Arbeiterbewegung


Paul Kühl und Willi Christiansen im Jahr 1929 mit einem Transparent, auf dem die Symbole der Organisationen "Die Falken", "Arbeiter Turn-und Sportbund", "Deutscher Arbeiter-Sängerbund", SPD, "Sozialistische Arbeiterjugend", "Arbeiter Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität" und "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" abgebildet sind
(Reproduktion, Rechteinhaber nicht ermittelbar).

Unter Arbeiterbewegung versteht man einerseits die Massenbewegung der Arbeiter (und später auch Arbeiterinnen) in ganz Europa, die politisches Mitspracherecht sowie eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen forderte. Auf der anderen Seite gehören zur Arbeiterbewegung auch jene Organisationen, die für die Umsetzung ebendieser Forderungen kämpften, insbesondere Parteien und Gewerkschaften.

1863 gründete Ferdinand Lassalle in Leipzig die erste Partei im Interesse der Arbeiterschaft, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbund (ADAV); den Vorsitz übernahm er selbst. Die Arbeiterbewegung stellte allerdings keine homogene Gruppe dar, und so schlossen sich 1869 mehrere regionale Verbände zu einer Gegenpartei, zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), zusammen. Sie war im Gegensatz zum ADAV demokratisch organisiert, Gründer waren August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Nach der Bildung des deutschen Kaiserreichs 1871 schlossen sich der ADAV und die SDAP zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) zusammen. Sie durfte trotz Verfolgung durch das ‚Sozialistengesetz‘ bei Wahlen antreten und erhielt ab den 1880er Jahren immer mehr Zustimmung. Otto von Bismarck reagierte darauf mit der Strategie von „Zuckerbrot und Peitsche“: Die Verfolgung und Unterdrückung von Sozialdemokraten ließ zwar nicht nach, jedoch führte er mit der Kranken-, Unfall-, Invaliden- und Altersversicherung sozialstaatliche Gesetze ein, um die inneren Unruhen zu befrieden. 1890, nach dem Außerkrafttreten des ‚Sozialistengesetzes‘, benannte sich die SAPD in „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD) um. In diesem Jahr erhielt sie mit 19,7% der Stimmen erstmals die Mehrheit bei einer Reichstagswahl.

Auch die Gewerkschaften vertraten die Interessen der Arbeiterschaft. Neben den christlichen gab es die demokratisch-liberalen Gewerkschaften sowie seit 1890 die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, die enge Beziehungen zur Sozialdemokratie pflegte. Nach Unstimmigkeiten bezüglich des Massenstreiks als politischem Kampfmittel einigten sich die Vertreter der Generalkommission mit der SPD auf einen Formelkompromiss, wodurch die massenstreikskeptische Position der Gewerkschaften gestärkt wurde.

Wenngleich sich die SPD noch 1907 gegen den drohenden Kriegsausbruch ausgesprochen hatte, stimmten die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten im August 1914 für die Finanzierung des Kriegsbeitritts Deutschlands. Dies führte zur Spaltung der Partei in MSPD und USPD. Nach der Ausrufung der Weimarer Republik wählte die Nationalversammlung den Sozialdemokraten Friedrich Ebert zum ersten deutschen Reichpräsidenten, wodurch die SPD erstmals als Regierungspartei handeln konnte. Die regierungsunerfahrene Partei hatte jedoch mit Nachkriegsproblemen wie Hungersnöten und einer Reorganisation der Wirtschaft zu kämpfen. Im Januar 1919 gründete sich die KPD aus dem Umfeld der USPD, 1922 kehrte ein anderer Teil der USPD-Mitglieder zur SPD zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg konnten sich zunehmend auch Frauen politisch engagieren. Einige Sozialdemokratinnen, unter ihnen Marie Juchacz, gründeten 1919 die Arbeiterwohlfahrt (AWO), um Notleidenden zu helfen.

Im Jahr 1924 gründeten Mitglieder von SPD, DDP und Zentrumspartei das überparteiliche Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, welches die junge Demokratie notfalls auch gewaltsam verteidigen sollte. Ein Großteil der SPD-Mitglieder setzte jedoch angesichts der aufstrebenden Nationalsozialisten weiterhin auf verfassungskonformen Widerstand. Nach der Machtübertragung am 30. Januar 1933 wurden die Parteien, Umfeldorganisationen und Gewerkschaften der Sozialdemokratie ebenso wie die KPD von den nationalsozialistischen Machthabern verboten. Brutale Unterdrückung und staatliche Drangsalierungen waren an der Tagesordnung. Zahlreiche Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen bezahlten ihren Widerstand gegen das NS-Regime mit dem Leben.

Im Jahr 1945 übernahm Kurt Schumacher den Vorsitz der West-SPD. Er hatte als politischer Häftling mehr als zehn Jahre in nationalsozialistischen Konzentrationslagern verbracht, lehnte den Kommunismus ab und konnte nicht zuletzt aufgrund seines Charismas weite Kreise der Bevölkerung für sich gewinnen. In der sowjetischen Besatzungszone wurden KPD und SPD im April 1946 zur SED zwangsvereinigt, während in Westdeutschland Persönlichkeiten wie Carlo Schmid und Willy Brandt zur SPD stießen.

Auch die Gewerkschaften gründeten sich nach Kriegsende rasch neu. Dabei entstanden zunächst viele lokale Verbände, die 1949 im Deutschen Gewerkschaftsbund mit dem Vorsitzenden Hans Böckler einen Dachverband fanden. Während bis 1933 mehrere Richtungsgewerkschaften existiert hatten, die Arbeiter mit bestimmten politischen und weltanschaulichen Anschauungen vertraten, verstand sich der DGB als Einheitsgewerkschaft, die ohne Kopplung an eine bestimmte Weltanschauung alle Arbeiter repräsentierte.

Die Frage, ob und gegebenenfalls wann die Arbeiterbewegung ein Ende gefunden hat, ist umstritten: Auch heute noch arbeiten Gewerkschaften stetig für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, und die SPD richtet ihr Programm nach wie vor am Ziel der sozialen Gerechtigkeit aus. Allerdings ist im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten kein breites Arbeitermilieu als Grundlage dieser Bewegung mehr auszumachen.

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