Der Terminus Globalisierung weist auf mehrere Entwicklungen:
·
voranschreitende „weltweite“ Integration der
Märkte für Güter- und Dienstleistungen im Zuge des Abbaus einstiger
- künstlicher und natürlicher - Handelshemmnisse
·
länderübergreifende – letztendlich globale
– Organisation von Produktionsprozessen durch transnationale Unternehmen
oder Unternehmensverbünde (global sourcing)
·
als Folge von beiden: zunehmende Integration
der Arbeitsmärkte in dem Sinne, dass für immer größere Teilbereiche
das Gesetz des einen Preises gilt
·
nahezu abgeschlossene weltweite Integration
der Finanzmärkte
·
Zunahme grenzüberschreitender Informationsflüsse
·
zunehmende Wahrnehmung (ob richtig oder falsch),
dass wichtige Probleme globalen Charakters sind und supranationale
Lösungen erfordern (Paradebeispiel: Klimaproblematik).
Alle diese Aspekte lassen
sich auf den gemeinsamen Nenner bringen „tatsächlicher und perzipierter
Bedeutungsverlust nationalstaatlicher Grenzen“. Diese „Entgrenzung“
wird sowohl als „naturwüchsiger“ Vorgang als auch als politisches
Projekt wahrgenommen und diskutiert.
MEHR MARKT, WENIGER MARKTORDNUNG
Mehr Markt, mehr Wohlstand
Wenn nationale Grenzen
an Bedeutung verlieren, werden gesellschaftliche Ordnungen im Innern
von Nationalstaaten in verstärktem Maße dem Einwirken äußerer, national
nicht direkt kontrollierbarer Kräfte ausgesetzt. Die bei weitem wichtigste
global wirkende Kraft, auf die der Terminus „Globalisierung“ abhebt,
ist der Markt – das „Spiel“ von Angebot und Nachfrage. Daran knüpfen
sich unterschiedliche Erwartungen. Die Überzeugung, dass der Markt
eine segensreiche, wohlfahrtserhöhende Einrichtung ist, führt zu einer
prinzipiell positiven Bewertung der Globalisierung: freiere – weil
nicht mehr national segmentierte – Märkte erhöhen weltweit die Produktionseffizienz
und den Konsumentennutzen. Dies ist das zentrale Credo jener,
die das „neoliberale Globalisierungsprojekt“ betreiben.
Die Gefahren ungeregelter Märkte
Die Überzeugung, dass
Märkte nur dann ihre segensreiche Wirkung entfalten, wenn sie in ein
angemessenes Regelwerk eingebettet sind, lässt eine Befürchtung in
den Vordergrund treten: Globalisierung kehrt inhärente Tendenzen des
Marktes zu wohlfahrtsmindernden Verzerrungen (zyklische Übertreibungen,
Stärkung der Spekulation zu Lasten der Produktion, Missbrauch) hervor.
Diese Sorge ist besonders ausgeprägt hinsichtlich der Finanzmärkte.
In einem anderen Zusammenhang sieht Hartmut Elsenhans die Globalisierung
als Wachstumsblockade (IPG1/2001).
Wie unbeaufsichtigte
Märkte die Kriminalität begünstigen, legt eindrucksvoll das
Buch The
Illicit Global Economy and State Power dar (besprochen
in IPG 2/2001).
MARKTCHANCEN UND KONKURRENZDRUCK
Wie viel der einzelne
Marktteilnehmer von dem „gesellschaftlichen“ Wohlstand abbekommt,
den das Wirken des Marktes hervorbringt, hängt von seinen Marktchancen
ab. Diese aber werden im Zuge der Globalisierung neu verteilt. Es
mag zwar sein, dass alle günstiger einkaufen können, aber die
einen können sich und ihre Produkte besser verkaufen, für andere
verschlechtern sich die Marktchancen. Aber auch den unmittelbaren
Verlierern bleibt evtl. die Möglichkeit, in andere, günstigere Marktsegmente
auszuweichen. Immerhin verstärkt die Globalisierung den Anpassungsdruck.
Marktchancen verändern
sich dadurch, dass neue Anbieter und neue Angebote auf den Märkten
auftreten. Sie können den Preis drücken oder die alten Anbieter –
wenn diese sich nicht anpassen (können) – ganz vom Markt verdrängen.
Kartelle, die in geschlossenen Märkten funktionierten, werden von
den neuen Anbietern aufgebrochen. Regeln zum Schutz bestimmter Produzentengruppen
werden unterlaufen. Globalisierung wirkt in diese Richtung. Sie bricht
abgeschottete Märkte auf und setzt deren Anbieter unter Druck (zugunsten
der Käufer?). Aber gleichzeitig geht jener Innovationsprozess weiter,
der von jeher immer neue von der Konkurrenz relativ abgeschirmte Marktsegmente
geschaffen hat. Darin liegt eine prinzipielle Ausweichchance für die
unmittelbaren Globalisierungsverlierer. Einen Überblick über die mit
all dem verbundenen Fragen bieten Michael
Dauderstädt: Weder populäre Globalisierung noch globaler Populismus
(Reihe Globalisierung und Gerechtigkeit, Juli 2000) und Alfred
Pfaller Wirtschaftliche Globalisierung: Was bringt sie für Deutschland?
Versuch, einen diffusen Diskurs zu strukturieren, (Reihe
Globalisierung und Gerechtigkeit, April 2001). Siehe auch die Besprechung
von Dani
Rodrik: Grenzen der Globalisierung in IPG 1/2002.
GEWINNER UND VERLIERER:
DIE PERSPEKTIVE DER UNTERNEHMEN
Unternehmen, die besser
in der Lage sind als ihre Konkurrenten, in neu sich öffnende Absatzmärkte
vorzustoßen und/oder neue Beschaffungsmärkte anzuzapfen, werden durch
die Globalisierung gestärkt. Sie profitieren von niedrigeren Kosten,
höheren Skalenerträgen und verbesserten Möglichkeiten, auf Marktstörungen
zu reagieren. Unternehmen, die die Globalisierung auf der Absatz-
und der Beschaffungsseite nicht mitmachen, können so weit ins Hintertreffen
geraten, dass sie vom Markt verschwinden. Sie werden zu Globalisierungsverlierern.
Aber sind die Unternehmen, die es geschafft haben, transnational zu
werden und so im globalen Konkurrenzkampf zu überleben, die Gewinner?
Dies hängt davon ab, wie weit sie sich unter den neuen Marktbedingungen
– an die sie sich erfolgreich angepasst haben - gegenseitig weiterhin
Konkurrenz machen. Sollte dies der Fall sein, dann sind die „letztendlichen“
Gewinner nicht die transnationalen Unternehmen, sondern die Konsumenten,
an die sie ihre Kostenvorteile weitergeben müssen. Das trifft aber
wiederum nur auf diejenigen Konsumenten zu, die nicht selbst als Produzenten
unter erhöhten Konkurrenzdruck geraten.
GEWINNER UND VERLIERER:
DIE PERSPEKTIVE DER ARBEITNEHMER
Lohnkonkurrenz?
Die Globalisierung erhöht
die grenzüberschreitende Konkurrenz auf den Arbeitsmärkten.
Die einen geraten dabei unter Druck, ihre Forderungen nach Entlohnung,
Arbeitsbedingungen und Zusatzleistungen abzusenken. Für andere, die
schon bis dato billig genug waren, ergeben sich neue Beschäftigungschancen.
Die Verlierer finden sich tendenziell in den Hochlohnländern des „Nordens“.
Aber ihre Konkurrenten im „Süden“ drücken sich selbst gegenseitig
die Löhne. Gehören also tendenziell alle Arbeitnehmer zu den Globalisierungsverlierern?
Das hängt von der Art und Weise ab, wie die „südlichen“ Arbeitsmärkte
politisch gestaltet werden, argumentiert Hartmut Elsenhans in der
IPG 1/2001 (Globalisierung
als Wachstumsblockade).
Niedriglohnkonkurrenz
spielt bislang nur in einigen Arbeitsmarktsegmenten eine Rolle.
Wer nicht unter verstärkten Druck gerät (Beamte, Rechtsanwälte, Entertainer
u.a.) ist Globalisierungsgewinner, weil für ihn Vieles billiger wird.
Wenn Arbeitnehmer, die unter Konkurrenzdruck geraten, generell in
andere Bereiche überwechseln könnten, wo sie trotz hoher Löhne dem
Druck standhalten können, würden alle zu Globalisierungsgewinnern.
Ob es gelingt, hängt vor allem vom Wirtschaftswachstum ab.
Aber auch ohne Globalisierung ist Wachstum entscheidend für die Verhandlungsmacht
der Arbeitnehmer. Liegt also hier die Crux? In der 1/1998-Ausgabe
von INTERNATIONALE POLITIK UND GESELLSCHAFT präsentiert der Wiener
Ökonom Stefan Schulmeister eine Wachstums-zentrierte Alternativerklärung
für vermeintliche Globalisierungsprobleme (Der
polit-ökonomische Entwicklungszyklus der Nachkriegszeit. Vom Bündnis
Realkapital-Arbeit in der Prosperität zum Bündnis Realkapital-Finanzkapital
in der Krise). Siehe auch das IPA-„Politikinfo“ Sozialstaat
und Globalisierung sind vereinbar (auch in Englisch: The
welfare state and globalisation are compatible).
Produktionsprimat und Lebenswelt
Selbst wenn Anpassung
generell gelingt, kann verschärfter Anpassungsdruck ein Ausmaß erreichen,
das gesellschaftliche unerwünscht, ja schädlich, ist. Die Emanzipation
der „Lebenswelt“ von den Zwängen der Produktionssphäre gehörte
immer zu den Zielen und Errungenschaften der Arbeiterbewegung. Die
gesellschaftliche Reproduktion (Kinderaufzucht) gerät in Not,
wenn die Anforderungen des Marktes seine Freiräume einengen. Mitbetroffen
sind diejenigen Frauen, die trotz allem für Mutterschaft optieren.
Mit diesen Fragen befassen sich Elisabeth Stiefel in der 3/1998-Ausgabe
(Über
den Zwiespalt zwischen globaler Ökonomie und der simplen Sorge für
das Leben) und Alfred Pfaller (Social
Democracy in the Globalized Post-Industrial Society) in
der 2/2000-Ausgabe von IPG.
Globalisierung und Sozialstaat
Die These von der
Unterbietungskonkurrenz: All die Kosten, die den Unternehmen zur
Finanzierung nationaler Gemeinschaftsaufgaben sowie zum Schutz der
Arbeitnehmer, der Umwelt, etc. auferlegt werden, fallen dem verschärften
Konkurrenzkampf im globalen Markt zum Opfer. Diese These hat zwei
Varianten: (1) Billiganbieter aus der Dritten Welt oder Osteuropa
drücken die Standards; (2) die Wohlfahrtsstaaten des Nordens mit ihren
hohen Arbeitskosten, Steuern und Auflagen unterbieten sich mehr und
mehr gegenseitig. Die These wird z.B. von B.Benz / J.Boeck / E.-U.Huster
in der 1/2001-Ausgabe (Der
neue Sozialraum Europa), Michael Ehrke in der 1/2000-Ausgabe
(Germany:
United, Rich, Unhappy) und Fritz Scharpf in der 2/1997-Ausgabe
(Konsequenzen der Globalisierung für die nationale Politik)
sowie von Michael Ehrke in der Reihe Globalisierung und Gerechtigkeit
(Der
Dritte Weg und die europäische Sozialdemokratie vorgetragen.
Die Gegenthese:
(A) Die Hochlohnstandorte sind aufgrund ihrer Produktivitätsvorteile
den Billigstandorten überlegen. (B) Die Kosten von sozialer Sicherung,
Arbeitsschutz, Umweltschutz etc. fallen nicht notwendig bei den Unternehmen
an, sondern bei den Bürgern, und diese können politisch darüber
entscheiden, wie viel ihnen welches Anliegen wert ist.
Die zugehörigen Fragen
diskutiert Alfred Pfaller in IPG 2/2000 (Social
Democracy in the Globalized Post-Industrial Society),
in der Ausarbeitung Führt
internationale Konkurrenz zum Sozialabbau? Elf Argumentationsfiguren
(Reihe Globalisierung und Gerechtigkeit, Dezember 1999) und in dem
IPA-„Politikinfo“ Sozialstaat
und Globalisierung sind vereinbar (auch in Englisch: The
welfare state and globalistaion are compatible).Siehe auch
die Besprechung von Dani
Rodrik: Grenzen der Globalisierung in IPG 1/2002.
Wettbewerb der Systeme
Der Abbau von natürlichen
und künstlichen Barrieren gegen den globalen Fluss von Produkten,
Produktionsfaktoren und Information stört tendenziell die sozialen
„Biotope“, in denen sich typische nationale Produktionsstrukturen
herausgebildet haben. Dies zeigt sich z.B. beim Zusammenspiel von
Unternehmensführung, Anteilseignern, Banken, Belegschaften und Gebietskörperschaften
(dem System der „corporate governance“). In Ländern wie Deutschland
und Japan erwartet/fürchtet man, dass die Globalisierung der Finanzmärkte
den Aktionären viel mehr Einfluss als bislang verschafft – zu Lasten
der Arbeitnehmer. Franz Waldenberger untersucht diese Perspektive
in IPG 3/2000 (From
Corporatist to Market Capitalism? Japanese and German Systems of Corporate
Governance Facing a Changing Environment). Alfred Pfaller diskutiert
– mit zuversichtlichem Grundton – in einem IPA-„Politikinfo“ die sozialen
Konsequenzen (Wie
unsozial ist der Shareholder-Kapitalismus?).
Umfassender noch als
in der Debatte um den „Shareholder-Kapitalismus“ zum Ausdruck
kommt, stellt die Globalisierung (bzw. ihre politische Reflektion)
das „sozialdemokratische Gesellschaftsmodell“ auf den Prüfstand –
sowohl, was die zugrundeliegenden Gerechtigkeitsziele als auch was
die gangbaren Wege zu ihrer Erreichung betrifft. Zum Fokus dieser
Debatte ist das Modell des „Dritten Weges“ geworden. Siehe
hierzu Michael
Ehrke: Der Dritte Weg und die europäische Sozialdemokratie
(Reihe Globalisierung und Gerechtigkeit, November 1999,
M.Ehrke:
Globalization With a Human Face. Angelsächsische
Dokumente zum “Dritten Weg” (Reihe Globalisierung und
Gerechtigkeit, Februar 2000) sowie Thomas
Meyer: The Third Way at the Crossroads (IPG 3/1999).
GEWINNER UND VERLIERER: DIE REGIONALE PERSPEKTIVE
Ganze Regionen, evtl.
auch Länder, können durch die Globalisierung „marginalisiert“
werden, weil einerseits lokale Produzenten (Handwerker, Fischer, Bauern)
ihre Existenz verlieren, wenn die überlegene industrielle Konkurrenz
des „Nordens“ in ihre lokalen Märkte vordringt, andererseits die einheimischen
Produzenten keine Chance haben, im globalen Markt Fuß zu fassen und
lokale Industrie sich nicht entwickeln kann.
Dieser Perspektive steht
eine andere gegenüber: Die Globalisierung hat zur Folge, dass bislang
von der Weltwirtschaft und ihrer Dynamik abgehängte Randregionen (vor
allem in der Dritten Welt) nunmehr an ihr teilhaben können. Dies geschieht
dadurch, dass (a) die Produkte der Region – und damit auch die Produzenten
– Zugang zum Weltmarkt bekommen; (b) internationales Unternehmertum
das regionale Produktionspotential entwickelt. Der verstärkte Wettbewerbsdruck
des Weltmarktes kann zudem als "Effizienzpeitsche" wirken und bewusst
hierzu eingesetzt werden. Dies beschreibt Jürgen Kahl für den Fall
China in der 4/2001-Ausgabe von IPG (Großer
Sprung in die Globalisierung. China vor dem Beitritt in die WTO).
Die Chancen der Globalisierung,
die die zweite Perspektive benennt, wahrzunehmen, erfordert zweifellos
eine politische Anstrengung. Dies gilt aber eher noch mehr für die
Chancen der erstgenannten Perspektive. Für entwicklungsunfähige politische
Systeme stellt sich die Frage, ob die Stagnation der Abkopplung der
globalisierungsbedingten Marginalisierung vozuziehen ist.
Relevant ist hier auch
die konkrete Ausformung des Globalisierungsregimes im Hinblick auf
die von ihm belassenen entwicklungspolitischen Spielräume. Dies thematisiert
Lukas Menkhoff in IPG 4/2001 in Bezug auf Kapitalmakrt-Regime (Beteiligungsgerechtigkeit
für Entwicklungsländer in der internationalen Finanzordnung).
Das deutet auch auf die Frage, wer die politischen Weichen
stellt. Dies bringt die kontroverse Rolle jener internationalen Institutionen
(samt der dahinter stehenden Interessen) ins Blickfeld, die als die
Protagonisten des „neoliberalen Globalisierungsprojektes“ gelten.
Kritisch äußern sich hierzu Peter Wahl (Zwischen
Hegemonialinteressen, Global Governance und Demokratie. Zur Krise der WTO) und Howard Wachtel (World
Trade Order and the Beginning of the Decline of the Washington Consensus)
in IPG 3/2000.
GERECHTIGKEIT IN DER GLOBALISIERTEN WELT SICHERN
Die Dimensionen der Aufgabe
Befürchtungen, dass die
Globalisierung gesellschaftliche Gruppen oder auch ganze Völker signifikant
schlechter stellt bzw. in ihren Zukunftschancen benachteiligt, werfen
die Frage auf, was man dagegen tun kann. Die Antworten laufen teils
darauf hinaus, die Bedingungen zu schaffen/stärken, dass Globalisierung
ein Positiv-Summen-Spiel wird und möglichst alle zu Globalisierungsgewinnern
werden. Teils versuchen sie der Globalisierung dort Fesseln anzulegen,
wo sie Ungerechtigkeit hervorbringt.
Beides wird sowohl im
innergesellschaftlichen als auch im internationalen/interregionalen
Kontext angedacht. Politische Initiativen gehen in die Richtung,
·
gesamtwirtschaftlicher Gestaltungsmacht auf
supranationaler Ebene zu stärken;
·
dem Unterbietungswettbewerb durch internationale
Standards Grenzen zu setzen;
·
die Gestaltungsmacht des Nationalstaates gegenüber
Globalisierungstendenzen zu stärken;
·
innergesellschaftliche Verteilungsstrukturen
immuner gegenüber Globalisierung zu machen;
·
schwache Länder/Regionen „globalisierungstauglicher“
zu machen.
Aber auch eine grundsätzlich
andere Antwort steht im Raum: Globalisierung vernachlässigen (weil
unwichtig) und den eigentlichen Herausforderungen zuwenden!
Supranationale Koordinierung
Eine These besagt, Globalisierung
sei weltweit wohlfahrtsfördernd, wenn die Rahmenbedingungen hohes
Wirtschaftswachstum begünstigen. Den unmittelbaren Globalisierungsverlierern
böten sich dann hinreichend neue Einkommenschancen. Die Rahmenbedingungen
aber sind gefährdet, wenn eine länderübergreifende Instanz fehlt,
die die Kräfte des globalen Marktes angemessen steuern kann. Länderübergreifende
Steuerung samt den entsprechenden Instanzen wird deshalb angemahnt
für
·
die makroökonomische Politik, die wichtige
Parameter (z.B. das Zinsniveau) für das weltweite Wirtschaftswachstum
zu setzen habe;
·
das Wechselkursgefüge zwischen den großen
Währungen, das ebenfalls Wirtschaftswachstum bremsen oder stimulieren
könne;
·
die Regeln, denen sich grenzüberschreitende
Kreditbeziehungen und Kapitalanlage zu unterwerfen habe, um Finanzkrisen
zu vermeiden;
In diese Richtung argumentieren
z.B. Hartmut Elsenhans (Globalisierung
als Wachstumsblockade) in der 1/2001-Ausgabe von IPG,
Howard Wachtel (The
Tobin Tax as Fund for Financial Stability) in der 4/2001-Ausgabe,
Heiner Flassbeck (Wanted:
An Internatinal Exchange Rate Regime ) in der 3/2000-Ausgabe,
John Eatwell/Lance Taylor (Towards
an Effective Regulation of International Capital Markets)
und Stephany Griffith-Jones (A
New Financial Architecture for Reducing Risks and Severity of Crises)
in der 3/1999-Ausgabe, und Wolfgang Filc (Mehr
Wirtschaftswachstum durch gestaltete Finanzmärkte) in
der 1/1998-Ausgabe.
Internationale Standards gegen Unterbietungskonkurrenz
Das Plädoyer für - unterschiedlich
konzipierbare - internationale Standards fußt auf der Diagnose der
Unterbietungskonkurrenz, die sich bei völliger Freiheit der grenzüberschreitenden
Warenströme einstellt. Sie seien ein Mittel, (a) die Macht des (Sozial-)Staates
zur Garantie gesellschaftlich akzeptabler („gerechter“) Zustände gegen
globalisierungsbedingte Erosion abzusichern, (b) Druck auf Staaten
auszuüben, solche Zustände in ihrem Geltungsbereich herzustellen.
Hiergegen wird geltend gemacht, dass
·
derartige Standards nicht notwendig seien,
weil keine Unterbietungskonkurrenz drohe;
·
Standards schädlich seien, weil sie der Markteffizienz
und damit der globalen Wohlfahrtsmaximierung im Wege stünden;
·
Standards schädlich seien, weil sie unterprivilegierten
Anbietern (z.B. in der Dritten Welt) den Zugang zu den Märkten der
Privilegierten verwehrten und ihnen so die Chancen zur wirtschaftlichen
Besserstellung beschnitten.
INTERNATIONALE POLITIK
UND GESELLSCHAFT greift die Standard-Debatte in ihrer 3/1997-Ausgabe
(Ewald Nowotny: Ein Ordnungsrahmen für den globalen Wettbewerb)
und dem Themenschwerpunkt Kinderarbeit in ihrer 3/2001 auf
(Julia
Kuschnereit: Handelspolitik gegen Kinderarbeit? Die begrenzte Wirksamkeit
von Sozialklauseln, Shahid
Ashraf: Children Laborers Without Alternatives, Joachim
Betz: Die Fragwürdigkeit von Sozialsiegeln: Kinderarbeit im indischen
Teppichsektor, Reinahrd
Palm: Sozialsiegel und Verhaltenskodizes von Unternehmen).
Entglobalisierung
Ein Substitut für internationale
Standards ist die einseitige Unterbindung grenzüberschreitender Warenströme,
wenn diese nationale Verteilungsstrukturen bedrohen. Das Recht, dieses
zu tun, wird von den Industrieländern noch ausgiebig zum Schutz ihrer
Agrarproduzenten in Anspruch genommen. In anderen Bereichen wurde
es zugunsten freier weltweiter Märkte weitgehend preisgegeben. Aber
die Unzufriedenheit mit dieser gewollten Globalisierung wächst. Die
Forderung nach einer gewissen Entglobalisierung wird von weltweit
koordinierten Nichtregierungsorganisationen verstärkt in eine Debatte
eingebracht, in der dieser Punkt lange Zeit so gut wie tabuisiert
war. In der 3/2000-Ausgabe von INTERNATIONALE POLITIK UND GESELLSCHAFT
3/2000 nehmen Peter Wahl (Zwischen
Hegemonialinteressen, Global Governance und Demokratie. Zur
Krise der WTO)
und Howard Wachtel (World
Trade Order and the Beginning of the Decline of the Washington Consensus)
zu diesem Phänomen Stellung.
Mehr Gewicht hat der
Entglobalisierungs-Gedanke in der Debatte um die sogenannte „Neue
Internationale Finanzarchitektur“. Siehe hierzu das AIP-„Politikinfo“
Kapitalverkehrskontrollen
gegen Finanzkrisen?
Einen Überblick über
das heterogene Bündel von Forderungen, die unter dem Banner der "Entglobalisierung"
vorgetragen werden, findet sich in Michael
Ehrke: Was wollen die Globalisierungsgegner? (IPG 4/2001)
Die Frage der Macht: amerikanische Hegemonie?
Auf einer Ebene geht
der Globalisierungskurs um die Suche nach dem richtigen Umgang
mit den entgrenzten Märkten. Eine andere Ebene ist die der Macht,
das als richtig Angenommene zu tun. Supranationale Antworten erfordern
durchsetzungsfähige Mehrheiten. „Außenseiter“ können die von der Mehrheit
gewollten Lösungen unterlaufen. Aber man kann sie auch unter internationalen
politischen Druck setzen – wenn der Wille da ist. Der entscheidende
Wille wird vielfach bei den USA, der „G-1“, verortet. Siehe hierzu
das in IPG 2/2001 besprochene Buch The
Illicit Global Economy and State Power. Insofern ist die
Frontstellung „Markt vs. Staatsmacht“ vielleicht irreführend und Globalisierung
müsste als Ausfluss und Mittel der US-amerikanischen Hegemonie gedeutet
werden. Auch für die Option einseitiger
Wiedereinführung von Grenzkontrollen stellt sich dann eine ernsthafte
Machtfrage. Das in der realen Globalisierung zum Ausdruck kommende
Machtgefälle ist ein wesentliches Motiv der sog. Globalisierungsgegner
(siehe hierzu Michael
Ehrke: Was wollen die Globalisierungsgegner? In IPG 4/2001).
Umbau des Sozialstaates
Ohne an internationale
Machtfragen zu rühren, kann man versuchen, innergesellschaftliche
Gerechtigkeitsstandards dadurch zu schützen, dass man sie sozusagen
auf globalisierungsfestere Beine stellt. Ein Weg, dies zu tun, ist,
die Finanzierung der sozialen Sicherung und der Solidarität mit den
sozial Schwächeren von der Frage der Arbeitskosten zu entkoppeln.
Siehe hierzu Alfred
Pfaller: Social Democracy in the Globalized Post-Industrial Society
(IPG 2/2000) und das IPA-„Politikinfo“ Sozialstaat
und Globalisierung sind vereinbar (auch in Englisch: The
welfare state and globalisation are compatible).
Ein anderer Ansatz ist
es, konkurrenzbedrohte Arbeitnehmer in die Lage zu versetzen (und
zu motivieren), neue Möglichkeiten, die der Arbeitsmarkt bietet, wahrzunehmen.
Dies spielt eine große Rolle im sogenannten „Dritte Weg“, der freilich
auch andere – von vielen nicht geteilte – Gerechtigkeitsstandards
postuliert. Siehe hierzu Michael
Ehrke: Der Dritte Weg und die europäische Sozialdemokratie
(Reihe Globalisierung und Gerechtigkeit, November 1999, M.Ehrke:
Globalization With a Human Face. Angelsächsische
Dokumente zum “Dritten Weg” (Reihe Globalisierung und
Gerechtigkeit, Februar 2000) sowie Thomas
Meyer: The Third Way at the Crossroads (IPG 3/1999).
Entwicklungspolitik für schwache Länder/Regionen
Internationale Solidarität und ihre
Grenzen
Globalisierung bietet
unterentwickelten Ländern/Regionen neue Marktchancen, bedroht sie
aber auch mit Marginalisierung und verstärkter sozialer Polarisierung
im Innern. Vieles deutet darauf hin, dass die betroffenen Ländern
überfordert sind mit der Aufgabe, die Chancen wahrzunehmen und die
Bedrohung abzuwenden. Gerechtigkeitsprinzipien legen es nahe, ihnen
zu helfen. Zusätzlich zu solchen Prinzipien wurde von jeher ein Eigeninteresse
der reichen Länder am Wohlergehen der armen geltend gemacht – und
bezweifelt. Mit zunehmender „Entgrenzung“ der Welt tritt dieses Eigeninteresse
klarer zutage. Dem fügen Alfred Pfaller und Lothar Witte in der 1/2002-Ausgabe
von IPG eine neue Dimension hinzu (Wie
sichern wir unsere Renten? Plädoyer für eine globale Strategie).
Ungeklärt bleibt aber
die Frage, wie man andere Länder – mit ihren gesellschaftlichen
und politischen Systemschwächen – „weltmarkttauglicher“ machen kann.
Die Radikallösung nach deutschem Vereinigungsmuster (Einbeziehung
in das Transfersystem eines reichen „Mutterlandes“) ist utopisch.
Einen kleinen Schritt in diese Richtung hat allerdings die EU getan,
die sich um ihre innere Kohäsion sorgen muss. (siehe Fokus
Europäische Einigung / Europäische Sozialunion).
Insgesamt ist in der
Welt der souveränen Nationalstaaten für wirksame globale Solidarität
wenig Platz. Dies gilt für alle drei großen Solidaritätsmechanismen: