegung zerschlagen. Manche sozialdemokratischen Sport- und Freizeitvereine durften in ihren bisherigen Vereinsstrukturen unter der Voraussetzung weiterbestehen, dass sie sich „gleichschalteten“. Nur wenige Vereine lösten sich freiwillig auf, die meisten gingen Kompromisse ein, um die eigene Fortexistenz zu retten und die Freizeitaktivitäten weiterhin im Freundeskreis ausüben zu können. Die Gestapo beobachtete diese Vereine jedoch mit großem Misstrauen intensiv.

 

Quellen und Materialien

Artikelaktionen

Startseite | Epochen | Themen | Datenbanken | Zeitschriften | Archive | Netz-Quellen | Kontakt
Archiv der sozialen Demokratie | Bibliothek der FES | Karl-Marx-Haus