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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / März / Sozialdemokraten in Berlin-Plötzensee ermordet

01./05.03.1945: Sozialdemokraten in Berlin-Plötzensee ermordet: Oswald Wiersich, Fritz Voigt, Ernst von Harnack

Im März 1945, als die sowjetischen Armeen schon die Oder erreicht hatten und sich auf die Einnahme von Berlin vorbereiteten, arbeitete die nationalsozialistische Mordmaschinerie unbeirrt weiter: Am 1. und 5. März 1945 wurden drei sozialdemokratische Widerstandskämpfer in Berlin-Plötzensee hingerichtet: Fritz Voigt, Oswald Wiersich und Ernst von Harnack.

Friedrich (Fritz) Voigt wurde am 18. November 1882 in Trebra, Kreis Nordhausen, geboren. Er arbeitete als Hilfs- und Bauarbeiter, bevor er ab 1908 Geschäftsführer des Bauhilfsarbeiterverbandes, zunächst in Kiel, dann in Breslau wurde. Nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg wurde er in der Revolution von 1918 zum Vorsitzenden des Zentral-Soldatenrats in Schlesien gewählt. Als SPD-Abgeordneter gehörte Voigt 1919/20 der Verfassunggebenden Nationalversammlung an. Von Januar 1919 bis April 1920 amtierte er als Reichs- und Staatskommissar für Schlesien, von 1919 – 1920 als Polizeipräsident in Breslau. In den folgenden Jahren beteiligte sich Voigt am Aufbau gemeinnütziger Bau-Organisationen und war Geschäftsführer des Verbands sozialer Baubetriebe in Breslau.

Im März 1933 wurde Fritz Voigt verhaftet, zunächst in das Konzentrationslager Breslau-Dürrgoy verschleppt und dann in den in den Konzentrationslagern Esterwegen und Lichtenburg gefangengehalten. Nach seiner Freilassung 1934 nahm er Kontakt zu seinen früheren politischen Freunden und zu Regimegegnern auf. Während der Kriegsjahre beteiligte er sich an Treffen mit dem christlichen Gewerkschafter Jakob Kaiser und dem ehemaligen hessischen Innenminister Wilhelm Leuschner, der zentralen Persönlichkeit des gewerkschaftlichen Wiederstandes. Außerdem arbeitete er eng mit einigen der Verschwörer des 20. Juli 1944 zusammen, so mit Fritz-Dietloff Graf von der Schulenburg und dem früheren Breslauer Zentrumspolitiker Franz Leuninger. In den Plänen für die Zeit nach dem Umsturz war Voigt als politischer Beauftragter für Niederschlesien vorgesehen.

Unmittelbar nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Fritz Voigt verhaftet, am 26. Februar 1945 zum Tod verurteilt und am 1. März 1945 in Berlin-Plötzensee ermordet.

Oswald Wiersich, geboren am 1 September 1882 in Breslau, war von Beruf Maschinenbauer. Schon früh schloss er sich der Gewerkschaftsbewegung an. 1912 wurde er Bevollmächtigter des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Breslau, 1923 Bezirkssekretär des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) von Schlesien. Als Sozialdemokrat wurde er in den zwanziger Jahren in die Stadtverordnetenversammlung von Breslau gewählt, gehörte dem Provinziallandtag für Niederschlesien und dem Preußischen Staatsrats an.

Im März 1933 wurde Wiersich in „Schutzhaft“ genommen und schwer misshandelt. Nach seiner Freilassung schlug er sich als Buchhalter durch und nahm wieder Kontakt zu seinen Freunden aus der schlesischen Gewerkschaftsbewegung auf. Zu Wilhelm Leuschner bestand ebenfalls Verbindung; dadurch kam es auch zu Kontakten Wiersichs mit dem ehemaligen Generalstabschef des Heeres, Ludwig Beck, und anderen Personen aus dem Verschwörerkreis des 20. Juli 1944.

Oswald Wiersich wurde am 22. August 1944 verhaftet, am 28. Februar 1945 vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und wie sein Freund Fritz Voigt am 1. März 1945 in Berlin-Plötzensee ermordet.

Aus einem anderen gesellschaftlichen Milieu stammte der am 15. Juli 1888 in Marburg/Lahn geborene Ernst von Harnack. Der Sohn des bekannten Theologen Adolf von Harnack studierte Rechtswissenschaften in Marburg und Berlin. Nach dem Abschluss des Studiums und der Ausbildung am Amtsgericht Berlin-Lichterfelde wurde er 1913 als Regierungsreferendar bei der Regierung in Oppeln (Oberschlesien) angestellt. Nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg engagierte sich von Harnack in der Sozialdemokratie und gehörte dem Kreis der Religiösen Sozialisten an. Die Beamtenlaufbahn führte ihn u.a. als Landrat in den Kreis Hersfeld sowie nach Hannover und Köln, wo er das Amt des Regierungsvizepräsidenten übernahm. 1929 wurde er zum Regierungspräsidenten in Merseburg ernannt, nach dem Papenschen „Preußenschlag“ gegen die sozialdemokratisch geführte Regierung in Preußen jedoch 1932 entlassen.

Im Frühjahr und Sommer 1933 setzte sich Ernst von Harnack für zahlreiche verhaftete und verfolgte Gewerkschafter und Sozialdemokraten ein, u.a. für Carlo Mierendorff und den ADGB-Vorsitzenden Theodor Leipart sowie für die Aufklärung des Mordes an dem SPD-Reichstagsabgeordneten Johannes Stelling. Im Sommer 1933 war er selbst einige Wochen in Haft. In den folgenden Jahren arbeitete von Harnack u.a. bei einer Hollerith-Firma, als Handelsvertreter für eine Tuchfabrik und an einer Dokumentation über Berliner Grabstätten, die in Zusammenhang mit der von Albert Speer geplanten baulichen Umgestaltung Berlins stand.

Mit den Verschwörern des 20. Juli 1944 stand Ernst von Harnack durch vielfältige verwandtschaftliche und freundschaftliche Verbindungen in Kontakt. Am 29. September wurde er verhaftet, am 1. Februar 1945 zum Tod verurteilt und am 5. März 1945 in Berlin-Plötzensee ermordet.