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15.04.1908: Richard Löwenthal geboren

Richard Löwenthal

Richard Löwenthal war einer der originellsten und produktivsten Denker auf der gesellschaftlichen Linken in der Bundesrepublik. Innerhalb des politischen Spektrums in der SPD ließ er sich aufgrund seiner intellektuellen Unabhängigkeit aber nie dauerhaft einem Flügel zuordnen.

Der in Berlin geborene Sohn eines Kaufmanns und einer Schauspielerin studierte Volkwirtschaft und Soziologie u.a. bei Alfred Weber und Karl Mannheim und promovierte 1931 über „Die Marxsche Theorie des Krisenzyklus“. Seine politisches Engagement begann er 1926 im Kommunistischen Studenten-Verband, bis er dort 1929 wegen seiner Kritik an der stalinistischen, gegen die SPD gerichteten Doktrin vom „Sozialfaschismus“ ausgeschlossen wurde. Über die Arbeit in der „KPD-Opposition“ kam er ab 1933 zur Gruppe „Neu Beginnen“, die als verdeckt arbeitende Kaderorganisation die untereinander zerstrittenen Parteien der deutschen Arbeiterbewegung zusammenführen und mit neuem revolutionär-sozialistischem Kampfgeist erfüllen wollte. Seinen Lebensunterhalt verdiente Löwenthal als Redakteur.

Vor dem nationalsozialistischen Regime musste er 1935 nach Prag und später nach London ausweichen. Aus dem Untergrund und dem Exil veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Paul Sering“ zahlreiche Artikel und Schriften, die ihn zu einem maßgebenden Theoretiker von „Neu Beginnen“ werden ließen. Im Exil arbeitete Löwenthal neben der Tätigkeit als freier Journalist auch zusammen mit u.a. Waldemar von Knoeringen und Fritz Eberhard 1940-1942 am „Sender der Europäischen Revolution“ mit, der sich an die Arbeiter im deutschen Sprachraum richtete. Unter dem Eindruck des gemeinsamen Emigrantenschicksals sowie des Hitler-Stalin-Paktes einerseits und der britischen parlamentarischen Demokratie andererseits kam es zu einer Wiederannäherung der von der SPD abgespaltenen Gruppen an die SPD, mit der sich auch „Neu Beginnen“ im März 1941 in der „Union deutscher sozialistischer Organisationen in England“ zusammenschloss. Die Programmatik auch von „Neu Beginnen“ entwickelte sich hin zu einem freiheitlich-demokratischen Sozialismus. Im Dezember 1945 lösten sich die Exilgruppen auf und bildeten die „Vereinigung deutscher Sozialdemokraten in Großbritannien“. Löwenthal wurde schließlich SPD-Mitglied. 1947 veröffentlichte er, wieder als Paul Sering, sein wohl wichtigstes Werk „Jenseits des Kapitalismus – Ein Beitrag zur sozialistischen Neuorientierung“.

Nach Kriegsende führte die journalistische Arbeit Löwenthal immer wieder nach Deutschland zurück, so auch 1954-59 als Korrespondent für den „Observer“. Nachdem er zeitweise wissenschaftliche Tätigkeit u.a. in Oxford ausgeübt hatte, wurde Löwenthal 1959 Gastdozent und ab 1961 Ordinarius für Politikwissenschaft und für Geschichte und Theorie der auswärtigen Politik am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. An der Tagespolitik nahm er teil als Berater des SPD-Parteivorstands und durch öffentliche Stellungnahmen wie z.B. im November 1962 gegen das Vorgehen der Bundesregierung in der „Spiegel“-Affäre. Der Friedrich-Ebert-Stiftung war er verbunden durch den Vorsitz im 1964 gegründeten Forschungsbeirat Ostblock und Entwicklungsländer. Im Juli 1967 wandte sich Löwenthal gegen Pläne des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, Formen der plebiszitären Demokratie in Gesellschaft und Hochschule einzuführen. Als er unter dem Eindruck der Studentenunruhen der „68er“ befürchtete, die deutschen Universitäten könnten erneut zu Zentren der Gegner der Demokratie werden, beteiligte sich Löwenthal 1970 an der Gründung des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“. Dies trug ihm auch innerhalb der SPD Kritik ein. Als der Verband immer mehr auf die Bildungspolitik der CDU einschwenkte, trat er 1978 wieder aus.

Nach seiner Emeritierung 1975 wirkte Löwenthal als freier Publizist und war ein begehrter Redner bei Vorträgen und Podiumsdiskussionen. Ab 1974 arbeitete er - einige Jahre auch als stellvertretender Vorsitzender - in der Grundwertekommission der SPD mit, die Grundwerte des Godesberger Programms – Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – im Hinblick auf neu auftretende Probleme präzisieren und konkretisieren sollte. 1981 wandte Löwenthal sich in sechs Thesen gegen den Ansatz des mit ihm seit der Exilzeit persönlich bekannten Willy Brandt, der darauf abzielte, Teile der Bürgerinitiativen und Protestbewegungen, Umweltschützer und Friedensaktivisten für die SPD zu gewinnen. Löwenthal demgegenüber warnte davor, Gruppen, die von den Rechtsnormen der parlamentarischen Demokratie nichts wissen wollten und die arbeitsteilige Industriegesellschaft ablehnten, durch eigene Anpassung integrieren zu wollen. In der Partei konnte sich Löwenthal mit seiner Position nicht durchsetzen. Noch 1988 griff er in die Diskussion um die Thesen Oskar Lafontaines zur Arbeitszeitverkürzung ein und rief zu einem neuen Schulterschluss von SPD und Gewerkschaften auf.

Richard Löwenthal starb am 9. August 1991 in Berlin. Er gehörte zu denjenigen, die aufgrund ihrer Lebenserfahrungen in Widerstand und Exil halfen, demokratische Werte in sozialer Verantwortung in der Bundesrepublik zu verankern.