Besatzungszeit - Westliche Besatzungszonen

Kurt Schumacher auf dem SPD-Parteitag in Hannover am 9. Mai 1946.

Kurt Schumacher auf dem SPD-Parteitag in Hannover am 09.05.1946 (AdsD).

Die Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten bedeutete das Ende der Verfolgung, Internierung und Vernichtung deutscher Sozialdemokraten. Schon im Exil entstanden Pläne für ein Deutschland nach Hitler und den Wiederaufbau der SPD. Noch vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 betrat Kurt Schumacher die politische Bühne und hielt am 6. Mai 1945 eine programmatische Rede mit dem Titel „Wir verzweifeln nicht“, in der er die Entstehung des Nationalsozialismus untersuchte, die aktuelle Lage analysierte und Grundsätze einer zukünftigen sozialdemokratischen Politik skizzierte.

Mehrere Gruppen reklamierten in der sich neu formierenden SPD einen Führungsanspruch. In Berlin gründete sich am 15. Juni 1945 der „Zentralausschuss der SPD“ unter Vorsitz von Otto Grotewohl, der die Einheit der Arbeiterklasse forderte. Diesen Wunsch nach Vereinigung mit der KPD teilten die Sozialdemokraten in den Westlichen Besatzungszonen (WBZ), wie beispielsweise Kurt Schumacher oder Erich Ollenhauer, nicht. Früh entwickelte sich eine Konkurrenz zwischen der Gruppe um Grotewohl und der Gruppe um Schumacher. Letztere konnte sich in den WBZ einschließlich Westberlins durchsetzen.

Im August 1945 erfolgte in den WBZ die Wiederzulassung von Parteien. Die Neugründung der SPD wurde hier vor allem durch Schumacher und den ehemaligen Exilvorstand der SPD, der die zersplitterten sozialdemokratischen Gruppierungen im Zweiten Weltkrieg in der „Union deutscher sozialistischer Organisationen“ geeint hatte, vorangetrieben. Im „Büro Schumacher“, der inoffiziellen Parteizentrale in Hannover, trafen sich Sozialdemokraten wie Fritz Heine, Erich Ollenhauer, Alfred Nau und Annemarie Renger, um den Wiederaufbau der Sozialdemokratie zu forcieren. Die offizielle Neugründung der Partei wurde auf der Wennigser Konferenz vom 5. bis zum 7. Oktober 1945 vollzogen. Dieser Prozess wurde mit dem ersten Nachkriegsparteitag am 11. Mai 1946 in Hannover abgeschlossen, auf dem Kurt Schumacher mit fast einstimmiger Mehrheit zum Parteivorsitzenden gewählt wurde.

Die Wiedergründung der SPD, das heißt die Anknüpfung an alte demokratische Weimarer Traditionen, ging mit einer Neugründung der Partei einher, die sich insbesondere in zwei Punkten manifestierte. Zum einen sollte sich die Partei laut Schumacher weiter öffnen, etwa für die Mittelschichten, auch wenn die Arbeiter weiterhin die zentrale Zielgruppe bildeten. Ziel war es „alle Schaffenden“ anzusprechen. Zum anderen ging es um eine programmatische Erweiterung. Schumacher lehnte eine Verengung auf einen dogmatischen Marxismus ab, die Sozialdemokratie sollte sich vielmehr den Werten des Humanismus öffnen. Hier zeigte sich früh das bereits im Görlitzer Programm von 1921 angedachte Konzept einer pluralistischen Volkspartei.

Diese Neuausrichtung der SPD führte dazu, dass sich sehr unterschiedliche Gruppierungen der Partei anschlossen. Die Öffnung der Partei für die Mittelschichten zog neben Linkssozialisten wie Willy Brandt auch bürgerlich-liberale Denker wie Carlo Schmid, aber auch ehemalige Wehrmachtsoffiziere wie Helmut Schmidt oder ehemalige Kommunisten wie Herbert Wehner an. Ende 1947 zählte die SPD in den westlichen Besatzungszonen bereits 700.000 Mitglieder.

Die programmatischen Leitmotive der SPD waren der Aufbau des parlamentarisch-demokratischen Systems, die Vergemeinschaftung von Schlüsselindustrien und Großbanken sowie der unbedingten Willen zur Wiedervereinigung Deutschlands. Seit der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED waren Sozialdemokraten in der Sowjetischen Besatzungszone schwerster Verfolgung ausgesetzt. Eine sozialdemokratische Politik sei dort laut Schumacher nicht möglich. Diesbezüglich entwickelte er die „Magnettheorie“: Die Anziehungskraft der westlichen Ökonomie sollte über kurz oder lang zur Einheit führen. Die Politik der SPD war jedoch nicht nur auf diese Forderungen beschränkt, die Wiederangliederung des Saarlandes, die Nichtanerkennung der Oder-Neiße-Grenze und der Hauptstadtanspruch Berlins blieben ebenso Teil der sozialdemokratischen Programmatik.

Die Einsetzung des Parlamentarischen Rats 1948, der das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland erarbeitete, gab sozialdemokratischen Mitgliedern wie Elisabeth Selbert und Carlo Schmid die Möglichkeit, sozialdemokratische Grundgedanken in das Grundgesetz einzubringen. Insgesamt gehörten 27 von 65 Mitgliedern des Parlamentarischen Rats der SPD an.

Die SPD blieb in der Folge jedoch hinter ihren eigenen Ansprüchen weit zurück. Die Forderungen nach einem tiefgreifenden Umbau der Wirtschaftsordnung blieben – auch aufgrund des Einspruchs der Besatzungsmächte unerfüllt. Die starre außenpolitische Ausrichtung der SPD auf die Einheit, ihre Haltung zur Wiederbewaffnung und die Distanz zum Konzept der sozialen Marktwirtschaft ermöglichte es einer Koalition aus CDU/CSU, FDP und Deutscher Partei am 15. September 1949, die Bundesregierung unter der Leitung von Konrad Adenauer zu stellen. 14 Tage später beschloss die SPD die sogenannten Dürkheimer 16 Punkte, in denen sie ihre Rolle als „konstruktive Opposition“ festhielt.

Quellen und Materialien

 
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