Das Layout dieser Seite wird mit CSS umgesetzt. Wenn Sie diesen Hinweis sehen, kann Ihr Browser CSS nicht darstellen.
Die Seite bleibt trotzdem voll funktionsfähig.
Hier finden Sie einen standard-konformen Browser: www.mozilla.org.
FES / AdsD / Das Historische Stichwort / September / Gründung der IUSY

30.09.1946-06.10.1946: Die Gründung der Internationalen Union der Sozialistischen Jugend (IUSY) in Paris
"Die Jugend ist das Feuer der Revolution"

Der Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich im Mai/Juni 1940 bedeutete das Ende auch der seit 1907 bestehenden Sozialistischen Jugendinternationale (SJI): Der letzte Generalsekretär und Mitglied des SPD-Exilvorstandes (Sopade) Erich Ollenhauer löste das Büro in Paris auf und floh nach London. Angesichts der vermehrten kommunistischen Aktivitäten auf dem Gebiet der internationalen Jugendarbeit nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 unternahm Ollenhauer mehrere Versuche, eine Renaissance der Sozialistischen Jugendbewegung auf internationaler Ebene anzustoßen. Diese Initiativen kamen jedoch zunächst über allgemeine Erklärungen nicht hinaus und verliefen aufgrund der allgemeinen Kriegslage in Europa und nicht zuletzt wegen der deutschen Herkunft Ollenhauers allesamt im Sande.

Nach der BefreiuAufenthalt einer Delegation der Sozialistischen Jugend-Internationale in Spanien 1937, u.a. Erich Ollenhauer (rechts)ng Frankreichs war es die französische Sozialistische Jugend, die ohne Absprache mit Ollenhauer oder den traditionell bedeutenden skandinavischen Verbänden auf einer nationalen Konferenz Ende März 1945 – also noch vor Kriegsende – in Bordeaux den Impuls zur Wiedergründung einer Sozialistischen Jugendinternationale gab. Eine Vorbereitungskonferenz, an der sich Vertreter aus Frankreich, Belgien, Deutschland, Spanien, Palästina und des jüdischen „Bundes“ beteiligten, fand gut drei Monate später in Paris statt. Von all diesen Aktivitäten hatte Ollenhauer, der mit Bedacht umgangen worden war, eher zufällig erfahren und mühte sich in Gestalt eines Briefes an die Pariser Zusammenkunft auf den fahrenden Zug aufzuspringen oder zumindest dessen Lauf zu beeinflussen. Dank der Vermittlung deutscher Tagungsteilnehmer kam ein Kompromiss zustande, der die Tür für Ollenhauer und die skandinavischen Jugendvertreter offenhielt.

Mittlerweile waren die kommunistischen Jugendverbände nicht untätig gewesen und hatten auf der Basis der letztlich seit dem VII. Weltkongress der Komintern 1935 gültigen „antifaschistisch-demokratischen“ Einheitsfronttaktik die Gründung des Weltbundes Demokratischer Jugend (WBDJ) im Herbst 1945 in London bewerkstelligt. Nominell waren somit zwar liberale, christliche und marxistische Strömungen gleichberechtigt in einem Dachverband vereinigt, de facto jedoch wurde der WBDJ von kommunistischen Jugendvertretern dominiert.

Damit hatten sich Ollenhauers Befürchtungen aus der Kriegszeit bewahrheitet. Nicht nur durch die Friktionen des Frühjahrs 1945, sondern auch durch die Zögerlichkeiten der britischen Labour Party war wertvolle Zeit verstrichen, um dem kommunistischen Führungsanspruch Entscheidendes entgegen zu setzten. Weitere Alleingänge der Franzosen und daraus resultierende Konflikte führten dazu, dass es noch bis September 1946 dauerte bis ein internationaler sozialistischer Jugenddachverband, die Internationale Union der Sozialistischen Jugend (IUSY), konstituiert werden konnte. Dies geschah auf einem Kongress, der für den 30. September bis 6. Oktober 1946 nach Paris einberufen worden war.

Jubiläumsartikel zum Gründungskongress aus IUSY SurveyAuf dem Treffen waren neben den Vertretern aus u.a. Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland, Deutschland, Österreich und den Benelux-Staaten nun auch britische, skandinavische und US-amerikanische Delegierte anwesend. Hinzu kamen Abordnungen aus Osteuropa, u.a. aus Polen und der Tschechoslowakei, sowie aus Palästina und des „Bundes“. Der Kongress begann mit einem symbolträchtigen Paukenschlag. Um den Unmut der Nordeuropäer über die vorangegangenen Eigenmächtigkeiten deutlich zu machen und der drohenden Dominierung der Zusammenkunft durch die Franzosen einen Riegel vorzuschieben, unterbrach der Vorsitzende der dänischen Delegation Per Haekkerup das Eröffnungsreferat von Guy Mollet, immerhin Generalsekretär der Sozialistischen Partei Frankreichs, nach wenigen Sätzen und forderte mit der Begründung, Mollet sei kein Vertreter der Jugendbewegung, die Wahl eines neuen Konferenzvorsitzenden aus den Reihen der Delegierten. Hinter dieser wohlkalkulierten Brüskierung der französischen Gastgeber verbargen sich freilich ganz handfeste ideologisch-politische Differenzen, die einen Gutteil der Verhandlungen prägen sollten. Die west- und südeuropäischen Jugendverbände waren teilweise sehr stark orthodox marxistisch orientiert und zielten darauf ab, den neu zu gründenden Dachverband auf dieser Grundlage zu formen und dies auch durch eine zentralistische Verbandstruktur zu zementieren. Eine Weichenstellung in diese Richtung konnte den reformorientierten Skandinaviern und Briten hingegen keinesfalls gefallen. Ihnen ging es vielmehr darum, die IUSY ideologisch pluralistisch zu gestalten und durch eine föderalistische Organisation den nationalen Verbänden möglichst viel eigenen Handlungsspielraum zu eröffnen. Mit beiden Anliegen setzten sie sich schließlich bei den Schlussabstimmungen mit denkbar knapper Mehrheit durch, was wiederum bei den Marxisten erheblichen Unmut hervorrief.

Strittig war ebenfalls die Frage, welches Verhältnis zum WBDJ angestrebt werden sollte. Die west- und südeuropäische Linke wandte sich grundsätzlich gegen jedwede Kontakte, ganz gleich auf welcher Ebene. Dahinter stand einerseits die nicht ganz unbegründete Angst davor, von den Kommunisten vereinnahmt und instrumentalisiert zu werden. Andererseits lehnten sie aber auch die bündnispolitisch motivierte taktische Orientierung der Kommunisten auf die „antifaschistisch-demokratische Umwälzung“ ab, die vermeintlich eine sozialistische Entwicklung auf die lange Bank schob. Aus naheliegenden Gründen wurde diese Position von den osteuropäischen Teilnehmern keineswegs geteilt. Schließlich befanden sich ihre Länder in der sowjetischen Einflusssphäre und die jeweiligen Verbände waren damit fast zwangsläufig Mitglieder des WBDJ. Sie waren überdies in der trügerischen Hoffnung befangen, die Entwicklung in ihre Richtung steuern zu können, wie aus dem Beitrag eines polnischen Delegierten hervorgeht.
Angenommen wurde schlussendlich ein dänischer Kompromissvorschlag, der grundsätzlich die Mitgliedschaft einzelner nationaler Verbände in der WBDJ ermöglichte und gleichzeitig Kontakte auf Dachverbandsebene der politischen Opportunität anheim stellte.

Titelblatt einer IUYS-Broschüre zum Internationalen Jugendlager in Ebensee, Österreich, 1948Wurde bei vorbereitenden Treffen die Mitgliedschaft der Deutschen nicht ernsthaft in Frage gestellt, wollte der Pariser Kongress auf Initiative der Polen der deutschen Delegation nurmehr einen Beobachterstatus zubilligen. Ausschlaggebend dafür war die Drohung der Polen, die IUSY andernfalls zu verlassen. In der Güterabwägung schien es wichtiger, die Polen in der IUSY zu halten. Auf diese Brüskierung reagierten die deutschen Teilnehmer mit einem demonstrativen Auszug aus der Versammlung. Die Enttäuschung wurde freilich ein wenig gemildert durch mannigfaltige Solidaritätsbekundungen. Bis zur vollwertigen Aufnahme der drei sozialistischen deutschen Jugendorganisationen, der Jungsozialisten (Jusos), der Sozialistischen Jugendbewegung Deutschlands – Die Falken, sowie des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) sollten noch knapp zwei Jahre vergehen.

Die weitere Entwicklung der IUSY wurde bald vom heraufziehenden Kalten Krieg geprägt, der viele Meinungsverschiedenheiten des Gründungskongresses verblassen ließ. Mit der Zeit schälte sich bei der IUSY die Position eines Dritten Weges zwischen Kapitalismus und Kommunismus heraus. Vor dem Hintergrund der harschen Blockkonfrontation der 1950er und 60er Jahre war es freilich nicht immer ganz einfach, sich damit nicht zwischen alle Stühle zu setzen oder bei manch allzu schrillen antikommunistischen Tönen Beifall und Unterstützung von der gänzlich falschen Seite zu bekommen.

Internationales Jugendlager Stockholm, 12.7.1950 - 19.7.1950

Jenseits dessen wurde ab Ende der 1940er Jahre die Unterstützung der verschiedenen antikolonialistischen Bewegungen in Afrika und Asien zum alles andere überragenden Thema der IUSY. Damit einher ging eine sukzessives Ausgreifen weit über den europäischen Tellerrand hinaus, was die Organisation tiefgreifend verändern sollte – das jedoch lediglich als Ausblick.

 

 

Weitere Informationen zur IUSY finden Sie u.a. hier:
Heinrich Eppe: Die Kraft der Solidarität. 80 Jahre Sozialistische Jugendinternationale, Wien 1987
Radomir Luza: History of the International Socialist Youth Movement, (= European Aspects, Series C: Politics No. 20), Leyden 1970