Das Layout dieser Seite wird mit CSS umgesetzt. Wenn Sie diesen Hinweis sehen, kann Ihr Browser CSS nicht darstellen.
Die Seite bleibt trotzdem voll funktionsfähig.
Hier finden Sie einen standard-konformen Browser: www.mozilla.org.
FES / AdsD / Das Historische Stichwort / August / Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach

07. - 09.08.1869: Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach

Vom 7. – 9. August 1869 versammelten sich in Eisenach 263 Delegierte mit dem Ziel, eine politische Partei zu gründen: die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“ (SDAP). Die Umstände der Gründung waren turbulent: Oppositionelle Gruppen drängten in den Versammlungssaal und schon bei der Wahl des Tagungsbüros am ersten Tag ergaben sich – wie August Bebel, einer der Mitbegründer der Partei später berichtete – „die stürmischsten Szenen“.1

Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Flügeln gehörten zum Alltag der frühen Arbeiterbewegung. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 und der Unterdrückung oder der Selbstauflösung der ersten Arbeiterorganisationen während der Reaktionszeit kam es mit fortschreitender Industrialisierung und dem wirtschaftlichen Aufschwung seit den 1860er Jahren zur Reorganisation oder Neugründung von Arbeitervereinen. Sie entstanden meist in Form von Arbeiterbildungsvereinen unter bürgerlich-liberaler Führung und hatten einen betont „unpolitischen“ Charakter. Als Lösung für die Probleme der Arbeiter und Handwerksgesellen, zu deren Alltag wirtschaftliche Ausbeutung und politische und soziale Rechtlosigkeit gehörten, eigneten sich die in den Vereinen propagierten bürgerlichen Selbsthilfekonzepte und die damit verbundene Aussicht auf individuellen Aufstieg durch Bildung allerdings wenig.

Dagegen entwickelte sich der am 23. Mai 1863 von Ferdinand Lassalle in Leipzig gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) zur ersten modernen Arbeiterpartei in Deutschland. Zentralistisch aufgebaut und ganz auf die charismatische Persönlichkeit Lassalles abgestimmt, forderte der ADAV das allgemeine gleiche Wahlrecht (für Männer) und den Aufbau von Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe. Nahezu zeitgleich mit der Gründung des ADAV schlossen sich als „Gegengründung“ die Arbeiterbildungsvereine in Frankfurt a. M. in lockerer Form zum „Vereinstag deutscher Arbeitervereine“ (später: Verband deutscher Arbeitervereine) zusammen. Doch auch unter diesen, von ihren bürgerlichen Mentoren bewusst auf Bildungs- und Fortbildungsfragen verwiesenen Vereinen setzte in den folgenden Jahren ein politischer Klärungs- und Emanzipationsprozess ein. 1867 wurde der Drechsler August Bebel, Vorsitzender des Leipziger Arbeitervereins und Abgeordneter des Norddeutschen Reichstags, zum Präsidenten des Verbands deutscher Arbeitervereine (VDAV) gewählt. Bebel forcierte die politische Ausrichtung des VDAV und setzte auf dem Nürnberger Vereinstag 1868 ein Programm durch, das sich an den Grundsätzen der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) orientierte. Während eine Mehrheit der Vereine diesen Schritt akzeptierte, verließ die Minderheit nach Protesten den Verband.

Zur Umsetzung der in Nürnberg gefassten Beschlüsse strebte der geschäftsführende Vorort des VDAV die Gründung einer „demokratisch-sozialistischen“ Partei an. Auch eine Reihe von oppositionellen Mitgliedern des ADAV, die mit dem diktatorischen Führungsstil des Lassalle-Nachfolgers Johann Baptist von Schweitzer unzufrieden war, trat für den Zusammenschluss der Arbeiter in einer neuen Partei ein.

Nach den Auseinandersetzungen mit einer Gruppe gegnerischer Schweitzer-Anhänger, die eine Verständigung verhindern wollten, wurde die Tagung, die ursprünglich im „Goldenen Löwen“ in Eisenach stattfinden sollte, am 8. und 9. August 1869 in das Hotel „Zum Mohren“ verlegt. Zu den Mitbegründern der neuen Partei gehörte auch Wilhelm Liebknecht. Er war nach seiner Teilnahme an der Revolution von 1848 und der Flucht vor polizeilicher Verfolgung erst 1862 aus dem Londoner Exil, wo er in Kontak mit Karl Marx stand, nach Deutschland zurückgekehrt. 1866 hatte er gemeinsam mit August Bebel die Sächsische Volkspartei gegründet, deren Anhänger zum Teil gleichfalls zum Kern der neuen, sich als Arbeiterpartei konstituierenden Organisation zählten. Der von August Bebel ausgearbeitete Programmentwurf wurde von den Delegierten mit geringfügigen Änderungen akzeptiert. Er enthielt neben grundsätzlichen Formulierungen der Internationalen Arbeiter-Assoziation, die sich schon im Nürnberger Programm des VDAV fanden, auch Elemente des ADAV-Programms und allgemein-demokratische Forderungen. Mit der Übernahme der Grundsätze der IAA war zugleich die Einsicht verbunden, dass die Arbeiter in allen Ländern, in denen mit der Industrialisierung kapitalistische Produktionsmethoden Einzug hielten, den gleichen Arbeits- und Lebensbedingungen unterworfen waren. Internationale Solidarität der Arbeiter über die nationalen Grenzen hinweg gehörte damit zu wichtigsten Zielen der Arbeiterbewegung.

Die Mitglieder der Partei sollten sich verpflichten, die bestehenden politischen und sozialen Zustande „mit der größten Energie zu bekämpfen“. Der Kampf für die Befreiung der arbeitenden Klassen sei „nicht ein Kampf für Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für gleiche Rechte und gleiche Pflichten und für die Abschaffung aller Klassenherrschaft.“ Das Programm hielt fest: „Politische Freiheit ist die unentbehrlichste Vorbedingung zur ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen.“ Die soziale Frage sei damit „untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt und nur möglich im demokratischen Staat“. Ziel sei die „Errichtung des freien Volksstaats“.

Neben der „Abschaffung der jetztigen Produktionsweise (Lohnsystem) durch genossenschaftliche Arbeit“ und der Verfügung der Arbeiter über den „vollen Arbeitsertrag“ forderte die SDAP das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für alle Männer ab dem 20. Lebensjahr. (Erst das Erfurter Programm von 1891 enthielt die Forderung nach dem gleichen geheimen und direkten Wahlrecht für alle Reichsangehörigen „ohne Unterschied des Geschlechts“.) Im Eisenacher Programm fand sich neben der Forderung nach Einführung eines Normalarbeitstags und dem Verbot der Kinderarbeit auch die Forderung nach „Einschränkung der Frauenarbeit“ – ein Punkt, der gerade in der frühen Arbeiterbewegung und vor allem im ADAV populär war. Zu den weiteren Punkten des Programms zählten u.a. eine direkte Gesetzgebung durch das Volk, die Aufhebung der Vorrechte des Standes, des Besitzes, der Geburt und der Konfession, die Trennung von Kirche und Staat, die Errichtung eines Volksheeres statt stehender Heere, die Einführung von obligatorischem Volksschulunterricht und unentgeltlichem Unterricht in öffentlichen Bildungsanstalten, die Abschaffung der einschränkenden Presse-, Vereins- und Koalitionsgesetze, die Ersetzung der indirekten Steuern durch eine progressive Einkommens- und Erbschaftssteuer, eine Justizreform und die staatliche Förderung des Genossenschaftswesens und der Produktionsgenossenschaften.2

Die Leitung der neuen Partei übernahm ein Ausschuss von fünf Personen, dem eine zwölfköpfige Kontrollkommission an die Seite gestellt wurde. Die gesamte Partei war demokratisch von unten nach oben aufgebaut und unterschied sich damit von den präsidialen Strukturen im ADAV. Auf dem Eisenacher Kongress stellte Bebel klar: „Es gibt demnach in unserer Parteiorganisation keinen Führer mehr, und das ist notwendig; sobald eine Partei bestimmte Personen als Autorität anerkennt, so verläßt sie den Boden der Demokratie, denn der Autoritätsglaube, der blinde Gehorsam, der Personenkultus ist an sich undemokratisch. Deshalb wollen wir statt Einer Person fünf Personen an die Spitze stellen.“3

Als Vorort der neuen Partei wurde Braunschweig gewählt, wo sich einige besonders aktive ehemalige Lassalleaner der SDAP angeschlossen hatten. Ausschuss-Vorsitzender wurde zunächst der Gelbgießer Heinrich Ehlers, sein Stellvertreter der Lehrer Samuel Spier. Während beide wenig hervortraten, wurde der Kassier Wilhelm Bracke, der schon bei den Vorbereitungen zur Parteigründung eine herausragende Rolle gespielt hatte, zur zentralen Person des Ausschusses. Die Kontrollkommission hatte ihren Sitz Hamburg, wo August Geib als Vorsitzender fungierte. Presseorgan der SDAP wurde das von Wilhelm Liebknecht in Leipzig herausgegebene „Demokratische Wochenblatt“, das ab Oktober 1869 zweimal wöchentlich unter dem Titel „Der Volksstaat“ erschien. 1870 verfügte die SDAP über ca. 10.000 Mitglieder. Der monatliche Mitgliedsbeitrag betrug einen Groschen (im süddeutschen Raum dreieinhalb Kreuzer).

Die SDAP geriet schon bald in die politischen Auseinandersetzungen über den deutsch-französischen Krieg 1870/71. Über die Fragen des Wegs zur nationalstaatlichen Einigung Deutschlands, über die Verbindung der Forderungen nach Einheit und Freiheit, die Rolle Preußens und die „kleindeutschen“ oder „großdeutschen“ Optionen wurde auch in der Arbeiterbewegung seit Jahren kontrovers diskutiert. Schon im Vorfeld des Krieges hatte eine Landesversammlung der SDAP in Chemnitz „gegen jeden nicht im Interesse der Freiheit und Humanität“ geführten Krieg protestiert. Um für keine Seite Partei zu ergreifen, enthielten sich August Bebel und Wilhelm Liebknecht bei der Abstimmung über die Kriegsanleihe im Norddeutschen Reichstag der Stimme; sie taten dies auch „als prinzipielle Gegner jedes dynastischen Krieges, als Sozialrepublikaner und Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation, die ohne Unterschied der Nationalität alle Unterdrücker bekämpft, alle Unterdrückten zu einem großen Bruderbund zu vereinigen sucht“.4 Dagegen sah der Braunschweiger Ausschuss der SDAP zunächst in dem französischem Kaiser Napoleon III. den eigentlichen Aggressor und hielt den Krieg für gerechtfertigt. Die Vertreter des ADAV, die für die Einigung Deutschlands unter preussischer Führung eintraten, votierten dafür. Nach der französischen Niederlage und der Ausrufung der Republik in Frankreich am 4. September 1870 waren die Differenzen unter den deutschen Sozialisten gegenstandslos geworden. Sie forderten nun gemeinsam einen raschen Friedensschluss und den Verzicht auf Annexionen. Ein Aufruf des Braunschweiger Ausschusses vom 5. September 1870 schloss mit einem Hoch auf die Republik. Die Staatsmacht reagiert sofort: Die Mitglieder des Parteiausschusses der SDAP wurden verhaftet und wie Schwerverbrecher in Ketten gelegt. August Bebel, der im November 1870 die Bewilligung weiterer Mittel für die Fortsetzung des Krieges im Namen seiner Partei ablehnte, löste damit im Reichstag unter den bürgerlichen Abgeordneten einen Sturm der Entrüstung aus. Bebel, Wilhelm Liebknecht und ein Redakteur des „Volksstaat“, Adolf Hepner, wurden gleichfalls verhaftet. Als im Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles das deutsche Kaiserreich ausgerufen wurde, saßen die Führer der Arbeiterschaft im Gefängnis. Im „Leipziger Hochverratsprozess“ wurden Bebel und Liebknecht zu mehrjähriger Festungshaft verurteilt.

In den 1870er Jahren, nach dem Schock, den der Pariser Kommuneaufstand für das europäische Bürgertum bedeutete, wurden die sozialdemokratischen Organisationen und ihre Mitglieder zunehmend als „Reichsfeinde“ und Anhänger des „Umsturzes“ diffamiert und polizeilich verfolgt: Vereine wurden geschlossen, Druckerzeugnisse beschlagnahmt und führende Vertreter von SDAP und ADAV immer wieder mit Gefängnisstrafen bedroht. Die Differenzen zwischen den Arbeiterparteien verloren nach der Reichsgründung und dem Rückzug Johann Baptist von Schweitzers von der Führung des ADAV an Bedeutung. Die gemeinsamen Erfahrungen mit dem „Klassenkampf von oben“ und der polizeilichen Repression stärkten den Willen zur Einigung. 1875 schlossen sich ADAV und SDAP in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) zusammen, die sich 1890 in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) umbenannte.

Für das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung verbindet sich mit der Parteigründung von 1869 noch eine besondere Erinnerung: Nach Beendigung des Gründungskongresses der SDAP hielt der Verband deutscher Arbeitervereine seinen Verbandstag ab; er beschloss die Auflösung des Verbandes und den Anschluss an die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Das umfangreiche Archiv des VDAV – „Akten, Briefe, Protokolle“ wurden August Bebel „zur Aufbewahrung überlassen“.5 Teile dieses Verbandsarchivs, darunter ein Brieftagebuch August Bebels aus den Jahren 1867/68 und die Verbands-Korrespondenz, werden heute im Bestand „Frühzeit der Arbeiterbewegung“ im AdsD aufbewahrt.

Das Eisenacher Programm in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung

Fussnoten:

Fussnote 1:
August Bebel: Aus meinem Leben. Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. 6, München u.a. S. 245.Zurück

Fussnote 2:
Zu den Textstellen vgl. Programm und Statuten der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, beschlossen auf dem Kongress in Eisenach 1869, in: Programmatische Dokumente der Deutschen Sozialdemokratie. Herausgegeben und eingeleitet von Dieter Dowe und Kurt Klotzbach, 4. Aufl., Bonn 2004, S. 160 – 163. Zurück

Fussnote 3:
Protokoll über die Verhandlungen des Allgemeinen Deutschen sozial-demokratischen Arbeiterkongresses zu Eisenach am 7., 8. und 9. August 1869, Leipzig 1869 (Unveränderter Nachdruck, Glashütten i. Taunus/Bad Godesberg 1971), S. 16.Zurück

Fussnote 4:
August Bebel: Aus meinen Leben, S. 308.Zurück

Fussnote 5:
August Bebel: Aus meinen Leben, S. 250.Zurück