Fotos im Wechsel, die die Arbeitsbereiche Frauen - Männer - Gender, Jugend, Familie, Demokratie und Partizipation und Antidiskriminierung illustrieren.
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Bild 1: Eine arbeitssuchende Frau aus der Weimarer Republik bietet auf der Straße ihre Arbeitskraft an. Bild 2: Die Fotos verdeutlichen den Besucher_innen die Komplexität und Diversität des weiblichen Gesichts der Arbeit. Bild 3: Auch schwere körperliche Arbeit wurde von Frauen geleistet - die Not kannte kein Geschlecht. Fotos: Archiv der sozialen Demokratie der FES

Das weibliche Gesicht der Arbeit

Arbeit war und ist ein zentrales Feld feministischer Kämpfe. Jedes Jahr im März, dem traditionellen „Frauenkampfmonat“, ist sie erneut Gegenstand feministischer Forderungen.

Die Aufwertung „klassischer“ Frauenberufe, Entgeltgleichheit oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – die Gleichstellung in der Arbeitswelt ist noch lange nicht erreicht. Unser heutiger Arbeitsbegriff ist immer noch stark von der fordistischen Industriewirtschaft und der damit einhergehenden geschlechterbezogenen Arbeitstrennung geprägt. Dass es Arbeit von Frauen schon immer gab und sie sich vielfältiger gestaltet hat, als es die gängigen Geschlechterstereotypen glauben lassen, gerät dabei oft in Vergessenheit.

Das Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) zeigte im März die Ausstellung „Das weibliche Gesicht der Arbeit“ in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. In sechsunddreißig historischen Fotografien wird der historische Wandel der Arbeitswelt beschrieben: Die Aufnahmen reichen von 1925 bis in das Jahr 1980 und zeigen für diese Zeitspanne sowohl stereotype Frauenberufe als auch bemerkenswerte Ausnahmen, prekäre Arbeiterinnen ebenso wie die Ärztin oder die Bauleiterin – sie verdeutlichen den Besucher_innen damit die ganze Komplexität und Diversität des weiblichen Gesichts der Arbeit.

 

Wandel schwarz auf weiß

Die Fotografien der Arbeiterinnen sind ein wichtiger Beitrag, um die weibliche Erfahrung in die Geschichtsschreibung einzuschließen und die oft nur an der männlichen Lebensrealität ausgerichtete Sozialgeschichte dadurch umfassender und aussagekräftiger zu machen. Das Foto einer arbeitssuchenden Frau aus der Weimarer Republik, die auf der Straße ihre Arbeitskraft anbietet, bildet ab, dass auch Frauen von der prekären Wirtschaftslage damals betroffen waren. Eine Aufnahme von 1925 zeigt eine von Armut gezeichnete alte Frau, die einen riesigen Korb mit schwerer Ware zu ihren Kund_innen trägt. Die Not damals kannte kein Geschlecht und zwang Frauen der Arbeiterklasse genauso wie Männer zu schwerer körperlicher Arbeit.

Viele Bilder zeigen typische Frauenberufe und damit die visuelle Inszenierung von Weiblichkeit – vor allem die Fotografien aus den 1950er und 1960er Jahren entsprechen in ihrer Darstellung der Arbeiterin gängigen Geschlechterstereotypen. Da gibt es zum Beispiel das Porträt einer Hebamme, die in ihrer Uniform mit zwei Säuglingen im Arm als personifizierte Mütterlichkeit und als regelrechte Allegorie aller weiblichen Tugenden erscheint. Neben den Fotos dieser „typischen Frauenberufe“, wie dem der Stewardess oder der Sekretärin, gibt es jedoch auch immer wieder Bilder, die diese Klischees herausfordern und die Besucher_in möglicherweise irritieren: Wie selbstverständlich steht eine Bauleiterin bereits in den 1950er Jahren auf der Baustelle und gibt ihre Anweisungen, und mit derselben Selbstverständlichkeit schraubt auch eine Gas- und Wasserinstallateurin an einer Leitung.

Die soziale Klassenzugehörigkeit scheint bei der Berufswahl oft entscheidender gewesen zu sein als das Geschlecht. In der Nachkriegszeit ist dann jedoch eine Retraditionalisierung und eine wachsende Bedeutung der Kategorie „Geschlecht“ zu beobachten, die sich auch in den Porträts der Arbeiterinnen niederschlägt: Bestimmt noch zehn Jahre zuvor die Trümmerfrau im Overall das Bild weiblicher Arbeit, sind es in den 1950er Jahren die betont weiblichen Sekretärinnen und Krankenschwestern.

Die Ausstellung trägt mit ihren Fotografien dazu bei, die Geschichte der Arbeit um weibliche Gesichter zu ergänzen, und verdeutlicht dabei sehr eindrücklich, wie vielfältig und divers die Arbeit von Frauen im 20. Jahrhundert war. Sie macht das Publikum außerdem auf die wichtige Arbeit des Archivs der sozialen Demokratie aufmerksam: Die Fotos der Ausstellung sind in der stetig wachsenden Datenbank öffentlich zugänglich – zurzeit sind rund 250 000 der etwa vier Millionen Fotografien aus dem Archiv digitalisiert. In der Datenbank stehen zudem zahlreiche frauenpolitische Plakate von 1914 bis zur Wende 1989 zum kostenlosen Download bereit  –  eindrückliche Abbilder damaliger Geschlechterverhältnisse wie auch emanzipatorischer Kämpfe.

Die Ausstellung „Das weibliche Gesicht der Arbeit“ war vom 8. bis 17. März 2016 in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin zu sehen.

 

Autorin: Deborah Oliveira
Zulieferung von: Gabriele Lutterbeck, Archiv der sozialen Demokratie der FES

 

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Layout: Tomasz Schlett

Auf dem Gender-Bötchen

Gemeinsam. Zusammen. Leben. Menschen vernetzen sich beim 6. Barcamp Frauen in Berlin.

Katharina sitzt vor einem Laib Brot. Sie ist der Computer – und wir müssen die Befehle finden, die den Computer dazu bringen, eine Scheibe abzuschneiden und zu bestreichen. Mal nimmt sie das falsche Messer, mal vergessen wir zu sagen, dass sie das Brot beim Schneiden auch festhalten muss. Es sieht vielleicht nicht so aus, aber wir lernen gerade zu Programmieren.

Der Basiskurs „Programmieren“ ist nur eine der Sessions auf dem 6. Barcamp Frauen, das von der Friedrich-Ebert-Stiftung maßgeblich unterstützt wird. Am 12. März versammeln sich etwa 350 Menschen unter dem Motto „Gemeinsam. Zusammen. Leben.“ Sie besuchen verschiedene Miniworkshops, Sessions genannt, wie unsere: Wir lernen die Wenn-dann-Befehle, die Wiederholungsbefehle und Variablen: wenn Hunger, dann Brot. Dreißig Teilnehmer_innen: dreißigmal wiederholen. Und die Variablen: Welches Messer soll ich nehmen? So einfach ist das.

Warum sollten Frauen programmieren lernen? „Damit wir nicht so alleine sind“, sagt Malwine, die den Kurs zusammen mit Katharina anbietet. Gefühlte 95 Prozent ihrer Kolleg_innen sind Männer. Die oft nicht das beste Verhältnis zum weiblichen Geschlecht haben. „Es gibt Sexismus“, erklärt Malwine knapp.

Wie sind Katharina und Malwine, die heute beide bei DaWanda, der Verkaufsplattform für Selbstgemachtes, arbeiten, Programmiererinnen geworden? Katharina blickt recht schonungslos zurück: „Der Nerdway. Ich hatte keine Freunde. Und was macht man dann? Man hängt vor dem Computer.“ Und Malwine: „Wenn man in meiner Schule Informatik machte, dann konnte man Chemie und Physik abwählen.“ Und nun im Ernst: Warum sollten Frauen sich für das Programmieren erwärmen? Man lernt, logisch zu denken und systematisch Probleme zu lösen, meinen die beiden. Man ist nicht mehr abhängig vom nächsten Computernerd. Man kann sich selbst Werkzeuge basteln. Und: Man kann damit Geld verdienen – und zwar viel. Schon Webdesigner, die gut im Geschäft sind, tragen bis zu 8 000 Euro nach Hause, meint Malwine. Da horchen alle auf.

Pause. Alles trifft sich im großen zentralen Raum der Kalkscheune, einem Veranstaltungsort in Berlin-Mitte. Nicht mal 20 von den 350 Teilnehmer_innen sind Männer. Die Altersgruppe von 20 bis 40 ist am stärksten vertreten, viele haben, wie sich bei den Sessions herausstellt, mit Gender Studies zu tun gehabt, manche sind einfach so Feminist_innen und Interessierte. 23 Sessions werden angeboten, jede dauert eine Stunde, man tagt parallel in acht Räumen. Die Sessions decken ein weites Spektrum ab: von Unterstützungsmöglichkeiten für geflüchtete Frauen, feministische Ökonomie oder das Prostituiertenschutzgesetz bis zu Schönheitsidealen. Charakteristisch für das Barcamp, das zum sechsten Mal stattfindet, sind die Sessions mit Praxisbezug: Wie verhandle ich ein besseres Gehalt? Was für eine Körpersprache hilft mir weiter? Wie gehe ich mit verhassten Kolleg_innen um? Oder eben der Basiskurs Programmieren.

Gute Stimmung in der Kalkscheune. Rund 350 Teilnehmer_innen sind dabei. Foto: Anne Koch

 

Nicht nur über, sondern mit …

Ein dunkler Gong ruft zur nächsten Session auf: Geflüchtete Frauen. Sara und Intessar aus Syrien berichten von ihrer Flucht. Sie sind über Griechenland und die Balkanroute gekommen. Beide erzählen von untauglichen Booten, die sie zum Glück nur bis zur nächsten griechischen Insel bringen mussten. Sara war als Leistungsschwimmerin um einiges besser dran als Intessar, die gar nicht schwimmen kann. Als Saras Boot zu sinken drohte, sind alle, die schwimmen konnten, rausgesprungen, um es leichter zu machen. Dreieinhalb Stunden war sie im Wasser. Sie zeigt Fotos herum von ihrer Flucht und die konterkarieren die Mühsal und Unsicherheit ihrer Reise: fröhliche junge Menschen vor Zelten, es sieht aus wie eine Ferienreise.

Kein Barcamp ohne Sessionleiter_innen! Rauf auf die Bühne, Themen vorstellen! Foto: Anne Koch

 

Das haben Diana und Christiane, die den Workshop anbieten, uns klarmachen wollen: Es ist nicht alles immer nur Horror. Die beiden kommen vom Verein „Moabit hilft“. Moabit ist der Bezirk, in dem das berüchtigte Landesamt für Gesundheit und Soziales, das Lageso, liegt. 15 Tage hat Intessar vor dem Lageso gewartet, um registriert zu werden. Diana und Christiane berichten, wie es ist, wenn man gerade geflüchtete Frauen unterstützen will. Jede hat ihr Schicksal. Sie sind vielleicht krank oder haben eine Behinderung, sie kommen mit oder ohne Kinder und Familie, kommen vielleicht als Geschwister, sind vielleicht homosexuell – jede Geschichte ist anders. Eines aber bleibt gleich: Sie sind als Frauen sexuellen Übergriffen und Erpressungen ausgesetzt. Grenzübertritt, Schmuggel, Schleusung gegen Sex – das sei leider keine Seltenheit, sagt Christiane.

Ist jemand traumatisiert und kann deshalb die benötigten Informationen für den Asylantrag nicht liefern? Wie kann man wieder mit seinen Geschwistern zusammenkommen, die in andere Bundesländer verteilt wurden? Wie kann eine Mutter einen Deutschkurs machen, wenn sie keine Betreuung für ihre Kinder findet? Lesben trauen sich nicht, sich zu outen, weil der Übersetzer das ja weitererzählen könnte. Haufenweise Probleme – aber eben auch Menschen, die sie meistern, wie Intessar und Sara, die keinerlei Opferklischee erfüllen, sondern ihre Flucht souverän gemanagt haben.

 

Genderkrise?

Gong. Kaffeepause. Die Kolleginnen erzählen, wie es beim „Stinkstiefel“-Workshop war und bei den Prostituierten. Babys werden geschuckelt, das Klo wird gesucht, Kuchen gegessen. Und eine letzte Runde: Der Videokolumnist Tarik stellt „Tariks Genderkrise“ vor. Tarik ist „nicht hetero, nicht weiß und auch nicht bürgerlich“, weshalb er im deutschen Medienmainstream nur als Randfigur vorkommt. „Ich will aber in den Mainstream“, hat der junge Mann aus Recklinghausen beschlossen – und da er ein bisschen Medienwissenschaften und ein bisschen Gender Studies studiert hat, erstellte er ein Videoblog: „Tariks Genderkrise“, und damit möchte er „Menschen über den Humor mit aufs Gender-Bötchen kriegen“. Einer seiner Kurzfilme ist Birgit Kelle gewidmet, der konservativen Publizistin, die „so ziemlich auf der anderen Seite rumpaddelt“. Er liest aus ihrem Buch „GenderGaga“ vor und bittet Schmoll-Gitti, doch bitte etwas Genderlove in ihr Gagaherz zu lassen.

Tarik trifft den wunden Punkt der Gendernaut_innen: Wie kann man dieses extrem komplizierte Gender gegen die böswilligen Vereinfacher_innen und Verdreher_innen verteidigen? „Ich bin nicht so megawissenschaftlich“, versucht es Tarik. Aus der Runde werden die Herausforderungen benannt: dass man ja Gender eigentlich auflösen will, dann aber im Alltag etwa als Gleichstellungsbeauftragte genau diese Zweiteilung immer wieder herstellen muss, um Diskriminierungen zu benennen. Und wie soll man das den anderen erklären, die ja sogar wieder meinen, es gebe doch gar keine Ungleichheiten mehr?

Tarik steht mit seinem Versuch im Mainstream zu landen noch am Anfang. Die Antwort lautet in der Regel: Das ist ein Nischenthema, das interessiert nur ein paar Frauen und Homosexuelle. Wenn die sich da mal nicht täuschen. Das Barcamp machte jedenfalls einen deutlich anderen Eindruck.

 

Autorin: Heide Oestreich

 

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Der kanadische Premierminister Justin Trudeau hat sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen besetzt: Platz 4 der internationalen Rangliste der Länder, die den höchsten Prozentsatz an Frauen in Minister_innenämtern haben. Foto: Reuters

BECAUSE IT’S 2015

Oder warum ein Kabinett, das zur Hälfte aus Frauen besteht, nur der Anfang sein kann.

„Because it’s 2015“ – mit diesen knappen Worten begründete der neu gewählte kanadische Premierminister Justin Trudeau, warum er sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen besetzt hat. Dieser Schritt, eines der Wahlversprechen der liberalen Partei Kanadas, zog internationale Aufmerksamkeit auf sich. Kanada darf sich nun stolz auf Platz 4 der internationalen Rangliste der Länder sehen, die den höchsten Prozentsatz an Frauen in Minister_innenämtern haben – ein deutlicher Sprung nach vorn von Platz 20 unter der konservativen Vorgängerregierung.

 

Mehr als die klassischen Ressorts

Dies ist in der Tat ein wichtiger Schritt. Zwar gibt es kritische Stimmen, die anmerken, dass die traditionell als besonders wichtig erachteten Ressorts wie Außenministerium, Finanzministerium und Innenministerium weiterhin in Männerhand liegen. Andererseits verwalten aber die Ministerinnen in Trudeaus Kabinett nicht „nur“ die Bereiche Kultur, Familie oder Sport: Mit Chrystia Freeland (Internationaler Handel), Catherine McKenna (Umwelt und Klimawandel) und Jody Wilson-Raybould (Justiz), um nur einige zu nennen, finden sich hoch kompetente Politikerinnen in zentralen Positionen.

Trudeaus Regierung ist im Übrigen nicht das erste „gender balanced cabinet“, das Kanada vorzuweisen hat. Auf Ebene der kanadischen Provinzen, die mit den deutschen Bundesländern zu vergleichen sind, gab es bereits vor knapp zehn Jahren in Quebec ein Kabinett, das zur Hälfte aus Frauen bestand. In der amtierenden sozialdemokratischen Regierung der Provinz Alberta unter Ministerpräsidentin Rachel Notley gibt es sogar mehr Ministerinnen als Minister.

 

Gewählt werden kann nur, wer aufgestellt ist

Wirklich zu kritisieren – und bei all der glücklichen Aufregung nicht zu vergessen – ist indes die Zusammensetzung des Parlaments. Nur 88 der 338 Abgeordneten sind Frauen. Das sind lediglich 26 Prozent und somit nur ein Prozentpunkt mehr als vor der Wahl von 2015. Der Schnitt wird nicht etwa von den Oppositionsparteien gedrückt. Nur 27 Prozent der liberalen Abgeordneten sind weiblich. Die sozialdemokratische NDP musste bei der Wahl zwar herbe Verluste hinnehmen, kann sich aber zugutehalten, dass 41 Prozent ihrer Abgeordneten Frauen sind.

Die geringe Zahl weiblicher Abgeordneter spiegelt sich auch in der Besetzung der Parlamentsausschüsse wider. Das kanadische Parlament hat 24 Ausschüsse mit je zehn Mitgliedern. Die Ausschüsse spielen eine zentrale Rolle in der kanadischen Demokratie. So haben sie eine wichtige Funktion im Gesetzgebungsprozess und sie prüfen die Ausgaben der Ministerien. Dreiviertel der Ausschüsse sind mit zwei oder weniger Frauen besetzt. Es gibt sogar zwei Ausschüsse, in denen ausschließlich männliche Abgeordnete sitzen: „Datenschutz“ sowie „Industrie, Wissenschaft und Technologie“.

Ein wichtiger Grund für die katastrophal niedrige Repräsentation weiblicher Abgeordneter im kanadischen Parlament liegt darin, dass Frauen in dem Mehrheitswahlsystem des Landes von keiner der Parteien ausreichend zur Wahl aufgestellt wurden. Nur 33 Prozent aller aufgestellten Kandidat_innen waren weiblich: Unter den großen Parteien waren es 20 Prozent bei den Konservativen, 31 Prozent bei den Liberalen und 43 Prozent bei der NDP. Nicht wirklich überraschend spiegelt sich die geringe Möglichkeit, Frauen zu wählen, in den Ergebnissen wider.

 

Aufgestellte und gewählte Fauen bei den kanadischen Parlamentswahlen im Oktober 2015
Aufgestellte und gewählte Fauen bei den kanadischen Parlamentswahlen im Oktober 2015

 

Es zeigt sich deutlich – und ist keine erstaunliche Erkenntnis –, dass Frauen nur dann gewählt werden können, wenn sie zur Wahl aufgestellt werden. Hier können sich alle kanadischen Parteien bei der nächsten Wahl 2019 deutlich verbessern – „because you can’t be what you don’t see“.

 

Nicht nur Kanada

Auch in anderen Teilen der Welt diskutiert man über die Repräsentation weiblicher Politikerinnen. Hillary Clinton hat angekündigt, dass sie – im Falle ihrer Wahl zur Präsidentin der USA – die Hälfte aller Minister_innenposten mit Frauen besetzen wird. Das „Because it’s 2015“ von Trudeau entwickelt sich also weiter.

Und auch die lokalen Wahlen in Albanien im Juni 2015 waren wegweisend. Diverse Reformvorhaben wurden umgesetzt. Man verständigte sich unter anderem auf eine Geschlechterquote von 50 Prozent für die Kandidat_innenlisten zur Stadtratswahl. Selbst wenn letztlich nur 35 Prozent der Gewählten Frauen waren, ist ein deutlicher Fortschritt zu sehen. Aufgrund des gestiegenen Bedarfs wollen das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tirana und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) gemeinsam Kompetenztrainings für diese Frauen anbieten, um sie in ihrer neuen Rolle zu unterstützen. So sollen sie als politische Führungskräfte auf kommunaler, regionaler und nationaler Ebene handlungsfähig werden. Bereits 2015 hat eine dreitägige Sommerschule stattgefunden.

Die Frage nach dem Umgang mit tief verwurzelten Stereotypen treibt auch die progressiven Kräfte in Georgien um. Frauen sind kaum in politischen Spitzenpositionen vertreten – lediglich 17 von 150 Parlamentsabgeordneten sind weiblich. Auf lokaler Ebene, wie in den Entscheidungsgremien der Kommunen und in den ländlichen Selbstverwaltungen, ist der Anteil noch niedriger. Neben der aktiven Förderung von Frauen durch Wissensvermittlung und Motivationstraining, muss auch Stereotypen entgegengewirkt werden, die eine geschlechtergerechte Gesellschaft verhindern. Hier engagieren sich die Jungen Sozialisten Georgiens mit Unterstützung der FES, indem vor allem bei jungen Menschen ein Bewusstsein geschaffen wird.

Um zu gewährleisten, dass die Beteiligung von Frauen an politischen (aber auch wirtschaftlichen und sozialen) Entwicklungsprozessen und bei Gremienbesetzungen erhöht wird, bedarf es struktureller Voraussetzungen, deren Aufbau von progressiven Kräften aufmerksam begleitet werden muss.

 

Autorinnen:
Julia Hurrelmann, FES Kanada
Rezarta Ajazaj, FES Albanien
Irina Seperteladze, FES Georgien
Sarah Vespermann, FES Berlin

 

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Layout: Andrea Schmidt

Islamischer Feminismus

Sind denn Islam und Feminismus überhaupt kompatibel, schließen sie sich nicht eher gegenseitig aus? Eine solche kritisch-skeptische Haltung beruht meist auf der Annahme, der Islam sei per se eine frauenfeindliche und anti-emanzipatorische Religion.

Dieses Vorurteil wird genährt durch die mediale Darstellung patriarchaler Muslime und ihrer Unterdrückung von Frauen. In den emotional und hitzig geführten Debatten um das Kopftuch ist sichtbar geworden, dass viele Feminist_innen diese Einstellung ebenfalls teilen.

Viele Islamkritiker_innen behaupten, für die unterdrückten Frauen zu sprechen, und bewegen sich dabei zwischen legitimer Kritik und ungefragter Vereinnahmung von Frauenrechten für den eigenen Zweck. Vor allem nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht 2015/2016 wurde die schon immer problematische Debatte um das Verhältnis von Islam und Gleichberechtigung besonders virulent.

Dabei besteht bei islamischen Feminist_innen Einigkeit darüber, dass Frauen nicht befreit werden müssen: Es gibt einen Feminismus, der aus dem Islam selbst hervorgeht, und es gibt eine lange islamische Tradition des Kampfes um Frauenrechte. Dieser Feminismus bewegt sich jedoch in einem ständigen Spannungsfeld – einerseits wird ihm von westlichen Feminist_innen häufig jegliche Legitimität abgesprochen, andererseits sehen islamische Akteur_innen in ihm oft ein westliches, anti-islamisches Projekt. Islamische Feminist_innen sind daher oftmals einem zweifachen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt.

 

Über nationale Grenzen hinweg

Vor diesem Hintergrund bot die Friedrich-Ebert-Stiftung islamischen Feminist_innen Raum, sich über nationale Grenzen hinweg auszutauschen und über die Inhalte und Ausprägungen eines islamischen Feminismus zu sprechen. Die Tagung „Islamischer Feminismus – Internationale Annäherungen“ wurde von der FES in Zusammenarbeit mit dem Aktionsbündnis muslimischer Frauen (AmF) und der Aktivistin Kübra Gümüşay konzipiert und gewährte vertiefte Einblicke in verschiedene Einwanderungsländer und ihre jeweiligen Debatten. Die Rednerinnen aus Belgien, Frankreich und den USA machten deutlich, wie divers der Islam und auch die Geschlechterbilder im Islam sind. Die spezifischen kulturellen und politischen Bedingungen der jeweiligen Länder tragen hier zur Komplexität der Situation bei.

Appell der FES-Tagung im Februar 2016: Innerislamische Vielfalt anerkennen, gegen Stereotype angehen. Foto: plainpicture

 

In den Fachforen berichteten die Referentinnen von der aktuellen gesellschaftlichen Realität muslimischer Frauen in ihren Ländern. Dabei zeigte sich, dass sich die Debatte um das Kopftuch wie ein roter Faden durch alle Einwanderungsgesellschaften zieht, an der sich viel über die gesellschaftliche Stellung des Islams im jeweiligen Land ablesen lässt. Hanane Karimi von der Universität Straßburg zeigte in ihrem Beitrag, wie das Prinzip der laïcité – also des Laizismus: der strikten Trennung von Religion und Staat – zu einer Stigmatisierung französischer Muslime und besonders französischer Musliminnen führt: Das im Jahr 2004 beschlossene Kopftuchverbot in öffentlichen Einrichtungen – darunter Schulen und Universitäten – läuft auf einen Ausschluss vieler Musliminnen aus dem öffentlichen Leben hinaus. Entgegen dem Ziel, die angeblich unterdrückte kopftuchtragende Frau zu befreien, hat dieses Verbot eine massive Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten vieler französischer Musliminnen zur Folge. Ganz anders ist die Situation in Belgien, wie Dr. Malika Hamidi vom European Muslim Network in ihrem Diskussionsforum erklärte: Selbst im Parlament darf eine Politikerin Kopftuch tragen – es ist also dort eine Selbstverständlichkeit.

In den USA wiederum ist das Tragen des Kopftuchs von der Verfassung geschützt, wie Hind Makki vom Blog Side Entrance berichtete. Side Entrance ist ein gutes Beispiel für islamisch-feministischen Aktivismus: Musliminnen aus ganz Amerika schicken Fotos dorthin von Frauengebetsräumen in Moscheen, deren Dürftigkeit für sie ein Ausdruck der geringen Wertschätzung von Frauen in ihrer religiösen Gemeinschaft ist. Sie wirken so darauf hin, gleichwertige Teilhabe von Frauen und eine bessere Inklusion in die muslimischen Gemeinschaften zu erreichen.

 

Bildung als zentrale Strategie für Gleichberechtigung

Trotz der unterschiedlichen Lebensrealitäten versuchten die Gäste, eine Antwort auf die Frage zu finden, was unter einem „islamischen Feminismus“ zu verstehen ist und wie Gleichberechtigung im Islam aussehen kann. Anse Tamara Gray, die Gründerin von rabat.org und Wissenschaftlerin an der University of St. Thomas in den USA, erläuterte in ihrem Einführungsvortrag einige zentrale Konzepte eines religiös begründeten islamischen Feminismus, über die auf der Tagung große Einigkeit bestand. Die Konzepte gehen von dem Wunsch vieler Musliminnen aus, feministische Positionen zu vertreten und diese gleichzeitig auf eine islamische, theologische Basis zu stellen.

Gray begründet die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern aus den religiösen Quellen Koran und Hadith und kommt zu dem Schluss, dass also nicht der Islam als Religion einer Gleichberechtigung der Geschlechter im Weg stehe, sondern Krieg, Armut, kulturelle Lebensweisen sowie die oft reflexartige Ablehnung aller mit „dem Westen“ in Verbindung gebrachten Konzepte. Zentrale Strategie zur Emanzipation und Befähigung muslimischer Frauen sei dabei die Bildung: Frauen sollten Arabisch lernen und dadurch den Koran selbst lesen können. So sind sie nicht mehr auf die Überlieferungen von Männern angewiesen und können frauenfeindliche Lebensweisen als unislamisch zurückweisen. Auch die finanzielle Unabhängigkeit ist aus der Sicht von Anse Tamara Gray ein zentrales Element, damit Frauen eigenständige Entscheidungen treffen und sich etwa aus gewaltvollen Beziehungen befreien können.

Die Tagung endete mit einem Appell für die Zukunft des islamischen Feminismus: Ziel sei es, innerislamische Vielfalt anzuerkennen, gegen Stereotype anzugehen und sich gemeinsam mit anderen Feminist_innen für Gleichberechtigung einzusetzen. Dies sei vor allem mit Blick auf die Situation geflüchteter Frauen und die wachsende Zahl muslimischer Frauen in Deutschland aktuell wichtig. In eine ähnliche Richtung zielt der am Schluss geäußerte Wunsch, es müsse auch in Bezug auf islamischen Feminismus intersektional gedacht werden, um der Diversität von Musliminnen hierzulande gerecht zu werden.

Der islamische Feminismus mit Blick auf die Situation in Deutschland war ebenfalls Thema des FES-Diskussionsforums am 25. Mai 2016. Im Herbst folgt eine Veranstaltung, die sich dem islamischen Feminismus im Nahen und Mittleren Osten widmet. Die FES-Publikation „Islamic Feminism – A Contradiction in Terms?“ schildert außerdem die Diskussion zum Thema in Indien.

 

Autorin: Deborah Oliveira

 

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Bettina Metz-Rolshausen, Geschäftsführerin des Nationalen Komitees Deutschland von UN Women:Verbesserung der Gleichstellung von Mann und Frau – aber noch lange nicht am Ziel. Foto: Karina Heßland

Starke Frauen für eine starke Welt

20 Jahre nach der bislang letzten UN-Weltfrauenkonferenz in Peking sind die damals aufgestellten Forderungen, wie die Förderung der Geschlechtergleichstellung in allen Bereichen der Gesellschaft, der Schutz der Rechte der Frauen, die Bekämpfung der Armut von und Gewalt gegen Frauen und der Abbau geschlechtsspezifischer Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung und im Bildungssystem bis heute hochaktuell.

Zum 20-jährigen Jubiläum der Pekinger Konferenz veranstaltete das Landesbüro Thüringen der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) am 9. November 2015 eine Fachtagung unter dem Motto „Starke Frauen für eine starke Welt – 20 Jahre UN-Frauenkonferenz Peking“. Die Geschäftsführerin des Nationalen Komitees Deutschland von UN Women, Bettina Metz-Rolshausen, eine der Kooperationspartner_innen der Konferenz, stellte eine deutliche Verbesserung der Gleichstellung von Mann und Frau fest, die jedoch noch weit von den 1995 vereinbarten Zielen entfernt ist. Das sagte auch Brigitte Triems, die selbst Teilnehmerin der Konferenz in Peking war: Der Druck und die Aufmerksamkeit, die von der Konferenz auf die Weltöffentlichkeit ausgingen, hätten die gleichstellungspolitische Debatte enorm in Bewegung versetzt, wenn auch noch viel Verbesserungspotenzial bestehe. Dies trat besonders in den zwei Panels der Tagung – „Gewalt gegen Frauen“ sowie „Frauen und Wissenschaft“ – zutage.

 

Wo setzen wir an?

In den EU-Mitgliedstaaten ist 2014 jede dritte Frau mindestens einmal Opfer von häuslicher und/oder sexueller Gewalt gewesen. Die Diskussionsteilnehmer_innen des ersten Panels waren sich einig, dass sowohl in Europa insgesamt als auch in Deutschland und Thüringen das Angebot an Frauenhäusern und Beratungsstellen für Frauen dringend weiter ausgebaut werden muss. Eine härtere Verfolgung und Bestrafung der Täter habe zwar einige Wirkung gezeigt, doch der Fokus müsse nun vor allem auf Prävention, Sensibilisierung der Behörden und Hilfe für die Opfer gelegt werden. In diesem Sinne wurde auch eine bessere Zusammenarbeit der Aktivist_innen untereinander gefordert, um mit gebündelten Kräften auf die Problematik aufmerksam zu machen.

Das zweite Panel widmete sich anschließend der Frage, warum trotz der hohen Zahl von Abiturientinnen und Studentinnen so wenige Frauen in der Wissenschaft tätig sind. Prof. Dr. Dorothee Haroske, Gleichstellungsbeauftragte der Friedrich-Schiller-Universität Jena, sieht die Schuld und Pflicht bei den Hochschulleitungen: Sie wälzen diese Fragen oft allein auf die Gleichstellungsbeauftragten ab und stellen zu wenig Zeit und Ressourcen zur Verfügung. Die Bereitschaft zur Gleichstellung von Frauen in der Wissenschaft sei vonseiten der stark männlich geprägten Hochschulleitungen zu gering. Strukturwandel und (finanzielle) Unterstützung durch die Landesregierungen werden hier als Verbesserungsansatz gesehen.

 

Das Ziel: Eine nachhaltige Gleichstellungspolitik

„Wo packen wir an?“ Hier wurden noch einmal die Schlussfolgerungen und Ergebnisse der Panels diskutiert und in konkrete Lösungsvorschläge verpackt. Dr. Agnes Allroggen-Bedel, stellvertretende Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF), ist enttäuscht, dass der Schwung von Peking nicht zu einer nationalen Aktionsplattform führte – Parität der Geschlechter an Entscheidungstischen in Politik und Wirtschaft seien ein wichtiger Schritt. Ausreichende und dauerhafte Finanzierung wurde einhellig als das Schlüsselkriterium für eine nachhaltige Gleichstellungspolitik genannt. Denn: Wir können uns gar nicht leisten, keine Gleichstellung umzusetzen. Die Thüringer Gleichstellungsbeauftragte Katrin Christ-Eisenwinder sieht mit der ersten rot-rot-grünen Landesregierung in Thüringen eine gute Voraussetzung, um mehr Chancengerechtigkeit der Geschlechter umzusetzen.

Verbündete erreichen, aufstehen, feministische Frauen in Entscheidungspositionen stärken – das waren zentrale Forderungen, die auf der Tagung gestellt wurden.

 

Autorin: Eva Nagler, FES Thüringen

 

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Wie können junge Menschen in Bayern politisch unterstützt werden? V.l.n.r.: Carolin Gerling (VISPIRON Engineering GmbH), Prof. Jutta Allmendinger (WZB), Sissi Pitzer (Bayerischer Rundfunk), Natascha Kohnen (BayernSPD). Foto: Magdalena Jooß

Vereinbarkeit zwischen Wunsch und Realität

Wie sehen die Lebensentwürfe von (jungen) Frauen und Männern und von Familien aus? Wie gestalten sie ihr Leben? Und welche Erwartungen haben sie an die Politik? Diese Fragen sind zentral für die Weiterentwicklung moderner Gesellschaften – in Deutschland und Europa.

Diesen Fragen geht auch die neue Studie des BayernForums der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) von Prof. Jutta Allmendinger, Sophie Krug von Nidda und Vanessa Wintermantel vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) nach. Was zeigt die Studie „Lebensentwürfe junger Frauen und Männer in Bayern“, die im Februar 2016 in München vorgestellt wurde? Die jungen Menschen, Männer wie Frauen, wollen eine eigene Familie mit Kindern. Und sie wollen erwerbstätig sein. Gleichzeitig sehen sie sich vor großen Hürden, wenn sie diesen Lebensentwurf realisieren möchten, und sind gezwungen, entweder bei der Familie oder im Beruf Abstriche zu machen. Die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf zieht sich wie ein roter Faden durch die Studie.

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie vom Forum Politik und Gesellschaft (PuG), die sich mit den Lebensrealitäten und familien- und gleichstellungspolitischen Erwartungen von Frauen zwischen 18 und 40 Jahren befasst. Diese äußern ebenfalls große Ängste mit Blick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und fürchten – soweit sie noch keine Kinder haben – die Retraditionalisierung ihrer Beziehungen und Konflikte mit dem Partner. Und: Sie sehen den Staat in der Verantwortung. Sie fordern Investitionen in qualitativ hochwertige Angebote der Kinderbetreuung und andere staatliche Unterstützungsinstrumente.    

 

Geld gegen Zeit – Zeit gegen Geld

Es sind nach wie vor oft Frauen mit Kindern, die ihre Arbeitszeit reduzieren: „Sie tauschen Geld, das sie auf dem Arbeitsmarkt verdienen würden, gegen Zeit für die Familie“, erklärt Jutta Allmendinger. Verdienstunterschiede nehmen sie in Kauf. Sie wünschen sich ein partnerschaftliches Lebensmodell, das in der Realität aber (noch) nicht umsetzbar zu sein scheint. Bei den Männern hingegen hat über die Hälfte den Eindruck, wegen der Arbeit käme die Familie zu kurz. Trotzdem scheuen die Männer längere Elternzeiten, weil ihnen „Steine in den Weg gelegt werden“, wenn sie länger unterbrechen. So bleiben sie bei ihren Arbeitszeiten und verdienen mehr Geld, sind aber unzufrieden mit ihrer Rolle in der Familie. Damit befänden sich Männer in der Diskussion heute da, „wo Frauen vor 20 Jahren standen“. Beruf und Familie lassen sich noch immer schwer vereinen – in der Realität ist das gewünschte Partnerschaftsmodell also noch lange nicht erreicht.

 

Familienpolitische Herausforderungen in Deutschland und Europa

Dass besonders auch die Familienpolitik vor großen Herausforderungen steht und die aktuelle Ausgestaltung mitunter an der Lebenswirklichkeit von Familien vorbeigeht, zeigt eine vergleichende Studie der FES London und des britischen Institute for Public Policy Research (IPPR), die Entwicklungen in Deutschland und Großbritannien in den Blick nimmt. In Großbritannien blickt man neidvoll auf das Elternzeitmodell in Deutschland, die britischen Regelungen sind hier weniger umfassend und sehen vor allem eine deutlich niedrigere Lohnersatzleistung vor. Der Ausbau flexibler Arbeitszeitmodelle ist hingegen eine zentrale Forderung von deutschen und britischen Expert_innen. Im europäischen Vergleich zeigen sich also deutliche Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten im Bereich der Familienpolitik.

Eine internationale Politikanalyse zu familien- und geschlechterpolitischen Diskursen in neun Ländern (Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Schweden, Schweiz, Ungarn und den USA) zeigt ähnliche Befunde. In vielen Ländern wird die Vereinbarkeitsfrage mittlerweile als zentraler Baustein gesehen, um eine stärkere Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen zu forcieren. Allerdings ist es noch ein weiter Weg, um insbesondere für Frauen eine echte Vereinbarkeit zu schaffen. Dabei sind die institutionellen Bedingungen und Ansätze der einzelnen Länder sehr unterschiedlich und offenbaren ein breites Spektrum politischer Instrumente. Ein neues Instrument, das in Deutschland seit einiger Zeit diskutiert wird, könnte Vereinbarkeitsgewinne bringen: Die Studie aus Bayern weist darauf hin, dass die Familienarbeitszeit von 30 Wochenstunden ein erster Schritt in die richtige Richtung ist. Die Digitalisierung birgt bei allen Risiken auch Chancen: Flexiblere Arbeitsmodelle werden hier bereits gelebt. Dies schafft neue Möglichkeiten, um etwa der Teilzeitfalle zu entgehen und im Home Office zu arbeiten.

 

Wer verdient die Brötchen?

Haben wir es einerseits mit einer immer noch stark „traditionellen“ Zeitverwendung von Frauen und Männern zu tun, zeigt sich in vielen europäischen Haushalten heute allerdings auch eine andere Realität, unter anderem bedingt durch den fortschreitenden Wandel von Lebens- und Familienformen. Ob als alleinerziehende Mütter oder als Hauptverdienerinnen in einem Paarhaushalt – immer mehr Mütter sind die „Breadwinners“ ihrer Familien, sie bringen die sprichwörtlichen Brötchen mit nach Hause.

Unterstützung am Arbeitsplatz ist wichtig. V.l.n.r.: Sally Brett (TUC), Mareike Richter (DGB) und Kristin Linke (FES Berlin) diskutieren, wie bessere Rahmenbedingungen für arbeitende Mütter geschaffen werden können. Foto: Andre Weisser

 

Aktuell sind 33 Prozent der arbeitenden Mütter in Großbritannien Hauptverdienerinnen ihres Haushalts; in Deutschland sind es 27 Prozent (EU-Durchschnitt 31,4 Prozent; Zahlen für 2013), wie die Londoner Studie zeigt. Sie finden sich nicht selten in Familien mit niedrigem Einkommen, aber die Gruppe der Mütter mit Hochschulabschluss ist ebenfalls stark vertreten. „Maternal Breadwinners“ sind meist nicht mehr ganz jung, haben ältere Kinder im Schulalter und sind überdurchschnittlich oft Angestellte im Dienstleistungs- und öffentlichen Sektor. In beiden Ländern – Deutschland und Großbritannien – stellen Alleinerziehende rund die Hälfte dieser Mütter. Auch dieser Lebenswirklichkeit muss Familienpolitik gerecht werden. Der Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen ist dabei nur eine zentrale Forderung.

 

Gesellschaftliches Umdenken erforderlich!

Damit allerdings politische Einzelmaßnahmen in diesem Bereich wirksam werden können, bedarf es zunächst eines gesellschaftspolitischen Umdenkens: Erst wenn eine Frau, die bald nach der Geburt ihres Kindes wieder in den Beruf zurückkehrt, nicht mehr als „Rabenmutter“ betrachtet wird, und es für Väter normal ist, Arbeitszeit zugunsten der Familie zu reduzieren und auch mehr als nur zwei Monate Elternzeit hin zu einer Parität zu nehmen, hat das partnerschaftliche Lebensmodell eine Chance. Der Frage, unter welchen Bedingungen Väter ihre Arbeitszeit nach den Elterngeldmonaten reduzieren, widmet sich eine weitere Studie des Forum Politik und Gesellschaft (PuG). Hier müssen Betriebe mit Maßnahmen für ein familienfreundlicheres Klima sorgen.

In die Diskussion in München brachte Prof. Allmendinger auch grundsätzliche Überlegungen zur Lebensarbeitszeit ein: In den letzten 150 Jahren hat die gesunde Lebenszeit zugenommen; dennoch quetsche man noch viel zu viel in die Rushhour des Lebens. Da viele junge Menschen sich zudem eine Arbeitszeit wünschen, die eher vier als fünf Tage in der Woche umfasst, sei es an der Zeit, gesellschaftlich über eine Reduzierung der wöchentlichen Normalarbeitszeit zu diskutieren – nicht nur für Eltern, sondern für alle Arbeitnehmer_innen.

Als Fazit steht fest: Es braucht größere und in sich harmonierende Hilfestellungen von Staat und Politik, um Partnerschaftlichkeit in Familie und Beruf voranzutreiben – und damit auch mehr Geschlechtergerechtigkeit.

 

Autor_innen:
Ellen Diehl, BayernForum der FES
Silke Breimaier, FES London
Jonathan Menge, FES Berlin
Sarah Vespermann, FES Berlin

 

Studie des BayernForums: www.bayernforum.de/publikationen.html
Ansprechpartnerinnen: Anna-Lena Koschig (Büroleiterin) und Ellen Diehl (Gender-Verantwortliche)

Studie der FES London: http://bit.ly/28JnAdM
Ansprechpartner_innen: Ulrich Storck (Büroleiter) und
Silke Breimaier (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)

Studie des Forum PuG zum Arbeitszeitverhalten von Vätern: http://bit.ly/28JkIlQ
Ansprechpartner_innen: Dr. Stefanie Elies (Referatsleiterin) und Jonathan Menge (Referent)

Studie des Forum PuG zu Lebensrealitäten und familien- und gleichstellungspolitischen Erwartungen von Frauen zwischen 18 und 40 Jahren: http://library.fes.de/pdf-files/dialog/12633.pdf
Ansprechpartner_innen: Dr. Stefanie Elies (Referatsleiterin) und Jonathan Menge (Referent)

Internationale Politikanalyse „Auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit? Berichte aus Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Schweden, Schweiz, Ungarn und USA“: http://bit.ly/28J3nHN
Ansprechpartner: Dr. Michael Bröning (Referatsleiter Internationale Politikanalyse FES)

 

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Esteban Paulón, seit 2010 Präsident der Federación Argentina de Lesbianas, Gays, Bisexuales y Trans – FALGBT. Foto: Christian Sassone

Homosexualität und Transgender in Argentinien

Interview mit Esteban Paulón, seit 2010 Präsident der Federación Argentina de Lesbianas, Gays, Bisexuales y Trans – FALGBT

FES: Die deutsche LGBT-Community blickt beeindruckt nach Argentinien. Homosexualität scheint dort gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Argentinien hatte im Juli 2010 als erster Staat Lateinamerikas die Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren im ganzen Land ermöglicht. Wie ist diese erfreuliche Entwicklung in einem Land zu erklären, wo Homosexuelle in den 1980er oder 1990er Jahren noch verfolgt wurden?

Esteban Paulón: Am wichtigsten war, dass die LGBT-Bewegung in der Krise 2001 zusammen mit anderen sozialen Bewegungen ihre Themen und Forderungen in die politische Agenda einbrachte und so sichtbarer wurde. Zudem gab es ein offeneres politisches Klima, als Präsident Kirchner unter Beteiligung der sozialen Bewegungen den „Nationalen Plan gegen Diskriminierung“ erarbeiten ließ und Mitte-links-Parteien (Partido Socialista, Partido GEN, Nuevo Encuentro, Coalición Cívica ARI) das Thema der sexuellen Diversität in ihre Programme aufnahmen. Und schließlich hat die 2005 gegründete Federación Argentina LGBT (FALGBT) Bewegungen aus dem ganzen Land zusammengeführt und sich der Durchsetzung unserer Forderungen gewidmet: gleichgeschlechtliche Ehe, Geschlechteridentität, Antidiskriminierungsgesetze, Streichung von Homosexualität und Travestie aus dem Strafgesetz, Aufnahme des Themas „Diversität“ in den Aufklärungsunterricht. Zehn Jahre nach ihrer Gründung hat die FALGBT fast alle Ziele erreicht.

FES: Warum ist die LGBT-Lobby so stark? Wer unterstützt sie von politischer Seite? Wieso hat sich Cristina Kirchner dafür stark gemacht?

Paulón: Die LGBT-Gemeinde ist heute eine bedeutende Minderheit, weil wir unsere Agenda in die anderer Bewegungen einbringen konnten. Wir haben Allianzen mit den unterschiedlichsten Bewegungen aufgebaut und die Gründung von LGBT-Gruppen in den politischen Parteien – von Konservativen bis Trotzkist_innen – unterstützt. Das gibt uns wiederum starke Unterstützung und Einfluss auf die Entscheidungsfindung sowie die politischen Planungsprozesse. Der Rückhalt in der Regierung Kirchner entstand aus der Deutung der Gleichheitsforderung als ein globales politisches Moment, in dem die LGBT-Rechte stellvertretend für andere, nicht eingelöste Rechte wurden. Unsere Gleichheitsidee hat die Gesellschaft insgesamt bereichert und die Regierung Kirchner begriff, dass sie sich so – in einem Moment politischer Schwäche – mit weiten Teilen der Gesellschaft verbinden konnte.

FES: Wie positionieren sich die linksdemokratischen Parteien hierzu – oder ist das kein Thema?

Paulón: Die traditionellen Linksparteien standen der LGBT-Agenda lange Zeit relativ verschlossen gegenüber und integrierten nur Teile über die Solidarität mit der feministischen Bewegung. In den 1990er Jahren fand sich das Thema erstmals in Gesetzesinitiativen der Sozialist_innen und Radikalen. In der letzten Dekade kam der LGBT-Aktivismus dann auch programmatisch in den Mitte-links-Parteien an: Die Partido Socialista war die erste Partei, die LGBT-Gleichheit ins Programm aufnahm und im Vorstand das Sekretariat für sexuelle Diversität kreierte.

FES: Wie sieht das volle Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare in der Praxis aus?

Paulón: Das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe überträgt homosexuellen Paaren alle Eherechte, inklusive dem der Adoption. Die Umsetzung liegt aber im Ermessen des Richters oder der Richterin, die der Adoption nach eigenem Empfinden zustimmen oder diese ablehnen können. Besonders in den ländlichen Provinzen erschweren Vorurteile häufig die Anwendung des Gesetzes. Gleichgeschlechtliche Paare haben zudem Zugang zu künstlicher Befruchtung und Leihmutterschaft – letztere ist in Argentinien gesetzlich nicht geregelt, aber rechtlich zulässig.

FES: Wie sehr ist das gesellschaftlich verankert – und nicht nur ein Paragraf? Ist der liberale Geist nur auf die Hauptstadt konzentriert? Wie sieht es mit der Macho-Gaucho-Kultur in anderen Provinzen aus?

Paulón: Das Gesetz gilt landesweit und wird in der Praxis umgesetzt. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung, die mehrheitliche Unterstützung durch die Politik und die Sichtbarkeit der LGBT-Gemeinde und ihrer erkämpften Rechte haben zu einem Umdenken geführt. Sicherlich, die Akzeptanz ist regional unterschiedlich ausgeprägt und natürlich in den Großstädten anders als im Landesinneren und in den „traditionsbewussten“ Provinzen Argentiniens.

FES: Auch ausländische Tourist_innen dürfen nun in Argentinien die „Homoehe“ eingehen. Geht die Rechnung auf, gibt es einen touristischen Boom?

Paulón:  Die gleichgeschlechtliche Ehe für Tourist_innen wurde 2012 durch die FALGBT in Rosario durchgesetzt und war eine politische Forderung. Es geht darum, weltweit das öffentliche Gut „Zugang zu gleichen Rechten“ zu sichern. Nur in 24 Ländern gibt es die gleichgeschlechtliche Ehe. Argentinien gestattet Tourist_innen generell, hier ohne besondere Voraussetzungen zu heiraten. Für uns geht es um den gleichen Zugang zu diesem Recht.

FES: Argentinien ist ein katholisch geprägtes Land mit einem Papst, der 2010 das neue Gesetz als „Angriff auf den Plan Gottes“ bezeichnete. Welche gesellschaftlichen Kräfte konnten die Kirche austricksen? Oder ist die Kirche gar nicht mehr dominant?

Paulón: Man muss zwischen der Führung und der Basis der Kirche unterscheiden: Die Basis hat die Diskussion und Verabschiedung des Gesetzes unterstützt. Doch die Führung arbeitete gegen das Gesetz, indem Bischöfe einzelne Gouverneur_innen, Senator_innen und Abgeordnete unter Druck setzten. Der damalige Bischof Bergoglio (und heutige Papst) war entschieden gegen das Gesetz, aber als es einmal verabschiedet war, hat sich die argentinische Kirchenführung – wohl im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – der Umsetzung nicht widersetzt.

 

Das Interview führte María Rigat-Pflaum, FES Argentinien, im Dezember 2015.

 

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Expert_innen aus sechs Ländern debattierten in Pakistan über Politischen Feminismus in Asien. Foto: FES Pakistan

Von Diversität zu Solidarität

Zum Auftakt einer neuen Arbeitslinie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Asien fand vom 20. bis 23. Oktober 2015 in Islamabad/Bhurban ein Workshop „Politischer Feminismus in Asien“ statt.

Die Landesbüros der FES hatten Expert_innen aus Bangladesch, China, Indien, Indonesien und Thailand nach Pakistan entsandt, um sich über gesammelte Erfahrungen auszutauschen und neue Ansätze für die politische Arbeit zu entwickeln. Auf ein öffentliches Seminar an der Quaid-i-Azam University in Islamabad folgte ein zweiter, interner Teil des Programms an einem ruhigen Ort in den umliegenden Bergen – der Diskussion um den Politischen Feminismus sollte ausreichend Raum gegeben werden.

Recht schnell konnten die Gemeinsamkeiten der feministischen Bewegungen in den verschiedenen Ländern identifiziert werden: Trotz der Herausforderungen durch die Eigenheiten der politischen Systeme und der unterschiedlichen kulturellen Normen haben die Frauenbewegungen in Asien durchaus viele ähnliche Erfahrungen im Kampf gegen patriarchale Machtstrukturen gemacht. Die vertretenen Länder waren und sind durch Gruppen und Netzwerke häufig in engem Kontakt mit Bewegungen, die sich für Demokratie und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Zudem wurde für die jüngere Vergangenheit eine fortschreitende „Depolitisierung“ der Debatten und Akteur_innen festgestellt, die sich parallel zur starken Abhängigkeit der meist schwachen Zivilgesellschaften von internationalen Geber_innen entwickelt.

Die Abschlusssitzung des FES-Workshops erlaubt einen Ausblick, der Mut für die Zukunft macht: Es bestand Einigkeit darüber, dass es eines neuen, transnationalen Feminismus bedarf, der sich den veränderten Bedingungen des 21. Jahrhunderts anpasst. „Von Diversität hin zu Solidarität“, lautete die Zusammenfassung: Die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und die Heterogenität der Akteur_innen als Stärke wahrnehmen, um für mehr Solidarität innerhalb der feministischen und sozialen Bewegungen zu werben – das Asien-Referat der FES nimmt dieses Anliegen auf und wird in den nächsten Jahren eine regionale Plattform zur Vertiefung der Debatten aufbauen. Dabei soll es auch darum gehen, den Erfahrungsaustausch zwischen den Akteur_innen zu fördern und gemeinsame Strategien zur Allianzbildung und zur Entwicklung von feministischen Narrativen zu erarbeiten.

 

Autor: Philipp Kauppert, FES Pakistan
Ansprechpartnerin für die Themen Gender/Feminismus in Asien: Adrienne Woltersdorf, Regionalbüro Asien

 

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Gute Laune bei „Love: Personal? Political?“ Foto: István Fazekas

Von Liebe, Neoliberalismus und Feminismus

Das regionale Genderprojekt „Gendergerechtigkeit in Ostmitteleuropa“ der Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitet zu geschlechterpolitischen Themen, die die Menschen vor Ort miteinander ins Gespräch bringen und gleichstellungspolitische Beratung ermöglichen. Auf zwei spannende Projekte wollen wir zurückblicken.

Liebe und Politik

Wie politisch ist die Liebe? – so lautete die zentrale Fragestellung des öffentlichen Dialogforums „Love: Personal? Political?“ im Oktober 2015 in Budapest. Und wie verändern die Art und Weise, wie wir über Liebe reden, unsere Gesellschaft und unsere Genderverhältnisse? Das Thema „Liebe“ ist ein wesentlicher Aspekt von Geschlechtergerechtigkeit und die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen wirken sich in vielerlei Hinsicht darauf aus, wie Liebe sich entfalten kann. Seit 2014 organisiert das Genderprojekt der FES Dialogforen, um Menschen aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft in Kontakt zu bringen und nach gemeinsamen Grundlagen zu suchen, auf deren Basis Geschlechtergerechtigkeit vielfältig diskutiert werden kann. Hier zeigt sich immer wieder sehr deutlich die ideologische Heterogenität der Teilnehmenden – so war es auch beim Thema „Liebe“.

Gergely Szilvay, Journalist und PhD-Student, befasste sich im Rahmen von „Love: Personal? Political?“ mit dem Verhältnis von Konservatismus und Geschlechtergerechtigkeit. Foto: István Fazekas

 

Gegenstand der Diskussion waren einerseits die kritische Auseinandersetzung mit dem neoliberalen Wirtschaftssystem, das auf Individualität und Konsum basiert und unsere Vorstellungen von Liebe manipuliert, andererseits das Konzept von „ewigen Männern und Frauen“ als Stereotype ohne Bezug zu Genderaspekten sowie die psychologischen Voraussetzungen einer erfüllten Liebe. Das Fazit lautete: Bemühungen, gemeinsame Formulierungen zu finden, und eine konstruktive Debatte über Liebe zeigen ein transformatives und emanzipatorisches Potenzial auf – auch für unser Miteinander. Die redigierten Fassungen der Vorträge wurden in einem Online-Buch auch auf Englisch veröffentlicht.

 

Neoliberalismus und Feminismus

Die Kritik am Neoliberalismus und die Diskussion von Alternativen vernachlässigen konsequent Aspekte des Feminismus und der feministischen Ökonomie. Diese Diskussion wird in Europa meist „genderblind“ geführt. Die Grundthese der Arbeitslinie aus dem Genderprojekt der FES in Ostmitteleuropa zum Thema „Neoliberalismus und Feminismus“ lautete daher: Ohne Feminismus kann es kein sozial gerechtes Europa geben. Seit dem Frühjahr 2015 befasst sich das Genderprojekt intensiv mit dem Zusammenhang von Neoliberalismus(-Kritik) und Feminismus und bringt Aktivist_innen und Wissenschaftler_innen aus Estland, Litauen, Polen, der Slowakei, Tschechien und Ungarn zusammen, die aus ihrem besonderen regionalen Blickwinkel diskutieren.

Die Zusammenhänge stellen sich in Ostmitteleuropa teilweise anders dar als in Westeuropa, galt es in Ostmitteleuropa lange, kritiklos zu akzeptieren, dass die demokratische Transformation zwangsläufig mit der neoliberalen Variante des Kapitalismus verbunden sei. Wer also das Übel im neuen Wirtschaftssystem kritisch zu analysieren versuchte, galt schnell als rückwärtsgewandt, sozialistisch und undemokratisch. Das betraf auch die feministische Bewegung, die sich daraufhin mit ihren Anliegen „anpasste“. So wird die Diskussion über „Equality pays off“ und Work-Life-Balance (der Mittelklasse) – um zwei Beispiele zu nennen – häufig geführt, ohne zu problematisieren, dass die strukturellen Ungleichheiten auch durch die Wirtschaftsordnung befördert werden. Um Perspektiven aus Ostmitteleuropa darzulegen, wurden mit den Expert_innen sowohl Ansätze der feministischen Kritik am Neoliberalismus diskutiert als auch Kritik der neoliberal angehauchten Feminismen der Region. Die Beiträge der Teilnehmer_innen sind auf der Seite www.fesbp.hu/gender zu finden.

 

Autorin: Eszter Kováts, Projektleiterin Gendergerechtigkeit in Ostmitteleuropa

 

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