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09.11.1918: Revolution in Deutschland

Vorwärts vom 09.11.1918„E. [Friedrich Ebert] hält es für möglich, die Regierung ohne Blutopfer zu ergreifen.“ Dies notierte sich der SPD-Reichstagsabgeordnete Carl Giebel in der Sitzung der SPD-Reichstagsfraktion, die am 9. November 1918 um 10.15 Uhr begonnen hatte.
Im Laufe des Tages verkündete eine Extraausgabe der SPD-Tageszeitung „Vorwärts“ in großen Buchstaben: „Arbeiter, Soldaten, Mitbürger! Der freie Volksstaat ist da! Kaiser und Kronprinz haben abgedankt! Fritz Ebert, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, ist Reichskanzler geworden [...] Damit ist die öffentliche Gewalt in die Hände des Volkes übergegangen. Eine verfassunggebende Nationalversammlung tritt schnellstens zusammen.“ Protokoll der Fraktion vom 09.11.1918

Was war an diesem Tag geschehen?

Der 9. November 1918 war Ergebnis einer Kette dramatischer Ereignisse.
Am 21. September 1918 hatte Generalquartiermeister Erich Ludendorff, der faktische Militärdiktator Deutschlands, nach vier Jahren Krieg plötzlich von der Reichsregierung verlangt, sofort Verhandlungen um einen Waffenstillstand und Frieden aufzunehmen, bevor die Fronten zusammenbrächen und der Feind ungehindert ins Reich marschieren könne. Damit offenbarte Ludendorff den völligen Bankrott der auf einen „Siegfrieden“ setzenden Strategie. Diese hatte nicht wahrhaben wollen, dass Deutschland und seine Verbündeten der gegnerischen Allianz an Industriepotential, Finanzkraft, Menschenzahl, Nahrungsmittel- und Rohstoffressourcen unabänderlich unterlegen waren.
Ludendorff hatte außerdem empfohlen, die Reichsregierung jetzt auf eine parlamentarische Mehrheit zu stützen. Die SPD, die sich nach Kriegsausbruch in ihrer Mehrheit zur einer „Burgfriedenspolitik“ entschlossen und die Kriegsanstrengungen grundsätzlich unterstützt hatte, trat am 4. Oktober 1918 zusammen mit den Parteien des katholischen Zentrums und der liberalen Fortschrittlichen Volkspartei in die Regierung des neuen Reichskanzlers Prinz Max von Baden ein.
Eine improvisierte Verfassungsänderung sah vor, dass von nun an der Reichskanzler das Vertrauen der Mehrheit des Reichstages benötigte. Indem die parlamentarisch-demokratischen Parteien, insbesondere die SPD, in dieser Krise bereit waren, Verantwortung zu übernehmen und sich um einen Waffenstillstand zu bemühen, boten sie zugleich den Militärs und den hinter ihnen stehenden konservativ-nationalistischen Kräften die Möglichkeit, die Verantwortung für das von ihnen angerichtete Desaster abzuschieben und die Legende zu konstruieren, die tapfer kämpfende Front sei durch einen „Dolchstoß“ in den Rücken durch Demokraten und Sozialisten sabotiert worden.

In Wirklichkeit es gab eine Rebellion gegen die neue Reichsregierung, die von den Militärs ausging. Ludendorff wurde entlassen, weil er eigenmächtig eine neue – aussichtslose – Offensive an der Westfront vorbereitete, als die alliierten Waffenstillstandsbedingungen anders als erwartet ausfielen. Die Admiräle der strategisch gescheiterten kaiserlichen Hochseeflotte planten ebenfalls hinter dem Rücken der politischen Führung eine große Schlacht gegen die britische Flotte – wenn schon kein Sieg, so wollten sie „ehrenhaft“ untergehen.
Die Matrosen sahen aber keinen Sinn darin, für die Ehre der Admirale zu sterben, und löschten die Feuer unter den Dampfkesseln der Kriegsschiffe. Hunderte Matrosen wurden daraufhin verhaftet, aber durch eine ungeplant und spontan anwachsende Massenbewegung in den Hafenstädten wieder befreit.
Von der Küste griff der Aufstand auf das gesamte Reichsgebiet über, Arbeiter- und Soldatenräte beanspruchten die Macht. Nachdem die Militärs selbst den Krieg verloren gegeben hatten, brachen angesichts von zwei Millionen Kriegstoten, Kriegsversehrten, Hunger, Schwerarbeit in den Rüstungsbetrieben und einer tödlichen Grippewelle an der Front und in der Heimat der militärische Widerstandswille und die Achtung vor dem autokratischen politischen System zusammen.
Mit dem Schreckbild der Folgen der bolschewistischen Revolution in Russland vor Augen wollte der SPD-Parteivorstand ein allgemeines Chaos vermeiden und versuchte die politischen Entwicklung zu steuern.

Am 7. November forderte die SPD vom Reichskanzler Max von Baden mit der Drohung, sonst wieder aus der Regierung auszutreten, u.a. Versammlungsfreiheit, Rücktritt von Kaiser und Kronprinz und Verstärkung des sozialdemokratischen Einflusses in der Regierung.

Zwei Tage nach dem Sturz der Monarchie in Bayern erfasste die Revolution am 9. November auch Berlin. Dort rief der „Arbeiter- und Soldatenrat“ am Morgen den Generalstreik unter der Leitung von SPD und der im Laufe des Krieges von ihr abgespaltenen Unabhängigen SPD aus, und die SPD-Minister traten aus der Regierung aus. Als am Vormittag die Meldung eintraf, dass die Heerführer dem Kaiser nicht mehr die Gefolgschaft der Truppen garantieren könnten, gab Reichskanzler Max von Baden aus Sorge vor einer weiteren Radikalisierung eigenmächtig und verfrüht die Abdankung des Kaisers bekannt und übertrug die Reichskanzlerschaft auf Friedrich Ebert.

Am Mittag rief der SPD-Politiker Philipp Scheidemann die deutsche Republik aus, zwei Stunden später proklamierte in Konkurrenz dazu Karl Liebknecht von der Spartakusgruppe die Freie Sozialistische Republik Deutschland. Sämtliche Fürsten dankten als Herrscher in den deutschen Ländern ab, Kaiser Wilhelm II. floh am nächsten Tag ins niederländische Exil.

Postkarte der Mitglieder im Rat der Volksbeauftragten Wilhelm Dittmann, Otto Landsberg, Hugo Haase, Friedrich Ebert, Georg Barth, Philipp Scheidemann, 1918Ebert berief Scheidemann und Otto Landsberg mit in die Regierung und bemühte sich zur Verbreiterung ihrer Basis auch um Vertreter der USPD. Dies gelang am 10. November, als die USPD-Politiker Hugo Haase, Wilhelm Dittmann und Emil Barth in die sich nun „Rat der Volksbeauftragten“ nennende Regierung eintraten. Am selben Tag gelang es nach heftigen Diskussionen, die Mehrheit einer Versammlung von Vertrauensmännern der Arbeiter- und Soldatenräte für die Unterstützung des Rats der Volksbeauftragten zu gewinnen.
Der „Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte Groß-Berlin“ sollte als Ausschuss der Arbeiter- und Soldatenräte fungieren, und der Rat der Volksbeauftragten wiederum als Beauftragter des Vollzugsrats. Diese Konstruktion ermöglichte es der Regierung Ebert/Haase, sich als Ausdruck des revolutionären Volkswillens zu legitimieren.

Die politische Entwicklung in den folgenden Wochen blieb doch nicht ohne Blutvergießen, aber der 9. November 1918 war der Wendepunkt der deutschen Geschichte zur Demokratie.

Mit dem 9. November 1923 (Putschversuch Adolf Hitlers in München), dem 9. November 1938 (Pogrom gegen die Juden) und dem 9. November 1989 (Fall der Berliner Mauer) folgten im 20. Jahrhundert drei weitere für Deutschland historisch bedeutsame Tage am selben Datum.