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11.12.1979: Carlo Schmid gestorben

Carlo Schmid, 1960
  © AdsDAm 3. Dezember 1979 wurde der SPD-Parteitag in Berlin eröffnet. Unter den Delegierten saß - wie seit Jahrzehnten - Carlo Schmid, der an diesem Tag seinen 83. Geburtstag feierte. Für die SPD sei er "mehr als nur einer der großen Alten", sagte Hans Koschnick bei der Begrüßung, er bleibe einer von denen, "die uns in schweren Jahren zu neuen Wegen geführt und die uns geholfen haben, den Weg in die Zukunft zu gehen." Die Delegierten feierten ihn mit langanhaltenden Ovationen. Wenige Tage später, am 11. Dezember 1979, starb Carlo Schmid.
Der Weg in die SPD war für Carlo Schmid keineswegs von Anfang an vorgezeichnet. Geboren am 3.12.1896 im südfranzösischen Perpignan als Sohn eines deutschen Realschullehrers und einer französischen Lehrerin, wuchs er mit prägenden Eindrücken aus beiden Kulturen auf. Im Juni 1914 legte er das Abitur am Karls-Gymnasium in Stuttgart ab, doch der Beginn des Ersten Weltkriegs ließ dem erst Siebzehnjährigen keine Zeit für die Verwirklichung seiner Studienpläne. Er meldete sich als Kriegsfreiwilliger - auf deutscher Seite. Nach dem Krieg studierte er von 1919 bis 1921 Rechts- und Staatswissenschaften in Tübingen, engagierte sich kurzfristig in einem Studentenbataillon gegen aufständische Spartakisten und schloss sich einer "Sozialistischen Studentengruppe" an. 1923 promovierte er mit einer Dissertation bei Hugo Sinzheimer über "Die Rechtsnatur der Betriebsvertretungen nach dem Betriebsrätegesetz".

Carlo Schmid
 © AdsD In dieser Zeit war er bereits Referendar am Tübinger Amtsgericht. Die zweite Höhere Justizdienstprüfung legte er kurze Zeit später beim Oberlandesgericht in Stuttgart ab. Von September 1927 bis Februar 1930 war Carlo Schmid Referent am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, wo er u.a. als Assistent von Erich Kaufmann bei den Verhandlungen vor dem Deutsch-Polnischen Schiedsgericht tätig war.
1929 habilitierte sich Carlo Schmid an der Universität Tübingen mit einer Schrift über die Rechtsprechung des Ständigen Internationalen Gerichtshofes. In den folgenden Jahren übernahm er neben seiner Tätigkeit am Landgericht Vorlesungen als Privatdozent an der Universität Tübingen. Aussicht auf einen Lehrstuhl hatte er wegen der politischen Atmosphäre an der Tübinger Universität schon vor 1933 nicht, umso mehr galt dies für die NS-Zeit. In den folgenden Jahren lernte Carlo Schmid die Dichtung und Gedankenwelt Stefan Georges und den Kreis um Wolfgang Frommel kennen, der mit einer nach Mitternacht ausgestrahlten Rundfunksendung "Vom Schicksal des deutschen Geistes" versuchte, einen Hörerkreis zu erreichen, der sich der geistigen Gleichschaltung durch das NS-Regime entziehen wollte. Auch Carlo Schmid beteiligte sich an diesen Vorträgen. In den dreißiger Jahren beschäftigte er sich mit Machiavelli und Dante, zu dessen "Göttlicher Komödie" er Kommentare und Übersetzungen schrieb. Im Juli 1940 erhielt Schmid seine Einberufung als Kriegsverwaltungsgerichtsrat ins französische Lille. In den folgenden Jahren versuchte er, die Härten des deutschen Besatzungsregimes für die Bevölkerung zu mildern. Seit 1941 stand er mit Helmuth Graf von Moltke in Verbindung und war in die Vorbereitungen für einen Sturz des NS-Regimes eingeweiht.
Nach Kriegsende beteiligte sich Carlo Schmid am politischen Neuaufbau Deutschlands. Im Juni 1945 übernahm er auf Wunsch der französischen Besatzungsbehörden die Leitung der "Landesdirektion für Kult" und nach der Teilung Württembergs in eine amerikanische und eine französische Zone das Amt des Regierungschefs in Württemberg-Hohenzollern, von 1947 bis 1950 war er stellvertretender Staatspräsident und Justizminister. Im Januar 1946 trat Schmid in die SPD ein. Es war die Konsequenz aus der Einsicht, dass das Versagen des politisch desinteressierten Bürgertums in der Weimarer Republik mit dazu beigetragen hatte, "dass die Macht in die Hände von Unmenschen kommen konnte" (Schmid). 1946 bis 1950 war er Landesvorsitzender der SPD in Süd-Württemberg, von 1947 bis 1973 gehörte er dem Parteivorstand der SPD an. Dabei zählte er zu den entschiedenen Befürwortern eines Wandels der SPD von der Klassenpartei zu einer reformorientierten linken Volkspartei. Eine herausragende Rolle spielte Carlo Schmid im Parlamentarischen Rat als einer der "Väter des Grundgesetzes". Mehr als zwei Jahrzehnte gehörte er anschließend für den Wahlkreis Mannheim-Stadt dem Bundestag an. Carlo Schmid
	© AdsD Bis Ende 1966 und von 1969 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Parlament (1972) war er zugleich Vizepräsident des Deutschen Bundestags. Carlo Schmid wandte sich vor allem der Außenpolitik zu. Sein besonderes Engagement galt der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel und der Wiedergutmachungsfrage. 1955 war er an den Gesprächen Adenauers in Moskau zur Rückführung deutscher Kriegsgefangener beteiligt. In Fragen der Ost- und Deutschlandpolitik sprach er sich bereits 1956 für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze aus. In der Regierung der Großen Koalition übernahm er von 1966 - 1969 das Amt des Bundesratsministers. Carlo Schmid, der langjähriges Mitglied der Beratenden Versammlung des Europarates in Straßburg war, trat schon früh für die europäische Einigung ein. Eines seiner Hauptanliegen war die deutsch-französische Aussöhnung, für die er in zahlreichen Gremien wirkte, zuletzt in seiner Eigenschaft als Koordinator für deutsch-französische Zusammenarbeit (1969 - 1979).
Neben seiner politischen Arbeit war Carlo Schmid weiterhin als Hochschullehrer tätig. Von 1946 bis 1953 lehrte er an der Universität Tübingen Völkerrecht, von 1953 bis 1968 an der Universität Frankfurt Politische Wissenschaften. Daneben übersetzte er Werke von Baudelaire, Calderón und die "Antimemoiren" von André Malraux ins Deutsche. Carlo Schmid zählte zu den Politikern, für die nie das politische Tagesgeschäft allein im Vordergrund stand. Er vereinigte in seiner Person jene Verbindung von "Politik und Geist", die er selbst für die Grundlage einer humanen Gesellschaft hielt.
Unterschrift Carlo Schmid

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