Das Layout dieser Seite wird mit CSS umgesetzt. Wenn Sie diesen Hinweis sehen, kann Ihr Browser CSS nicht darstellen.
Die Seite bleibt trotzdem voll funktionsfähig.
Hier finden Sie einen standard-konformen Browser: www.mozilla.org.
FES / AdsD / Das Historische Stichwort / Juli / Gustav Heinemann gestorben

07.07.1976: Gustav Heinemann gestorben

Gustav Heinemann, 1970
	© Jupp Darchinger im AdsD

„Die Grundlage der Demokratie ist die Volkssouveränität und nicht die Herrschaftsgewalt eines obrigkeitlichen Staates. Nicht der Bürger steht im Gehorsamsverhältnis zur Regierung, sondern die Regierung ist dem Bürger im Rahmen der Gesetze verantwortlich für ihr Handeln. Der Bürger hat das Recht und die Pflicht, die Regierung zur Ordnung zu rufen, wenn er glaubt, dass sie demokratische Rechte missachtet.“ Dieser Ausspruch Gustav Heinemanns hat gerade heute nichts von seiner Aktualität verloren. Umso wichtiger scheint es daher, sich den ersten sozialdemokratischen Bundespräsidenten zu seinem 35. Todestag am 07. Juli 1976 in Erinnerung zu rufen.

Gustav Walter Heinemann, geboren am 23. Juli 1899 in Schwelm, wuchs in einem traditionsreichen liberal-demokratischen Elternhaus in Essen auf. Schon sein Urgroßvater beteiligte sich an der Revolution von 1848 – und die damit verbundenen Ideale wurden seitdem in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben.

Ein Jahr vor dem Ende des Ersten Weltkrieges absolvierte Heinemann das Notabitur und wurde kurz danach zum Kriegsdienst eingezogen. Der Fronteinsatz blieb ihm allerdings aufgrund einer Herzklappenentzündung erspart. Nach dem Krieg studierte er u.a. in Marburg Rechts- und Staatswissenschaften. In dieser Zeit knüpfte er Kontakte zur linksliberalen Studentengruppe der „Deutschen Demokratischen Partei“ (DDP). Auf das Studium folgten dann zwei Promotionen. Als Anwalt in Essen heiratete er 1926 Hilda Ordemann, mit der er vier Kinder bekam: Uta, Christa, Barbara und Peter. Es gehört zu den Kuriositäten der Geschichte, dass Christas Tochter Christina 1982 Johannes Rau heiratete, den zweiten sozialdemokratischen Präsidenten der Bundesrepublik.

Über seine Frau näherte sich Heinemann schließlich dem Protestantismus an, mit dem er auch seine moralisch konsequente Haltung gegenüber dem aufkommenden Nationalsozialismus begründete. Praktisch zeigte sich seine Ablehnung des NS-Regimes durch sein umfangreiches Engagement in der Bekennenden Kirche, seiner Kritik an den Deutschen Christen und seinem Kampf gegen die staatlichen Übergriffe gegenüber den Glaubensgemeinschaften. Durch sein christliches und politisches Engagement wurde er zudem Vorsitzender im „Christlichen Verein Junger Männer“ (CVJM) in Essen und Parteimitglied im „Christlich-Sozialen Volksdienst“ (CSVD).

Stets kritisierte Heinemann die gängige Untertanenmentalität in Deutschland. Und schon 1919 sprach er mahnend die Worte: „Wir müssen die Demokratie und die Republik aufnehmen in unser Fühlen und Denken; wir müssen Demokraten und Republikaner sein, oder wir werden nicht mehr sein!“ Während der NS-Zeit half Heinemann verfolgten Juden und Christen, ließ in seinem Keller illegale Flugschriften für die Bekennende Kirche drucken und drängte diese stärker in Opposition zum Nationalsozialismus zu gehen. Da dies seiner Ansicht nach nicht in ausreichendem Maße geschah, legte er 1939 aus Protest seine Ämter in der Bekennenden Kirche nieder.

Nach dem Krieg, im Oktober 1945, gehörte Heinemann zu den Unterzeichnern der Stuttgarter Schuldenerklärung des Rates der „Evangelischen Kirche in Deutschland“ (EKD), in der die Versäumnisse während der NS-Herrschaft festgehalten wurden. Heinemann wurde sodann zum ersten Präses der Synode der EKD gewählt. Seine christlich motivierte Einstellung veranlasste ihn auch zur Mitgründung der CDU in Essen, in der er rasch Karriere machte. Von 1946 bis 1949 war er Oberbürgermeister in Essen, 1947 bis 1948 Justizminister in NRW, bis er schließlich 1949 von Konrad Adenauer zum Innenminister berufen wurde, vornehmlich um das katholische Übergewicht in der Partei auszugleichen.

Doch schon nach einem Jahr nahm Heinemann seinen Rücktritt: Der Grund waren Adenauers Pläne zur deutschen Wiederbewaffnung. Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges war ein militärisch gerüstetes Deutschland für Heinemann undenkbar. Zudem stand dies den Zielen der deutschen Wiedervereinigung diametral entgegen. Heinemann wollte verhindern, dass gegebenenfalls Deutsche auf Deutsche schießen müssten.
                                                                                                        
Aufgrund seiner ablehnenden Haltung gegenüber Adenauers Westintegration trat er 1952 aus der CDU aus und wurde Mitgründer der „Gesamtdeutschen Volkspartei“ (GVP). Diese holte allerdings bei den darauffolgenden Bundestagswahlen gerade einmal 1,2 %. Einen weiteren Schicksalsschlag erlitt er 1955, als er als Präses der Synode der EKD abgewählt wurde.

1957 löste sich die erfolglose GVP auf und ein großer Teil ihrer Mitglieder, darunter Heinemann, aber auch Johannes Rau und Diether Posser, wechselten zur SPD über. Die vielen Parteiwechsel Heinemanns waren dabei nicht das Zeichen eines unsteten Charakters. Im Gegenteil: Vielmehr blieb er immer seinen Überzeugungen treu, die hinter den Parteiinteressen zurücktreten mussten. In der SPD machte dann Heinemann ebenso schnell Karriere wie in der CDU. Als Bundestagsabgeordneter wurde er erst in den Fraktions- und wenig später auch in den Parteivorstand gewählt. Vom Parlament aus attackierte er scharf die Regierung Adenauer, vor allem die Pläne um eine Atombewaffnung der Bundesrepublik. Dieser moralische Rigorismus wurde durchaus kritisiert, doch erntete Heinemann auch viel Respekt über die Parteigrenzen hinaus. Daher war die Atmosphäre keineswegs vergiftetet, als er schließlich 1966 in der Großen Koalition zum Justizminister berufen wurde.

Gustav Heinemann, 1970
	© Jupp Darchinger im AdsDZu seinen bedeutendsten Reformen zählen die Änderung der Paragraphen 172 und 175 im Strafgesetzbuch, die vormals Ehebruch und Homosexualität unter Strafe stellten, sowie die rechtliche Gleichstellung von unehelichen und ehelichen Kindern. Darüber hinaus hat er sich erfolgreich der Initiative entgegengestellt, NS-Verbrechen verjähren zu lassen. Im Zuge der Entscheidung über die Notstandsgesetzgebung sowie dem Attentat auf Rudi Dutschke, forderte er, entgegen der allgemeinen Hysterie, Staatsgewalt und APO zur Besonnenheit auf. In diesem Zusammenhang fielen auch seine Worte: „Wer mit dem Zeigefinger allgemeiner Vorwürfe auf den oder die vermeintlichen Anstifter oder Drahtzieher zeigt, sollte bedenken, dass in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen.“ Damit verdiente er sich auf beiden Seiten viel Respekt. Der Philosoph Jürgen Habermas sprach sogar von Heinemann als „dem einzigen Garanten der Demokratie in der Regierung.“

Am 5. März 1969 wurde dann Heinemann mit den Stimmen der FDP zum dritten Bundespräsidenten der Bundesrepublik gewählt. Er setzte sich gegen seinen Konkurrenten Gerhard Schröder (CDU) mit 512 zu 506 Stimmen durch. Die Unterstützung der FDP deutete schon die ein halbes Jahr später eingegangene sozial-liberale Koalition voraus. Heinemann war für das Amt des Bundespräsidenten wie geschaffen. Er war populär, auch bei der jungen Generation, und konnte sich in dieser Funktion, anstatt Parteipolitik zu betreiben, allein den Sachthemen zuwenden, wie der Förderung von Zivilcourage, Mitbestimmung und Bürgermündigkeit. Die Kritik an der immer noch verbreiteten Obrigkeitsmentalität formulierte er passend: „Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau.“ Heinemann war daher ein „unbequemer Präsident“ und ein „Bürgerpräsident“, der auch mit mancher veralteten Konvention brach. So lud er etwa zum Neujahrsempfang neben den üblichen Diplomaten und Würdenträgern auch einfache Bürger wie Müllmänner oder Krankenschwestern ein. Diese Menschen, die täglich schwerste Arbeit verrichteten um anderen Mitmenschen zu helfen, lagen ihm besonders am Herzen.

Nach fünf Jahren verließ er allerdings wieder die Villa Hammerschmidt. Aufgrund seines angeschlagenen Gesundheitszustandes, konnte er sich keine zweite Amtszeit zumuten. Am 7. Juli 1976 stirbt Heinemann in Essen aufgrund einer Durchblutungsstörung des Gehirns und der Nieren. Zum fünften Todestag Heinemanns resümiert Willy Brandt: „Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden – darin bestand für ihn der Sinn politischen Wirkens. Bemühen wir uns also, uns dem Vermächtnis würdig zu erweisen.“

Weitere Informationen zu Gustav Heinemann finden Sie unter "Bestände" auf unserer Homepage