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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / November / Eröffnung der Parteischule der SPD

15.11.1906: Eröffnung der Parteischule der SPD

Am 15. November 1906 wurde die zentrale Parteischule der SPD in der Lindenstraße 3 in Berlin eröffnet. August Bebel, im Parteivorstand zuständig für die Schule, hielt die Begrüßungsansprache.

Eröffnung der Parteischule 1906Anwesend waren Vertreter des Parteivorstands, der sozialdemokratischen Wahlvereine Groß-Berlins, der Redaktionen der Zeitschrift „Neue Zeit“ und des Vorwärts sowie das Lehrerkollegium und alle Teilnehmer des ersten Kurses.

Das Kursangebot der Schule richtete sich an „parteigenössische Agitatoren in Wort und Schrift“, die das „für die Aufklärung der breiten Massen erforderliche Maß von Wissen und theoretischer Schulung“ erwerben sollten, wie es im Bericht der Parteischule über den ersten Kurs hieß. Während des gesamten Aufstiegs der deutschen Arbeiterbewegung seit der Mitte des 19.Jahrhunderts war ihren führenden Vertretern bewusst, dass die Frage der Macht im gesellschaftlichen System mit der Frage von Bildung und Wissen verbunden war. Erinnert sei nur an den Vortrag von Wilhelm Liebknecht im Dresdner Arbeiterverein aus dem Jahre 1872 „Wissen ist Macht – Macht ist Wissen“. Traditionell verfügten die alten Führungseliten über das „Herrschaftswissen“ in Verwaltung, Justiz, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft und setzten es im Sinne ihrer Interessen ein. Schon auf dem Parteikongress in Gotha 1876 war ein Antrag auf „Gründung einer sozialistischen Universität“ eingebracht worden, der aber aus finanziellen Gründen noch nicht die Unterstützung der Parteiführung fand. Nachdem dann aber der „Volksverein für das katholische Deutschland“ seit 1890 mehrfach zehnwöchige „Volkswirtschaftliche Kurse“ abhielt und Stipendien für junge Wissenschaftler vergab, in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts in Berlin mehrere große Bildungsveranstaltungen der Anarcho-Syndikalisten erfolgreich stattfanden und der „Reichsverband gegen die Sozialdemokratie“ 1905 eine Rednerschule mit fünfzehnwöchigen Kursen für Wanderredner gründete, kam die SPD-Führung unter Druck, auch ihr eigene Redner und Funktionäre besser zu schulen.

Kursus an der der SPD-Parteischule, u.a. August BebelNach einem von Heinrich Schulz ausgearbeiteten Konzept sollten pro Jahr etwa 30 erfahrene Genossinnen und Genossen auf Kosten der Partei – die in dieser Zeit auch den Unterhalt für die Familien der Teilnehmer übernahm – in halbjährlichen Kursen (Oktober – März) die Möglichkeit erhalten, sich die notwendigen Wissensbereiche anzueignen. Dabei ging es darum, wie Bebel bei seiner Einführung hervorhob, auch methodische Grundlagen für ein weiteres Selbststudium nach Absolvierung der Parteischule zu schaffen. Die Teilnehmer wurden von den Parteibezirken vorgeschlagen und vom Lehrerkollegium zusammen mit dem Parteivorstand ausgewählt. Das Lehrerkollegium, das Heinrich Schulz zu seinem Obmann wählte, bestand aus zwei hauptamtlichen und einer Reihe nebenamtlicher Dozenten. Der Lehrplan des ersten Kurses führte folgende Themen und Dozenten auf: Wirtschaftsgeschichte und Nationalökonomie (Rudolf Hilferding); Historischer Materialismus und soziale Theorien (Anton Pannekoek); Geschichte der politischen Parteien (Franz Mehring); Arbeiterrecht, soziale Gesetzgebung, Gesinderecht und Verfassung (Arthur Stadthagen); Strafrecht, Strafprozess, Strafvollzug (Hugo Heinemann); Bürgerliches Recht (Kurt Rosenfeld); Gewerkschaftswesen, Genossenschaftswesen, Kommunalpolitik (Simon Katzenstein); mündlicher und schriftlicher Gedankenausdruck, Zeitungstechnik (Heinrich Schulz). Die teilweise berühmten Namen des Lehrerkollegiums weisen darauf hin, dass die SPD bestrebt war, für die Schule ihr akademisch bestes Personal einzusetzen.

Kursus an der der SPD-Parteischule, u.a. Rosa Luxemburg und August BebelBeim ersten Kurs gab es Unzulänglichkeiten in organisatorischer Hinsicht und durch die pädagogische Unerfahrenheit einiger Dozenten. Das Grundkonzept bewährte sich aber offenbar so, dass es für den zweiten nur durch das Fach „Naturerkenntnis“, vertreten durch Emanuel Wurms, ergänzt wurde. Als die preußische Politische Polizei, die die Schule eng überwachte, Rudolf Hilferding und Anton Pannekoek wegen ihrer Tätigkeit für die Parteischule mit der Ausweisung als Ausländer drohte, übernahmen Rosa Luxemburg das Fach „Nationalökonomie“ und Heinrich Cunow das Fach „Historischer Materialismus“. 1906 bis 1914 besuchten insgesamt 203 Schüler, davon 20 Frauen, die Parteischule. Später prominente Schüler waren u.a. Wilhelm Kaisen, Wilhelm Pieck und Fritz Tarnow. Nach dem Ausbruch des Krieges 1914 wurde die Lehrtätigkeit nicht wieder aufgenommen.

Inwieweit die Parteischule im Sinne ihrer Gründer erfolgreich war, ist schwer zu messen. Festzuhalten ist, dass die Kursteilnehmer selbst sich später stets sehr positiv über die Bedeutung des Kurses sowohl für die theoretische und wie die praktische Seite ihrer Parteiarbeit äußerten.

Erst 1986 wurde die Idee der Parteischule in einem anderen Umfeld und unter anderen Voraussetzungen von der SPD wieder aufgenommen durch den Beschluss, wieder eine Schule zur Fortbildung der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Partei zu gründen.