Anarchismus


Gruppenbild: Treffen österreichischer Anarchisten

Treffen österreichischer Anarchisten (Bund herrschaftsloser Sozialisten)
um 1923 (AdsD).

Die Wurzeln des deutschen Anarchismus reichen bis in die 1840er Jahre zurück, als Bruno und Edgar Bauer mit der Berliner Monatsschrift die erste anarchistische Zeitschrift in Deutschland herausgaben. 1844 erschien Max Stirners Buch „Der Einzige und sein Eigentum“, das viel Aufsehen erregte und den Anarchismus in Deutschland stärkte. Der Anarchismus entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer revolutionär-politischen Theorie, die unterschiedliche anarchistische Strömungen vereinte.

Mitglieder von anarchistischen Bewegungen begannen Ende des 19. Jahrhunderts, Attentate auf Staatsoberhäupter durchzuführen (so wurde zum Beispiel 1878 der Führer der zaristischen Geheimpolizei in Russland, Nikolai W. Mesenzow, ermordet). In Deutschland fand das erste Attentat 1883 auf Wilhelm I. statt, das jedoch misslang. International folgten in den nächsten Jahrzehnten zahlreiche weitere Gewaltakte, die ein negatives Bild vom Anarchismus beförderten. Allerdings handelte es sich meist um Einzeltäter oder kleinere Gruppen, die das anarchistische Konzept der „Propaganda der Tat“ auf diese Weise interpretierte. Dieses Konzept fordert jedoch in seinem Kern lediglich einzelne herausragende Aktionen und Verhaltensweisen, die als Vorbild für andere Menschen dienen sollten. Gustav Landauer etwa interpretierte die „Propaganda der Tat“ im Sinne eines gewaltfreien Sozialismus, der in einer freiheitlichen sozialen Siedlungsgemeinschaft umgesetzt werden sollte. Er stand der radikalen anarchistisch geprägten Opposition der „Jungen“ nahe, deren Anhänger nach dem Erfurter Parteitag (1891) aus der SPD ausgeschlossen wurden. Daraufhin gründeten die „Jungen“ die „Vereinigung Unabhängige Sozialisten“ (VUS), die sich bereits 1893 auflöste. Ihr anarchistischer Flügel wandte sich teilweise dem Anarchosyndikalismus, teilweise dem kommunistischen Anarchismus zu. Die Selbstverwaltung der Arbeiterschaft in Betrieben war das Grundprinzip des Syndikalismus. Anarchosyndikalisten vertraten zusätzlich zu dieser Grundposition die Ansicht, die Selbstverwaltung solle ohne staatliche Strukturen funktionieren.

Ein Wegbereiter dieser Strömung war Pjotr Kropotkin. Er widersprach dem Staatsozialismus Lenins, Kommunismus und Anarchismus bildeten für ihn eine Einheit. Die betriebliche Selbstverwaltung, ausgeführt durch die Arbeiter, müsse das Führungskonzept einer revolutionären Klassenpartei oder einer parlamentarischen Vertretung ersetzten. In Deutschland gehörte Erich Mühsam zu den Vertretern des kommunistischen Anarchismus.

Nach dem Auslaufen des bismarckschen ,Sozialistengesetz‘ plädierten die sogenannten Lokalisten für eine basisdemokratische Organisationsstruktur. Sie bestanden aus regionalen gewerkschaftlichen Fachvereinen, die sich 1897 nach dem „Ersten Kongress der lokal organisierten oder auf Grund des Vertrauensmännersystems zentralisierten Gewerkschaften Deutschlands“ formierten. Sie lehnten eine zentrale Organisation der Gewerkschaften ab und traten damit in Opposition zu den Freien Gewerkschaften der Sozialdemokratie. Im Jahr 1901 gründeten sie die Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FVdG), die den Generalstreik als Instrument für die Umsetzung der sozialistischen Revolution befürwortete und den Parlamentarismus grundsätzlich kritisierte. Die unüberwindbaren Differenzen mit den etablierten Gewerkschaften führten 1908 zum endgültigen Bruch mit der Sozialdemokratie, dem Ausschluss der Mitglieder der FVdG aus der SPD. Einige Anarchisten traten daraufhin der KPD bei, die sich jedoch ebenfalls nicht mit deren Idealen einverstanden erklärte und bald versuchte, den anarchistischen Mitgliedern möglichst wenig Einfluss auf Parteiangelegenheiten zu gewähren.

Als einzige deutsche Arbeiterorganisation lehnte die „Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ die Kriegskredite während des Ersten Weltkriegs ab. 1919 änderte sie ihren Namen in Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD). Rudolf Rocker definierte im Grundsatzprogramm die anarchosyndikalistische Linie. Die Bewegung strebte eine herrschaftsfreie, egalitäre und selbstverwaltete Gesellschaftsordnung ohne hierarchische Strukturen und Gesetze an. Durch die soziale Revolution sollte sich der Kapitalismus abschaffen und eine klassen- und staatenlose Kollektivordnung, ein antiautoritärer Sozialismus, entstehen. Unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübertragung löste sich die FAUD selbst auf. Während der NS-Herrschaft wurden auch Anarchisten als politische Gegner verfolgt und in Konzentrationslagern ermordet.

In der Nachkriegszeit formierte sich in der Sowjetischen Besatzungszone um Wilhelm Jelinek eine anarchosyndikalistische Opposition. Im Jahr 1948 wurden die Mitglieder der Zwickauer Gemeinschaft, des Zentrums dieser Bewegung, verhaftet (Jelinek starb 1952 im Zuchthaus). In den folgenden Jahren konnten ihre Befürworter nur noch aus dem Untergrund heraus arbeiten und erlangten daher keinen bedeutenden Einfluss.

Von 1947 bis 1970 bildete in der Bundesrepublik Deutschland die Nachfolgeorganisation der FAUD, die „Föderation freiheitlicher Sozialisten“, die stabilste und größte anarchistische Organisation. Im Zuge der außerparlamentarischen Opposition konstituierte sich der Anarchismus in der Bundesrepublik und in Westberlin zum Neoanarchismus. Er entwickelte kein neues Konzept, stand jedoch weder personell noch organisatorisch in Kontinuität zum „Altanarchismus“ der Weimarer Republik. Zu groß waren die Generationenkonflikte und die inhaltlichen Differenzen. Die Studentenbewegung fühlte sich mehr dem kritischen Marxismus als dem Anarchosyndikalismus verpflichtet. Heute formieren sich in Deutschland vor allem kleinere lokale anarchistische Organisationen.

 

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