Empfehlungen der Jury

Empfehlungen 2016

Amnesty International Report 2014/15

Der Jahresbericht 2014/15 dokumentiert die allgemeine Situation der Menschenrechte, deren Verwirklichung und vor allem deren Verletzungen in aller Welt. Da der Report jedes Jahr erscheint, soll er hier exemplarisch für die nicht nachlassenden Aktivitäten der Weltorganisation gewürdigt werden. Gegliedert nach Regionen und Ländern, charakterisieren die Artikel die jeweiligen Besonderheiten, Ereignisse, Fortschritte und Verstöße. Der Report sensibilisiert nachdrücklich für die Notwendigkeit dieses humanitären Engagements von Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen.

Amnesty International Report 2014/15

S. Fischer Verlag, Frankfurt 2015, 528 Seiten 

Joachim Bischoff / Elisabeth Gauthier / Bernhard Müller - Europas Rechte. Das Konzept des »modernisierten« Rechtspopulismus

Das sehr überzeugende Buch beschreibt klar, wie in der EU neue rechtspopulistische Parteien viele Wähler aus den unteren sozialen Mittelschichten gewinnen, die sich als Verlierer der Globalisierung und Europäisierung sehen und den sozialen Abstieg fürchten. Sie sind EU-Gegner, feindlich gegen Fremde und soziale Randgruppen und für einen starken, autoritären Staat. Ein konsequent linkes Programm mit massiver Umverteilung, mehr Arbeitsplätzen, höheren Löhnen usw. soll nach Ansicht der Autor_innen die Mehrheit gewinnen. Das ist vielleicht insgesamt utopisch, jedoch im Ansatz auf jeden Fall diskussionswürdig

Joachim Bischoff / Elisabeth Gauthier / Bernhard Müller

Europas Rechte. Das Konzept des »modernisierten« Rechtspopulismus

VSA Verlag Hamburg 2015, 131 Seiten

Gisela Burckhardt - Todschick. Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert

Wie kann ich mich eigentlich noch einkleiden, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen? Wie kann ich sicher sein, dass meine Kleidung nicht unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen produziert wurde? Der Preis der Kleidung ist auf keinen Fall ein Kriterium – was aber dann? Sehr kenntnisreich stellt die Autorin am Beispiel von Bangladesch die oft dramatisch schlechten Produktionsbedingungen und Lebenssituationen der Näherinnen dar. Und sie zeigt Handlungsalternativen auf – für die Politik, aber auch für jeden einzelnen Konsumenten. Ein unbedingt lesenswertes Buch zu einem für jeden von uns tagtäglich relevanten Thema.

Gisela Burckhardt

Todschick. Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert

Heyne Verlag, München 2016, 240 Seiten

Otfried Höffe - Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne

Seit dem 18. Jahrhundert ist die Moderne in Europa bestrebt, Freiheit als das höchste Gut des Menschen immer weiter zu verwirklichen. Die neuerlich wachsende Skepsis dagegen motiviert Höffe zu einer philosophischen Prüfung der vielen Facetten der Freiheit in allen gesellschaftlichen Handlungsfeldern – in einer klaren, aber nicht vereinfachenden Sprache. Sein Fazit: das Prinzip Freiheit macht den Menschen aus. Aber auch: Willensfreiheit kann missbraucht werden. Erst verantwortete Freiheit führt zur Menschlichkeit.

Otfried Höffe

Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne

Verlag C.H.Beck, München 2015, 398 Seiten

Michael Lüders - Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet

Michael Lüders schildert die aktuellen Konflikte im Orient vor dem Hintergrund westlicher Einflussnahme seit dem 2. Weltkrieg. Was als weltweites Demokratie- und Wohlfahrtsprogramm daherkommt war stets auch ein von wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen geprägtes Agieren, das meist verbrannte Erde und Chaos hinterließ und Diktatur und neue Gewalt zur Folge hatte. Das Buch von Lüders ist eine konzise und wichtige Informationsquelle zum Verständnis der Geschehnisse im Orient.

Michael Lüders

Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet

Verlag C.H.Beck, München 2015, 176 Seiten

Petra Pinzler - Der Unfreihandel. Die heimliche Herrschaft von Konzernen und Kanzleien

Die Autorin analysiert kritisch das geplante Freihandelsabkommen zwischen USA und Europa. Der Fokus ihrer Analyse liegt dabei auf den umstrittenen privaten internationalen Schiedsgerichten. Sollte das Abkommen in dieser Form realisiert werden, wären Konzerne und spezialisierte Großkanzleien die Gewinner – nicht jedoch Arbeitnehmer, Verbraucher oder kleinere Unternehmer. Befürchtet wird zudem die Aushebelung von Sozial- und Umweltstandards. Pinzler formuliert journalistisch gekonnt und liefert einen spannenden, topaktuellen Diskussionsbeitrag.

Petra Pinzler

Der Unfreihandel. Die heimliche Herrschaft von Konzernen und Kanzleien

Rowohlt Polaris, Reinbeck bei Hamburg 2015, 287 Seiten

Empfehlungen 2015

Mariana Mazzucato - Das Kapital des Staates

In ihrem Buch räumt die britische Wirtschaftswissenschaftlerin mit dem neoliberalen Dogma „Der Staat kann nicht wirtschaften, er soll nur die Rahmenbedingungen bereit stellen“ gründlich auf. Sie belegt eindrucksvoll, dass für die meisten großen Innovationen – z.B. Eisenbahn, Internet, Nanotechnologie, Pharmaindustrie oder auch Apple Produkte – der Staat durch Finanzierung der Forschung die Grundlagen gelegt und oft erst die Anstöße gegeben habe. Daher müsse der Staat an den Gewinnen teilhaben, um damit neue Initiativen finanzieren zu können.

Mariana Mazzucato - Das Kapital des Staates
Bild: Mariana Mazzucato - Das Kapital des Staates 

Mariana Mazzucato

Das Kapital des Staates

Verlag Antje Kunstmann, München 2014, S. 302

Philipp Ther - Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent

Die revolutionären Ereignisse von 1989/90 brachten für den gesamten europäischen Kontinent entscheidende Veränderungen. Philipp Ther geht dem Transformationsprozess in all seinen verschiedenen Facetten nach und schlägt den Bogen von den nachhaltig wirkenden neoliberalen Transformationen bis hin zur aktuellen Situation in Europa. Die anfängliche Asymmetrie zwischen West und Ost wich einer solchen zwischen Nord und Süd. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zum Verständnis des heutigen Europas.

Philipp Ther

Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent

Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 430 Seiten

Heinz Bude - Gesellschaft der Angst

Ausgehend von der These, dass Angst eines der wichtigsten prägenden Momente des sozialen Miteinanders ist, beschreibt der Soziologe Heinz Bude die Rahmenbedingungen und die Entstehung eines breiten Spektrums sozial motivierter und sozial wirksamer Ängste wie z.B. Risikoangst, Angst vor Liebesoder Statusverlust und Entscheidungsangst. Bude sieht Ängste als Auslöser von Konflikten und antidemokratischen Entwicklungen. Diesen muss mit einer repressionsfreien diskursiven Auseinandersetzung in Gesellschaft und Politik begegnet werden.

Heinz Bude

Gesellschaft der Angst

Hamburger Edition, Hamburg 2014, 150 Seiten 

Paul Collier - Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen

Paul Colliers Buch ist ein wohltuend nüchterner Beitrag zu einer aktuellen und oft sehr emotional geführten Diskussion. Seine Frage ist nicht, ob Migration (wohl unterschieden vom Recht auf Asyl) gut oder schlecht ist, sondern welche Wirkungen sie auf den Einzelnen sowie sein Ziel- und sein Herkunftsland hat. Collier diskutiert verschiedene Systeme der Migrationssteuerung und gibt wichtige Denkanstöße zur Gestaltung zukünftiger Migrationspolitik.

Paul Collier

Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen

Siedler Verlag, München 2014, 320 Seiten

Yvonne Hofstetter - Sie wissen alles

Big Data bietet enorme Chancen, gleichzeitig drohen Überwachung und Kontrolle, eine Welt ohne Geheimnisse und Privatheit. Die Gefahr für die freiheitliche Gesellschaft geht von intelligenten Algorithmen aus, die häufig im Besitz privater Unternehmen sind. Sie analysieren uns, um uns zu kontrollieren. Hofstetter fordert so kenntnisreich wie vehement dazu auf, das einzige Supergrundrecht unserer Gesellschaftsordnung, die Menschenwürde, gegen die digitale Revolution zu verteidigen, damit aus unserem digitalen Zwilling kein digitaler Zombie wird.

Yvonne Hofstetter

Sie wissen alles

C. Bertelsmann Verlag, München 2014, 352 Seiten

Konrad Paul Liessmann - Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift

Konrad Paul Liessmann mahnt in seiner Streitschrift die richtige und erforderliche kritische Auseinandersetzung mit der maßlosen und überzogenen Bildungsverflachung im Dienst ökonomisch veranlasster Regularien an. Er belässt es nicht bei detaillierten Analysen der Fehlentwicklungen, sondern bietet auch zu diskutierende Lösungsvorschläge. Insgesamt ist es ein absolut lesenswertes Buch, dem zu wünschen ist, dass es die gebührende Beachtung findet.

Konrad Paul Liessmann

Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2014, 192 Seiten

Empfehlungen 2014

Andrew Blackwell - Willkommen im sonnigen Tschernobyl Verstrahlt, verseucht, vergiftet – eine Erkundung der schlimmsten Orte der Welt

Mit persönlicher Betroffenheit und viel trockenem Humor schreibt der amerikanische Journalist Blackwell über eine Welt, „wie wir sie haben“ und nicht „wie wir sie gern hätten“. Bei seinen Besuchen in Orten und Landschafen, die von Umweltzerstörung gezeichnet sind, solidarisiert er sich mit den dort lebenden und leidenden Menschen. Er lässt aber auch immer wieder anklingen, dass er den Glauben an eine Veränderbarkeit dieser Welt nicht verloren hat.

Andrew Blackwell

Willkommen im sonnigen Tschernobyl Verstrahlt, verseucht, vergiftet – eine Erkundung der schlimmsten Orte der Welt

München: Ludwig Verlag, 2013. – 384 S., € 19,99

Daniela Dahn - Wir sind der Staat! Warum Volk sein nicht genügt

Daniela Dahn legt mit diesem Essay einen außerordentlich lesens- und bedenkenswerten Text vor, in dem sie bewusst an den Ruf „Wir sind das Volk“ anknüpft. Sie fordert ein umfassendes Hinterfragen gegenwärtiger globaler Herrschaftsstrukturen und Machtund Eigentumsverteilungen angesichts der Tatsache, dass politisches Handeln kaum noch über klassische demokratische Verfahren und Regularien durch den eigentlichen Souverän, das Volk, zu beeinflussen sind. Und so ermutigt Daniela Dahn, einer Entwicklung aktiv entgegen zu wirken, in deren Verlauf sich der Staat „immer mehr in eine Apparatur zum Schutz systemrelevanten Privateigentums auf Kosten der Allgemeinheit“ wandelt. 

Daniela Dahn

Wir sind der Staat! Warum Volk sein nicht genügt

Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2013. – 175 S., € 16,95

El-Gawhary, Karim - Frauenpower auf Arabisch. Jenseits von Klischee und Kopftuchdebatte

Frauenpower auf Arabisch von Karim El-Gawhary belegt, dass es „die“ arabische Frau als Stereotyp nicht gibt. Ganz im Gegenteil wird anhand von verschiedenen Porträts aufgezeigt, dass das „Image der arabischen Frau als passives Opfer“ revisionsbedürftig ist. Andererseits benennt der Autor deutlich weiterhin bestehende Probleme für Frauen in arabischen Ländern und zeigt damit auch die Gebrochenheit aus Hoffnung und Schicksalsergebenheit etwa nach der sogenannten arabischen Revolution in Ägypten oder Libyen. Und er zeigt auch, dass das eigentliche Problem der Stellung der Frau in der arabischen Welt vor allem in der wirtschaftlichen Situation zu suchen ist

El-Gawhary, Karim

Frauenpower auf Arabisch. Jenseits von Klischee und Kopftuchdebatte

Wien: Verlag Kremayr & Scheriau, 2013., 204 S., € 22,00

Andreas Müller - Schluss mit der Sozialromantik. Ein Jugendrichter zieht Bilanz

Der Jugendrichter Andreas Müller weist auf Probleme in der Rechtsprechung über jugendliche Intensiv-Straftäter hin. Die oft vertretene Hypothese, das Erscheinen vor Gericht und gar Freiheitsentzug führten häufiger zu Rückfällen als sozialpädagogische Maßnahmen, habe sich als falsch erwiesen. In der heutigen Realität gehe es oft um schwerere Straftaten und Wiederholungstäter. Eine direkte Reaktion bzw. Sanktion auf die Tat sei äußerst wichtig, weshalb Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter enger und schneller zusammenarbeiten müssten. 

Andreas Müller

Schluss mit der Sozialromantik. Ein Jugendrichter zieht Bilanz

Bilanz Freiburg/Basel/Wien: Herder-Verlag, 2013. – 239 S., € 16,99

Corporation 2020 - Warum wir Wirtschaft neu denken müssen

Pavan Sukhdev, ehemaliger Top-Manager der Deutschen Bank, betont die Dringlichkeit einer grundlegenden Reform unseres auf Konsum basierenden Wirtschaftssystems. Die Schäden ungebremsten Verbrauchs von Rohstoffen und der Emission von Schadstoffen würden die gesamte Menschheit sehr bald hart treffen. Die Kosten dieser oft im Preis der Produkte nicht erscheinenden Schäden müssten in den Unternehmensbilanzen aufgeführt und so der Politik und der Öffentlichkeit bewusst gemacht werden. Der Autor fordert Steuern auf den Verbrauch der Umwelt, Begrenzung des Einsatzes von Fremdkapital, Ehrlichkeit in der Werbung und als Ziel wirtschaftlichen Handelns das Gemeinwohl. 

Pavan Sukhdev

Corporation 2020. Warum wir Wirtschaft neu denken müssen

München: oekonom Verlag, 2013. – 296 S., € 19,95

Harald Welzer - Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand

Welzer geht der Frage nach, wie unsere Zukunft bei ungebrochenem Konsum und endlichen Ressourcen aussieht und zeigt auf, dass bei unserer wachstumsorientierten Wirtschaft ein Ende absehbar ist. Er macht klar, dass jeder Mensch mit seinem Handeln selbst Teil des Problems ist, jedoch nicht als Opfer der Verhältnisse, sondern als politisches Wesen mit eigenem Kopf und der Freiheit, zu denken und Verhältnisse zu ändern. Er weckt Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit innovativen Ideen, abseits der gängigen Wirtschaft und Industrie.

Harald Welzer

Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand

Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2013. – 329 S., € 19,99

Empfehlungen 2013

Werner Rügemer - Rating Agenturen. Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart

Wie weit der Einfl uss der international agierenden RatingAgenturen in die Bereiche der politischen Entscheidungsprozesse hineinreicht, zeigt Werner Rügemer auf. Wegen der engen Verfl echtung der Rating-Agenturen mit den Groß- banken ist ein Doppelspiel möglich, um Wirtschaft und Politik in verhängnisvoller Weise und eigennütziger Absicht zu manipulieren. Alternativen sind denkbar, wenn alle staatlichen Regelwerke sich von den Rating-Agenturen entfernen und die Verantwortung für den Sozialstaat verstärkt wird.

Werner Rügemer

Rating Agenturen. Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart

Bielefeld, Transcript Verlag, 2012, – 200 S., € 18,80

Heinz Buschkowsky - Neukölln ist überall

Der Bürgermeister des Berliner Stadtteils Neukölln konstatiert eine alarmierende Zunahme von Arbeitslosigkeit, Gewalt und Überfremdungsängsten in seinem Bezirk und nicht nur dort. Er kritisiert Verhaltensweisen, bei denen das deutsche Rechtsund Sozialsystem ausgenutzt und Integration und Teilhabe verweigert wird. Konkrete Lösungsvorschläge für die dargestellten Problemlagen werden entwickelt, wobei Bildung eine Schlüsselrolle zukommt. Buschkowsky schreibt wie einer, der unter den sozialen Problemen leidet und engagiert um Abhilfe kämpft.

Heinz Buschkowsky

Neukölln ist überall

Berlin, Ullstein Verlag, 2012, – 400 S., € 19,99

Oskar Negt - Gesellschaftsentwurf Europa

Nach Oskar Negt sind aktive Bewusstseinsbildung und politische Urteilskraft unabdingbar für ein demokratisches Europa; freier Handel, gemeinsame Währung, politische Institutionen allein genügen nicht. Nationale Eigenheiten, ungleiche Entwicklungen und alte Verletzungen müssen aufgearbeitet werden mit dem Ziel einer „europäischen Identität“. Die Dominanz wirtschaftlichen Denkens bis ins Bildungssystem muss verringert, der Sozialstaat als Fundament der Einigung und der Demokratie weiter entwickelt werden. Parallel zu den Entscheidungen in Brüssel müssen die Menschen ihre Umgebung noch als „lebbare Einheiten“ erfahren, um sich einmischen zu können.

Oskar Negt

Gesellschaftsentwurf Europa

Göttingen, Steidl Verlag, 2012. – 120 S., € 14,00

Andreas Wirsching - Der Preis der Freiheit Geschichte Europas in unserer Zeit

Andreas Wirsching legt mit seinem Buch eine umfassende Darstellung der jüngsten Geschichte Europas vor. Kenntnisreich und detailliert beschreibt und analysiert er den Umgang mit Freiheit und Demokratie. Er spart dabei problematische Entwicklungen in den ehemaligen sozialistischen Ländern ebenso wenig aus, wie das Thema der Säkularisierung und die Spannungen mit dem Islam. Wirsching beweist, dass man eine Geschichte Europas schreiben kann, auch wenn das Ende der Entwicklung noch offen ist. Eines erscheint aber klar: Eine positiv gestaltete Zukunft kann es nur geben, wenn die einzelnen nationalstaatlichen Interessen im Sinne einer gesamteuropä- ischen Idee überwunden werden.

Andreas Wirsching

Der Preis der Freiheit Geschichte Europas in unserer Zeit

München, C. H. Beck Verlag, 2012, – 487 S., € 26,95

Kathrin Passig / Sascha Lobo - Internet Segen oder Fluch

„Unbestreitbar: das Netz verändert die Welt“ mit diesem Satz eröffnen Kathrin Passig und Sascha Lobo einen gleichermaßen informativen wie humorvollen Parforce-Ritt durch die schöne neue Netzwelt. Neben der Sachinformation kommt auch die Refl exion besonders über die politischen Implikationen eines zunächst einmal technischen Phänomens nicht zu kurz, so dass dieses Buch weit mehr ist als eine Betriebsanleitung für das Web. Angenehm ist es, dass trotz des bisweilen komplexen Sachverhaltes die Lesbarkeit auch für Internet-Laien erhalten bleibt. Deutsche Autoren können keine gut lesbaren Sachbücher schreiben? Falsch – hier ist eins.

Kathrin Passig / Sascha Lobo

Internet Segen oder Fluch

Berlin, Rowohlt Verlag, 2012. – 320 S., € 19,99

Jean Ziegler - Wir lassen sie verhungern Die Massenvernichtung in der Dritten Welt

Der Hunger in der Welt und seine Ursachen: Das ist das große Thema des Schweizer Soziologen und UN-Experten Jean Ziegler. Aus dem Buch spricht die Empörung des Autors über die ungerechte neoliberale Wirtschaftsordnung und die Macht der (Agrar-)Konzerne, die auch das Handeln der westlichen Regierungen stark beeinfl ussen. Er liefert zu seinen Argumenten handfeste Daten und Fakten. Ein reicher persönlicher Erfahrungsschatz aus seinen Recherchen in aller Welt belegt und illustriert seine Standpunkte mit großer Anschaulichkeit. Sein Fazit: Das Recht auf Nahrung ist dasjenige, welches auf unserem Planeten am häufi gsten, am zynischsten und am brutalsten verletzt wird.

Jean Ziegler

Wir lassen sie verhungern Die Massenvernichtung in der Dritten Welt

München, C. Bertelsmann Verlag, 2012, – 320 S., € 19,99

Empfehlungen 2012

Zafer Şenocak - Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift

Zafer Şenocak wirbt für ein offenes, tolerantes Miteinander von Migranten und Einheimischen im Einwanderungsland Deutschland, damit Integration gelingen kann. Der deutschtürkische Schriftsteller ermahnt einerseits die Immigranten, vor allem angemessene deutsche Sprachkenntnisse zu erwerben und die deutsche Rechtsordnung zu akzeptieren. Die Deutschen fordert er andererseits auf, sich angesichts der auch von Migranten geprägten Gesellschaft auf eine kritische Refl exion des deutschen Selbstverständnisses einzulassen und dies als Chance zur Verbesserung des eigenen Selbstbewusstseins zu nutzen. Wenn eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Herkunftsidentität der jeweils anderen erfolgt, können geschlossene Kulturkreise aufgebrochen werden zugunsten eines weltoffenen Kulturverständnisses.

Zafer Şenocak

Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift

Hamburg, Edition Körber Stiftung, 2011, – 190 S., € 16,00

Marcel Hänggi - Ausgepowert: Das Ende des Ölzeitalters als Chance

Unsere heutige Gesellschaftsform ist wesentlich durch die Verwendung fossiler Energieträger geprägt, deren beliebige Verfügbarkeit jedoch dem Ende zuzustreben scheint. Eine drastische Veränderung im Umgang mit Energie stellt zwangsläufig auch die Frage nach der Neuausrichtung von Politik. Hänggis Analysen sind wohltuend unideologisch und die aufgeführten Beispiele beeindruckend, besonders weil sie zeigen, dass die Entwicklung keineswegs zwangsläufig verlief, sondern gelegentlich eher von Zufällen bestimmt war, weshalb „alternative Entwicklungswege“ heute prinzipiell möglich seien. Politik und Bürger werden von Hänggi gleichermaßen aufgefordert, einen Freiheitsbegriff zu entwickeln, der zwischen Machbarkeitswahn und Alternativlosigkeit einen nachhaltigen Weg findet. 

Marcel Hänggi

Ausgepowert: Das Ende des Ölzeitalters als Chance

Hrsg. v. d. Schweizerischen Energie- Stiftung, Zürich, Rotpunktverlag, 2011. – 364 S., € 28,00

Axel Honneth - Das Recht auf Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit

Die historische Interpretation des philosophischen Freiheitsbegriffs und die Analyse der verschiedenen Freiheitssphären werden erweitert durch die Erfahrungen im sozialen Bereich. Damit wird das Recht auf Freiheit nicht nur in Bezug auf das Individuum formuliert, sondern gesellschaftlich als Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Nicht nur die Autonomie des Einzelnen kann die Norm sein, sondern die wechselseitige Anerkennung des Rechts auf Freiheit. Damit erschließen sich Möglichkeiten, gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten der Gegenwart kritisch zu begegnen.

Axel Honneth

Das Recht auf Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit

Berlin, Suhrkamp Verlag, 2011, – 628 S., € 34,90

Tanja Jaap - „Alle Muslime sind…“. 50 Fragen zu Islam und Islamophobie

Die Auseinandersetzung mit dem Islam ist ein hochaktuelles Thema, das viele Fragen aufwirft, zu denen es oft kontroverse Antworten gibt. Die Autorin versucht in ihrem Buch, kritische Fragestellungen zum Islam zu beantworten und somit Vorbehalten gegenüber dieser Religion entgegenzuwirken. Sie beleuchtet aus neutraler Sicht Fragen zur Religion, zum Verhältnis der Religionen untereinander und thematisiert gesellschaftliche Streitfälle. Das Buch richtet sich an Jugendliche ab 14 Jahren und ist dementsprechend verständlich verfasst. Aber auch Erwachsenen bringt Jaaps Buch einen schnellen Zugang zu einer ausgewogenen und informativen Sichtweise in diese Thematik.

Tanja Jaap

„Alle Muslime sind…“. 50 Fragen zu Islam und Islamophobie

Mülheim, Verlag an der Ruhr, 2011. – 176 S., € 19,90

Stefan Kreutzberger / Valentin Thurn - Die Essensvernichter. Taste the Waste – Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist

Ein Akt der Verachtung: Rund ein Drittel unserer Lebensmittel, bis zu 20 Millionen Tonnen alleine in Deutschland, landen im Müll, das Meiste schon auf dem Weg vom Acker in den Laden. Die Industriestaaten verklappen sogar nahezu 50 % der Nahrungsmittel. Zugleich hungern heute mehr Menschen als je zuvor. Die verschwendeten Lebensmittel würden zwei bis drei Mal ausreichen, um alle Hungernden in der Welt zu versorgen. Die Autoren sind den vielfältigen Ursachen und Folgen dieser Vergeudung auf der Spur: Sie erläutern die globalen Probleme wie Hunger, Klimawandel, Umweltschäden und erklären die Zusammenhänge dieser Probleme und die Folgen von Konsumwahn und Wegwerfmentalität. Wirtschaft und Politik werden zum Umsteuern aufgefordert, aber auch die Gesellschaft und jeder einzelne Verbraucher hat die Möglichkeit, Veränderungen zu bewirken.

Stefan Kreutzberger / Valentin Thurn

Die Essensvernichter. Taste the Waste – Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist

Köln, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2011, – 319 S., € 16,99

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