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17.08.1907-26.08.1907: Internationale sozialistische Konferenzen in Stuttgart

Eröffnungssitzung des Internationalen Kongresses in Stuttgart; August Bebel sprichtIm August 1907 wurde Stuttgart für zehn Tage die Hauptstadt der internationalen sozialistischen Bewegung, die dort drei auf einander folgende Tagungen abhielt: Die erste internationale sozialistische Frauenkonferenz, den internationalen Sozialisten-Kongress und die erste internationale Konferenz der sozialistischen Jugendorganisationen.

Die prominenteste Veranstaltung war der siebentägige Internationale Sozialisten-Kongress mit 884 Delegierten aus 25 Ländern, der am 18. August vormittags in der „Liederhalle“ offiziell eröffnet wurde. Er war zugleich der erste internationale Sozialistenkongress auf deutschem Boden. Stuttgart, die Hauptstadt des vergleichsweise liberalen Württemberg, hatte von der SPD den Vorzug vor dem preußischen Berlin erhalten, weil man, wie August Bebel sagte, nicht „unter den Augen des [Reichskanzlers] Fürsten Bülow und der Berliner Polizei“ tagen wollte. Aber auch in Stuttgart hatte die SPD mit der Möglichkeit gerechnet, dass die Behörden den Kongress verhinderten.

Im Mittelpunkt des Kongresses stand in der Hochzeit des klassischen Imperialismus, als sich die diplomatischen Krisen häuften, hinter denen ein Krieg zwischen den europäischen Großmächten aufschien, das Thema „Militarismus und die internationalen Konflikte“. Um die Mittel, die zur Verhinderung eines Krieges eingesetzt werden sollten, kam es zu heftigen rhetorischen Auseinandersetzungen. Während der Franzose Jean Jaurès den Massenstreik und selbst den Aufstand als legitime Mittel der Arbeiterschaft gegen den Krieg anerkennen wollte, erklärte August Bebel, dass die Propagierung dieser Mittel die deutsche Sozialdemokratie in größte Gefahren stürzen würde. Er wusste, dass es genug Politiker, Beamte und Militärs im deutschen Kaiserreich gab, die dankbar gewesen wären, mit einer solchen Handhabe aufgrund der damaligen Gesetzeslage gegen die Sozialdemokratie strafrechtlich vorgehen zu können. Unter Kriegsrecht hielten darüber hinaus Bebel und der zweite deutsche Redner, Georg von Vollmar, einen Generalstreik für völlig undurchführbar. Die einstimmig angenommene Abschlussresolution wurde schließlich so formuliert, dass die sozialistischen Organisationen verpflichtet wurden, „durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch eines Krieges zu verhindern“. Damit blieb den einzelnen Parteien und Gewerkschaften überlassen, welche Instrumente sie einsetzen wollten. Als es 1914 mit dem Kriegsausbruch soweit war, überwogen in allen Ländern auch bei den Sozialisten die nationalen Gefühle, und zentral gesteuerte Aktionen gegen den Krieg blieben aus

Vordere Ansicht des KongreßlokalsAus heutiger Sicht aktueller erscheint der vierte Tagesordnungspunkt des Kongresses, „die Ein- und Auswanderung der Arbeiter“. In der verabschiedeten Resolution hieß es: „Der Kongress erkennt die Schwierigkeiten, welche in vielen Fällen dem Proletariat eines auf hoher Entwicklungsstufe des Kapitalismus stehenden Landes aus der massenhaften Einwanderung unorganisierter und an niederer Lebenshaltung gewöhnter Arbeiter aus Ländern mit vorwiegend agrarischer und landwirtschaftlicher Kultur erwachsen[...] Er sieht jedoch in der übrigens auch vom Standpunkt der proletarischen Solidarität verwerflichen Ausschließung bestimmter Nationen oder Rassen von der Einwanderung kein geeignetes Mittel, sie zu bekämpfen.“ Zu den für die Einwanderungsländern empfohlenen Maßnahmen zählte die „Einführung eines Minimallohnsatzes“. Die Arbeitsmigration und ihre Folgen beschäftigten also auch schon vor einhundert Jahren die Gemüter.

Dem allgemeinen Sozialistenkongress voraus ging vom 17. bis 19. August die erste internationale sozialistische Frauenkonferenz. Daran nahmen 59 Delegierte aus 15 Ländern teil. Beschlossen wurde eine Zentralstelle für den Austausch internationaler Informationen, die in Stuttgart errichtet werden sollte. Auch bei dieser Veranstaltung hatten die Beteiligten auf die Gesetze zu achten, denn in Deutschland wurde auf Reichsebene den Frauen, ebenso wie den Jugendlichen, e rst durch das Reichsvereinsgesetz von 1908 gestattet, sich politisch zu betätigen und zu organisieren. Die Forderung nach dem Wahlrecht für Frauen, die von der SPD programmatisch unterstützt wurde, trug die damalige Führerin der deutschen sozialistischen Frauenbewegung, Clara Zetkin, auch auf dem allgemeinen Sozialistenkongress vor.

Die letzte Veranstaltung war ab 24. August die erste internationale Konferenz der sozialistischen Jugendorganisationen, an der sich 20 Delegierte aus 13 Ländern beteiligten. Die Konferenz beschloss, keine internationale Zentralorganisation zu schaffen. Die Verbindung der Arbeiterjugend über die Grenzen hinweg sollte allerdings ein aus fünf Personen bestehendes Büro mit Sitz in Wien koordinieren, und die Beschlüsse der internationalen Kongresse sollten verbindlich sein. Zum Vorsitzenden des internationalen Büros wurde Karl Liebknecht gewählt. Im Jahre 1907 bereits 36 Jahre alt, war er schon lange kein echter Jugendlicher mehr, sondern man wird in ihm einen von der Partei zur Organisierung der Jugendlichen abgeordneten Funktionär sehen müssen.

Die Abhaltung der internationalen Kongresse in Deutschland waren für das Selbstbewusstsein der SPD gerade im Jahre 1907 wichtig, hatte sie doch in den Reichtagswahlen vom Januar des Jahres, in einer durch die gegnerischen Parteien nationalistisch aufgeheizten Atmosphäre, zwar 250.000 Stimmen hinzugewonnen, aber fast die Hälfte ihrer Reichstagsmandate verloren. Da tat es dann gut, wenn am öffentlichen Höhepunkt der Tage in Stuttgart am Nachmittag des 18. August an einem „internationalen Massenmeeting“ auf dem Cannstatter Wasen 60.000 Menschen teilnahmen und Redner aus 12 Ländern der deutschen Sozialdemokratie ihre Solidarität erklärten und ihre Leistungen anerkannten.