Wilhelminische Ära

Deutsche Reservisten auf dem Weg zur Westfront, August 1914

Deutsche Reservisten auf dem Weg zur Westfront, August 1914 (Reproduktion, Rechteinhaber nicht ermittelbar).

Die Entlassung des Reichskanzlers Otto von Bismarck läutete 1890 eine neue Phase für das Deutsche Kaiserreich ein. Nach der stabilen Bündnispolitik, in der das Kaiserreich als saturiert galt, entfaltete sich in der Wilhelminischen Ära das deutsche Weltmachtstreben und die Suche nach dem „Platz an der Sonne“.

Auch für die deutsche Arbeiterbewegung brach 1890 eine neues Zeitalter an: Mit dem Auslaufen des ,Sozialistengesetzes‘ wurden die Sozialdemokratie und ihre Anhänger von der Bürde der Illegalität befreit. Nach der anschließenden Neugründung und Umbenennung in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) folgte 1891 auf dem Erfurter Parteitag die Verabschiedung eines neuen Programms. In ihm wird der Kampf der Arbeiterklasse gegen die kapitalistische Ausbeutung betont, ohne außen vorzulassen, dass nur die Eroberung politischer Macht und konkrete Rechte – wie das allgemeine und gleiche Wahlrecht und der Achtstundentag – diesen Zustand überwinden konnten.

Die neu gewonnene politische Freiheit verbesserte die Mobilisierungsmöglichkeiten der Sozialdemokratie, sodass sie bei den folgenden Reichstagswahlen jeweils ihren Stimmenanteil steigern konnte – außer 1907 – und im Jahr 1912 mit 34,8% zur stärksten Fraktion aufstieg. Doch der Geist des gesellschaftlichen Verbannung wirkte fort: In einer Ära, die geprägt war von militärischen Krisen und einem sich steigernden Nationalgefühl, wurde die Diffamierung von Sozialdemokraten als „Vaterlandslose Gesellen“ zur geläufigen Bezeichnung und politische Bündnisse der anderen Parteien zum legitimen Mittel der Machtbegrenzung der SPD. Während eine stärkere Integration der Arbeiterbewegung in Staat und Gesellschaft verhindert wurde, breitete sich insbesondere in Sachsen, Thüringen und Hamburg das sozialdemokratische Arbeitermilieu aus.

Dies war die Ausgangssituation vor Beginn des Ersten Weltkriegs, an dessen Ende es zwei sozialdemokratische Parteien gab. Nachdem die SPD, im Einklang mit den Gewerkschaften, noch im Jahr 1914 geschlossen die ersten Kriegskredite gebilligt hatte, kam es fortan zum Konflikt über die Fortführung der Burgfriedenspolitik. Angefangen mit Karl Liebknechts Ablehnung der Kriegskredite schlossen sich in den folgenden Jahren immer mehr sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete seinem Kurs an und wurden deshalb aus der Fraktion ausgeschlossen. Infolgedessen kam es im April 1917 zur Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD), die sich weiter links verordnete als die sogenannten Mehrheitssozialdemokraten. Den revolutionären Flügel wiederum innerhalb der USPD bildete die Spartakusgruppe – aus der später die KPD hervorging. Neuen Auftrieb bekam dieser Teil der Arbeiterbewegung vom gleichzeitig bröckelnden gesellschaftlichen Burgfrieden: Wilde Streiks und Friedensdemonstrationen erschwerten es der SPD und den Gewerkschaften, ihre Anhänger zu mäßigen. Im Angesicht der sich abzeichnenden Niederlage kam es im Oktober 1918 zu Matrosenaufständen, die den Sturz der Monarchie einleiteten. Die Novemberrevolution nahm ihren Lauf, in deren Zuge die Sozialdemokratie zum ersten Mal die politische Macht im deutschen Nationalstaat übernahm und sie auf parlamentarisch-demokratische Grundlage stellte.

Quellen und Materialien

Artikelaktionen

Startseite | Epochen | Themen | Datenbanken | Zeitschriften | Archive | Netz-Quellen | Kontakt
Archiv der sozialen Demokratie | Bibliothek der FES | Karl-Marx-Haus