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19.05.1976: Jeanette Wolff gestorben

Vor 35 Jahren, am 19. Mai 1976, ist Jeanette Wolff 87-jährig in Berlin gestorben. Es war ein intensives Leben der bundesweit prominenten jüdischen Sozialdemokratin, begleitet von schweren Schicksalsschlägen, die Jeanette Wolff aber nicht dazu brachten, in Resignation zu verfallen, sondern sich gerade für Benachteiligte und Entrechtete einzusetzen.

Geboren wurde Wolff als Jeanette Cohen, am 22. Juni 1888 in Bocholt. Ihre Eltern waren sowohl jüdisch als auch sozialdemokratisch eingestellt, und diese religiösen und politischen Überzeugungen gaben sie auch an ihre Tochter weiter. „All das, was ich von meinem Vater hörte und was ich um mich an Elend sah, brachte mich dann siebzehnjährig im Jahre 1905 zur Sozialdemokratie“, so Jeanette rückblickend. 1904 ging sie nach Brüssel und begann dort eine Kindergärtnerinnen-Ausbildung, die sie mit Auszeichnung abschloss. Danach arbeitete sie als Kindergärtnerin und Erzieherin in Brüssel und besuchte zusätzlich das Abendgymnasium, wo sie das „außerordentliche Abitur“ bzw. „Notabitur“ erwarb.

1908 heiratete sie Philipp Fuldauer, einen Gemüsehändler, mit dem sie kurz darauf ihre erste Tochter bekam. Doch der Familie war kein Glück beschieden: Ein Jahr später starb das Kind und zwei Wochen darauf Jeanettes Ehemann. Sie erlebte ihren ersten schweren persönlichen Rückschlag – es sollte nicht der letzte bleiben. Doch zunächst einmal heiratete sie 1911 den jüdischen Diplomkaufmann Hermann Wolff. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor: Julie Anne (auch Juliane), Edith und Käthe Frieda, geboren 1912, 1916 und 1920.

Ihr Mann unterstützte sie bei ihren politischen Ambitionen. Für sie wurde Hermann, der als Mittelständler eigentlich eher dem national-liberalen Flügel zuzuordnen war, einen Tag vor der Hochzeit Mitglied in der SPD. Ein Jahr später trat dann auch Jeanette der deutschen Sozialdemokratie bei, wo sie ein schneller Aufstieg erwartete: „Ich wurde in den Vorstand der SPD Westliches Westfalen gewählt und war als Redner stark gefragt. Gleichzeitig arbeitete ich für den Jüdischen Frauenbund in Deutschland und im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (Kampf gegen den Antisemitismus). Ich war Vorstandsmitglied und Redner im Reichsmaßstab. Ich wurde Stadtverordnete, später Stadtrat.“ Eine Zeit lang war sie die einzige Frau in der Stadtverordnetenversammlung. Zudem engagierte sie sich gewerkschaftlich und war Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt im Münsterland.

Schon vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten musste die Familie Wolff einige Diskriminierungen über sich ergehen lassen. Vertragspartner kamen Zahlungen nicht nach und die Bank vergab keine Kredite mehr, so dass sie ihr Wohnhaus verkaufen mussten. Am 5. März 1933, dem Tag der Reichstagswahl, wurde Jeanette Wolff schließlich in „Schutzhaft“ genommen und erst 2 Jahre später wieder aus dem Gefängnis entlassen. In der Reichspogromnacht geschah dann der Familie und einigen jüdischen Gästen, denen Jeanette Obdach gewährte, weiteres Unheil: „Im Jahre 1938 […] drangen in unser Haus […] bewaffnete SA-Horden ein, misshandelten meine Gäste, zertrümmerten das Mobiliar, warfen es vom 3. Stock auf die Straße. […] Unsere Wohnung war ein einziger Trümmerhaufen. Wir bekamen von der Polizei die Auflage, die Trümmer bis spätestens zum nächsten Mittag wegzuräumen. Gleichzeitig mussten wir am gleichen Tag die zertrümmerten Fensterscheiben auf eigene Kosten einsetzen lassen. Man nahm meine gesamten Gäste in Haft. Sie wurden auf Wagen verladen und kamen fort. Am nächsten Abend holte man meinen Mann“. Hermann wurde ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. „Im Februar 1939 kam er zurück, ein Wrack an Körper und Seele. Nie erfuhr ich von ihm, was sich im Lager zugetragen hatte.“ Nach weiteren Demütigungen wurden Jeanette, Hermann, Edith und Juliane 1942 ins Ghetto in Riga deportiert.

Bei ihrer Ankunft wurden die behinderten Mitgefangen sofort erschossen, dann vor allem lettische Juden, die schon länger im Ghetto verweilten, und nun den Neuankömmlingen „Platz“ machen mussten. Ende November 1943, als die sowjetischen Truppen auf Riga vorrückten, wurden sie weiter zum KZ Stutthof gebracht. Kurze Zeit darauf kam Hermann nach Buchenwald, wo er 1944 erschossen wurde. Juliane starb in einer Gaskammer in Stutthof. Nur Jeanette und Edith, die im Winter 1944/45 von den russischen Soldaten befreit wurden, überlebten diese Vernichtungsmaschinerie: Ihre Tochter Käthe wurde im KZ Ravensbrück erschossen und Jeanettes Schwiegermutter verhungerte in Theresienstadt. Zum zweiten Mal in ihrem Leben verlor sie (fast) ihre gesamte Familie.

Jeanette ging mit ihrer Tochter Edith nach Berlin, wo sie anfing, das Erlebte aufzuschreiben, damit sich so etwas nie wiederholen sollte. 1947 wurden ihre Erinnerungen unter dem Titel „Sadismus oder Wahnsinn“ veröffentlicht. Das Buch sollte aufklären und war daher explizit an die deutsche Bevölkerung gerichtet. Doch auch nach diesen schrecklichen Erlebnissen verschwendete sie keinen Gedanken daran, Deutschland den Rücken zu kehren, vielmehr war sie überzeugt, dass sie gebraucht würde, „als Jude, als aufrechter Demokrat und als Sozialdemokrat“. Sie stürzte sich daher wieder voller Engagement in die Politik. Durch die Wahl 1946 wurde Wolff für die SPD in Berlin Stadtverordnete. Von 1952-1961 war sie Bundestagsabgeordnete und neben Jakob Altmaier und Peter Blachstein die einzige Abgeordnete mit jüdischer Herkunft. Alle drei waren Sozialdemokraten.

Verständlicherweise war die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus für sie eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch durch ihre Beteiligung am Bundesentschädigungsgesetz einsetzte. Zugleich hat sie immer wieder nachdrücklich vor einer Wiederholung des Holocausts gewarnt: „Die Gefahr der Radikalisierung ist groß! Nutznießer auch aus den Bauernaufständen ist die radikale Rechte – NPD! – Rassenkrawalle in USA, Apartheidsgesetze in Südafrika, Missachtung des farbigen Mannes führen zum Konflikt. Wo die Demokraten zu schwach oder zu zerspalten sind, den Anfängen zu wehren, muss man skeptisch sein. […] Wir haben zwar das freiheitliche Bonner Grundgesetz, aber zu wenig führende Demokraten mit Zivilcourage.“

Jeanette Wolff war in zahlreichen Gremien und engagierte sich vielfältig: Sie trat für ein Wiederaufleben der jüdischen Gemeinde ein, warb für den deutsch-israelischen sowie den überkonfessionellen Dialog, half Holocaustüberlebenden, rief den jüdischen Frauenbund wieder ins Leben, setzte sich umfassend für die Rechte der Frauen ein und war darüber hinaus gewerkschaftlich sehr aktiv. Zusammenfassen kann man daher, dass Wolff vor allem die Benachteiligten der Gesellschaft im Auge hatte und für sie eintrat: Minderheiten, Junge und Alte, Arme, Kranke, Verfolgte und diskriminierte Frauen. Für ihre Leistungen bekam Jeanette Wolff  1961 schließlich das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Einen Monat vor ihrem 88. Geburtstag verstarb Wolff am 19. Mai 1976 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin-Wedding. Annemarie Renger würdigte sie folgendermaßen: „Sie hat bis in ihr hohes Alter, bis zu ihrem letzten Tag, danach gestrebt, für andere wirken zu können, etwas zu tun, was notwendig ist, einen Platz im Leben ihrer Mitmenschen auszufüllen.“ Denn Jeanette Wolff folgte stets ihrem Leitgedanken: „Wir dürfen uns aber nicht in unserem Schmerz vergraben und unsere Mitmenschen darüber vergessen. Uns wird geholfen, wenn wir anderen helfen. Wir tragen leichter unser Leid, wenn wir den anderen ihr Leid tragen helfen.“ Jeanette Wolffs Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof Herrstraße trägt die hebräische und deutsche Inschrift: „Eine Frau ausstrahlender Anmut durch ihre Taten.“