SpezialModul-Seminar: Bundestags-Hospitanz

Bild: Bundestag von: clareich Licence: CC0 1.0

Das Hospitanzprogramm im Deutschen Bundestag gehört zum Spezial-Modul Hospitanzprogramme. Es richtet sich an Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten.

Wichtig: Interessierte an diesen Programmen bewerben sich bitte mit einem begründenden Anschreiben, Lebenslauf und Nachweisen journalistischer Praxis bei der Leiterin der JournalistenAkademie Carla Schulte-Breidenbach.

13. Hospitanzprogramm der JournalistenAkademie bei der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag

Blick hinter die Kulissen der Politik:

IIn Zusammenarbeit mit der SPD-Bundestagsfraktion entsteht dieses exklusive Programm, das den Hospitanten einen intensiven Einblick in die Fraktionsarbeit im Deutschen Bundestag gibt und gleichermaßen die journalistische Arbeit von Hauptstadtkorrespondenten erfahrbar macht. Vier Wochen lang arbeiten Sie im Büro eines Bundestagsabgeordneten, Sie besuchen Fraktions- und Bundestagssitzungen und erhalten Informationen über den Aufbau und die Funktionsweise des Bundestages und der SPD-Bundestagsfraktion. Sie führen Hintergrundgespräche mit herausragenden sozialdemokratischen Politikern und haben Gelegenheit zur Diskussion im kleinen Kreis.

Prominente Journalistinnen und Journalisten von ARD, ZDF sowie aus der Bundespressekonferenz stehen zum Gespräch bereit und geben Ihnen Auskunft über ihre praktische Arbeit im politischen Berlin. Sie nehmen teil am Pressefrühstück und erfahren Entscheidendes zum Verhältnis von Medien und Politik.

Methoden:

  • Praktische Mitarbeit in einem MdB-Büro
  • Gruppeninterviews mit Spitzenpolitikern
  • Teilnahme an Sitzungen

Kompetenzgewinn:

  • Sie wissen, wie der Deutsche Bundestag auf allen Arbeitsebenen funktioniert
  • Sie diskutieren mit Spitzenpolitiker/innen Ihre politischen Fragen
  • Sie können sich kompetent an der Diskussion über die Arbeit und die Themen des Deutschen Bundestages beteiligen


WICHTIG!

Interessierte an diesem Programm senden ihre Bewerbung mit einem begründenden Anschreiben, Lebenslauf und Nachweisen journalistischer Praxis bitte an Marion.Fiedler(at)fes.de. Die Auswahl der Teilnehmenden trifft die Leiterin der FES-JournalistenAkademie.

Ergänzende Informationen

Montag bis Freitag

Teilnahmebeitrag: 100,00 Euro ohne Übernachtungen

Hospitanzprogramm Deutscher Bundestag 2011

Blick hinter die Kulissen der Politik: Hospitanzprogramm im Deutschen Bundestag in Berlin 2011

Vier Wochen, 13 Hospitanten und über 20 Veranstaltungen rund um den Bundestag und den Hauptstadtjournalismus. Den Teilnehmern des Hospitanzprogramms der FES-Journalisten-Akademie wurde auch in diesem Jahr wieder die Möglichkeit geboten, sich das politische und mediale Treiben in Berlin einmal ganz aus der Nähe anzuschauen. Von Gesprächen mit Spitzenpolitikern und Hauptstadtkorrespondenten, über die Teilnahme an Arbeitsgruppen und Ausschusssitzungen bis hin zur täglichen Arbeit in den Abgeordnetenbüros - das 9. Hospitanzprogramm "Blick hinter die Kulissen der Politik" wurde seinem Namen nach Ansicht der Hospitanten mehr als gerecht.

Fotostrecke zum Hospitanzprogramm

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Die Teilnehmer berichten von ihren Terminen

"Der erste Tag des Hospitanzprogramms ist sehr aufregend."

Start zum Bundestags-Hospitanzprogramm für junge Journalisten
der FES-JournalistenAkademie

Man stellt sich viele Fragen und weiß nicht wirklich, was einen erwartet. Mit dem folgenden (nicht so ernst gemeinten) Ratgeber für den ersten Tag sollte dieser Stress den nächsten Hospitanten erspart bleiben. Natürlich wurden alle Punkte selbst getestet!

Die Anfahrt oder das Risiko des Spinnennetzes
Man könnte denken, dass das stundenlange Einstudieren des Berliner ÖPNV-Plans für die erste Fahrt zum Bundestag reicht. Fataler Fehler! Denn was kann Schlimmeres passieren, als am ersten Tag in die falsche S-Bahn einzusteigen, in Panik auf dem (zum Glück) mitgenommenen Plan zu schauen und zehn Minuten später am Treffpunkt zu erscheinen?

Lektion eins: nicht nur drei Mal vorher auf den Plan schauen sondern auch auf die Anzeige am Bahnsteig achten. Denn eine S-Bahn kann eine andere S-Bahn verstecken...

Die Erstellung des Hausausweises oder die Schwierigkeit der deutschen Bürokratie
Gerade angekommen und noch voll am Schwitzen geht es gleich um die Erstellung des Hausausweises. Die blaue Karte in der Größe einer Scheckkarte ist der magische Pass für die nächsten Wochen. Überall im Deutschen Bundestag kommt man damit rein und es fühlt sich an, als wäre man plötzlich ein sehr wichtiger Mensch...allerdings erst wenn sie um den Hals hängt. Denn wenn nur ein Dokument fehlt, kann nur noch auf die Gnade der Mitarbeiter gehofft werden.

Lektion zwei: lieber seine ganzen Unterlagenordner mitbringen als vor der Tür sitzen zu bleiben. Das Gebäude hat innen doch viel mehr anzubieten als die Fassaden...

Das Mittagessen oder eine spritzige Angelegenheit
Nach der Einführungsrunde freut sich der Magen auf den Besuch in der Mitarbeiterkantine, auch Kasino genannt. Nur dumm, dass manchmal dort Gefahren warten, wo man sie nicht erwartet, nämlich in der Essensauswahl. Mal ganz ehrlich, es ist schon ein bisschen peinlich, den ganzen Tag die Spuren seines Mittagessen´s auf der Bluse zu tragen.

Lektion drei: niemals Spaghetti mit Tomatensauce am ersten Tag bzw. beim Essen mit seinem Mitarbeiter essen, es sei denn, Sie wollen im ganzen Bundestag bekannt machen, was Sie am Mittag gegessen haben.

Die Führung durch den Bundestag oder das demokratische Labyrinth
Es gibt nichts Besseres am Anfang, als eine Führung durch den Bundestag. Denn die größte Gefahr ist die Unterschätzung der Distanz. Von einem Gebäude zum anderen braucht man nicht selten mehr als zehn Minuten.

Lektion vier: bequeme Schuhe wählen und die erhaltene Broschüre im Büro lassen sonst besteht das Risiko, sich während der Führung wie ein Esel zu fühlen.

Letzte Lektion: immer daran denken, dass nach dem ersten Tag noch 20 weitere Tage kommen. Und die laufen deutlich besser als der erste!

Von Mathilde Lemesle

"Das Reichstagsgebäude: Führung durch die lebendige Geschichte"

Er hat sie erlebt, die wechselvolle Geschichte Deutschlands. Der Reichstag war da, als der Kaiser mit seinem persönlichen Regiment das Reich in den Krieg steuerte. Er war da, als die Weimarer Demokratie nach den Wirren von Revolution und Bürgerkrieg eine viel zu kurze Blüte erlebte. Und er war da, als der sowjetische Einmarsch 1945 eine neue Zeitrechnung in der deutschen Geschichte einläutete. Spuren dieser Zeiten gibt es reichlich an diesem geschichtsträchtigen Ort, an dem die Geschichte noch immer allgegenwärtig wirkt. Eine Führung durch das Reichstagsgebäude war auch der erste Programmpunkt unseres diesjährigen Hospitanzprogramms im Deutschen Bundestag.

Ein sehr motivierter Bundestagshistoriker begleitete die Führung durch 120 Jahre lebendige Geschichte. Die erste Station befindet sich im Treppenhaus auf der Etage des Erdgeschosses. Als die rote Armee 1945 im größten Krieg aller Zeiten Hitlers Reich niedergekämpft hatte und Rotarmisten symbolträchtig die rote Flagge auf dem Reichstag hissten, verewigten sie sich auch schriftlich auf den Wänden des Parlamentsgebäudes. Die Inschriften, von denen viele auf den Wendepunkt des Krieges in Stalingrad hinweisen, zeugen von Erschöpfung und Freude, Wut und Hochgefühl. 1945 hatte es keinen Sieger gegeben, nur Verlierer. Die Sowjets hatten am härtesten unter dem Krieg gelitten, ganze Landschaften im Osten waren völlig ausgebrannt, das Elend kaum in Worte zu fassen. Umso unbeschreiblicher war die Freude über das Ende des Massensterbens. Von all diesen Vorkommnissen berichten die gut konservierten und noch heute sichtbaren Botschaften. Auf Wunsch des russischen Botschafters in Berlin wurden später lediglich vulgäre Sätze entfernt.

Am Osteingang des Reichstags zieht sich eine schwarze Säule über alle Etagen hoch bis zum Dach des Gebäudes. Über diese Säule laufen Tag und Nacht Parlamentsreden aus sämtlichen Legislaturperioden die das Haus erlebt hat, vom Kaiserreich bis heute. Wolle man alle beinhalteten Reden mitlesen, bemerkte unser Museumsführer leicht ironisch, so könne man sich für die nächsten 30 Jahre ein Zelt vor der Säule aufschlagen. Doch auch hier zeigt sich wieder die lange Geschichte des Hauses: Die Zeiten, zu denen manche Reden gehalten wurden, erkennt man dem verwendeten Vokabular und der Rechtschreibung, die heute nicht mehr verwendet würde.

Im Erdgeschoss befindet sich auch der Andachtsraum des Bundestages. In diesem Raum befinden sich Merkmale aller großen Weltreligionen. Ein Reliquienschrank lädt zum individuellen Ausgestalten des Raumes ein. Der Andachtsraum ist eine Demonstration gelebter Religionsfreiheit. Veränderbar wie ein Chamäleon bietet der Raum jedem Besucher die Möglichkeit, für einen Moment der Ruhe einzukehren und innezuhalten.

Unsere Führung bewegt sich nun das Treppenhaus hinunter in das Untergeschoss.

Der Deutsche Bundestag besteht im Spreebogen aus vier Gebäuden, dem Reichstag, und drei Büro- und Verwaltungsgebäuden. Diese sind durch unterirdische Durchgänge miteinander verbunden. Der Durchgang vom Reichstagsgebäude zum Jakob-Kaiser-Haus stellt auch ein kleines Museum aus der Geschichte des Hauses dar. Ausgestellt ist zum Beispiel ein Stück des kleinen Tunnels, der vor 1945 den Durchgang vom Reichstag zum ehemaligen Reichstagspräsidentenpalais bildete. Einer bisher nicht nachgewiesenen Legende zufolge sollen durch diesen Tunnel im Februar 1933 SA-Leute in den Reichstag gestürmt sein und das Gebäude in Brand gesetzt haben. Diese Annahme steht im Gegensatz zu der gängigen Alleintätertheorie. In jedem Fall bedeutete der Brand einen großen Schritt in Richtung NS-Diktatur und einen Meilenstein der Geschichte des Hauses.

Ein paar Meter weiter befindet sich das Kunstwerk eines französischen Künstlers. In rechteckiger Anordnung hat der Künstler eine Art Hütte aus bronzenen Schubladen gebaut, jede einzelne versehen mit dem Namen eines demokratisch gewählten Reichstagsmitgliedes von 1871 bis zur Vollendung des Kunstwerkes 2003. Einem Anfall von Vandalismus zum Opfer gefallen ist die eingetretene Schublade mit dem Namen Adolf Hitlers. Diese durchaus verständliche Reaktion des Verursachers stellt trotz des politischen Aspekts leider eine unnötige Beschädigung dar.

Wir bewegen uns nun die Treppe hinauf ins Erdgeschoss, um dann mit dem Fahrstuhl auf die Zuschauertribünenebene zu fahren. Wir schauen nun von einer der Tribünen auf die blauen Sitze des noch leeren Parlamentssaals. Der Plenarsaal des Bundestages ist einer der größten Parlamentssäle der Welt. Der riesige Adler über dem Podium wird oft scherzhaft als „fette Henne“ bezeichnet. Er hat eine Fläche von über 60 Quadratmetern und damit mehr als eine Kleinfamilienwohnung.

Dutzende Besuchergruppen betreten jeden Tag die Besuchertribüne, auf der Etage ist eine hektische Tourismusatmosphäre wie auf dem stets überfüllten Times Square in New York. Ein Blick nach oben aus dem Saal hinaus führt in die gläserne Kuppel, die zum Symbol des neuen Reichstags geworden ist. Durch sie fällt helles Licht in den Saal. Im Gegensatz zu früheren Zeiten soll der Reichstag nun offen und transparent, freundlich und demokratisch wirken. Die Zeiten, in denen wichtige Männer hinter verschlossenen Türen undurchsichtige Entscheidungen trafen sollen auch symbolisch vorbei sein.

Unsere letzte Station auf dem Weg durch das Gebäude ist nun die bereits erwähnte Kuppel. Im Stile einer Wendeltreppe führt ein Gehsteig den Besucher bis in die Spitze der Kuppel, wobei sich ein glänzender Überblick über die Weltstadt Berlin bietet. Der 360-Grad-Ausblick präsentiert eine Stadt, die so wechselhaft ist wie das Parlament selbst. Auch die Kuppel war stets umstritten. Im Zuge der Sanierung des Reichstagsgebäudes in den Neunzigerjahren des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts errichtet, war sie Objekt zahlreicher Debatten über das neue politische Zentrum Deutschlands.

Der Reichstag von heute weist nur noch in seiner Außenfassade einige Ähnlichkeiten mit dem Reichstag aus dem Kaiserreich auf, ansonsten ist alles neu. Er ist ein beeindruckendes Mahnmal deutscher Geschichte, mit ihren Höhenflügen und Abgründen, Sehnsüchten und Neubeginnen. Es gibt kaum eine Ecke in ihm, die nicht ein kleines Merkmal seiner Geschichte enthält. Und er lädt ein, zum Wiederkommen und Nachdenken.

Von Daniel Kreutzer

"Motor der parlamentarischen Arbeit"

Die Arbeit der SPD-Bundestagsfraktion: Gespräch mit Ulrich Berg

Sie ist die wohl öffentlichkeitswirksamste Abteilung der SPD. Die SPD-Bundestagsfraktion repräsentiert die deutsche Sozialdemokratie im Parlament und beinhaltet die aktuell bekanntesten SPD-Politiker. Eine solche Plattform benötigt jedoch mehr als nur rhetorisch geschulte Spitzenpolitiker, für ihre Arbeit ist eine sorgfältige Organisation im Hintergrund unverzichtbar.

Dieser Bericht möchte hinter die Kulissen von schillernden Reden schauen und gerade die Menschen hervorheben, die im Schatten von Politstars einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren unserer Demokratie leisten.

Ulrich Berg ist einer von ihnen. Als Personalreferent der SPD-Bundestagsfraktion war er nicht nur Hauptorganisator und Begleiter unseres Hospitanzprogramms, sondern konnte uns am zweiten Tag unseres Aufenthaltes in einem ausführlichen Vortrag die Strukturen und Arbeitsabläufe innerhalb der Fraktion nahebringen. Von ihm stammen auch die in diesem Bericht verwendeten Informationen, für die wir ihm an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich danken möchten.

Vor der eigentlichen Analyse der Fraktionsorganisation ist es grundlegend, sich die Funktion einer Fraktion vor Augen zu führen. Um eine Fraktion im Deutschen Bundestag zu bilden, benötigt es eine Anzahl von mindestens fünf Prozent der aktuell 620 Mitglieder des Parlaments, die derselben Partei angehören oder bei gleichen Zielen nicht im Wettbewerb zueinander stehen. Die Fraktionen werden häufig auch als Motoren der parlamentarischen Arbeit verstanden, da sie letztlich die Koordination des gesamten Agierens einer Partei im Parlament leisten. Im Gegensatz zu fraktionslosen Abgeordneten genießen die Fraktionen bestimmte Rechte, die ihnen ihre wichtige Stellung im Gesetzgebungsverfahren sichern. Fraktionen können Anträge und Anfragen stellen und somit die Arbeit der Regierung überwachen.

Das sogenannte „schärfste Schwert“ einer oppositionellen Fraktion ist der Untersuchungsausschuss. Lediglich eine Minderheit von einem Drittel aller Abgeordneten ist notwendig, um zu einem Thema die Regierung einer Untersuchung zu unterziehen. Diese Möglichkeit ist nicht nur sachlich durchaus interessant, sondern vor allem sehr öffentlichkeitswirksam. In einem Untersuchungsausschuss bietet sich der Opposition die einmalige Chance, Bundesminister öffentlich vorzuführen. Die Bilder von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Untersuchungsausschuss zum Luftangriff in Kundus sind unvergessen.

Die SPD-Bundestagsfraktion besteht aktuell aus 146 Abgeordneten und beschäftigt etwa 220 Mitarbeiter. Diese Fraktionsmitarbeiter sind unersetzbar für die Arbeit der Fraktion und arbeiten in verschiedenen Bereichen: Sie erledigen die Öffentlichkeitsarbeit der Fraktion, stellen die Kommunikation mit Ministerien und Behörden sicher, regeln die Arbeitsabläufe und bieten Hilfestellung bei thematischen Arbeiten. Der Aufbau der Fraktion folgt § 48 des Abgeordnetengesetzes. Demnach legt eine Fraktion in ihrer Geschäftsordnung ihren Aufbau fest.

Die SPD-Fraktion besitzt einen Vorsitzenden, vier parlamentarische Geschäftsführer und neun stellvertretende Vorsitzende. Zusammen mit 25 Fraktionsmitgliedern bilden diese den Fraktionsvorstand. Dieser tagt stets vor der vollständigen Fraktionssitzung und legt die Richtlinien der Arbeit fest. Die neun stellvertretenden Vorsitzenden sind außerdem zuständig für die Koordination von 22 Arbeitsgruppen der SPD-Fraktion. Diese richten sich nach den im Parlament existierenden Ausschüssen und stellen die Beratungsplattform für die SPD-Mitglieder eines Ausschusses dar. Die parlamentarischen Geschäftsführer, deren erster Geschäftsführer aktuell Thomas Oppermann ist, sind die tatsächliche Verwaltung der Fraktion. Sie sind zuständig für das Tagesgeschäft wie Finanzen, Personal und EDV.

Die Fraktion selbst entscheidet in der Vollversammlung über die Besetzung von Gremien, die Einbringung von parlamentarischen Initiativen und die Redner im Parlament. Die Vollversammlung der Fraktion stellt das Zentralorgan für die Fraktionspolitik dar. Einen wichtigen Anteil daran haben auch die etwa 96 Fraktionsreferenten, die Mitarbeiter der Fraktion sind und diese thematisch vor- und nachbereiten.

Kernpunkt im gesamten Gesetzgebungsverfahren sind die Ausschüsse. Wird im Plenum zwar für die Öffentlichkeit leidenschaftlich diskutiert, so finden die sachlichen Verhandlungen über Gesetze tatsächlich jedoch in den Ausschüssen statt. Die Größe der Ausschüsse wird stets nach deren Arbeitsaufwand festgelegt, generell sollen Ausschüsse jedoch die Sitzverteilung im Parlament wiederspiegeln. Das Thema eines Ausschusses richtet sich bis auf wenige Ausnahmen (Petition, Sport, Europa) nach existierenden Ministerien. Wichtigste Mitglieder eines Ausschusses sind der Vorsitzende und der Sprecher. Die Vorsitze in den Ausschüssen werden in mehreren Auswahlrunden unter den Fraktionen verteilt, dabei ist die Reihenfolge beim Auswählen stets auch die Reihenfolge der Fraktionsstärken.

Ein schwieriges Thema ist die Mitwirkung von externen Fachleuten beim Gesetzgebungsverfahren. In vielen komplexen Themenfeldern wie Wirtschaft und Energie geben Externe den Abgeordneten und Fraktionen Ratschläge. Dass diese selten wirklich objektiv sind, liegt auf der Hand. Sehr oft stellen Lobbyisten verschiedener Organisationen und Verbände einen wesentlichen Teil dieser Ratgeber und haben somit einen unmittelbaren Einfluss auf die Gesetzgebung. Gerade innerhalb der Bundesministerien kommt dieses Verfahren sehr häufig zum Einsatz. Trotz aller berechtigten Kritik an dieser Praxis muss man jedoch anerkennen, dass auch Politiker nicht zu allen Themen umfassende Kompetenzen haben können und somit auf Externe angewiesen sind.

Zum Abschluss möchte ich hier ein paar Zahlen zur Größe der Behörde Deutscher Bundestag angeben. Die 620 Abgeordneten beschäftigen insgesamt etwa 4200 Mitarbeiter, die einzig den Abgeordneten zuarbeiten. Die Fraktionen beschäftigen 800 Mitarbeiter, wovon auf die SPD etwa 220 verfallen. Und die Bundestagsverwaltung beschäftigt noch einmal 2900 Mitarbeiter. Der Bundestag hat damit die Größe einer Riesenbehörde und deutet den Arbeitsaufwand an, der hier jeden Tag anfällt. Diese große Zahl von Mitarbeitern arbeitet im Hintergrund, und ist doch für die Abgeordneten nicht weniger als politisch überlebenswichtig. Jeder von ihnen leistet seinen Beitrag für das Funktionieren unserer Demokratie. Man mag verschiedene Auffassungen haben was politische Richtungen und Arbeitsabläufe angeht. Und doch muss man anerkennen, dass das Gesamtsystem Demokratie funktioniert und eine gerechte Regierungsarbeit gewährleistet. Und daher ist es wichtig, jedem der dazu beiträgt, seine Anerkennung zu zollen.

Von Daniel Kreutzer

Nachwuchsjournalisten des Hospitanz-Programms im Bundesrat

7:32 Uhr: Verschlafen frage ich Julia „Was erwartest du vom heutigen Besuch im Bundesrat?“. Julia nicht weniger verschlafen: „Spannende Debatten..., ähm, intensive Diskussionen; einfach ein Eindruck, der mich prägen wird.“ 7:56 Uhr: Ankunft am Gebäude des Deutschen Bundesrates, Leipziger Straße, Berlin.

Vor dem großen Eingangstor steht eine große „Co2 Bombe“ aus Pappmaschee aufgebahrt. „Zeitbombe Co2-Enlager“ plakatieren die Demonstranten. Für eine „Zukunft mit Braunkohle“ wirbt die IG BCE – die Industriegewerkschaft für Bergbau, Chemie und Energie. Und auch Tierschutzfreunde wollen sich Gehör verschaffen. Auf der Tagesordnung der 886. Sitzung im Bundesrat stehen Themen wie die „Unterbringung aufgefundener Tiere“, die „Verbrennung von Abfällen“ und das „Mineralöldatengesetz“. Und wir sind live dabei.

8:38 Uhr: In weniger als einer Stunde beginnt der Bundesrat zu tagen. Referentin Cornelia Höchst weist uns mit beachtlich guter Laune in die Besonderheiten dieses Organs ein. „Wir sind natürlich ein Parlament, aber die Vorgehensweise ist anders als im Bundestag.“ Hier herrsche weniger Aufregung, geklatscht würde höchstens zu Geburtstagen. Denn „klatschen kostet Zeit“, erklärt Frau Höchst. Und überhaupt würden solch hitzige Debatten wie im Bundestag hier nicht geführt werden. Der Bundesrat sei im Vergleich zu seinem Parlamentskollegen aber nicht nur sanfter sondern auch weniger transparent; Ausschüsse nicht öffentlich und für wirklich vertrauliche Gespräche ziehe man sich ins „Zimmer 13“ zurück – einem neutralen Bereich ohne Presse, ergänzt die Referentin.

Die Bezeichnung stamme übrigens noch aus guten, alten Bonner Zeiten. Frau Höchst bereitet uns weiter darauf vor, dass jegliche Entscheidungen im Bundesrat im Eiltempo vollzogen werden. Bei einer Tagesordnung von knapp hundert Punkten klingt das sehr naheliegend. Ein Großteil der Themen finde sich aber bereits auf der „grünen Liste“, erklärt Frau Höchst; grünes Licht für diejenigen Punkte, über die Konsens herrscht.

9:20 Uhr: Endlich ist es soweit. Wir brechen auf, um eine Sitzung desjenigen Verfassungsorgans zu besuchen, das in der Regel nur elf Mal im Jahr tagt. Platz gefunden, Platz genommen, Platz vergeben. Ehe man sich versah, hatte Bundesratspräsidentin Hannelore Kraft ihre erste Amtshandlung für diesen Tag vollzogen: Die Wahl des Vorsitzenden des Verkehrsausschuss wurde einstimmig beschlossen. Um die einvernehmliche Entscheidung festzustellen, reichte ihr erstaunlicherweise ein kurzer Blick. Es geht also in der Tat alles ein bisschen flotter zu im Bundesrat. 10:15 Uhr – schon wieder Zeit zu gehen. Das war er der Bundesrat; ein Eindruck der uns prägen wird.

Von Lisa Kreuzmann

"Aus den Gepflogenheiten eines Pressesprechers"

Im Gespräch mit Steffen Rülke, Pressesprecher von Thomas Oppermann

Als Pressesprecher des ersten Parlamentarischen Geschäftsführers der SPD-Fraktion arbeitet Steffen Rülke an der Wiege zwischen Journalismus und Politik. Wenn es darum geht, hartnäckige Reporter zufrieden zu stellen und gleichzeitig auf die Außenwirkung seines Schützling Thomas Oppermann zu achten, ist er gefragt. Keine leichte Aufgabe.

In der zweiten Woche unseres Programms weihte uns Rülke die Gepflogenheiten eines Pressesprechers ein. Rülke selbst ist Jurist. Zeitweilen hat er auch journalistisch gearbeitet, was ihm bei seiner Arbeit im Bundestag besonders zu Gute kommt. Denn dabei habe er gelernt, die Bedürfnisse der Journalisten besser einzuschätzen, sagt er. Doch nicht nur deren Bedürfnisse hat Rülke somit kennen gelernt, auch deren Tricks und Kniffe sind ihm vertraut. Über einen flapsigen Satz Oppermanns kann er wie manch anderer nicht einfach hinweglächeln; sofort muss ihm durch den Kopf gehen, welchen möglichen Strick Journalisten Oppermann daraus drehen könnten.

„Die Welt ist glatter geworden“, erklärt Rülke, „Kanten eines Politikers würden riesige Medienwellen auslösen.“ Und genau diese gilt es für Rülke zu vermeiden; das ist sein Job. Und so wird das ein oder andere Zitat der Oppermanns und Co „glatt gebügelt“, bevor es den Weg zu den Lesern findet. Missverständnisse müssen vermieden werden. „Verlieren Politiker dadurch nicht an Authentizität?“, klingt es aus unserer Runde. Und Rülke stimmt zu, dass aus diesem Grund wohl Politiker beliebter seien, denen auch mal eine Unart entwische. Journalisten macht der Pressesprecher dabei ein Zugeständnis. Interviews mit Politikern zu führen, seien für diese „fast nicht mehr erquicklich.“ Bei Rundfunk- und Online-Interviews gilt „gesagt ist gesagt“, klärt Rülke auf. Für ihn bedeutete das eine intensivere Vorbereitung. Dabei betont er, dass Herr Oppermann die besten Formulierungen aber immer noch selbst treffen würde. Steckt hinter der Arbeit eines Pressesprechers also doch viel mehr wahrer Politiker als wir dachten?

Ein Stückchen mehr Oppermann gibt es definitiv seit kurzem bei Twitter. Dabei handle es sich um einen Versuch, erklärt Rülke. Anfangs sei er skeptisch gewesen; nun schätze er den Nachrichten-Chat als Medium, mit dem vor allem junge Menschen erreicht werden könnten. Der Fokus der Presse auf Politiker werde schließlich immer größer, betont er. Dabei habe die Beschleunigung der elektronischen Medien auch eine Beschleunigung seiner Arbeit zur Folge. Und das sei „auch gut so“, fügt er lächelnd hinzu. Eine Zeitung entspannt lesen wird er allerdings nie mehr können, erzählt er uns. Und das sei, verrät er uns ebenfalls schmunzelnd, „richtig bescheuert“.

Von Lisa Kreuzmann

"Wie in der Schule"

FES-Hospitanten bei der SPD-Fraktionssitzung

Im Bundestag gibt es geregelte Abläufe, zum Beispiel mittwochs die Ausschüsse, donnerstags die Plenarsitzungen und dienstags die Fraktionssitzungen. Letztere sind für die Öffentlichkeit streng verboten. Die Hospitanten der FES aber durften sich eine Sitzung anschauen. Die Parallelen zwischen einer Fraktionssitzung und einer Schulklasse sind verblüffend groß.

Dienstag, 15.00 Uhr im unteren Geschoss des Reichstagsgebäudes. Die vier Lifte fahren hoch und runter, um die Abgeordneten in den dritten Stock zu bringen, wo sich die Fraktionssäle befinden. Schon im Untergeschoss fängt ein für Laien komisches Ritual an. Denn die inoffizielle aber von jedem MdB respektierte Regel will, dass die rechten Lifte von der CDU genommen und die links stehenden Lifte von der SPD genutzt werden. Mit ein bisschen Glück und dem richtigen Lift kann man zum Beispiel Andrea Nahles treffen.

Oben angekommen überrascht erst mal die Menge an Journalisten, die in den sonst leeren Etagen warten. Dutzende Kameras stehen bereits am Eingang der Fraktionssäle, um die Erklärungen der Fraktionsvorsitzenden einzufangen. Der Saal füllt sich langsam, für einen kurzen Augenblick dürfen auch die Fernsehteams ein paar Bilder drehen und dann gehen die Türen zu.

Die Fraktionssitzung beginnt und als erstes redet Frank-Walter Steinmeier, der Fraktionsvorsitzende. Für eine Außenstehende ist es interessant zu beobachten, wie sich die Fraktionsmitglieder während der Sitzung verhalten. Denn der erste Eindruck, der dort entsteht, ist ein wildes Chaos. Bei der Rede des Fraktionsvorsitzenden ist es noch ruhig. Aber sobald die Abgeordneten das Wort ergreifen, um über ein bestimmtes Thema zu sprechen, kommt eine gewisse Unruhe in den Saal. Fraktionsmitglieder stehen auf, holen sich am Buffet ein paar belegte Brötchen, die sie dann an ihrem Platz essen. Andere gehen zu Kollegen, um ein bisschen zu plaudern oder holen ihre Smartphones/Tablet-Computer und lesen die letzten Nachrichten. Die Versuche des Fraktionsvorsitzenden, die Teilnehmer zu mehr Ruhe zu bitten, bleiben erfolglos.

Den Zuschauer lässt der Eindruck nicht los, dass es wie in der Schule abläuft. Jeder macht, was er will, keiner hört den anderen zu. Diskretion und Zuhören scheinen Fremdwörter zu sein. Die Fraktionssitzung ist für zwei Stunden angelegt, allerdings kann sie viel kürzer oder länger sein. An diesem Tag war nach vierzig Minuten Schluss. Die Mitglieder packen ihre Ordner wieder unter die Arme, an der Tür wird noch schnell in ein Brötchen gebissen oder es werden ein paar Äpfel mitgenommen. In wenigen Minuten hat sich der Saal geleert, wie eine Schulklasse nach der letzten Stunde. Politiker und Schüler haben also einiges gemeinsam und vielleicht ist es so auch nicht schlecht. Denn Abgeordneten sind normalen Menschen.

Von Mathilde Lemesle

"Alles neu macht das MoMa"

Nachwuchsjournalisten der FES-JournalistenAkademie im ZDF-Hauptstadtstudio

Das ZDF-Morgenmagazin (MoMa) bekommt nach fünf Jahren ein neues Studio-Gewand. Am Tag der hektischen Generalprobe durften Hospitanten der fes-Journalistenakademie hinter die Kulissen des Hauptstadtstudios schauen und wurden Zeuge eines Spagats: Das Zweite muss moderner werden, ohne das ältere Publikum zu vergraulen.

Silke wirkt aufgeregt. Nur noch drei Tage, dann muss alles sitzen. Die Aufnahmeleiterin wuselt durch die Deko, ruft. „Achtung, wir proben! Nicht mehr vor die Kamera laufen!“. Von der Decke hängt ein Gestrüpp aus 110 Scheinwerfern. Die Männer an den sündhaft teuren HD-Kameras fahren in Position. Meteorologe Ben Wettervogel, der eigentlich Benedikt Vogel heißt, steht vor der digitalen Wetterkarte und doubelt sich für die Lichtprobe selbst. Hinter dem im TV so gemütlich anmutenden ZDF-Morgenmagazin mit Sofa, Kaffee und freundlichem Licht steckt von Aufnahmeleiterin Silke bis hin zum Kabelträger ein Team aus über 60 Leuten, das allmorgendlich die Moderatoren mit aufwendiger Technik ins rechte Bild rückt und Beiträge abfährt.

Videowand und Touchscreen sind Pflicht

Von einer der Plattform unter der Studiodecke erhaschen wir bereits vor dem TV-Zuschauer einen Blick auf das moderne „MoMa“. Künftig grüßen die Moderatoren von einem grauen Ecksofa und lesen Ihre Ansagen von orangefarbenen Inseln, auf denen blaue Glastische stehen. Der aufgeklappte Laptop versteht sich von selbst. Wir gehen mit der Zeit, aber nehmen euch mit, lautet die Botschaft ans Publikum. „Unsere Zuschauer sind etwas älter“, untertreibt Studentin Vera, die durch das Hauptstadtgebäude des ZDF führt. „Die mögen Veränderungen nicht so gern.“ 61 Jahre alt ist der Durchschnittszuschauer im Zweiten, der des Morgenmagazins etwas jünger. Aber die neue, riesige Videowand im Hintergrund des MoMa-Studios war Pflicht, weil Konkurrent RTL längst damit arbeitet. Und Wettermann Ben Wettervogel kann am Touchscreen künftig seine Wolken mit dem Finger durchs Bild ziehen. Soviel Moderne muss erlaubt sein.

Das Hauptstudio mit seinen 300 Quadratmetern ist das Prunkstück des ZDF-Hauptstadtstudios, das vor 11 Jahren in den historischen Zollernhof Unter den Linden gezogen ist. Abgesehen vom Morgenmagazin, das in allen geraden Wochen vom ZDF produziert wird, werden neben anderen auch der Polit-Talk Maybrit Illner oder ZDF login aus dem größten Studio gesendet. Die Kulisse ist innerhalb weniger Stunden umgebaut. Gegen die kaum verschraubte Deko sollte sich besser kein Moderator lehnen. Ab halb neun moderieren Cerno Jobatey, Dunya Hayali und Co. das MoMa im lichtdurchfluteten Innenhof weiter. Dort warten Kaffee und Brötchen auf das Publikum. „Das ist natürlich eher Deko“, erklärt Vera, „essen kann man es aber trotzdem“.

Telenovela liegt beim Publikum vorn

Die Fäden in der Hand behalten einige Stockwerke höher Redaktion und Regie. Auf einem Dutzend Bildschirmen flimmern ohne Ton die ZDF-Sender und die Konkurrenz. Kleinste Änderungen an Ablauf oder Moderation werden von hier aus hinunter ins Studio gesendet. Der wichtigste Kopf hier oben ist der Schlussredakteur. Die Position des Bildmischers sei meist weiblich besetzt, verrät Vera und grinst: „Wegen des Multitaskings“. Ein Mitarbeiter schneidet das ZDF-Programm parallel mit und stellt es schnellstmöglich in die Netz-Mediathek des Senders. Mit viel Aufwand wollen die ZDF-Macher schnelle Information verbinden mit einem modernen Erscheinungsbild. Der Renner unter den Internetnutzern des ZDF ist das Morgenmagazin dennoch nicht. Für die meisten Abrufe sorgt nach wie vor die Telenovela „Lena – Liebe meines Lebens“.

Von Maik Henschke

"Parteigründung im Wohnzimmer"

Ein Gespräch mit der Parlamentarischen Geschäftsführerin Iris Gleicke
über historische Augenblicke, persönliche Triumphe und das aktuelle politische Leben

Wir treffen Iris Gleicke an einem Montagmorgen. Sie hat sich etwas verspätet. „Die Baustellen“, sagt sie und bittet um Entschuldigung. Es ist der Tag nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Die SPD hat gewonnen. „Das tut gut.“ Iris Gleicke lässt sich in den blau gepolsterten Stuhl fallen, der im Besprechungsraum des Jakob-Kaiser-Hauses auf sie wartet. Sie weiß, sie ist angekommen, trotz der vielen Baustellen, die sie nicht nur an diesem Morgen überwinden musste, sondern auch auf ihrem Weg in die Politik.

Angefangen hat die heute 47-Jährige ihre politische Karriere in den späten Abendstunden. „Ich habe Eimer und Pinsel in die Hand genommen und bin losgezogen. Plakatieren.“ Die Ostdeutsche wollte etwas unternehmen gegen das SED-Regime. Zur ersten Info-Veranstaltung kamen rund 20 Leute. „Die fand daheim, im Wohnzimmer meiner Eltern statt“, erzählt Gleicke. „Dort haben wir dann eine Partei, das Neue Forum, gegründet.“

Das war 1989. Ein Jahr später wird Iris Gleicke als jüngste Abgeordnete aus den neuen Ländern in den Bundestag gewählt. Heute ist sie Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion, Sprecherin der ostdeutschen SPD-Abgeordneten und hat bereits das Bundesverdienstkreuz für die Bekämpfung des Rechtsextremismus erhalten.

Ihrem Engagement in der Vergangenheit geschuldet, lebt Iris Gleicke heute für die Politik. Sichtbar ist das in ihrem prallgefüllten Wochenkalender, der am Montag um 9.30 Uhr mit der Begrüßung der FES-HospitantInnen beginnt und Sonntag um 23.55 Uhr mit der Klausursitzung der Landesgruppe Ost endet. „Diese Woche ist noch entspannt“, sagt sie. „Bei Abstimmungen können sich die Termine noch länger hinziehen.“ Abstimmungen gibt es in dieser Woche nicht, denn es ist die erste Sitzungswoche nach der Sommerpause. „Normalerweise gibt es feste Zeiten für Fraktionssitzungen, Vorstandssitzungen oder die Debatten im Plenum“, erklärt Gleicke und verweist auf den Plan, den sie für jeden von uns mitgebracht hat. „In dieser Sitzungswoche ist alles ein wenig verschoben. Mittwoch findet nämlich die Generaldebatte, die Haushaltsdebatte, statt. Für uns als Opposition ist das sehr wichtig, denn da wird abgerechnet.“ Aufgrund dessen rückt die Fraktionssitzung, die in der Regel Dienstagnachmittag stattfindet, auf den Montagabend. „Dann bleibt genug Zeit sich untereinander zu besprechen.“

Lücken sind in ihrem Kalender nicht zu finden. Vormittags stehen Gespräche und Debatten an, für Mittwoch hat sich eine Besuchergruppe aus dem Wahlkreis angekündigt. Auch das gehört zu den Aufgaben einer Abgeordneten in Berlin. Die Hektik der Politik lässt Iris Gleicke sich dennoch nicht anmerken. Geduldig beantwortet sie Fragen zu den Landtagswahlen, welche Konsequenzen der hohe Stimmenanteil für die NPD mit sich bringt und scheut keine Diskussion über ein mögliches NPD-Verbot, für das sie sich persönlich stark einsetzt.

Politik, sagt Gleicke, werde nicht nur für, sondern von Menschen gemacht. Auch deshalb hat sie die Quittung über ihren ersten Monatsbeitrag für das Neue Forum aufbewahrt. Den Betrag kennt sie genau: „7 Ost-Mark und 31 Pfennig.“

Von Ann-Christin Wehmeyer

"Aus nächster Nähe"

Hospitanten im Gespräch mit Ulrich Deppendorf, Studioleiter und Chefredakteur Fernsehen im ARD-Hauptstadtstudio

Ulrich Deppendorf über das Zusammenspiel von Politikern und Hauptstadtjournalisten

Bis 2015 darf er noch bleiben. Dann muss auch Ulrich Deppendorf gemäß dem Rotationsprinzip das Hauptstadtstudio der ARD wieder verlassen. „Diese Regelung gilt auch für den Chefredakteur“, sagt der 61-jährige Deppendorf. Maximal sieben Jahre darf ein Korrespondent in Berlin arbeiten, danach muss er seinen Platz räumen. „So wird der Abstand zwischen Politik und Medien gewahrt und mehr Journalisten bekommen die Möglichkeit in Berlin zu arbeiten.“ Dass vertraute Netzwerke und Informanten dabei wegbrechen, kann auch er nicht von der Hand weisen. Die Nähe in der Hauptstadt – ob räumlich oder privat – bietet gewiss viele Vor- aber auch Nachteile, die in unserem Gespräch noch des Öfteren thematisiert wurden.

Das Hauptstadtstudio der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten befindet sich direkt gegenüber dem Jakob-Kaiser-Haus. Wir werden in eines der beiden TV-Studios in die 4. Etage geführt. Vor ein paar Stunden stand an diesem Platz Frank-Walter Steinmeier und gab ein Statement zur Finanzkrise. Durch das Panoramafenster hinter dem Stehpult fällt der Blick auf die Spree, die Reichstagskuppel, schließlich auf Steinmeiers Bürogebäude, in das er nach zweieinhalb Minuten Sendezeit auch wieder verschwunden ist. Nur ein Gang über die Straße. Das spart Zeit. „Räumlich könnten wir nicht näher am Geschehen sein. Das ist schon ein Vorteil.“

Ein Vorteil, den der Chefredakteur gern zur Mittagszeit nutzt, um in der Kantine des Bundestags seine Mahlzeit einzunehmen. Er geht fast täglich dorthin. Beschafft er sich etwa zwischen Rosenkohl und Rouladen die nötigen Hintergrundinformationen? „Nein, das ist nicht der Grund. Solche Gespräche finden nicht in der Kantine statt“, versichert Deppendorf. Offen gibt er zu: „Da gehe ich nur hin, weil es billig ist.“ Für diese Ehrlichkeit bekommt er von uns zunächst Gelächter, stößt bei den meisten aber auf Verständnis.

Die Nähe lässt uns immer noch nicht los. Wir fragen weiter. Ob es nicht hemmt, Kritik an den Politikern zu üben, wenn man weiß, dass man sich jederzeit auf der Straße über den Weg laufen könnte – spätestens aber auf der nächsten Pressekonferenz. Er habe damit kein Problem. „Bei mir ruft keiner an, wenn ich einen scharfen Kommentar gesprochen habe.“ Dennoch ist es dem ersten deutschen Fernsehen lieber, die Journalisten nach ein paar Jahren auszutauschen. 70 Korrespondenten arbeiten zurzeit für die ARD in Berlin. 40 von ihnen für den Hörfunk, 20 für das Fernsehen und jeweils fünf in den Bereichen Online und Regional.

Ein Studio ist permanent sendebereit. „Das ist ein Vorteil, wenn plötzlich etwas unvorhergesehenes passiert“, sagt Deppendorf. Als der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler um 14 Uhr seinen Rücktritt verkündete, war Deppendorf bereits um 14.02 Uhr auf Sendung. „Wir können ungemein schnell reagieren.“

Täglich findet um 12.15 Uhr eine Konferenz statt. Um 14 Uhr gibt es eine Telefonschalte der Chefredakteure. „Hier besprechen wir das Programm für den heutigen Tag und natürlich die Kritik für die Sendungen von gestern.“ Beispielsweise, dass ein jüngeres Publikum gewonnen werden soll. Deppendorf, der schon seit 35 Jahren als Journalist tätig ist, weiß: „Dafür brauchen wir mehr Grafik-Anteile in den Sendungen, mehr Live-Schalten, wir müssen Politik eben mit einfachen Worten erklären.“ Gleichwohl solle die Qualität gewahrt bleiben. „Wir können uns nicht dahinsetzen und sagen ‚Hallöchen! Hier ist die Tagesschau. War heute wieder `nen geiler Tag!‘“ Wir lachen. „Seht ihr“, so Deppendorf „das ist unglaubwürdig und kommt nicht gut an!“ Die Moderatoren arbeiten deshalb erst einmal weiter mit dem Touchscreen und wollen die jungen Leute im Internet erreichen.

„In meinem Beruf gibt es viele Überraschungen“, sagt der TV-Journalist. „Vieles ist nicht planbar.“ Gerade das macht für ihn den Reiz aus. Unsere 60 Minuten sind vorbei, schnell noch ein Gruppenfoto, dann ist er auch schon wieder verschwunden. Er muss sich noch vorbereiten. In drei Tagen ist die Berliner Wahl zum Abgeordnetenhaus, in sieben Tagen kommt der Papst zu Besuch. Urlaub hat Deppendorf nach eigener Aussage nicht mehr. Die Berliner Politik lässt ihn nicht los. Er sucht die Nähe. Selbst dann, wenn er tausend Kilometer entfernt am Strand liegt.

Von Ann-Christin Wehmeyer

Rührei in Berlins "Käseglocke"

Junge Journalisten der FES-JournalistenAkademie
beim Pressefrühstück mit Thomas Oppermann, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion

Es gibt die traditionellen Pressekonferenzen, in Berlins Politbetrieb spielen allerdings Kamingespräche, Medienkreise und Pressefrühstücke die wichtigere Rolle. Bei letztem treffen sich rund 50 geladene Journalisten zum morgendlichen Frage-Spiel mit einem Politiker. Die Hospitanten der FES durften Thomas Oppermanns Frühstücksrunde zuschauen.

Belegte Brötchen, Obst, Rührei, Speck und Krabben. Im Marie-Juchacz-Saal im SPD-Fraktionseck des Reichstages wartet auf die zahlreiche Medienvertreter ein herzhaftes Frühstück. Thomas Oppermann, der erste parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, hat mal wieder dazu eingeladen. Wer Hunger mitbringt, kommt schon eine halbe Stunde vor offiziellem Beginn. Und so trudeln einige Hauptstadtjournalisten peu à peu ein, um sich den Teller voll zu schaufeln. Vielen reicht aber auch eine Tasse Kaffee, der Blick in die Zeitungen der Konkurrenz sowie das Plaudern mit den Kollegen.

Während auf dem Reichstags-Turm über dem Saal die europäische Flagge weht, begrüßt Oppermann die Vertreter von Radio, Fernsehen sowie Print- und Onlinemedien. An der Seite des SPD-Politikers sitzen zwei seiner Mitarbeiter, unter anderem SPD-Pressesprecher Steffen Rülke, der mit seinem Charme durch das Pressefrühstück führt. Zunächst gibt sein Chef einige Statements zur aktuellen politischen Lage ab. Er kritisiert lautstark die Bundesregierung und freut sich über die Wahlerfolge der SPD in den vergangenen Wochen und Monaten. Seine eher bescheidene Wiederwahl zum Parlamentarischen Geschäftsführer in der Fraktionssitzung am Vortag kommentiert er gekonnt mit den Worten: „Ein robustes Ergebnis für einen robusten Geschäftsführer.“ Späteren Nachfragen der Journalisten geht er mit dieser gut überlegten Erklärung gekonnt aus dem Weg.

Nach Oppermanns Einstiegsstatements folgen zu den vorher festgelegten Themen die Fragen der „Meute“. Ob Eurodebatte, Wahlrecht oder Papstbesuch. Oppermann ist gut vorbereitet und kann die Fragen Thorsten Denklers von der Süddeutschen Zeitung sowie von anderen „Edelfedern“ und Redakteuren meist passend kontern. Neben Korrespondenten der größten deutschen Tagezeitungen entdeckt man in den Frühstücksreihen auch Hörfunk- und Fernsehredakteure. Mittags erscheint auf Spiegel Online ein Text über den Papst-Besuch, Oppermanns Äußerungen vom Pressefrühstück sind eingebaut.

Nach der „gehaltvollen“ Medienrunde, bei denen die wenigsten Journalisten eigene Fragen stellen, steht der SPD-Mann noch für O-Töne und Kurzinterviews mit den Radioanstalten zur Verfügung um sich danach selbst ein leckeres Brötchen zu gönnen.

Fabian Vögtle

"Junge Akademiker sollten selbstbewusster auftreten"

Daniela Kolbe, MdB, im Gespräch mit den Nachwuchsjournalisten
der FES-JournalistenAkademie:

Als Schriftführerin saß Daniela Kolbe im Plenarsaal direkt hinter Angela Merkel, als diese den aktuellen Kanzleramtskurs für den Haushalt 2012 verteidigte. Die mit 31 Jahren jüngste Bundestagsabgeordnete der SPD, meint - außer dem Physikstudium - wenige Gemeinsamkeiten mit der Kanzlerin zu haben.

Zu Beginn des Gesprächs mit den Hospitanten des vierwöchigen Bundestags-Programms referiert Kolbe über ihre Tätigkeit in der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, einem interfraktionellen Ausschuss für nachhaltiges Wirtschaften.

Unzumutbarkeiten regulieren

Schnell kommt das Gespräch über eine Optimierung von Wirtschaftswachstum und einhergehender Lebensqualität zum Thema der aktuellen sozialen Ungleichverteilung in Deutschland. In großen Unternehmen werden steigende Burn-out-Quoten beklagt, während es besonders Berufseinsteigern vermehrt schwer fällt, eine Langzeitarbeitslosigkeit zu umgehen. Bezugnehmend auf die Bedingungen für Hartz VI-Empfänger in Job-Centern betont Kolbe, dass sich für sie hier eine Frage der Zumutbarkeit stellt: „Ich besuchte mehrere Vermittlungsgespräche in Job-Centern, um einen authentischen Eindruck von der Situation von Arbeitslosen zu gewinnen. Es ist absurd, dass Arbeitsvermittler ohne Rücksicht auf die Ausbildung ihrer Kunden in Leiharbeit und gering qualifizierte Jobs vermitteln. Langzeitarbeitslose werden durch die massive Kürzung von schwarz-gelb bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik erleben, dass sie von dieser Regierung abgeschrieben sind“, erklärt Kolbe. Sie rät Hochschulabsolventen, sich nicht unter Wert zu verkaufen, etwa durch Annahme unbezahlter Praktika und selbstbewusster aufzutreten. Mit ihrer Fraktion setzte sie sich 2010 in einem Bundestagsantrag für eine Bearbeitung der aktuellen Regelungen im Berufsbildungsgesetz zur Beweislasterleichterung gegen Scheinpraktika ein.

Gegen Kürzungen in der politischen Bildung

Kolbe war bereits als Kind bei den „Falken“, der sozialistischen Jugend Deutschlands, die sie keck „politische Pfadfinder“ nennt. Danach fing sie auch bei den Jusos mit dem Kleben von Plakaten klein an. Als entschiedene Gegnerin von Rechtsradikalismus tritt sie für mehr politische Bildung und Demokratieerziehung ein: „Ich finde es bedenklich, dass die CDU/CSU Fraktion gerade in diesem wenig geförderten Bereich im Haushaltsplan für 2012 Kürzungen von mehr als 3 Millionen Euro plant.“ Kolbe kritisiert hier besonders den Kurs von Familienministerin Kristina Schröder und insbesondere Schröders Programme gegen Linksextremismus, welche letztere als Pendant zu Programmen gegen Rechtsextremismus entwickelte. Bei den Programmen gegen Rechtsextremismus findet Kolbe das bestehende Dreisäulenmodell aus Aktionsplänen, Beratung und Modellprojekten erfolgversprechend. „Rechtsextremismus, der zunehmend besonders im ländlichen Raum in den Neuen Ländern Zuspruch findet ist eine Gefahr für die Demokratie, Migranten und Andersdenkende.“ Die Physikerin möchte zusammen mit ihrer Partei ein NPD-Verbot durchsetzen, auch um dieser rechtsextremistischen Partei die Zuschüsse öffentlicher Gelder zu entziehen.

Alter kann kein Argument gegen eine politische Amtsinhabe sein

Kolbe war selber überrascht darüber, dass sie 2009 die mit Abstand jüngste Abgeordnete der SPD war, die in den Bundestag einzog. Sie findet diese Tatsache bedenklich und meint, dass andere Parteien, wie die Grünen, eine jüngere Zielgruppe gerade auch durch jüngere Politiker gewinnen. Ihre 23jährige Schwester sei so jüngst Mitglied bei den Grünen geworden. Die Grünen könnten durch provokantere und unkonventionellere Kampagnen eine jüngere Zielgruppe interessieren. Die SPD müsse die eigenen Kompetenzen u. a. im Bereich „Bürgerrechte“ besser herausarbeiten, um neue Wähler zu locken. Ein „quirligeres“ Programm genüge nicht.

Von Ansgar Skoda

"Heiter bis wolkig"

Nachwuchsjournalisten der FES-JournalistenAkademie im Deutschen Bundestag:

Es ist ein sonniger Morgen – wenn auch etwas windig – in Berlin. Doch dass es dieser Tage im Plenum nicht um eitel Sonnenschein geht, wird schnell klar. Es ist Haushaltswoche im Deutschen Bundestag und auf dem Programm steht der Etat des Außenministeriums.

Guido Westerwelle, der in den letzten Wochen viel Kritik – auch aus den eigenen Reihen – einstecken musste, steht auf dem Prüfstand. Das Plenum ist voll. Alle sind sie gekommen, von der Bundeskanzlerin bis hin zu den Oppositionsführern. Auch die Zuschauertribüne ist prall gefüllt – allen voran wir, die Hospitanteninnen und Hospitanten der JournalistenAkademie der Friedrich-Ebert-Stiftung . Doch der Außenminister lässt sich von dem äußeren Druck wenig anmerken. Er wählt die Flucht nach vorn. „Deutsche Außenpolitik hat ein klares Fundament – das ist die Europäische Union -, und deutsche Außenpolitik ist Friedenspolitik”, verkündet er.

Dabei wurden genau diese beiden Dinge – Deutschlands Außenpolitik und die Haltung der FDP zu Europa – in den letzten Wochen und Monaten aufs Schärfste kritisiert. Nach Westerwelles Enthaltung bei der Libyen-Frage im UN-Sicherheitsrat empfanden viele das Ansehen Deutschlands in der Welt als beschädigt. Der deutsche Außenminister betont in seiner Rede immer wieder, dass Deutschland für Frieden stehe. Er unterstreicht, dass „politische und diplomatische“ Lösungen im Zentrum deutscher Außenpolitik stehen. Für die prekäre Situation in Europa indes macht er die Opposition verantwortlich: „Dass Sie im Jahre 2004 geglaubt haben, das Schuldenmachen müsse erleichtert werden, wenn man ein guter Europäer sein will, ist das eine“, attackiert er SPD und Grüne, „Dass Sie uns aber genau dieses gescheiterte Rezept in diesem Jahr für die Zukunft wieder empfehlen, nämlich das Schuldenmachen zu erleichtern, ist das andere“. Westerwelle macht deutlich, dass seine Partei nur schwer für eine Zustimmung für die erweiterten Kompetenzen des Euro-Rettungsschirms zu gewinnen ist. Das wird auch eine Belastungsprobe für die Kanzlerin und die schwarz-gelbe Regierung generell.

Gernot Erler, ehemaliger Bundesminister des Auswärtigen und seit 1987 Mitglied des Deutschen Bundestags für die SPD, schießt in seiner Rede hingegen scharf zurück: „Sie haben den Beweis erbracht, dass Sie auch nach zwei Jahren noch immer nicht in diesem Amt angekommen sind.“ Erler klagt an, dass Deutschland sich nicht für den Schutz der libyschen Zivilbevölkerung eingesetzt hat. Weiterhin wirft er Westerwelle vor, die „ganze deutsche Außenpolitik auf die schiefe Bahn“ gebracht zu haben. Doch was neben all der Kritik an seiner Arbeit Westerwelle wohl am meisten zu treffen vermag, ist, dass Guido Westerwelle offensichtlich der Rückhalt in den eigenen Reihen fehlt. Erler nennt ihn einen „Außenminister auf Abruf“.

Es wird sich nichts geschenkt an diesem Morgen im Parlament. Jeder verteidigt sich und sein politisches Handeln. Schuld und Verantwortung für Problemlagen werden den anderen zugeschoben. Es mag oft wie leeres Gerede klingen, denn niemand vermag es, Fehler einzugestehen. Der Eindruck, es würde viel kritisiert und selten um wirkliche Alternativen gehen, entsteht unweigerlich. Dennoch, der Deutsche Bundestag ist das Herzstück unserer Demokratie. Was vorher, oft nicht zugänglich in Arbeitsgruppen und Ausschüssen, erarbeitet – quasi „abstimmungsreif“ gemacht - wurde, wird im Plenum visualisiert. Der Plenarsaal des Deutschen Bundestags ist nicht der Ort des Kompromisses oder der Schönwetter-Politik - er ist der Ort der öffentlichen Debatte, der Austragungsort politischer Diskussionen.

Von Julia Naue

 

"Zwölf Minuten Presse-Klatsch"

Steffen Seibert bei der Regierungspressekonferenz vor (fast nur) FES-Hospitanten

Steffen Seibert kneift die Augen zusammen. Kerzengerade richtet er sich in seinem Stuhl auf. Der Regierungssprecher blickt über die leeren Sitzreihen im großen Saal der Bundespressekonferenz. Er hat etwas Wichtiges mitzuteilen:

„Vielleicht sollten wir den angehenden Journalisten sagen, dass es hier nicht immer so leer ist.“ Es ist der Morgen nach der Berlin-Wahl. Bis zum Papst-Besuch in Deutschland verbleiben nur noch wenige Tage. Vor Seibert liegen ein zentimeterdicker Papierstapel und innen- wie außenpolitisch wichtige Themen. Doch seine ersten offiziellen Worte in dieser Woche gelten weder Wahlausgängen noch dem Papst – Seibert richtet sich direkt an uns: die FES-Hospitanten.

Unsere Gruppe fällt auf. Während vorne im Saal nur zwei Handvoll Journalisten Platz genommen haben, belegen wir fast die komplette hintere Sitzreihe. Der Blick auf die Pressesprecher der verschiedenen Ministerien ist von hier aus dennoch perfekt. Das hätten viele von uns zugegebenermaßen anders erwartet. Keine schubsenden Fotografen versperren die Sicht. Statt wild in ihren Schreibblöcken zu kritzeln, lehnen die anwesenden Reporter gelassen in den grauen Stoffsitzen. Die blaue Wandfarbe im Hintergrund wirkt beinahe beruhigend.

Als erster Punkt steht Palästina auf der Tagesordnung. Die Kanzlerin habe dazu am Wochenende zahlreiche Telefonate geführt, informiert Seibert. Mit deutlicher Stimme erläutert er die Position der Bundesregierung bezüglich einer eventuellen Zwei-Staaten-Lösung. Weil die Anzahl der Fragen dazu gering ausfällt, wird gleich zum nächsten Thema übergeleitet: Die Euro-Krise. Ein griechischer Journalist gibt sich besonders interessiert, streckt mehrmals die Hand um Fragen zu stellen. Seibert spricht ihn namentlich an. Der Regierungssprecher lächelt freundlich als er den Reporter aufruft. Dann hält er sich nachdenklich den Kugelschreiber an den Kopf. Die Botschaft ist eindeutig: Man nimmt die Lage ernst.

Palästina, Griechenland, ein Reporter fragt noch nach den Kosten des anstehenden Papst-Besuches – dann sind alle Themen durch. Ein Blick auf die Uhr: Die Regierungspressekonferenz hat genau zwölf Minuten gedauert. Seibert packt seinen dicken Papierstapel unter den Arm, trinkt einen Schluck aus dem Wasserglas. Dass die Konferenz heute so kurz und besonnen war, scheint ihn nicht zu stören: „Das ist schon okay. Manchmal ist es auch ganz schön heftig hier“, verrät er als wir ihn um ein gemeinsames Gruppenfoto bitten. Viel Zeit für ein Gespräch bleibt nicht, Seibert hat es eilig. Zwölf Minuten Pressekonferenz sind zwar zu Ende. Das politische Rad aber dreht sich schon weiter.

Von Christoph Petry

 

"Lars Klingbeil - Der Digital Native im Deutschen Bundestag"

Junge Journalisten der FES-JournalistenAkademie im Gespräch mit dem netzpolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lars Klingbeil

Mit seinen 33 Jahren gehört Lars Klingbeil zu den Jüngsten in der SPD-Fraktion. Er ist mit dem Internet aufgewachsen und macht sich als Mitglied der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ auch dafür stark.

Er war Sänger in einer Rockband, betreute während seines Zivildienstes Drogenabhängige und fand Parteien immer ganz furchtbar. Heute sitzt Lars Klingbeil als Abgeordneter des Deutschen Bundestags im Verteidigungsausschuss, im Ausschuss für Kultur und Medien und in der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“. Neben dem Internet interessiert sich der gebürtige Munsteraner aus der Lüneburger Heide auch für die USA und ihre Politik. Zahlreiche Auslandsaufenthalte während seines Studiums verschafften ihm solide Fachkenntnis in der Außen- und Sicherheitspolitik. Selbst zum Zeitpunkt der Angriffe auf das World Trade Center war Klingbeil als Praktikant für die ARD in New York.

Obwohl er als Jugendlicher gegen die Bildungspolitik Gerhard Schröders demonstriert hat, arbeitete er bereits während seines Studiums im Abgeordnetenbüro des damaligen Bundeskanzlers. Heute fährt er am liebsten mit Franz Müntefering im Zug, feuert Bayern-München im Stadion an oder twittert mit seinem Smartphone aus der Fraktionssitzung. Klingbeil hat neben seinem Twitter-Account auch einen bei Google + und bei Facebook. Er bekommt mittlerweile ein Fünftel seiner Bürgeranfragen über das soziale Netzwerk, „weil die Hemmschwelle dort einfach geringer ist“.

Was er von der Piratenpartei hält? „Ich lehne sie nicht ab“, so der 33-Jährige. Seiner Meinung nach handelt es sich bei den Piraten um keine Internetpartei, sondern um eine klassisch linke Partei, die gerade „hipp“ ist und ein gewisses Lebensgefühl vermittelt. Er sieht darin eine Herausforderung für die SPD, sich mehr mit dem Internet zu beschäftigen und es als Raum für Debatten zu verstehen. Er sieht bei der Netzpolitik außerdem den Vorteil, dass die Älteren nicht – wie immer – sagen können: „Früher haben wir das so gemacht!“ Er verlangt im Gegensatz dazu aber auch nicht von jedem, sich online zu bewegen. „Wenn Müntefering immer noch Texte mit der Schreibmaschine schreibt, macht es keinen Sinn, wenn er plötzlich anfängt zu twittern“, sagt Klingbeil. Das wirke nicht authentisch.

Er selber findet es schade, dass er als Politiker im Web Berufs- und Privatleben voneinander trennen muss. Gerne würde er mal posten, dass er als ganz normaler Mensch zum Konzert oder ins Fußballstadion geht. Dann müsse er sich aber regelmäßig anhören, wie Politiker auf Kosten des Staates ihre Freizeit verbrächten. Also beschränkt sich Klingbeil, der mittlerweile knapp 4.000 Facebook-Freunde hat, bei seinen Posts meist nur noch auf das Politische.

von Inga Methling

"Oppermann kommt selten allein"

Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion im Gespräch mit FES-Nachwuchsjournalisten

Er koordiniert Politik, wacht über die Geheimdienste und hat sich das Wahlrecht zu seinem Thema gemacht. Thomas Oppermann ist seit vier Jahren der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Eine Stunde lang sprach er mit uns über sein Verhältnis zur Presse, die Arbeit in der Opposition und warum es manchmal schlecht ist, zu viel zu wissen.

Thomas Oppermann ist vorsichtig geworden. Seitdem vertrauliche Informationen aus einem Gespräch mit US-Diplomaten im Fall Murat Kurnaz durch Wikileaks an die Öffentlichkeit geraten sind, weicht ihm sein Pressesprecher nicht von der Seite. Thomas Oppermann hat Talent für Zuspitzungen. Selbst sein Pressesprecher Steffen Rülke formuliert: „Die besten Antworten gibt Oppermann selbst.“

Oppermann lässt sich von kritischen Fragen nicht aus der Ruhe bringen. Wenn er etwas nicht beantworten kann oder will, macht er einen Scherz daraus. „In Live-Sendungen bin ich am wenigsten nervös“, gibt er sich ganz cool. Viel schwieriger sei es in zweieinhalb Sätzen auf den Punkt zu kommen. Ihm geht es bei Presseterminen natürlich auch um Eigenprofilierung. Wichtiger sei es aber den Standpunkt der Partei zu erklären und fundierte Argumente zu bringen. Insgesamt findet Oppermann den Umgang der Presse mit Politikern fair, macht aber auch deutlich, dass es mittlerweile weder einen sicheren Ort noch einen unbeobachteten Moment im Leben eines Politikers gibt.

Um die politische Kommunikation anzureichern, hat sich Oppermann vor kurzem auch bei Twitter angemeldet. Dort heißt er beispielsweise den Papst willkommen oder erklärt die FDP reif für eine „geordnete politische Insolvenz“. Auf die Frage hin, ob er sich nun auch bei Facebook ausprobiert, antwortet der gebürtige Münsterländer: „Dafür habe ich keine Zeit.“

Von Inga Methling

Hospitanzprogramm Deutscher Bundestag 2010

Blick hinter die Kulissen der Politik: Hospitanzprogramm im Deutschen Bundestag in Berlin 2010

Vier Wochen, 16 Hospitanten und über 20 Veranstaltungen rund um den Bundestag und die politische Berichterstattung. Den Teilnehmern des Hospitanzprogramms der FES-Journalisten-Akademie wurde auch in diesem Jahr wieder die Möglichkeit geboten, sich das politische und mediale Treiben in Berlin einmal ganz aus der Nähe anzuschauen. Von Gesprächen mit Spitzenpolitikern und Hauptstadtkorrespondenten, über die Teilnahme an Arbeitsgruppen und Ausschusssitzungen bis hin zur täglichen Arbeit in den Abgeordnetenbüros - das 9. Hospitanzprogramm "Blick hinter die Kulissen der Politik" wurde seinem Namen nach Ansicht der Hospitanten mehr als gerecht

Drei Teilnehmer berichten ...

Von Hauptstadtattitüden keine Spur
Neugierige HospitantInnen treffen Politik und Medien in Berlin

Vier Wochen lang schnupperten 16 HospitantInnen Hauptstadtluft. Angereist aus der ganzen Republik, kamen sie Anfang September nach Berlin, um in den kommenden Wochen zu lernen. Lernen, wie Gesetze entstehen, was die Oppositions- von der Regierungsarbeit unterscheidet und wie das Berliner Spiel mit den Medien funktioniert – alles "Unter drei" versteht sich.

Die SPD-Bundestagsfraktion öffnete den HospitantInnen Tür und Tor. Ein Gespräch mit dem Verwaltungschef der Fraktion stand da genauso auf dem Programm wie der Besuch einer SPD-Fraktionssitzung – ein Privileg, das noch nicht einmal die Mitarbeiter der Abgeordneten haben. Nach und nach zeichnen sich so die politischen Gepflogenheiten im Bundestag ab: In der Sitzungswoche erarbeiten die Abgeordneten in der Fraktions-Arbeitsgruppe Positionen, über die dienstags in der Fraktionssitzung abgestimmt wird und dann in den Ausschusssitzungen eingebracht werden. Klingt einfach, ist aber kompliziert.

Neben der "politischen" Hospitanz in den Abgeordnetenbüros standen täglich Medientermine an. Zum Beispiel im ARD-Hauptstadtstudio, als erst der Pressesprecher das Wort hatte und anschließend Wolfgang Wanner, Hauptstadt-Korrespondent des SWR, für Fragen zur Verfügung stand. Wie baut man sich ein Netzwerk auf und kommt an exklusive Informationen? Wie wird man überhaupt Korrespondent und wie lange bleibt man das? So berichtete Wanner, dass die ARD im Unterschied zum ZDF ein Rotationssystem hat, wonach Redakteure spätestens nach fünf Jahren in der Hauptstadt Platz für den nächsten Hauptstadt-Korrespondenten machen müssen.

Erstaunlich ist die Offen- und Lockerheit der Politiker, die sich den vielseitigen Fragen der HospitantInnen stellten. Ob Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, der geschäftsführende Fraktionsvorsitzende Joachim Poß oder der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion Thomas Oppermann – sie alle waren geduldig und scheuten keine unangenehmen Antworten. Und so ist ein Nebeneffekt des "Blick hinter die Kulissen" nicht zuletzt ein Umgang auf Augenhöhe mit Politikern, die man sonst nur aus "den Medien" kennt.


Spreerauschen im Rausch der Zeit
Ein Monat hinter Medienkulissen im politischen Berlin

Wie sieht die Zukunft des Journalismus in Web 2.0-Zeiten aus? Was ändert sich für Joachim Poß, wenn er als stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender plötzlich Frank Walter Steinmeier ver- und in die Scheinwerfer der rauen Berliner Medienlandschaft hineintritt? Und was sind eigentlich die Ziele der Pressearbeit, die die rheinland-pfälzische Landesvertretung hier in Berlin vorhält? Die Antworten auf diese und andere Fragen liegen natürlich direkt an der Spree, in "Mitte", zirkelrund um das Reichstagsgebäude, das in den Medien häufig nur als wuchtiges Gemäuer mit futuristischer Glaskuppel in Erscheinung tritt.

Die Bereitschaft einiger Abgeordneten, uns als Hospitanten der Journalisten-Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung neben einem Ausgangspunkt für Streifzüge in die Berliner Medienwelt auch spannende und interessante Einblicke in ihre Arbeit als Bundestagsabgeordnete zu geben, war der Startschuss für einen außergewöhnlichen Berlinmonat. Für einen Monat, in dem zum Beispiel der Besuch der Bundespressekonferenz im Programm stand. Mehrere hundert Journalisten sind Mitglieder in diesem Verein (es ist tatsächlich ein e.V.), zu dessen Zugangsvoraussetzungen ein ständiger Wohnsitz entweder in Berlin oder in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn gehört. Die meisten Kollegen verfolgen die Bundespressekonferenz mittlerweile natürlich nicht mehr vor Ort, sondern via schnellem Internet am Rechner im Büro – was angesichts des Berliner Septemberwetters manchmal die einzig kluge Entscheidung ist...

Auch die nach den kürzlich getroffenen Entscheidungen der aktuellen Bundesregierung so heiß diskutierten Lobbygruppen sind ein Zahn im Rad der politisch-medialen Bundeshauptstadt. Die Arbeitsgruppen und Ausschüsse im Bundestag diskutieren, debattieren und entscheiden letztlich über das "Wohl und Wehe", das von Berlin aus seinen Weg durch die Republik nimmt. Und ortsansässige Nachrichtenkorrespondenten aus Print, Hörfunk und TV bringen die Berliner Entscheidungen letztendlich an die breite Öffentlichkeit.

Und wie sind nun die positiven oder negativen Ausblicke zum künftigen Zusammenspiel von Politik und Medien? Der SPD-Abgeordnete Lars Klingbeil, der sich als Mitglied in der 34-köpfigen Enquete-Kommisson "Internet und digitale Gesellschaft" zwei Jahre lang mit den Medientrends der Zukunft in der Politik befasst, sieht als Silberstreif am Horizont die künftige digitale Gesellschaft, die politische Prozesse aktiv mitgestaltet. Es bleibt jedoch das Risiko: Je schneller die Information, desto höher wird auch der Druck auf den demokratischen Prozess. Und so mutet als ein Fazit nach vier spannenden Wochen der Wunsch von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, dass nämlich Demokratie auch Zeit zum Garen braucht, im Kosten- und Quotendruck des heutigen Berliner Medienzeitalters leider eher romantisch an.


Politische Arbeit unter der Lupe
Vier Wochen zwischen Bundestagsabgeordneten und Hauptstadtkorrespondenten

"So eine Gelegenheit bekommt ihr vielleicht nur ein einziges Mal. Nutzt sie bitte." Mit diesen Worten begrüßte uns Carla Schulte-Reckert am ersten Tag unseres Hospitanzprogramms. Aus allen Himmelsrichtungen waren wir mit unseren journalistischen Vorkenntnissen angereist und tauchten nun für vier Wochen ein in das politische Berlin.

Wir besuchten Regierungspressekonferenzen oder sprachen mit dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Joachim Poß über die Finanzkrise und seinen Umgang mit der Presse. Außerdem erfuhren wir mehr über die Arbeit eines Pressesprechers, die Aufgaben des Bundespresseamts und natürlich über den Alltag eines Hauptstadtkorrespondenten. Zum Beispiel erklärte uns Nick Leifert vom ZDF, dass er und seine 15 Kollegen nicht ausschließlich für ein bestimmtes Ressort tätig seien. Vielmehr arbeite jeder Korrespondent für drei verschiedene feste Ressorts, für die er je nach Tagesgeschäft eingesetzt werden könne.

Durch die anschließende Arbeit in den uns zugeteilten Abgeordnetenbüros erhielten wir zusätzlich Einblicke in den Alltag eines Politikers. Was hat der Abgeordnete in einer Sitzungswoche bzw. Nicht-Sitzungswoche zu tun? Welche Aufgaben übernimmt sein Büro? Wie bereitet sich ein Politiker auf seine Gespräche mit Gästen vor oder auf eine Rede im Plenum? Ergänzt wurde die Arbeit durch den Besuch von Ausschusssitzungen und Arbeitsgruppen in den Sitzungswochen.

Interessant zu verfolgen war außerdem, wie die verschiedenen Hauptstadtkorrespondenten über das tagesaktuelle Geschehen im Bundestag berichteten. Speziell über Veranstaltungen, an denen wir als Zuschauer ebenfalls teilgenommen hatten, wie der Generaldebatte Haushalt. Welche Bilder aus dem Plenum wurden von den Korrespondenten für den TV-Beitrag verwendet, welche O-Töne wurden für den Radio-Beitrag ausgesucht und was schreibt der Redakteur einer bestimmten Tageszeitung bzw. einer Onlineredaktion über die Debatte? Und natürlich die Frage: Wie hätte die eigene politische Berichterstattung ausgesehen?

In diesen vier Wochen bekamen wir durch die Kombination aus Politik und Journalismus nicht nur einen Einblick in die Arbeit einer Fraktion. Wir sammelten neue Eindrücke, entdeckten neue Recherchemöglichkeiten und warfen einen Blick auf das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten. Fazit: Gelegenheit genutzt!

Von Franziska Schmidt, Thorsten Keller und Kerstin Schreiber

Fotostrecke zum Hospitanzprogramm

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Interviews

"Viel zu schnell vorbei"

Hospitantin Lisa Meltendorf über ihren ganz individuellen, vierwöchigen Einblick in das politische Berlin.

Lisa, wie haben dir die letzten vier Wochen gefallen?

Lisa: Mir haben die letzten vier Wochen unheimlich gut gefallen. Das Thema war "Blick hinter die Kulissen der Politik" und so habe ich das auch empfunden. Ich habe einen Einblick davon bekommen wie ein Abgeordnetenbüro, eine Fraktion und das Netzwerk zwischen Politik und Medien funktioniert. Es war interessant zu sehen, wie Kontakte zwichen Vertretern aus den Medien und der Politik entstehen und hier Informationen ausgetauscht werden.

Deine Erwartungen hinsichtlich des Titels "Blick hinter die Kulissen der Politik" haben sich also vollkommen erfüllt?

Lisa: Blick hinter die Kulissen der SPD-Fraktion würde ich sagen. Das Programm wurde schließlich von der Friedrich-Ebert-Stiftung organisiert. Für mich besteht die Politik aus verschiedenen Parteien und Fraktionen.

Hat dich das gestört, dass du keinen direkten Kontakt zu anderen Parteien hattest?

Lisa: Nein. Ich persönlich hatte das nicht anders erwartet. Ein kritischer Einblick in eine andere Fraktion wäre aber bestimmt interessant gewesen.

Musste man Mitglied der SPD sein, um an diesem Programm teilnehmen zu können?

Lisa: Nein. Es sollte aber niemand das Programm machen, der der SPD absolut kritisch gegenübersteht und vielleicht sogar ein CDU- Parteibuch hat. Man sollte sich mit dem Grundgedanken der Sozialdemokratie identifizieren können.

Du bist selbst auch kein SPD-Mitglied. Hat diese Tatsache die Arbeit im Abgeordnetenbüro für dich erschwert?

Lisa: Auf keinen Fall. Obwohl ganz klar war, dass ich kein SPD-Mitglied bin, habe ich auch im Büro alle vertraulichen Informationen mitbekommen. Ich habe das wirklich als sehr offen, transparent und kollegial erlebt.

Welcher Programmpunkt hat dir den besten Einblick in die SPD- Fraktion gegeben?

Lisa: Ganz wichtig für mich war die Fraktionssitzung. Dass wir da live dabei sein konnten und den Meinungsbildungsprozess mitverfolgen konnten, war sehr interessant. Es war nicht so, dass ein oder zwei Politiker da alles bestimmen.

Hat dich das überrascht?

Lisa: Ja schon. Ich dachte es gibt die bekannten Gesichter wie den Fraktionsvorsitzenden, die etwas vorgeben und die Abgeordneten können das fast nicht beeinflussen. Sicherlich hat der Vorsitzende auf der Fraktionsebene eine größere Macht, aber die einfachen Abgeordneten können mit ihrem Know-How Einfluss nehmen.

Was waren für dich weitere Höhepunkte im Programm?

Lisa: Mal in den ARD- und ZDF- Hauptstadtstudios zu stehen, die Kameras zu sehen und mit den Hauptstadt-Korrespondenten kritische Themen zu besprechen, das war für mich ebenfalls sehr interessant.

Gibt es Dinge, die am Programm noch verbessert werden können?

Lisa: Was ich gut gefunden hätte, wäre eine Nachbereitung innerhalb der Gruppe gewesen. Das waren jeden Tag so viele Informationen. Es wäre schön, wenn man konkret Termine hätte, an denen man sich trifft und sich darüber austauscht, was man aus den Gesprächen mitgenommen hat.

Mit der Haushaltswoche wurde nach der Sommerpause der "heiße Herbst" im Bundestag eingeläutet. Waren die Dauer und der Zeitpunkt des Hospitanzprogramms gut gewählt?

Lisa: Die vier Wochen gingen viel zu schnell vorbei. Den Zeitpunkt fand ich total gut, weil er noch in den Semesterferien lag. Die Mitarbeiter in den Büros fingen nach ihrem Urlaub ebenfalls wieder an. Zu unserem Glück konnten wir die Haushaltswoche erleben. Dadurch waren wir live im Plenum, als Frau Merkel und Herr Gabriel sprachen. Das fand ich schon ziemlich cool.

Welchen Rat würdest du den noch Unentschlossenen mit auf den Weg geben?

Lisa: Sie sollten sich das Programm genau anschauen. Wenn sie politisch und journalistisch interessiert sind, sollten sie sich auf jeden Fall bewerben.

Wenn du an deine persönliche Zukunft denkst, was nimmst du aus dieser Zeit mit?

Lisa: Ich habe gelernt, was es für unterschiedliche Positionen gibt. Für mich waren vorher Fraktion und Partei das Gleiche, da stand ja SPD oder CDU davor. Das sind aber getrennte Bereiche und ich sehe jetzt erst, welche Jobs es dort im Einzelnen gibt. Zum Beispiel arbeitet ein Mitarbeiter eines Abgeordneten anders als ein Fraktionsmitarbeiter.

Warst du traurig, als du das letzte Mal im Abgeordnetenbüro warst?

Lisa: Ja schon. Aber man weiß ja nicht, was in der Zukunft noch alles kommt.

Lisa, ich bedanke mich für das Gespräch!

Interview: Peter Heller
Datum: 01.10.2010

 

"Ich bin sehr zufrieden!"

Ulrich Berg, Personalreferent der SPD- Bundestagsfraktion und Organisator des Hospitanzprogramms der Friedrich-Ebert-Stiftung "Blick hinter die Kulissen der Politik", über vier Wochen Bundestagserfahrungen für Nachwuchsjournalisten.

Herr Berg, wenn sie die letzten vier Wochen des Hospitanzprogramms im Bundestag Revue passieren lassen, was für eine Einschätzung würden sie geben?

Berg: Aus meiner Sicht ist es sehr gut gelaufen. Ich fand zum einen die Gruppe sehr gut, die toll zusammengehalten und gearbeitet hat. Zum anderen war das Programm sehr interessant und brachte neue Aspekte, auch für mich selbst.

Sowohl vom Alter als auch von der Berufstätigkeit hatten sie es hier mit einer sehr gemischten Truppe zu tun. Hatte das eher einen positiven oder einen negativen Effekt?

Berg: Da ich deutlich älter als der Durchschnitt bin, fand ich das sehr erfrischend mit jungen Leuten zu tun zu haben. Ich fand die Gruppe war trotz der Altersspreizung zwischen 21 und 36 Jahren sehr homogen. Es gab keine Grüppchenbildung. Den unterschiedlichen Background fand ich sehr belebend, gerade in den Diskussionen mit den Gesprächspartnern. Dadurch wurden unterschiedliche Blickwinkel auf die ganze Sache geworfen.

Was hat sie im Laufe der vier Wochen besonders überrascht und gefreut?

Berg: Besonders gefreut hat mich, dass ich sehr wenig nachjustieren musste. In der Gesamtbetrachtung fällt mir auch kein Punkt ein, der nicht so gut gelaufen ist. Ich bin sehr zufrieden. Fast alle Termine wurden von den vorgesehenen Personen wahrgenommen. Bei den Ausnahmen wurden Ersatzreferenten benannt, ohne dass ich groß eingreifen musste. Ich war sehr überrascht, wie aufgeschlossen alle Gesprächspartner auf die Gruppe zugegangen sind.

Sie haben das Programm in diesem Jahr zum ersten Mal betreut. Werden sie das im kommenden Jahr wieder machen?

Berg: Die Entscheidung, ob ich das Programm betreue, die hängt nur mittelbar von mir ab. Im Moment sieht es so aus, als ob es so wäre. Wenn das Programm weiterhin dem Personalbüro angehängt ist, werde ich das auch betreuen. Ich freue mich auch schon drauf.

Würden sie dann etwas verändern?

Berg: Ich habe von der Gruppe Anregungen bekommen, was ich noch verbessern kann und werde dem auch nachgehen. Ich werde versuchen, den Fokus noch mehr auf die Medienseite auszurichten und vielleicht ein Printmedium und eine Nachrichtenagentur ins Programm aufzunehmen. Ich habe ein paar persönliche Kontakte, die ich in diesem Sinne auch einmal nutzen kann.

Was sind das für Kontakte?

Berg: Kontakte im Bekanntenkreis. So sind auch einige Punkte im aktuellen Programm zustande gekommen.

Was denken sie, hat den Hospitanten das Programm gebracht?

Berg: Ich denke, dass es eine sehr gute Möglichkeit für die Hospitanten war, in kürzester Zeit einen Innenblick zu bekommen, den selbst „normale“ Mitarbeiter erst nach längerer Zeit haben. Zum einen in die SPD-Bundestagsfraktion, zum anderen aber auch in das politische Berlin, denn wir haben sowohl das weitere als auch das nähere Umfeld der Fraktion beleuchtet. Das gilt auch für mich selbst. Bestimmte Sachen hatte ich vorher auch noch nicht gemacht und die waren für mich dann auch super spannend und super interessant.

Sie waren also bei fast allen Terminen dabei. Was war für sie persönlich in diesem Hospitanzprogramm der Höhepunkt und worauf waren sie besonders stolz?

Berg: Besonders stolz war ich, dass ich den Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier zu einem Gespräch gewinnen konnte, welches leider kurz vor der Veranstaltung "geplatzt" ist, weil er sich zurzeit in der Reha befindet. Ich war dann aber auch sehr froh, dass Joachim Poß sich sofort als Ersatz zur Verfügung gestellt hat, ohne mein Zutun. Da kam direkt der Anruf aus dem Büro, ob wir auch mit ihm zufrieden wären. Das fand ich ganz toll. Genauso wie den Termin am Mittwoch mit Thomas Oppermann. Das fand ich schon sehr beeindruckend. Auch die Offenheit in der er mit uns kommuniziert hat.

Hatten sie das vorher nicht erwartet?

Berg: Es ist zumindest über das hinausgegangen, was ich erwartet hätte.

Herr Berg, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Interview: Peter Heller
Datum: 01.10.2010

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