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Titelschrift:Nachrichten aus dem Archiv

Ursula Bitzegeio

„Die Last der ungesagten Worte“. Eine Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung über Tagebücher Friedrich Kellners aus den Jahren 1938/39-1945

Ausstellungseröffnung
	  © AdsDDie geheimen Tagebücher des Sozialdemokraten Friedrich Kellner zeigen einmal mehr, dass politischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus kein Monopol von Gruppen oder Kollektiven war. Ebenso bedeutete die Fortführung von Gruppierungen aus der Weimarer Zeit nicht zwangsläufig den Weg in den politischen Widerstand. Die Aktivitäten politischer Organisationen bestanden nicht nur in Gegen-Aufklärung und schließlich in Aktionen zum Sturz des Hitler-Regimes, sondern vielfach in der Tradierung des Selbstbewußtseins und der Normen der unterdrückten politischen oder weltanschaulichen Milieus sowie in der Solidarität mit den politisch Verfolgten.

Dies galt vor allem für viele Mitglieder der SPD, deren Protagonisten und Funktionäre im Frühjahr 1933 zu den Verfolgten und Ermordeten der ersten Stunde gehörten. Die Bewahrung der sozialdemokratischen Gesinnung unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Alltags spiegelte sich in bestimmten nonkonformen Verhaltensweisen wider: Die Bandbreite reichte vom Flüsterwitz, von Kontaktpflege mit früheren Parteifreunden, Leistungsverweigerung am Arbeitsplatz, finanzieller Unterstützung für Familien inhaftierter Genossen bis hin zur aktiven Hilfe für verfolgte Juden aus der näheren Umgebung.

Archivleiterin Dr. Anja Kruke zur Ausstellungseröffnung
	  © AdsDFriedrich Kellner gehörte zu der kleinen Gruppe sozialdemokratischer Beamter, die sich unter dem Eindruck ihrer Erlebnisse im Ersten Weltkrieg und in der Revolution von 1918/1919 der Weimarer Reichsverfassung in besonderer Weise verpflichtet fühlten. Nach den Maßnahmen zur Gleichschaltung der Behörden 1933 wurden sie in der Regel aus dem Staatsdienst entlassen, die Verbliebenen strafversetzt oder von der Beförderung ausgeschlossen. Die Beseitigung der Grundrechte war für sie ein traumatisches Erlebnis. Das Tagebuchschreiben half Friedrich Kellner, die notwendige Verarbeitung der täglichen Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Unrechtsstaat aus dem Alltag in einen persönlichen Freiraum zu verlagern. Der Schauplatz war nicht mehr die reale Welt, sondern das Tagebuch. Die Einträge wurden zur intimsten Form eines geheimen Protests, wobei ihre Enttarnung durch die Nationalsozialisten durchaus lebensgefährlich gewesenen wäre.

Trotz mehrfacher Aufforderung durch führende Vertreter der Laubacher Kommunlverwaltung trat Friedrich Kellner nicht der NSDAP bei und verweigerte die Beteiligung an den Kriegshilfsprogrammen. Kellners geheime Gedanken zeugen davon, dass er sich einer geistigen Anpassung widersetzte. Dabei erschöpften sich seine Selbstzeugnisse keineswegs im inneren Dialog. Die umfangreiche Dokumentation der Kriegsberichterstattung und seine scharfe Kommentierung der deutschen Presse sollten künftige Generationen über die verherende Wirkmächte der nationalsozialistischen Propaganda und die Verbrechen zur Kriegszeit aufklären.

Die letzten Eintragungen Kellners am 8. Mai 1945 zeigen, dass er den Einmarsch amerikanischer Truppen in Hessen als Befreiung von der Diktatur erlebte. Nur wenige Monate später war er aktiv am Aufbau der SPD in Laubach beteiligt, 1949 übernahm er den Unterbezirksvorsitz und wurde Stadtverordneter. Kellner blieb zeitlebens Sozialdemokrat und kritischer Beobachter des Zeitgeschehens. Nach seinem Ableben sorgte bemühte sich sein in den USA lebender Enkel Robert Scott Kellner darum, die Selbstzeugnisse seines Großvaters einem interessierten Publikum zugänglich zu machen.

Ausstellungseröffnung
	  © AdsDDie Ausstellung „Die Last der ungesagten Worte“ zeigte die Tagebücher Friedrich Kellners 1938/39 im Original, führte duch Stationen seines Lebens und bettete diese in den zeitgeschichtlichen Hintergrund ein. Sie wurde anlässlich der Mitgliederversammlung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 14. Dezember 2009 in Berlin von der Leiterin des Archivs der sozialen Demokratie, Dr. Anja Kruke, eröffnet. Dr. Markus Roth (Forschungsstelle für Holocaustliteratur der Universität Gießen) führte mit seinen Vortrag „Chronist der Verblendung. Friedrich Kellners Tagebücher“ in die Ausstellung ein. Vom 15. Januar bis zum 23. Feburuar 2010 war die Ausstellung in Bonn zu sehen. Anlässlich der Finissage, die vom Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V./ Regionalgruppe Mittelrhein unterstützt wurde, sprach Professor Michael Schneider (Seminar für Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Bonn) zum Thema „Politischer Widerstand? Dissens im Alltag des „Dritten Reichs“.

Die Tagebücher stammen aus dem Privatbesitz von Dr. Robert Scott Kellner aus Texas und wurden für die Ausstellung entliehen. Für die Konzeption und den Inhalt waren Dr. Anja Kruke als Herausgeberin und Dr. Ursula Bitzegeio als Kuratorin verantwortlich. Die Ausstellung wurde im Bereich Public History des AdsD erarbeitet und umgesetzt.

Die Vorträge von Markus Roth und Michael Schneider werden als Broschüre des Gesprächskreises Geschichte von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben.

Sie können unter folgender Adresse bestellt werden:

Friedrich-Ebert-Stiftung
Doris.Faßbender
Godesberger Allee 149
53175 Bonn

Doris.Faßbender@fes.de