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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / Mai / 1. Mai in Deutschland

01.05.1890: 1. Mai in Deutschland

Vor 120 Jahren riefen deutsche Gewerkschaften das erste Mal zu Streiks, Demonstrationen und sogenannten „Maispaziergängen“ im Kaiserreich auf. Trotz Drohgebärden vieler Arbeitgeber beteiligten sich etwa 100.000 Arbeiter an den Aktionen zum 1. Mai 1890.

Die Geschichte des 1. Mai als Kampf- und Festtag der Arbeiterbewegung hat ihren formalen Ursprung in einem Beschluss der Delegierten des Internationalen Arbeiterkongresses anlässlich des hunderten Jahrestages des Sturms auf die Bastille im Juli 1889 in Paris. Als Ausdruck internationaler Solidarität für den Kampf um den Achtstundentag, der in einigen Ländern geführt wurde, sollten am 1. Mai des darauffolgenden Jahres weltweit Kundgebungen stattfinden. Das Datum ergab sich wiederum aus einer in Teilen von Europa und von dort aus nach Nordamerika importierten vorindustriellen Tradition, an bestimmten Tagen im Jahr arbeitsorganisatorische und arbeitsrechtliche Abmachungen und Veränderungen zu treffen. Zu diesen „Moving Days“ gehörte u.a. auch der 1. Mai, den amerikanische Gewerkschaften Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts zum Anlass nahmen, zu einem mehrtägigen Generalstreik für die Einführung des Achtstundentages aufzurufen. Nach dem Beschluss von Paris, der eigentlich nur dem 1. Mai 1890 gegolten hatte, institutionalisierte sich der 1. Mai als ein zentraler Aktions- und Feiertag der Arbeiter weltweit.

In Deutschland fasste die Sozialdemokratische Partei (SPD) im Oktober 1889 auf ihrem Parteitag in Halle den Beschluss, den 1. Mai als „Feiertag der Arbeiter“ zu begehen. Knapp 30 Jahre später, im April 1919, erklärte die Nationalversammlung den 1. Mai als gesetzlichen Feiertag, allerdings beschränkt auf den 1. Mai 1919. Versuche zu einer dauerhaften Etablierung scheiterten, nicht zuletzt an der Spaltung der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik. Trauriger Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen SPD und KPD um die Deutungshoheit (nicht nur) des 1. Mai bildete 1929 der sogenannte „Blutmai“ in Berlin, als der sozialdemokratische Polizeipräsident Karl Zörgiebel gewaltsam gegen illegale Demonstrationen der KPD vorging.

Ironischerweise war es Adolf Hitler, der den 1. Mai schließlich zum Feiertag in Deutschland erklärte, dessen Grundidee der internationalen Solidarität als „Feiertag der nationalen Arbeit“ jedoch völlig konterkarierte. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB), der auf „Neutralitätskurs“ zur Teilnahme an den nationalsozialistischen Maifeiern 1933 aufgerufen hatte, wurde nur einen Tag später bei der Zerschlagung der Gewerkschaften in die brutale Realität der Diktatur zurückgeworfen. Hitler und sein nationalsozialistisches Regime verbanden auf perfide Weise die sozialistischen Symboltraditionen des 1. Mai mit ihrer Ideologie, um auch die Arbeiter in diese zu integrieren. Abseits der minutiös geplanten Aufmärsche und Veranstaltungen der Nationalsozialisten zum 1. Mai fanden aber auch immer wieder Aktionen von Oppositionellen im Reich statt, die an die ursprüngliche Bedeutung des Maifeiertags erinnerten.

Der 1. Mai als Feiertag wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in beiden deutschen Staaten beibehalten. Wurde er in der DDR als sozialistischer Kampftag mit schnell festgefahrenen Prozeduren und Routinen zelebriert, so stand am 1. Mai in der Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren eher der Feier- und Festtagscharakter im Vordergrund. Ab 1951 etablierte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) als Organisator der zentralen Maikundgebungen die Tradition, die politischen mit kulturellen Veranstaltungen zu verbinden. Waren in Zeiten des „Wirtschaftswunders“ die Teilnehmerzahlen an den Maidemonstrationen eher rückläufig, sorgte die erste Rezession 1966/67 und dann die Wirtschaftskrise ab Mitte der 70er Jahre wieder für steigende Beteiligung. Hinzu kam, dass die Studentenbewegung Ende der 60er Jahre die Traditionen der Arbeiterbewegung für sich entdeckte. In den 70er und 80er Jahren veranstalteten Teile der neuen sozialen Bewegungen alternative Maikundgebungen zu den offiziellen des DGB. Die radikalisierte autonome Szene, vor allem in Berlin und Hamburg, sorgte in den 80er Jahren für die Etablierung von blutigen Maikrawallen, die bis heute anhalten. 1990, nach dem Fall der Mauer, konnte erstmals seit 32 Jahren der DGB-Vorsitzende Ernst Breit – und das am 100. Jahrestag des 1. Mai – in einer freien gewerkschaftlichen Rede wieder zu einem gesamtdeutschen Publikum in Berlin sprechen.

Der 1. Mai ist heute immer noch ein wichtiger Tag, um den Anliegen von Gewerkschaften und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Nachdruck zu verleihen. Dennoch ist seine Bedeutung im Laufe seiner 120-jährigen Geschichte zurückgegangen. Gerade von der jüngeren Generation wird der 1. Mai häufig nur noch mit dem „Tanz in den Mai“ und dem Aufstellen von Maibäumen aus anderen Traditionen heraus in Verbindung gebracht oder gar nicht mehr in seiner geschichtlichen Bedeutung wahrgenommen.