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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / Mai / Vereinigungsparteitag von Gotha

22.05.1875-27.05.1875: Vereinigungsparteitag von Gotha

Gedenkblatt zum Einigungsparteitag, 1875Vom 22. bis zum 27. Mai 1875 kamen in Gotha in Thüringen 74 Delegierte des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) und 56 Delegierte der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) zusammen. Ihr Ziel war es, die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung zu überwinden. Ihre beiden Richtungen, der 1863 in Leipzig gegründete und maßgeblich von Ferdinand Lassalle geprägte ADAV und die 1869 unter führender Beteiligung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach gegründete SDAP hatten sich zeitweise heftig bekämpft. Dies war so weit gegangen, dass ADAV-Anhänger die erste Versammlung der "Eisenacher" am 7. August 1869 sprengten und die Parteigründung in einem anderen Lokal als geplant stattfinden musste. In den seitdem vergangenen sechs Jahren hatten sich jedoch neue Umstände ergeben, die eine Einigung nicht nur möglich machten, sondern nach dem Urteil der Delegierten dringend verlangten. Der umstrittene ADAV-Präsident Johann Baptist von Schweitzer, der durch seine autoritäre Art der Parteiführung eine Konfrontation mit den eher radikaldemokratisch eingestellten Eisenachern gefördert hatte, war 1873 zurückgetreten. Die Etablierung des Deutschen Reiches unter Führung Preußens 1871 hatte die Hoffnungen der Eisenacher auf eine demokratisch-großdeutsche Lösung der deutschen Frage zunichte gemacht und durch diese historische Weichenstellung einen weiteren Streitpunkt zwischen beiden Richtungen erledigt. Aber auch die Erwartungen der eher kleindeutsch-preußischen ADAVler, die im Sinne Lassalles auf soziale Leistungen des neuen Staates gesetzt hatten, waren enttäuscht worden. Die zunehmenden staatlichen Unterdrückungsversuche des Reiches trafen beide sozialdemokratischen Richtungen gleichermaßen, und die seit 1873 einsetzende "große Depression", die schwere Wirtschaftskrise, ließ durch zunehmende Not vor allem einfache Mitglieder auf eine Bündelung der Kräfte der Arbeiter drängen.
Die Einigung, die in Gesprächen von Vertretern beider Seiten seit Oktober/November 1874 vorbereitet worden war, gelang. Die neue gemeinsame Partei gab sich ein Programm, nach dem Tagungsort dann "Gothaer Programm" genannt. Weitgehend von Wilhelm Liebknecht formuliert, enthielt es, entsprechend der Bewusstseinslage der Delegierten, im ökonomischen Bereich sowohl Marxsche als auch Lassallesche Ideen. Bei den politischen Forderungen stand an erster Stelle: "Allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht mit geheimer und obligatorischer Stimmabgabe aller Staatsangehörigen vom 20. Lebensjahr an für alle Wahlen und Abstimmungen in Staat und Gemeinde". Der Begriff "Staatsangehörige" wurde dabei von August Bebel per Abstimmung gegen das Wort "Männer" durchgesetzt, weil nach seiner Meinung auch Frauen wählen sollten. Eine weitere Verdeutlichung in dieser Richtung fand allerdings noch keine Mehrheit. Zum Sitz des Parteivorstands wurde Hamburg bestimmt, zu gemeinsamen Vorsitzenden wählten die Delegierten Wilhelm Hasenclever und Georg Wilhelm Hartmann. Der Kontrollkommission mit Sitz in Leipzig, an die u.a. Mitglieder bei Auseinandersetzungen mit dem Vorstand appellieren konnten, saß August Bebel vor.
Im Bewusstsein der hohen Bedeutung "des eben vollendeten Einigungswerkes" sprach Hasenclever am Ende des Parteitages die Erwartung aus, dass es "segenbringend für die gesammte Arbeiterbewegung sein werde". Er brachte "ein Hoch auf die Arbeiterbewegung aller Culturstaaten aus", in welches die Delegierten begeistert einstimmten. Mit dem Gesang der "Arbeiter-Marseillaise" wurde der Parteitag geschlossen, und die "Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands" trat ins Leben.

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