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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / September / Julius Motteler gestorben

29.09.1907: Julius Motteler gestorben
Abschied vom "Roten Feldpostmeister"

Julius Motteler, 1904Eigentlich hatte er Lehrer werden sollen. Aber Julius Motteler, 1838 am 18. Juni in Esslingen als Sohn eines Gastwirts geboren , verließ vier Jahre nach dem Tod seines Vaters das örtliche Lehrerseminar und begann 1852 eine Weberlehre. Als ausgebildeter Tuchmacher und Kaufmann wechselte er 1856 nach Augsburg, wo er Erfahrungen als Werkführer und Buchhalter sammelte. Drei Jahre später zog er ins sächsische Crimmitschau, um eine Stellung als Buchhalter in einer Spinnerei anzutreten.

In Sachsen entwickelte Motteler gewerkschaftliche und politische Aktivitäten. 1860 trat er dem liberalen Nationalverein „Volksverein zu Crimmitschau“ bei, der sich unter anderem für das „unbeschränkte Selbstbestimmungsrecht des Volkes auf allen Gebieten des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens“ engagierte. Nach drei Jahren beteiligte sich Julius Motteler maßgeblich an der Gründung des Arbeiterbildungsvereins Crimmitschau. Auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins Leipzig lernte er August Bebel kennen. Weitere drei Jahre später sollte er mit ihm und Wilhelm Liebknecht die Sächsische Volkspartei gründen. Nachdem er auf Grund seiner politischen Betätigung seine Stellung eingebüßt hatte, baute Motteler gemeinsam mit Ernst Stehfest und zahlreichen ebenfalls erwerbslos gewordenen Textilarbeitern 1867 die Spinn- und Webgenossenschaft Ernst Stehfest & Co. in Crimmitschau auf. Als diese infolge verweigerter Kredite zahlungsunfähig wurde und 1876 aufgelöst werden musste, haftete Motteler mit seinem persönlichen Vermögen.

1869 wurde Julius Motteler der erste Präsident der von ihm mitgegründeten „Internationalen Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter-Gewerksgenossenschaft“ und im darauffolgenden Jahr richtete er eine Genossenschaftsdruckerei ein, in der von nun an die erste sozialdemokratische Tageszeitung Deutschlands, der "Crimmitschauer Bürger- und Bauernfreund", hergestellt wurde. Ebenfalls 1869 nahm Julius Motteler in Eisenach an der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei teil. Für diese zog er im Januar 1874 in den Reichstag ein, dem er bis 1878 angehörte. Bereits 1872 hatte er sich öffentlich „über die Kinderarbeit in den Fabriken“ geäußert. Als Abgeordneter hielt er im Mai 1878 im Reichstag eine viel beachtete Rede gegen die Ausbeutung von Kindern und Frauen. Er forderte das Verbot der Kinderarbeit und die Begrenzung der Arbeitszeit für Arbeiterinnen und Jugendliche. Seit 1874 fungierte Julius Motteler als kaufmännischer Leiter der Leipziger Genossenschaftsdruckerei, die den „Volksstaat“ und ab 1876 den "Vorwärts" herausgab.

1878 lebte und arbeitete Julius Motteler in Nymphenburg bei München, wo er die Zeitschrift „Zeitgeist“ publizierte, als er von August Bebel, der das organisatorische Talent Mottelers kannte, beauftragt wurde, Geschäftsführung und Vertrieb der Parteizeitung in Zürich zu übernehmen: Das Reichsgesetz gegen „die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ („Sozialistengesetz“) hatte jegliche sozialdemokratische Organisation und Presse in Deutschland verboten. Also emigrierte Julius Motteler in die Schweiz und organisierte am Züricher Wohnsitz, dem „Olymp“, ab September 1879 den illegalen Vertrieb der unter dem Titel „Der Sozialdemokrat“ wöchentlich erscheinenden Parteizeitung. Dass er dies mit einem großen Maß an Originalität und konspirativer Methode tat, lässt sich den Beschreibungen Joseph Bellis entnehmen, der mit Motteler die Grenzschmuggler aussuchte und anleitete und im Jahr 1921 seine Erinnerungen veröffentlicht hat. Die Unermüdlichkeit und der Einfallsreichtum, mit denen Motteler die Expedition des Parteiorgans regelte - so sorgte er beispielsweise, als es notwendig wurde, für den Aufbau eines Informations- und Warnsystems - trug ihm den Ehrentitel „Roter Feldpostmeister“ ein. Motteler machte diesem Namen alle Ehre, auch nach 1888, als auf deutschen Druck hin die Ausweisung aus der Schweiz erfolgte.

Ein anderes Arbeitsfeld Julius Mottelers war der zu dieser Zeit betriebene Aufbau eines Parteiarchivs. Der erste Exil-Kongress der deutschen Sozialdemokraten auf Schloss Wyden hatte im August 1880 den Antrag, das Parteiarchiv auf schweizerischem Boden zu errichten, angenommen. Antragsteller war der Dresdener Delegierte Hermann Schlüter, dessen Vorschlag eines Verbunds von Archiv und Bibliothek wurde von einer Parteikonferenz im August 1882 in Zürich zum einstimmigen Beschluss erhoben. Das neue Parteiarchiv erhielt den Auftrag, eine „möglichst vollständige Sammlung aller auf das Parteileben bezüglichen Dokumente und Schriftstücke" anzulegen, die Parteianhänger wurden aufgefordert, sich am Aufbau der „Archiv-Bücherei", durch Beiträge aller Art rege zu beteiligen.

So kam es, dass die der Schweiz verwiesenen Julius Motteler, Hermann Schlüter, Eduard Bernstein und Leonhard Tauscher mit 16 großen Kisten in London ankamen, aus denen, aufgestellt im Hause Eduard Bernsteins, das Parteiarchiv wurde. Inzwischen beherbergte es einen Teil der Korrespondenz Ferdinand Lassalles, den Nachlass Johann Philipp Beckers, über 3.200 Bücher und 160 verschiedene Periodika.

Nach dem Fall des Sozialistengesetzes wurde der größte Teil dieser Bestände Anfang 1891 nach Berlin überführt und nach einer Zwischenlagerung neben dem Büro des Parteivorstandes eingerichtet. Allerdings gab es weiterhin in London eine Zweigstelle des Archivs, betreut von Julius Motteler, in dessen Obhut sich seit dem Tod von Friedrich Engels der Marx-Engels-Nachlass befand. Motteler, dessen „Steckbrief“ noch nicht außer Kraft gesetzt worden war, wurde damit beauftragt, die Londoner Exil-Parteiorganisation abzuwickeln. Er arbeitete in der Londoner Filiale des Archivs bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1901, organisierte dann die Rückführung des Marx-Engels-Archivs in das Parteiarchiv nach Berlin und kehrte schließlich selbst aus dem Exil zurück.

Julius Motteler ließ sich in Leipzig nieder und übernahm die Leitung von Verlag und Druckerei der "Leipziger Volkszeitung". 1903 wurde er wieder in den Deutschen Reichstag gewählt, dem er bis Januar 1907 angehörte.

Am 29. September desselben Jahres starb Motteler. Unter großer Anteilnahme - über 4000 Menschen sollen zum Trauerzug gekommen sein – wurde der „Rote Feldpostmeister“ am 2. Oktober beerdigt. Die zentrale Ansprache am Abend hielt Mottelers langjähriger Freund, der SPD-Parteivorsitzende August Bebel.