Die
deutsch-französischen Beziehungen:
Ehekrach oder Scheidung? | 1. Teil
« Ehekrach oder Scheidung » - unter diesem Titel veranstaltete die
Friedrich-Ebert-Stiftung gemeinsam mit den beiden französischen Organisationen
Europartenaires und Témoin am 1. Juli 1997 ein ganztägiges Kolloquium über den Stand
der deutsch-französischen Beziehungen. Die jüngsten Turbulenzen um den Stabilitätspakt
und der Fehlschlag der EU-Reform gaben der Veranstaltung höchste Aktualität.
Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Publizistik diskutierten
Schwierigkeiten und Perspektiven eines Paares, das nach Überzeugung aller Teilnehmer die
wichtigste bilaterale Verbindung Europas ist und bleiben wird.
I. Einleitung
Elisabeth Guigou, französische Justizministerin:
Einmal mehr befindet sich der europäische Einigungsprozeß in einer schwierigen
Übergangsphase, und einmal mehr hängt die weitere Entwicklung von Deutschland und
Frankreich ab. Wichtige Weichenstellungen stehen in den Bereichen Verteidigung und
Wirtschaft an: Ohne eine europäische Verteidigungsidentität kann es kein Gegengewicht zu
den USA als der einzig verbliebenen Supermacht geben. Europa soll sich nicht gegen die
Vereinigten Staaten stellen, es muß aber innerhalb einer erneuerten Atlantischen Allianz
seine eigene Rolle und Autonomie finden. Gleichzeitig müssen die Europäer lernen, in der
Wirtschaftspolitik zusammenzuarbeiten. Ohne regelmäßige Absprachen wird Europa nicht in
der Lage sein, für dauerhaftes Wachstum zu sorgen und die Arbeitslosigkeit wirksam zu
bekämpfen. Weitere Herausforderungen stellen sich im Bereich der inneren Sicherheit.
Diese Aufgabenflut läßt sich nur bewältigen, wenn es gelingt, die europäischen
Institutionen effektiver und demokratischer zu gestalten. Ohne eine wirkliche Reform wird
die Union durch die Aufnahme neuer Mitglieder unweigerlich zu einer riesigen
Freihandelszone verkümmern. Gleichzeitig kann Europa nicht nur aus Verträgen und
Regierungsabkommen bestehen, sondern braucht die Mitwirkung seiner Bürger. Das
europäische Einigungswerk kann deshalb nur gelingen, wenn sich die Zivilgesellschaft
aktiv daran beteiligt.
Herta Däubler-Gmelin, justizpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion:
Europa und die deutsch-französischen Beziehungen sind nicht nur eine Angelegenheit des
Verstands, sondern auch der Emotionen. Europa ist, um mit Carlo Schmid zu sprechen,
« unsere Hoffnung und zugleich unsere realistische Zukunft ». Das
deutsch-französische Paar bildet das schlagende Herz dieser europäischen Realität.
Dieses Herz funktioniert im Alltag und zwischen den Menschen auch dann, wenn die
Atmosphäre zwischen den Regierungen einmal getrübt ist.
Dennoch hat der jüngste deutsch-französische Streit um den Stabilitätspakt gezeigt,
daß auf beiden Seiten immer wieder die altbekannten Zweifel und Fragen über den anderen
auftauchen, sobald die Standpunkte auseinandergehen. Dies ist ebenso unbefriedigend wie
unnötig. Abhilfe kann nur eine kontinuierliche Vertiefung des Dialogs schaffen.
Ansatzpunkte gibt es genug: Die gemeinsamen Arbeitsgruppen, wie sie zwischen PS und SPD
bereits bestehen, könnten auf andere Bereiche ausgedehnt werden. Die Zusammenarbeit
zwischen den gesellschaftlichen Akteuren und den Sozialpartnern ließe sich vertiefen.
Auch ein zweiter Elysée-Vertrag könnte neue Impulse geben.
Die deutsch-französischen Beziehungen dürfen keinen exklusiven Charakter haben.
Dennoch spielen beide Länder in Europa eine entscheidende Rolle, und entsprechend groß
ist ihre Verantwortung: « Frankreich und Deutschland haben den Weg zu einer dritten
Großmacht nicht mehr vor sich. Sie haben aber gemeinsam die Möglichkeit, etwas Großes
aus Europa zu machen. »
Laurent Fabius, Präsident der Assemblée Nationale:
Das deutsch-französische Paar bildet aus geographischen, historischen und
wirtschaftlichen Gründen die wichtigste bilaterale Verbindung Europas. Seine
Einzigartigkeit liegt aber vor allem in der gemeinsamen politischen Überzeugung, daß man
zunächst zu zweit Positionen erarbeiten muß, die dann als Grundlage für die Diskussion
mit den anderen europäischen Partnern dienen. Das deutsch-französische Verhältnis ist
für beide Partner kein Selbstzweck, sondern der entscheidende Zugang zum europäischen
Einigungsprozeß.
Das deutsch-französische Verhältnis hat seit dem Krieg verschiedene Phasen durchlebt,
die maßgeblich von den internationalen Rahmenbedingungen bestimmt waren. Mit der
Unterzeichnung des Elysée-Vertrages kam zur Aussöhnung der fünfziger Jahre die
Zusammenarbeit. Obwohl beide Länder in der Verteidigungs-, Wirtschafts- und Finanzpolitik
höchst unterschiedliche Wege gingen, bildeten sie 30 Jahre lang gemeinsam und erfolgreich
den Motor der europäischen Einigung.
Dann kam der Fall der Mauer und die deutsche Vereinigung. Anfangs waren das
Einvernehmen und die persönlichen Beziehungen zwischen den Verantwortlichen stabil genug,
um den Veränderungen standzuhalten. Gemeinsam gaben Bonn und Paris der europäischen
Einigung 1990 jenen Schwung, der zur Gründung der Europäischen Union führte und das Tor
zur gemeinsamen Währung aufstieß.
Schließlich stellten sich aber doch Zweifel und Mißverständnisse ein: 1996 sorgte
die französische Armeereform für Irritationen in der Verteidigungspolitik, dieses Jahr
zeigten sich Differenzen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Nur unter größten
Schwierigkeiten konnte der sozialpolitische Teil des Stabilitätspakts ausgehandelt
werden. In Poitiers geriet der deutsch-französische Motor ins Stottern, und prompt
stockte in Amsterdam der gesamte europäische Einigungsprozeß.
Dieses Phänomen hat mehrere Ursachen: Zunächst haben die weltpolitischen Umbrüche
von 1989/90 das Gleichgewicht zwischen beiden Ländern zerstört. Frankreichs nuklearer
Status hat an Bedeutung verloren, gleichzeitig hat Deutschland die Beschränkungen des
Kalten Krieges hinter sich gelassen. Die Bundesrepublik ist ein « normales »
Land geworden: Sie hat Stärken wie Schwächen und sieht keinen Grund mehr, sich politisch
anders zu verhalten als andere europäische Staaten. Die nationalen Interessen
Deutschlands gehen heute nicht mehr wie selbstverständlich in Europa und der NATO auf.
Diese Entwicklungen genügten bereits, um die deutsch-französischen Beziehungen zu
verkomplizieren. Hinzu kamen in den letzten Jahren mehrfach mangelnde Abstimmung und
diplomatisches Ungeschick. Und schließlich haben Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit
Zweifel am Sinn und Zweck der europäischen Einigung geweckt, die auch das
deutsch-französische Verhältnis belasten.
Die Verbundenheit zwischen beiden Völkern kann eine klare Vorstellung von der Zukunft
Europas nicht ersetzen. « Wir sind überzeugte Europäer, aber keine
Fetischisten. » Frankreich ist für die fristgerechte Einführung der gemeinsamen
Währung, will aber über einem « Dezimalstellen-Fetischismus » die
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit nicht vergessen. Ebenso ist Frankreich für die
Erweiterung der Union, aber nur unter der Bedingung, daß die bestehenden Institutionen
zuvor wirklich reformiert werden. Schließlich bleibt die Frage, wie sich das europäische
Wirtschafts- und Sozialmodell in Zeiten der Globalisierung behaupten will. Hier geht es um
die Grundlagen Europas, und ausgerechnet hier sind die deutsch-französischen Divergenzen
am größten.
Die Folgen dieser Disharmonie wiegen schwer: Auf beiden Seiten geht das Vertrauen
verloren, es fehlt an einer gemeinsame Strategie zur Krisenbekämpfung, Zweifel am Sinn
einer privilegierten Partnerschaft kommen auf. Jedermann kann die Konsequenzen dieser
Malaise sehen: Die europäische Einigung kommt nicht vom Fleck, die Europäisierung der
NATO läßt auf sich warten, Europa bleibt in der Welt ohne Stimme. Das
deutsch-französische Paar braucht deshalb neuen Schwung. Dazu ist eine Kombination aus
symbolischen und konkreten Maßnahmen nötig:
- In den Bereichen Telekommunikation, Banken, Rüstungsindustrie, Transport und
Atomenergie müssen deutsch-französische Unternehmensgruppen entstehen. Diese können in
Forschung und Industrie die Ressourcen bündeln und als Vorläufer europäischer
Konsortien dienen.
- Das Verständnis zwischen Deutschen und Franzosen muß vertieft werden. Erziehung und
Kultur kommt dabei eine Schlüsselstellung zu. Die Austauschprogramme müssen ausgeweitet
werden; in Strasbourg könnte eine deutsch-französische Universität entstehen; der
Erfolg des Fernsehsenders « Arte » ließe sich als Vorbild für gemeinsame
Projekte im Verlagswesen oder im Kino nehmen.
- Je enger sich beide Länder verbinden, desto wichtiger wird eine gemeinsame
Verteidigung. Die Abstimmung beider Länder in ihrer NATO- und Europapolitik ist
Voraussetzung für eine europäische Verteidigungsidentität. « Ohne eine
europäische Perspektive bleibt nur der Atlantizismus. »
- Frankreich und Deutschland müssen schließlich den politischen Willen wiederfinden,
gemeinsam voranzugehen. Dazu muß auch zwischen den Spitzen gegenseitiger Respekt und
Dialogbereitschaft wieder einkehren. Unter anderem sollten Bundeskanzler Kohl vor der
Assemblée Nationale und Premierminister Jospin vor dem Bundestag sprechen, um ihre
Positionen zu erklären.
Deutsche und Franzosen müssen verstehen, daß ihre Zukunft in einem pragmatischen
Miteinander liegt. « Das was uns zu zweit schwerfällt, kann keiner für sich
alleine bewältigen. [...] Die deutsch-französischen Beziehungen werden nicht von
Gefühlen diktiert, dennoch sind sie mangels gegenseitiger Liebesbeweise in vielerlei
Hinsicht zum Ritual verkümmert. [...] Deutschland und Frankreich haben jeweils das
Europa, das sie verdienen. Was sie deshalb vor allem brauchen, ist Klarheit über ihre
eigenen und ihre gemeinsamen europäischen Ambitionen. »
- Zitat:
« Die Verbundenheit zwischen beiden Völkern kann eine klare Vorstellung von der
Zukunft Europas nicht ersetzen.
II. Außen- und Sicherheitspolitik
François Heisbourg, Präsident des französischen Komitees des IISS/London:
Während des Kalten Krieges basierten die deutsch-französischen Beziehungen auf einem
« Gleichgewicht der Ungleichgewichte » (Stanley Hoffman): Deutschland brachte
seine wirtschaftliche Kraft ein, Frankreich sein politisch-militärisches Gewicht. Die
Deutsche Mark und die französische Atombombe ergänzten sich. Wie bei einem
traditionellen Ehepaar ging der Vater arbeiten, die Mutter versorgte den Haushalt. Mit dem
Ende des Kalten Krieges ging dieses Gleichgewicht und damit auch die klassische
Arbeitsteilung des Paares verloren. Mittlerweile sind - um im Bild zu bleiben - beide
Partner berufstätig und kümmern sich gemeinsam um den Haushalt.
« Der Fall der Mauer und die deutsche Vereinigung haben das Gleichgewicht der
Kräfte zwischen Frankreich und Deutschland zerstört .» Die Emanzipation des einen
Partners und der Statusverlust des anderen schufen zwangsläufig Probleme. In der
Verteidigungspolitik traten vor allem mit der französischen Armeereform handfeste
Divergenzen zutage. Frankreich geht zur Berufsarmee über und setzt ganz auf die
Fähigkeit zur Machtprojektion. Deutschland dagegen hält an der Wehrpflicht und der
Territorialverteidigung fest. Gleichzeitig stellte Paris angesichts knapper
Haushaltsmittel gemeinsame Rüstungsprogramme in Frage. Mangelnde Absprache verschlimmerte
die Wirkung der inhaltlichen Differenzen noch.
Heute bietet nicht zuletzt der Regierungswechsel in Paris eine Chance zum Neuanfang.
Frankreich ist dabei, sein Verhältnis zur NATO neu zu bestimmen. Es hält die bisherigen
Reformmaßnahmen für nicht ausreichend und bleibt deshalb zunächst außerhalb der
militärischen Integration. Dennoch haben die Europäer ein gemeinsames Interesse daran,
die bisherigen Ergebnisse des NATO-Reformprozesses zu erhalten. Es ist daher wichtig, daß
die europäischen Partner Frankreich dabei unterstützen, seine Verbindungen zur
integrierten Struktur sinnvoll zu organisieren, und gleichzeitig gemeinsam mit Frankreich
auf eine weiterreichende Europäisierung der NATO hin wirken. Dazu müssen vor allem
Deutsche und Franzosen zusammenarbeiten und die existierenden Konsultationsmechanismen
effektiv nutzen. Nur so kann es gelingen, den USA begreiflich zu machen, daß die
Atlantische Allianz auf zwei gleichberechtigten Säulen ruhen muß.
- Zitat:
« Nach den Irritationen des letzten Jahres bietet der Regierungswechsel in
Frankreich die Chance zum Neuanfang. »
Joseph Joffe, Süddeutsche Zeitung:
Seit dem Fall der Mauer haben sich die Struktur und die Machtverteilung in den
deutsch-französischen Beziehungen radikal verändert. Deutschland hat seine staatliche
Einheit wieder erhalten, ist erstmals in seiner Geschichte militärisch unbedroht und hat
den Respekt der internationalen Staatenwelt wiedererlangt. Die damit verbundene
Gewichtsverschiebung innerhalb des deutsch-französischen Paares stellten die gemeinsame
« Ehe » auf eine erhebliche Belastungsprobe. Was die « Eheleute »
heute überhaupt noch zusammenhält, ist vor allem die gemeinsame Angst, daß ihre
« Scheidung » das Überleben ihres wichtigsten « Kindes », der
europäischen Integration, gefährden würde.
Wie weit die europäische Integration voranschreitet, hängt vor allem von Deutschen
und Franzosen ab. Die Einführung des Euros wird gleichzeitig Höhe- und Endpunkt dieser
Integration sein: Nach der Integration der Märkte, des Geldes und der Fiskalpolitik wäre
der nächste Schritt die Verschmelzung der politischen Souveränitäten. Dies will jedoch
letztlich niemand. « Es wird in Zukunft zwar das Europa der Integration und
vielleicht auch ein Europa des Herzens geben, es wird aber ein Europa der Staaten
bleiben. » Dadurch werden auch die Spannungsfelder zwischen Deutschland und
Frankreich, etwa in der Wirtschafts- der Außenhandels- und der Sicherheitspolitik,
weiterbestehen. Elemente der Kooperation und Konkurrenz werden nebeneinander existieren.
Da beide Partner gleich stark sind, ergibt sich eine instabile Konstellation, in der die
« political terms of trade » jeden Tag neu ausgehandelt werden müssen.
- Zitat:
« Niemand will die Verschmelzung der politischen Souveränitäten. »
Pierre Lellouche, Abgeordneter der gaullistischen RPR:
Der Fall der Mauer hat die Rahmenbedingungen der deutsch-französischen Beziehungen
völlig verändert. Der Liberalismus ist das einzig verbliebene Wirtschaftsmodell,
Atomwaffen haben ihre überragende Bedeutung verloren, die USA sind die alleinige, alles
überragende Supermacht. Gleichzeitig muß Europa politisch neu organisiert werden. Die
Hauptakteure stehen dabei vor sehr unterschiedlichen Ausgangsbedingungen: Rußland ist
instabil, zugleich aber militärisch stark, Deutschland stellt wieder die wichtigste
europäische Macht dar, Großbritannien und Frankreich können dieses Deutschland nur
bedingt ausbalancieren, und die USA wollen ihr Engagement in Europa nicht einfach
weiterführen.
In diesem Umfeld wird das deutsch-französische Paar von essentieller Bedeutung
bleiben: Paris und Bonn tragen gemeinsam herausragende Verantwortung für den Frieden und
die politische Stabilität auf dem Kontinent, aber auch für die wirtschaftliche
Konkurrenzfähigkeit Europas in einer globalisierten Welt. Allerdings wird man sich die
Frage stellen müssen, wer im deutsch-französischen Paar künftig den Ton angibt.
« Wird es im gemeinsamen Flugzeug künftig ein oder zwei Piloten geben?» Erschwert
wird die Verständigung durch eine Vielzahl kultureller Unterschiede: Auf der
Regierungskonferenz zu Maastricht II konnten Deutsche und Franzosen trotz intensiver
Abstimmung keine Reform der Institutionen durchsetzen, weil sie letztlich selbst
unterschiedliche Visionen mit diesen Institutionen verbanden. In der Finanzpolitik werden
über die Einführung des Euros hinaus die unterschiedlichen Philosophien fortbestehen.
Gleichzeitig besteht in Bonn wie in Paris « eine beunruhigende Unfähigkeit, die
wirklichen Probleme offen auf den Tisch zu legen und anzugehen ». In der
Verteidigungspolitik bleibt die NATO-Reform ebenso unvollendet wie die längst
überfällige Umstrukturierung der europäischen Rüstungsindustrien. Die Kohabitation in
Frankreich wird die Dinge nicht einfacher machen. Es ist daher fraglich, ob es gelingt,
die anstehenden Probleme schnell genug zu lösen.
- Zitat:
« Wird es im deutsch-französischen Flugzeug künftig ein oder zwei Piloten geben?»
Paul Quilès, Vorsitzender des verteidigungspolitischen Ausschusses der
Assemblée Nationale
« Seit sich Deutschland und Frankreich für die europäische Einigung entschieden
haben, bleibt uns keine Wahl mehr: Wir müssen uns verständigen. » Die Außen- und
Sicherheitspolitik gehört zu den Bereichen, in denen die deutsch-französischen
Beziehungen noch relativ ungestört sind. Beide Länder arbeiteten auf der
Regierungskonferenz eng zusammen und tragen sicher nicht die Hauptschuld am letztlich
unbefriedigenden Ergebnis. Auch das gemeinsame Sicherheitskonzept vom Dezember 1996 zeigt
die Solidität der Beziehungen, obwohl es wenig Wegweisendes enthält.
Frankreich hat im letzten Jahr versucht, gleichzeitig die europäische Identität in
der NATO zu entwickeln und die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) im Rahmen
der EU zu stärken. Dieses zweigleisige Vorgehen hat « Frankreichs Botschaft die
Klarheit genommen » und sich als wenig produktiv erwiesen: Die Verhandlungen mit der
NATO haben « die EU-Regierungskonferenz als etwas Zweitrangiges erscheinen
lassen » und zudem nicht zum gewünschten Ergebnis geführt. Sie sind allzu oft als
französisch-amerikanische Angelegenheit erschienen, obwohl es im Grunde um Europa als
Ganzes ging. Wie bereits in der Frage der Nukleartests und der Armeereform hat die
Kommunikation zwischen Frankreich und seinen europäischen Partnern nicht gestimmt.
Große Probleme stellen sich vor allem in der europäischen Rüstungsindustrie. Der
Anpassungsdruck in diesem Sektor ist enorm; wenn nicht schnell weitreichende
Entscheidungen fallen, wird sich das Problem bald von allein erledigen. Die europäischen
Staaten müssen klären, wo ihre industriellen Prioritäten liegen, welche Ausrüstungen
sie anschaffen wollen, und welche Haushaltsmittel sie dafür aufwenden können. Diese
Antworten sind als Vorgabe für die Industrie unentbehrlich. Frankreich und Deutschland
sollten sich zunächst Klarheit über ihre nationalen Ziele verschaffen und dann gemeinsam
nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit suchen. Dabei sind die Fragen oftmals einfacher,
als man denkt: Will Deutschland beispielsweise einen führenden Platz in der
Raumfahrtindustrie behalten? Falls ja, bedingt dies nicht die Beteiligung am
Helios-Satellitenprogramm? Das gleiche gilt für die Entscheidung über den Eurofighter.
- Zitat:
"Wir müssen uns verständigen! »
Karsten Voigt, außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion:
Es gibt nach wie vor keinen Politikbereich, in dem die deutsch-französische
Kooperation nicht für beide Partner von Vorteil wäre. Daher zwingt auch weiterhin allein
die nüchterne Betrachtung der jeweiligen nationalen Interessen zur Zusammenarbeit. Die
Kooperation muß aber den veränderten Gegebenheiten angepaßt werden. Daß es dabei zu
konstruktivem Streit kommt, schadet nicht, sondern macht das deutsch-französische Paar im
Gegenteil stabil und zukunftsträchtig.
Trotz aller berechtigten Sorgen um die Geldwertstabilität muß der Euro auch aus
außen- und sicherheitspolitischen Gründen zum vorgesehenen Zeitpunkt eingeführt werden.
Die Schaffung eines gemeinsamen Währungsraums ist nicht nur Voraussetzung für
Stabilität und Wachstum in Europa, sondern auch Sprungbrett zur Politischen Union. Um
diese zu verwirklichen, müssen beide Gesellschaften einen Dialog über ihre kulturellen
Unterschiede eröffnen und eine neue Gemeinsamkeit begründen.
In der Verteidigungspolitik gibt es aufgrund der jeweiligen historischen Erfahrungen
und politischen Entscheidungsstrukturen erhebliche Unterschiede zwischen der deutschen und
der französischen Perspektive. Da beide Länder für eine europäische
Verteidigungsidentität sind, bedarf es einer intensiven Diskussion über die Rolle, die
das Militärische im europäischen Kontext spielen soll. Frankreich und Deutschland
müssen sich auch in diesen Fragen aufeinander zu bewegen und voneinander lernen.
« Gemeinsame europäische Politik werden wir nur gestalten, wenn wir nicht nur die
Antithesen zu unserer Geschichte sind, sondern neue Synthesen bilden. » Aus den
beiden unterschiedlichen Ansätzen eine gemeinsame Politik zu entwickeln, ist eine ebenso
schwierige wie reizvolle Aufgabe.
In der Diskussion über eine Europäisierung der NATO gibt weniger die Allmacht der
Amerikaner als die Ohnmacht Europas Anlaß zur Sorge. Die Europäer müssen ein
« souveränes Verhältnis » zu ihrer einstigen Schutzmacht entwickeln, anstatt
über die eigene Unmündigkeit zu lamentieren. Die NATO ist unverzichtbar, weil sie
Stabilität schafft und den anderen Europäern das Gefühl der Sicherheit gegenüber dem
vereinten Deutschland gibt. Eine europäische Verteidigungsidentität kann sich daher nur
aus der NATO heraus entwickeln. Frankreich muß einsehen, daß es durch sein Fernbleiben
aus der militärischen Integration nur Deutschlands Abhängigkeit von den USA vergrößert
und seinen eigenen Einfluß beim Aufbau einer europäischen Verteidigung schmälert.
- Zitat:
« Gemeinsame europäische Politik werden wir nur gestalten, wenn wir nicht nur die
Antithesen zu unserer Geschichte sind, sondern neue Synthesen bilden. »
Karl Lamers, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion:
Die anstehende EU-Erweiterung und die Währungsunion machen einen grundsätzlichen
Dialog über die künftige Konstruktion Europas unumgänglich. Einerseits ist die
Währungsunion selbst bereits zentraler Teil der Politischen Union und wird auch auf
andere Politikbereiche integrierend wirken. Andererseits besteht zwischen Erweiterung und
Vertiefung der EU ein Spannungsverhältnis, das in Amsterdam nur unzureichend aufgelöst
wurde. Auch die Flexibilitätsklausel im neuen EU-Vertrag kann nur funktionieren, wenn
eine europäische Kerngruppe eine gemeinsame Strategie verfolgt. Soll Europa nicht
langfristig zur Freihandelszone degenerieren, ist die Bildung eines Kerneuropas um
Frankreich und Deutschland unverzichtbar. « Die vitalen Interessen unserer beiden
Länder sind heute schon absolut identisch. »
In einer sich globalisierenden Welt kann sich Europa nur behaupten, wenn es mit einer
Stimme spricht. Auch in der Sicherheitspolitik müssen die Europäer dem ausartenden
Unilateralismus der USA durch Geschlossenheit begegnen. Besonders dringlich ist ein
Zusammenschluß der Rüstungsindustrien. « Wenn wir ein Mindestmaß an
eigenständiger europäischer Verteidigung wollen, dann brauchen wir auch eine
eigenständige europäische Rüstungsindustrie. Mit Rüstungskooperationen werden wir das
nie schaffen. » Nötig ist statt dessen eine europäische Rüstungsagentur, die mit
Mehrheit entscheidet und die Nachfrage vereinheitlicht. Dieser Agentur sollte nach dem
Vorbild der früheren Montanunion ein politisches Steuerungsorgan vorgeschaltet werden.
Der Zwang zur Zusammenarbeit ist größer, als es im gemeinsamen Strategiekonzept von
1996 zum Ausdruck kommt. Aus finanziellen Gründen werden weder Frankreich noch
Deutschland die Ziele erreichen, die sie mit ihren jeweiligen Armeereformen verfolgen.
« Wäre dies nicht Anlaß genug zu überlegen, ob man die [nationalen Streitkräfte]
nicht als Kontingente einer europäischen Armee verstehen sollte? » Ohnehin kann
kein europäisches Land mehr irgendwo in der Welt ohne die Rückendeckung seiner Partner
agieren.
Mehr noch als gemeinsame Rüstungsindustrien, Planungen und Strategien braucht Europa
starke Strukturen und Institutionen. Es geht dabei nicht um die Auflösung des
Nationalstaates. Dennoch muß das deutsch-französisches Verhältnis auf eine qualitativ
neue Stufe gehoben werden. Dazu bedarf es nicht eines neuen Elysée-Vertrages, sondern
einer konsequenteren Nutzung der bestehenden Fassung.
- Zitat: « Die Amerikaner haben derzeit einen unilateralen Zug, den man auch
anders benennen könnte. »
Daniel Vernet, Le Monde:
Die außenpolitischen Konzeptionen Frankreichs und Deutschlands weichen aus
geographischen und historischen Gründen beträchtlich voneinander ab. Die ehemalige
Bundesrepublik hatte das Bestreben, möglichst zu allen Staaten harmonische Beziehungen zu
unterhalten und weder zum Westen noch zum Osten Gegensätze aufkommen zu lassen.
Frankreich dagegen hat sich stets als global agierende Mittelmacht verstanden, die eine
ambitionierte Außenpolitik führen will und dabei auch Reibungen nicht scheut. Während
die Bundesrepublik von Anfang an vollständig in die NATO integriert gewesen ist, hat
Frankreich stets ein Maximum an nationaler Autonomie gesucht.
Die unterschiedlichen Armeereformen zeigen, daß diese Unterschiede heute noch
fortwirken. Dennoch flachen sich die Gegensätze tendenziell ab: Deutschland ist dabei,
seine internationale Rolle neu zu definieren und über den engen Handlungsrahmen des
Kalten Krieges hinauszugreifen. Frankreich nähert sich seinerseits der NATO an und
verringert damit seine bündnispolitischen Differenzen mit Bonn. Allerdings bleiben die
Möglichkeiten der deutsch-französischen und der europäischen Zusammenarbeit
beschränkt, solange Frankreich in der Atlantischen Allianz an einem Sonderstatus
festhält.