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24.04.1911: Karl Schiller geboren

Am 24.4.2011 wäre Karl Schiller, der einstige „Superminister“ Willy Brandts, hundert Jahre alt geworden. Mit ihm verbindet man noch heute wirtschaftspolitische Schlüsselbegriffe wie „Konzertierte Aktion“ oder „Magisches Viereck“.

An diesem runden Jahrestag lohnt sich daher ein genauerer Blick auf den Lebensweg Schillers mit seinen vielseitigen Ausprägungen.

Karl August Fritz Schiller wurde am 24. April 1911 in Breslau geboren. Seine Kindheit war geprägt von der frühen Scheidung seiner Eltern (1920) und der daraus folgenden materiellen Notsituation, denn sein unbeständiger und unzuverlässiger Vater Carl Hermann Schiller stellte mit der Zeit die Unterhaltszahlungen ein. Karl indes war das genaue Gegenteil von seinem Vater – sehr strebsam und enorm ehrgeizig. Erst in späteren Jahren bildeten sich bei Karl ähnliche Verhaltensmuster, so etwa seine Affinität für die Künstler- und Bohemienszene oder seine vier Eheschließungen, die ihm den Spitznamen „flotter Karl“ einbrachten.

Sein Ehrgeiz und sein Aufstiegswille blieben Grundkonstanten in Schillers Leben: So schloss er sein Volkswirtschaftsstudium, das durch ein Stipendium bei der „Studienstiftung des Deutschen Volkes“ ermöglicht wurde, mit dem Prädikat „Ausgezeichnet“ ab. Aufgrund der Machtergreifung der Nationalsozialisten trat Schiller mehreren NS-Organisationen bei, wenn auch ohne ein Amt zu übernehmen. Weder war er ein aktiver Widerständler, noch glühender Anhänger des NS-Regimes, sondern einfach ein Mitläufer, der seine Karriere nicht aufs Spiel setzen wollte. Denn diese entwickelte sich rasant: Nach Promotion, Habilitation, Lehrtätigkeit an der Universität Kiel und Arbeit beim Institut für Weltwirtschaft (IfW) schlug seine große Stunde, als er 1946 an die Spitze einer Gutachter-Kommission berufen wurde. Deren Aufgabe war es, einen Plan zu entwickeln, wie die Ernährung und Beschäftigung der zerstörten Stadt Hamburg gewährleistet werden konnte. Das Gutachten war von exzellenter Leistung und half, den wirtschaftlichen Wiederaufbau Hamburgs voranzutreiben. Schiller wurde über die Hansestadt hinaus bekannt und der Erfolg brachte ihm eine Professur an der Universität Hamburg ein.

Doch schon 1948 suchte er eine neue Herausforderung: er wurde Wirtschaftssenator in Hamburg, nachdem er 1946, vor allem aus Bewunderung für Kurt Schumacher, in die SPD eingetreten war. Die Beziehung zwischen ihm und der Partei blieb allerdings schwierig.  Schiller war vielen Sozialdemokraten zu marktorientiert und intellektuell. Er machte daraus auch keinen Hehl. Im Gegenteil, er verstärkte diese Sichtweise noch. Als Vorgesetzter war er arrogant, herablassend und eitel. Helmut Schmidt, sein persönlicher Referent, bekam dies besonders zu spüren. Da sich jedoch auch Schmidt wenig gefallen ließ, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, die noch lange Zeit die Arbeit zwischen beiden belasten sollten.

In den darauffolgenden Jahren wechselte Schillers Tätigkeitsfeld ständig. Nach dem Regierungsverlust in Hamburg 1953 übte er wieder eine Lehrtätigkeit aus und wurde kurz danach zum Rektor der Universität Hamburg berufen. Von 1961 bis1965 wurde er unter Willy Brandt Wirtschaftssenator von Berlin und hatte wesentlichen Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt. Danach ging er als Abgeordneter in die Bundespolitik und machte dort mit einer brillanten Rede im Bundestag auf sich aufmerksam. Am 29.11.1965 legte er eindrucksvoll dar, dass der damalige Kanzler Ludwig Erhard nicht den nötigen Sachverstand mit sich bringe, um der gegenwärtigen Rezession Herr zu werden. Die Rede beeindruckte und ließ erkennen, dass der 44-jährige Schiller die Absicht hatte, den Wirtschaftsexperten Erhard vom Thron zu stoßen. Dies bewahrheitete sich: Schon ein Jahr später, mit Beginn der Großen Koalition, wurde Schiller Wirtschaftsminister.

Mit seinem Credo: „So viel Wettbewerb wie möglich, so viel Planung wie nötig“ ging er ans Werk. Er verband damit eine Wirtschaftspolitik, die sich auf empirische Grundlagen stützte mit der Einsicht, dass alle Teile der Gesellschaft zusammen die Inflation bekämpfen müssten. Letzteres präzisierte er mit dem Stichwort „Konzertierte Aktion“: Staat, Arbeitgeber und Gewerkschaften müssten ihre finanziellen Ansprüche zurückschrauben, sodass der Preisanstieg schrittweise verringert werden könne. Dieses Vorgehen half der Deutschen Wirtschaft aus der Krise -  mit einem Ergebnis, das sich sehen lässt: einer Arbeitslosenquote unter 1%, einer Inflationsrate von 1,5% und einem realen Wachstum des Sozialproduktes von 7,3%! Bei seiner Arbeit stimmte er sich intensiv mit Franz-Josef Strauß, dem Finanzminister der Großen Koalition ab, sodass die beiden bald in Anlehnung an Wilhelm Busch die Spitznamen „Plisch“ und „Plum“ bekamen.

Durch seinen Erfolg wurde Schiller 1969 einer der beliebtesten Politiker und verhalf in der sogenannten „Schiller-Wahl“ der SPD zu neuen Wählerstimmen bis weit hinein ins bürgerliche Lager. Heute wirkt es unvorstellbar, dass ein Universitätsprofessor mit intellektuellem Habitus und einem trockenen Thema wie der Aufwertung der DM ganze Säle füllen und das Publikum in seinen Bann ziehen konnte. Doch er verstand es wie kein Zweiter, den Hörern komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären. Damit rang er der CDU die Wirtschaftskompetenz ab und trug entscheidend zum Wahlsieg der SPD bei.

In der sozialliberalen Koalition blieb Schiller Wirtschaftsminister. Nach zwei Jahren übernahm er darüber hinaus zusätzlich das Finanzministerium. Dies bildete den Höhepunkt seiner Karriere, aber zugleich war es auch „sein größter Fehler“, wie Schiller im Nachhinein resümierte. Schiller plädierte 1972 angesichts der Haushaltslage für einen rigiden Sparkurs, was angesichts der aufziehenden Neuwahlen nach dem gescheiterten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt ein ungünstiger Zeitpunkt für Kürzungen war. Hier rächte sich, dass Schiller sich nie um den nötigen Rückhalt innerhalb der SPD gekümmert hatte. Nachdem er seine Pläne nicht durchsetzen konnte, trat er von seinen Ministerämtern zurück.

Die weiteren Entwicklungen sollten eine noch größere Entfremdung mit sich bringen: Schillers Rücktrittsbrief fand über Umwege einen Weg in die Öffentlichkeit und zwar in der heißen Phase des Wahlkampfs! Die Kritik Schillers an der Regierung Brandt war ein gefundenes Fressen für die Opposition. Es folgten der Parteiaustritt Schillers und eine Anzeigenserie, in der er zusammen mit Ludwig Erhard für den Erhalt der sozialen Marktwirtschaft warb. Dies wurde als Parteiwerbung für die CDU aufgefasst.

Schillers Rücktritt und die darauffolgenden Entwicklungen schadeten der SPD nicht – sie erreichte mit Willy Brandt ihr bestes Ergebnis aller Zeiten: 45,8% der Stimmen. Für Schiller begann eine Phase der Depression und der Sinnsuche. Mit der Zeit kam es aber wieder zu einer Annäherung an die SPD, zuerst durch den Parteivorsitzenden Willy Brandt und auch durch Bundeskanzler Helmut Schmidt, der Schiller als Wirtschaftsberater mit auf Auslandsreisen nahm. 1980 wurde Schiller wieder in die Partei aufgenommen und 1991 bekam er das Bundesverdienstkreuz verliehen. Drei Jahre später allerdings, am 17.11.1994, starb Schiller im Alter von 83 Jahren an einer geplatzten Bauchschlagader.