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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / April / Friedrich Wilhelm Tarnow geboren

13.04.1880: Friedrich Wilhelm Tarnow geboren

Fritz Tarnow

Fritz Tarnow war einer der profiliertesten Gewerkschaftsfunktionäre, Wirtschafts- und Sozialpolitiker der Weimarer Republik. Am 13. April 1880 in Rehme (bei Bad Oeynhausen) geboren, Sohn eines "gemaßregelten" Tischlers, erlernte er nach dem Besuch der Volksschule das Tischlerhandwerk in Hannover und ging anschließend auf Wanderschaft. In Rastatt in Baden trat er mit 20 Jahren in den Deutschen Holzarbeiter-Verband ein. In Berlin suchte er sich durch den Besuch von Abendkursen der von Wilhelm Liebknecht gegründeten Arbeiterbildungsschule und 1908/09 in der Zentralen Parteischule - wie auch Otto Wels, Artur Crispien, Wilhelm Pieck -die geistigen Grundlagen für seine zukünftigen gewerkschaftlichen und politischen Aktivitäten zu erarbeiten. Schon in jungen Jahren war er Gemeindevertreter, Kreistagsabgeordneter und Vorstandsmitglied des SPD-Wahlvereins in Friedrichshagen bei Berlin. 1906 holte ihn Theodor Leipart als Gewerkschaftssekretär für statistische und literarische Arbeiten in die Verbandszentrale nach Stuttgart. 1909 siedelte er mit dem Hauptvorstand nach Berlin über.
1915 als Soldat in den I. Weltkrieg eingezogen, im April 1918 verwundet, bis Januar 1919 im Lazarett, ging er anschließend zurück zum Verbandsvorstand. Als Theodor Leipart im Sommer 1919 württembergischer Arbeitsminister wurde, übernahm er 1920 in Übereinstimmung mit der Gauleiterkonferenz die Funktion des Verbandsvorsitzenden. Mit knapp 40 Jahren war er das jüngste Vorstandsmitglied einer Gewerkschaft und kam 1928 in den Bundesvorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB). Seit 1920 war Tarnow auch Mitglied des Exekutivkomitees der Internationalen Union der Holzarbeiter und wurde 1929 deren Sekretär.
Von 1921 bis 1933 gehörte er dem vorläufigen Reichswirtschaftsrat der Weimarer Republik und dem Enquete-Ausschuss zur Untersuchung der deutschen Wirtschaft an, nahm nach dem Krieg an den Reparationsverhandlungen in Paris teil und war außerdem Mitglied der deutsch-französischen Kommission unter dem Reichskanzler Heinrich Brüning.
1925 gehörte er der ersten deutschen Gewerkschaftsdelegation an, die nach den USA gesandt wurde und war ihr Sprecher auf dem Kongress des amerikanischen Gewerkschaftsbundes. Mit dieser Reise verband er auch das Studium der amerikanischen Wirtschaft. Die "Steigerung der Massenkaufkraft" sah er als Kernproblem der europäischen Wirtschaft an. Er schrieb ein populäres Werk unter dem provozierenden Titel "Warum arm sein?". Es war quasi die Vorwegnahme der Forderung nach einer aktiven Lohnpolitik, was ihm den Ruf des "ersten Kaufkrafttheoretikers Deutschlands" einbrachte. Es war somit nur konsequent, dass er gemeinsam mit Fritz Baade und Wladimir Woytinskij 1931 einen nach den Verfassern benannten Arbeitsbeschaffungsplan (WTB-Plan) vorlegte und der eine großzügige staatliche Konjunkturförderung zur Überwindung der Wirtschaftskrise verlangte. Die Annahme dieses Planes scheiterte an der Deflationspolitik der Regierung Brüning.
Seit 1928 war er Reichstagsabgeordneter der SPD. Auf dem Leipziger Parteitag der SPD im Juni 1931 hielt er ein Referat zum Thema "Kapitalistische Wirtschaftsanarchie und Arbeiterklasse". In diesem grundlegenden Referat setzte er sich mit der ökonomischen Krise und dem kapitalistischen System auseinander und legte ein aktives Krisenbekämpfungsprogramm vor. Später hängten ihm dafür seine politischen Gegner das falsche Etikett vom "Arzt am Krankenlager des Kapitalismus" an. Tarnow vertrat nicht die Lehre vom "organisierten Kapitalismus", verurteilte die Wirtschaftsanarchie des Kapitalismus und forderte stattdessen einen "konstruktiven Sozialismus". Innerhalb des ADGB galt es bald als selbstverständlich, dass Tarnow einmal der Nachfolger von Theodor Leipart werden sollte. Innerhalb des Bundesvorstands wurde er auch scherzhaft der "Kronprinz" genannt.
Am 2. Mai 1933 wurde Fritz Tarnow mit dem gesamten ADGB-Vorstand von den Nazis verhaftet. Mit heimlicher Hilfe des Berliner Polizeipräsidenten sowie Wilhelm Leuschner und Tarnows Sohn Reinhold erreichten sie schon am 11.Mai seine Entlassung, so dass er über die Zwischenstationen Prag, Paris, Amsterdam, London nach Kopenhagen flüchten konnte. Gestützt auf die internationalen Verbindungen der Gewerkschaften konnte er sich seit Herbst 1933 unter dem Tarnnamen "Frederek" um die Auslandsorganisation der deutschen Gewerkschaften kümmern. Nach dem Tod von Heinrich Schliestedt 1938 wurde er im August zum Vorsitzenden der Auslandsvertretung der deutschen Gewerkschaften gewählt. Nach der deutschen Besetzung Dänemarks ging er nach Stockholm. In Schweden gehörte er vorübergehend zu den Befürwortern der Einheitsfront zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, wandelte sich aber sehr bald zum entschiedenen Antikommunisten und befasste sich mit der künftigen Neugestaltung der deutschen Gewerkschaften. Auf der Liste der Widerstandskämpfer vom 20.Juli 1944 war er als Reichswirtschaftsminister vorgesehen.
Im Oktober 1946 wurde er von Franz Spliedt nach Hamburg geholt zur Wiederherstellung des Holzarbeiterverbandes. Auf Wunsch von Markus Schleicher, mit dem er seit den Zeiten des Holzarbeiterverbandes zusammenarbeitete, kam er nach Stuttgart und leitete ab Januar 1947 das gewerkschaftliche Zonensekretariat der amerikanischen Besatzungszone. Mit der Gründung der Bi-Zone wurde er gemeinsam mit Ludwig Rosenberg ab Januar 1948 Sekretär des Zweizonen-Gewerkschaftsrates in Frankfurt. Im Sekretariat war er zuständig für Wirtschaft, insbesondere Ernährung, Finanzen, Verkehr und Wohnungswesen.
Auf den Interzonenkonferenzen der Gewerkschaften des Jahres 1947 machte er keinen Hehl aus seiner Skepsis gegenüber einer gesamtdeutschen Gewerkschaftsbewegung. Da für Tarnow die Gegensätze zwischen freien und kommunistischen Gewerkschaften, insbesondere beim Demokratieverständnis und den Menschenrechten, unüberbrückbar waren, verfasste er seine "gewerkschaftliche Prinzipienerklärung", die ihm auch zum Sündenbock für die Gewerkschaftsspaltung in Ost und West gemacht hatte. Die negative Quittung wurde ihm auf dem Gründungskongress des DGB 1949 in München präsentiert, indem er in keine Funktionen des DGB-Bundesvorstands gewählt wurde.
Nach dem Gründungskongress trat er in den Ruhestand, wirkte aber noch als Dozent an der Akademie für Arbeit in Frankfurt/M an der Ausbildung des gewerkschaftlichen Nachwuchses mit. Er starb am 23.Oktober 1951 in Bad Orb.

Weitere Informationen zu Fritz Tarnow finden Sie direkt hier, unter Bestände / Nachlässe und Deposita.