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28.1.1903 - Lotte Lemke geboren

Lotte Lemke, 1903-1988

Lotte Lemke, Tochter einer sozialdemokratischen Handwerkerfamilie aus Königsberg in Ostpreußen, arbeitete nach dem Besuch einer Handelsschule zuerst in einem Ingenieurbüro und ab 1922 bei der Hauptwohlfahrtsstelle für Ostpreußen. Hier kam sie mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Kontakt. Ein Stipendium der AWO ermöglichte eine Zusatzausbildung an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin, die mit der staatlichen Anerkennung als Fürsorgerin abschloss. In diesem Beruf arbeitete Lemke drei Jahre im Landkreis Calau in Brandenburg, bis Marie Juchacz, die Hauptinitiatorin der AWO, sie 1929 als stellvertretende Geschäftsführerin für den Hauptausschuss der Arbeiterwohlfahrt nach Berlin holte.

Der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt war im Dezember 1919, in der Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg, ursprünglich als Untergliederung der SPD gegründet worden. Die AWO stand in der Tradition der Selbsthilfeeinrichtungen der Arbeiterbewegung gegen wirtschaftliche und soziale Not. Sie fußte auf der Erkenntnis der gesellschaftlichen und rechtlichen Ausgrenzung, die Empfänger öffentlicher Armenhilfe im Kaiserreich getroffen hatte, und den Erfahrungen von Sozialdemokratinnen in der Kriegswohlfahrtspflege. Der Hauptausschuss sollte auch Einfluss auf die Reform der staatlichen Wohlfahrtspflege nehmen und verstand sich in dieser Hinsicht als Gewissen der öffentlichen Verwaltung. Die AWO insgesamt wuchs in den 1920er Jahren zu einer beachtlichen Organisation mit ca. 135.000 ehrenamtlichen Helfern und ca. 2.500 Ortsausschüssen.

1930 berief der Parteiausschuss der SPD Lotte Lemke aufgrund ihres bisher gezeigten Organisationstalents zur Geschäftsführerin der AWO, die von ihr nun entscheidend geprägt wurde. 1933 lehnte es die AWO ab, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) beizutreten. Die AWO wurde aufgelöst, ihr gesamtes Vermögen beschlagnahmt, aber ihre Aktiven verweigerten fast ausnahmslos den neuen Herren die Mitarbeit. Zur Unterstützung verfolgter Sozialdemokraten und deren Familien rief Lemke als Tarnorganisation das "Deutsch-Ausländische Jugendhilfswerk" mit Elsa Brandström als Vorsitzender ins Leben, das bis 1936 arbeiten konnte. Finanziell hielt sich Lemke, weil ihr der Beruf als Fürsorgerin verboten war, als selbständige Zeitungsvertreterin in Frankfurt am Main über Wasser. Für sozialdemokratische Widerstandsgruppen unternahm sie Kurierfahrten, u.a. nach Prag zum Exilparteivorstand der SPD. Ab 1942 arbeitete Lemke beim Kreisgesundheitsamt in Heilsberg/Ostpreußen.

Vom Parteivorstand der SPD der Westzonen in Hannover wurde Lotte Lemke 1946 erneut zur Geschäftsführerin der AWO berufen und widmete sich mit ganzer Kraft dem Wiederaufbau. Mehr als in der Zeit vor 1933 fungierte die AWO jetzt selbst als Trägerin von fürsorgerischen Aktionen und sozialen Einrichtungen. 1953 zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt, war Lemke 1965 bis 1971 Vorsitzende. Unter ihrer Ägide, die ihrem Prinzip "humanitäres Handeln aus politischer Verantwortung" folgte, entwickelte sich die AWO zu einem von der SPD organisatorisch getrennten, leistungsfähigen und anerkannten Verband der Freien Wohlfahrtspflege, dem Lemke nach 1971 als Ehrenvorsitzende verbunden blieb. Geehrt u.a. mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern starb Lotte Lemke am 19. April 1988 in Bonn.