Nationalsozialismus, Widerstand, Emigration

SPD-Politiker werden unter Aufsicht der SA gezwungen, Wandparolen zu entfernen

SPD-Politiker werden unter Aufsicht der SA gezwungen, Wandparolen zu entfernen, 1933 (AdsD).

Eine der grundlegenden Maßnahmen Hitlers zur Übernahme und Sicherung der Macht war die Auflösung des Reichstags am 1. Februar 1933. Bereits drei Tage danach wurde die Notverordnung „zum Schutze des deutschen Volkes“ erlassen, die massive Eingriffe in die Presse- und Versammlungsfreiheit ermöglichte. Versammlungen der SPD, aber auch von Zentrum und KPD, wurden mithilfe von Polizei, SA und SS gewaltsam aufgelöst oder verboten, Presseorgane und Unterlagen der Parteien beschlagnahmt. Der Prozess der Machtsicherung beschleunigte sich durch den Reichstagsbrand am 27. Februar 1933, der von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels als Aufstandsversuch der KPD dargestellt wurde, an dem die SPD indirekt beteiligt sei. Die von Reichspräsident Paul von Hindenburg am 28. Februar unterschriebene „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ setzte die Grundrechte außer Kraft und ermöglichte eine nicht kontrollierte und zeitlich unbegrenzte ‚Schutzhaft‘ in sogenannten wilden Konzentrationslagern, der zunächst Kommunisten, dann aber auch Sozialdemokraten zum Opfer fielen. Obwohl außerdem SPD-nahe Organisationen wie das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und die „Eiserne Front“ verboten wurden, entstand bei den freien Gewerkschaften die Illusion, durch Anpassungsbereitschaft fortbestehen zu können. Am 23. März ließ Hitler dem Reichstag das „Ermächtigungsgesetz“ verabschieden, das von den 94 anwesenden SPD-Abgeordneten geschlossen abgelehnt wurde. Der Vorsitzende der SPD, Otto Wels, begründete dies in seiner letzten Rede vor dem Reichstag mit dem Ausspruch „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht“. Die Abgeordneten der KPD waren infolge des NS-Terrors an der Ausübung ihrer Mandate behindert. Die Abgeordneten der anderen Parteien stimmten geschlossen für das Gesetz, mit dem sie alle legislativen Kompetenzen auf die Exekutive übertrugen. Am 2. Mai wurden die Gewerkschaften zerschlagen und am 21. Juni 1933 die SPD samt ihrer Umfeldorganisationen verboten. Mit dem Gesetz gegen die Neubildung von Parteien wurde der Einparteienstaat zementiert.

Die Arbeiterbewegung verfügte mit ihren politischen und gewerkschaftlichen Strukturen über das größte Widerstandspotenzial, weswegen sie zu der ersten Gruppierung gehörte, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurde. Viele ihrer Mitglieder starben in Konzentrationslagern und Gefängnissen oder wurden wegen ihrer politischen Überzeugung misshandelt. Der sozialdemokratische Widerstand baute auf früheren Parteistrukturen und -netzwerken auf und war darauf ausgerichtet, diese durch die Beschaffung von unzensierten Informationen aufrechtzuerhalten und die Bevölkerung aufzuklären. Die Formen oppositionellen Verhaltens spannten sich dabei vom politischen Witz über das Hören des ausländischen Rundfunks bis hin zur Arbeitsverweigerung und Fluchthilfe. Koordinierend wirkte mitunter der sich im Prager Exil befindende Teil des SPD-Vorstands (Sopade), der die im Reich arbeitenden Widerstandsgruppen mit dem Druck von Flugblättern und Zeitungen unterstützte. Andere sozialistische Gruppierungen, wie die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), die Sozialistische Front, „Neu Beginnen“ und der Internationale Sozialistischer Kampfbund (ISK), grenzten sich zunächst kritisch von der Sopade ab, in der sie die Nachfolger der alten Parteiführung erkannten, welche in ihren Augen im Kampf gegen den Nationalsozialismus versagt hatte. Die SAP, der ISK und die übrigen Gruppen organisierten Widerstandsaktionen, stellten eigene Schriften her und bildeten illegale Netzwerke in Betrieben. Die widerständigen Gruppierungen wurden allerdings größtenteils bis Mitte der 1930er zerschlagen.

Angesichts des Einmarschs deutscher Truppen in die Tschechoslowakei musste der Parteivorstand Prag im Jahr 1938 verlassen und setzte seine Arbeit in Paris fort. Nach der Niederlage Frankreichs setzten sich die Mitglieder 1940 nach London ab, unter ihnen Hans Vogel, Erich Ollenhauer und Fritz Heine. Die Notwendigkeit, sich auf gemeinsame Ziele für eine Zeit nach dem Krieg zu verständigen, führte im Frühjahr des Jahres 1941 dazu, dass sich die verschiedenen sozialistischen Widerstandsgruppen trotz ideologischer Differenzen in der „Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien“ annäherten. Der Dachverband wurde als zentrale Kommunikationsplattform geschaffen, der nicht zuletzt mit der Labour Party und anderen Exilorganisationen Beziehungen herstellen sollte. Die Sozialistische Arbeiterpartei war unterdessen mit mehreren Zellen in skandinavischen Städten vertreten, unter anderem in Stockholm, wo auch Willy Brandt untergekommen war, der dort die Zusammenarbeit mit dem Exilvorstand der SPD unterstützte. Einige Sozialdemokraten und Gewerkschafter wie Julius Leber, Wilhelm Leuschner und Adolf Reichwein standen während des Zweiten Weltkriegs mit dem Widerstandskreis des 20. Juli 1944 in Kontakt. Nach dem Scheitern des Hitler-Attentats wurden sie in Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in Plötzensee hingerichtet.

Quellen und Materialien
Artikelaktionen

Startseite | Epochen | Themen | Datenbanken | Zeitschriften | Archive | Netz-Quellen | Kontakt
Archiv der sozialen Demokratie | Bibliothek der FES | Karl-Marx-Haus