Soziale Arbeit mit Geflüchteten

Fünf Fragen an die AWO anlässlich der Vorstellung eines neuen FES-Gutachtens.

Auch wenn es um das Thema Integration von Geflüchteten in den Medien ruhiger geworden ist, sind die konkreten Fragen für viele Geflüchtete aktueller denn je: Wie finde ich ein passendes Bildungsangebot? Wie komme ich in Arbeit und gehe sicher, dass ich nicht ausgebeutet werde? Wie finde ich eine Wohnung auf dem vielerorts angespannten Mietmarkt? Wie finde ich eine geeignete Kindertagesstätte?

Beratung und soziale Arbeit sollen helfen, diese Fragen zu beantworten und somit den Geflüchteten ein eigenständiges Leben ermöglichen. Zur Diskussion der aktuellen Hürden und der Möglichkeiten in der Beratung und Begleitung von Geflüchteten richteten die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und die Friedrich-Ebert-Stiftung am 24.10.2017 die Tagung Soziale Arbeit mit Flüchtlingen: Potenziale fördern und Schnittstellen managen aus. Dabei wird auch ein neues FES-Gutachten Soziale Arbeit mit Flüchtlingen – Strukturen, Konzepte und Perspektiven vorgestellt.

Wir sprachen mit Dr. Talibe Süzen, Referentin für interkulturelle Kinder- und Jugendhilfe, und Wolfgang Barth, Leiter des Referats Migration und interkulturelle Öffnung im Bundesverband der AWO über das Thema dieser Tagung:

Die AWO fordert immer wieder, dass Angebote für Geflüchtete so früh wie möglich ansetzen sollen. Wieso ist dies so wichtig?

Wolfgang Barth: Die zeitliche Dimension ist für Einwanderungsprozesse von außerordentlicher Bedeutung. Sie ist aber auch sehr differenziert zu betrachten. Die Formel „so früh wie möglich“ ist ganz wörtlich zu nehmen: So früh es den Schutzsuchenden möglich ist, die Angebote anzunehmen. Das hängt auch davon ab, ob die Familie in Sicherheit ist, wie die Wohnsituation aussieht und ob die Menschen überhaupt eine Zukunftsperspektive in der Bundesrepublik haben. So früh wie möglich bedeutet auch, dass die notwendigen Verwaltungsverfahren schnell abgeschlossen werden.

Schutzsuchende Menschen leben während des Verfahrens in einem unsicheren, prekären Wartezustand, der ein selbstbestimmtes Leben erschwert. Als AWO verstehen wir es als unseren Auftrag, Menschen im Sinne ihrer gesellschaftlichen Teilhabe so früh wie möglich zu unterstützen, zu begleiten und dort Partei zu ergreifen, wo diesem Anspruch gesellschaftliche Rahmenbedingungen entgegenstehen.

Vor welchen Hürden stehen Sie in der AWO im Moment bei der möglichst optimalen Beratung und Betreuung von Geflüchteten?

Wolfgang Barth: Das Engagement der Zivilgesellschaft und die Politik haben in den vergangenen zwei Jahren zu einer Fülle von Maßnahmen, Projekten, Unterstützergruppen und Maßnahmen geführt. Allein die „Darstellung der Maßnahmen der Bundesregierung für die Sprachförderung und Integration von Flüchtlingen“ listet 135 Maßnahmen und Projekte auf. Dabei sind landesspezifische Maßnahmen und kommunale Projekte und die von Stiftungen, Kirchen, Sportvereinen etc. noch nicht mitbedacht.

Vor Ort muss es darum gehen, das große Herz nun in strukturierte Bahnen zu lenken, abgestimmte Förderketten zu entwickeln und den Modus der Notversorgung zu überwinden. Dabei ist das Wollen und Können der geflohenen Menschen stärker in die Unterstützungsprozesse einzubeziehen. Hinzu kommt, dass es sehr schwierig ist, die Flüchtlingssozialarbeit in eine kontinuierliche Migrationssozialarbeit weiterzuentwickeln, weil durch den Rückgang der Asylsuchenden auf der lokalen Ebene Mitarbeiter_innen schon wieder entlassen werden.

Ein Forum der Tagung am 24.10. befasste sich mit der Frage der Ausbildung und Qualifizierung junger Geflüchteter bzw. der Situation von geflüchteten Kindern in Kindertagesstätten. Was schlägt die AWO als Lösung dieser sehr zentralen Zukunftsfragen vor?

Talibe Süzen: Die fehlende interkulturelle Öffnung der Strukturen stellt die Regeldienste und die Bildungssysteme vor immer neue Herausforderungen. Dies betrifft alle Bereiche von frühkindlicher Betreuung und Bildung bis zur Erwachsenenbildung und -begleitung, die den aktuellen Entwicklungen sowie Erfordernissen einer Einwanderungsgesellschaft gerecht werden müssen. Im Rahmen der Migrationssozialarbeit stellen wir immer wieder fest, dass die Bundesprogramme diesbezüglich sehr engagiert sind.

Selbstverständlich können Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) und Jugendmigrationsdienste (JMD) die Regeldienste interkulturell nicht öffnen, sie können jedoch Einrichtungen und Behörden ihre migrationsspezifische Expertise zur Verfügung stellen und sie im Prozess der interkulturellen Öffnung begleiten, wenn diese sich interkulturell orientieren wollen. Interkulturelle Öffnung ist in diesem Zusammenhang die Strukturmaxime der Sozialen Arbeit in einer Einwanderungsgesellschaft, um Menschen mit und ohne Fluchterfahrung gesellschaftliche Partizipation zu ermöglichen. Die Politik muss sich dazu sichtbar und klar positionieren.

„Die Geflüchteten“ gibt es bekanntlich nicht, sondern es kommen sehr verschiedene Menschen als Flüchtlinge nach Deutschland. Wie kann man gewährleisten, dass sie auch die Unterstützung bekommen, die sie jeweils brauchen? 

Talibe Süzen: Menschen kommen mit hohem Enthusiasmus und Erwartungen an ihr Leben, an Bildung und Beschäftigung nach Deutschland. Gleichzeitig stehen die Angebote für sie im Spannungsverhältnis von Bedürfnisorientierung und Rechtslagen. Die Schutzsuchenden stellen neue Fragen an das Bildungssystem, das Gesundheitssystem, die Arbeitswelt, die soziale Infrastruktur und die Daseinsvorsorge. Es geht darum, wie die Fragen gehört werden und wie gemeinsame Antworten gefunden werden. Wenn dies gelingt, dann ist die Bundesrepublik auf dem Weg, ein Einwanderungsland zu werden, in dem Menschenrechte gelebt werden und politisch geachtet werden.

Sie kündigen in der Veranstaltungseinladung eine „vorläufige Bilanz des bisher Erreichten“ an. Können Sie uns schon verraten, was zu dieser Bilanz gehört und wie sie insgesamt ausfällt? 

Wolfgang Barth: Bei einem Großteil der Ratsuchenden geht es nach wie vor darum, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Hierzu ist anzumerken, dass es ohnehin äußerst schwierig ist, Wohnraum in den Ballungsgebieten zu finden. Die Wohnsituation ist – zum Beispiel in Berlin – mehr als prekär. Die Vermittlung von Jugendlichen, insbesondere nach dem 18. Lebensjahr, in weiterbildende Maßnahmen bzw. in Ausbildung ist sehr problematisch. Betriebe melden zwar den Bedarf an Ausbildungsplätzen, vielen Jugendlichen fehlen aber die notwendigen Einstellungsvoraussetzungen. Die Erfüllung dieser Voraussetzungen dauert viel länger als gedacht. Junge Menschen müssen sich oft auf längere Wartezeiten einstellen, sie brauchen Zeit, um hier anzukommen.

Die zunehmenden populistischen und flüchtlingsfeindlichen Stimmungen haben sich nach der Bundestagswahl verstetigt und werden vielerorts die Anforderungen an die Flüchtlingssozialarbeit verändern. Geflüchtete benötigen jetzt erst recht Unterstützung. Aber trotzdem: Die bundesdeutsche Gesellschaft hat in den vergangenen zwei Jahren bewiesen, dass die meisten Menschen verstanden haben und akzeptieren, dass Willkommenskultur unverzichtbar für eine Gesellschaft mit menschlichem Antlitz ist und dass die Mehrheit in einer vielfältigen Gesellschaft leben möchte. Wie oft wurde beschworen, dass „die Stimmung kippt“? Und siehe da. Die Stimmung ist nicht gekippt. Die Wahlerfolge der AfD sind ein letztes Aufglühen des Völkischen und haben nur eine Minderheit hinter sich versammeln können.

Kontakt in der FES: Günther Schultze, Leiter Gesprächskreis Migration und Integration, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik


Schlagworte: FMI Newsletter 11/2017

Länder / Regionen: Deutschland

Filsinger, Dieter

Soziale Arbeit mit Flüchtlingen

Strukturen, Konzepte und Perspektiven
Bonn

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