Das Layout dieser Seite wird mit CSS umgesetzt. Wenn Sie diesen Hinweis sehen, kann Ihr Browser CSS nicht darstellen.
Die Seite bleibt trotzdem voll funktionsfähig.
Hier finden Sie einen standard-konformen Browser: www.mozilla.org.
FES / AdsD / Das Historische Stichwort / November / Hugo Haase gestorben

07.11.1919: Hugo Haase gestorben

Hugo Haase – Rechtsanwalt, Sozialdemokrat und Pazifist

Als sich der Reichstagsabgeordnete und USPD-Vorsitzende Hugo Haase am 8. Oktober 1919 dem Reichstagsgebäude in Berlin näherte, feuerte der Lederarbeiter Johann Voß sechs Pistolenschüsse auf ihn ab. Hugo Haase war nicht tödlich getroffen, erlag jedoch am 7. November den Folgen einer durch die Wunden verursachten schweren Blutvergiftung. Die deutsche Sozialdemokratie verlor mit ihm nicht nur einen kompromisslosen Gegner kriegerischer Auseinandersetzungen, einen erfahrenen Juristen und „Anwalt des Proletariats“, sondern auch eine Persönlichkeit, deren hohe moralische Integrität in Verbindung mit persönlicher Liebenswürdigkeit und Konzilianz schon die Zeitgenossen beeindruckte.

Hugo Haase wurde am 29. September 1863 im ostpreußischen Allenstein als ältestes von zehn Kindern des Ehepaares Nathan und Pauline Haase geboren. Die Eltern waren jüdischer Herkunft; der Vater, ursprünglich Schuhmacher von Beruf, hatte sich auf den Flachshandel verlegt. Nach dem Besuch des Gymnasiums begann Hugo Haase 1882 mit dem Studium der Rechtswissenschaften. Der Beruf des Anwalts war sein „Traumberuf“, konnte er sich doch schon als Primaner „nichts Schöneres denken, als mit voller Kraft dafür einzutreten, daß das Recht zu seinem Siege gelange, daß der rechtlos Verfolgte Schutz und Frieden finde“.1

Während seiner Universitätsjahre befasste sich Haase mit Fragen der Nationalökonomie und der Philosophie und las die Schriften von Hegel, Marx und Kant. Noch als Rechtsreferendar schloss er in den 1880er Jahren der Sozialdemokratie an – ein mutiger Schritt, denn zu diesem Zeitpunkt war das „Sozialistengesetz“ (Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie) in Kraft. 1890 eröffnete Haase eine eigene Anwaltspraxis in Königsberg. In Ostpreußen mit seinen großagrarischen Strukturen und einer unter Rechtlosigkeit und Ausbeutung leidenden Landarbeiterschaft erhielt seine Kanzlei bald lebhaften Zuspruch. Der Umgang mit seinen Mandanten ermöglichte Haase fundierte Einblicke in das soziale Elend der unteren Bevölkerungsschichten. Bei einem großen Teil seiner Tätigkeit handelte es sich um politische Prozesse. Die Königsberger sozialdemokratische Parteizeitung vertrat er innerhalb von siebzehn Jahren allein in 64 Strafverfahren. Große Streiks endeten in der Regel mit einer Fülle von Anklagen wegen Landfriedensbruchs und der Androhung hoher Haftstrafen gegen die beteiligten Arbeiter.

Bei den Gemeindewahlen von 1894 erhielt Haase als erster und einziger Sozialdemokrat einen Sitz in der Königsberger Stadtverordnetenversammlung. Als 1897 der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete für Königsberg verstarb und eine Nachwahl erforderlich wurde, gelang es Haase trotz heftiger Agitation der bürgerlichen Parteien das Reichstagsmandat für die SPD zu halten. Damit begann seine langjährige parlamentarische Tätigkeit, die nur während der Jahre 1907 – 1912 unterbrochen wurde.

Bekannt wurde Hugo Haase 1904 durch die erfolgreiche Verteidigung in einem politischen Prozess, der internationales Aufsehen erregte: der Königsberger Geheimbundprozess. Mit diesem Prozess holten deutsche Staatsorgane gemeinsam mit der zaristischen Regierung in Russland zum großen Schlag gegen die deutsche und die russische Sozialdemokratie aus. Neun deutschen Sozialdemokraten wurde Hochverrat, Zarenbeleidigung und Geheimbündelei vorgeworfen, weil sie angeblich den Grenzschmuggel russischer anarchistischer Schriften ermöglicht hatten. Hugo Haase, der gemeinsam mit Karl Liebknecht die Verteidigung der Angeklagten übernommen hatte, wies die Haltlosigkeit der Anschuldigungen nach. Der deutschen Regierung warf er in seinem glänzenden Plädoyer vor, ein Regime zu unterstützen, in dem Terror und brutale politische Unterdrückung an der Tagesordnung waren. Durch sein geschicktes Auftreten gelang es ihm, für drei Angeklagte Freisprüche durchzusetzen. Alle Verfahren für die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften, die ihn oft monatelang in Anspruch nahmen, führte Haase ehrenamtlich.

In der Vorkriegszeit gelang es Haase immer wieder die Vorstellungen der Parteimehrheit und des linken Parteiflügels zusammenzuführen. 1911, nach dem Tod Paul Singers, wurde Haase neben August Bebel zu einem der beiden Parteivorsitzenden der SPD gewählt. Als Bebel 1913 starb, übernahm Haase gemeinsam mit Friedrich Ebert die Führung der Partei und stand mit Philipp Scheidemann an der Spitze der SPD-Reichstagsfraktion. Seinen Wohnsitz hatte er nach Berlin verlegt, wo er wieder eine Anwaltskanzlei eröffnete.

In den letzen Jahren vor Beginn des Ersten Weltkriegs konzentrierte Haase seine politische Arbeit vor allem auf die Verhinderung eines europäischen Krieges. In seinen Reichstagreden, in Schriften und politischen Versammlungen, warnte er immer wieder vor den Gefahren weiterer Aufrüstung. Haase beteiligte sich 1912 an prominenter Stelle an der internationalen Friedenskundgebung der Sozialistischen Internationale im Baseler Münster und war einer der Leiter der Verständigungskonferenz deutscher und französischer Politiker, die 1913 nach Bern einberufen wurde. Der Beginn des Ersten Weltkriegs machte diese Bemühungen zunichte. Hugo Haase verfasste in den Tagen der drohenden Kriegsgefahr 1914 vor der Mobilmachung zahlreiche Aufrufe und organisierte Protestkundgebungen. Trotz seiner prinzipiellen Kriegsgegnerschaft unterwarf er sich zunächst der Fraktionsdisziplin und verlas als Fraktionsvorsitzender am 4. August 1914 die Zustimmung der SPD-Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten; in der vorangegangenen internen Abstimmung hatte er dagegen gestimmt. Im Juni 1915 forderte Haase zusammen mit Karl Kautsky und Eduard Bernstein in dem Manifest „Das Gebot der Stunde“ die SPD auf, der auf breiter Ebene propagierten Annexionspolitik entschieden entgegen zu treten und entsprechende Konsequenzen für ihre Politik daraus zu ziehen. Als im sich März 1916 oppositionelle Mitglieder der SPD-Reichstagsfraktion zur „Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft“ zusammenschlossen, gehörte Haase zu deren Vorstand. Im Verlauf der Auseinandersetzungen in der Reichstagsfraktion legte er den Fraktionsvorsitz nieder. Im Frühjahr 1917 schlossen sich unterschiedliche oppositionelle Gruppen zur „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (USPD) zusammen; zu ihrem Vorsitzenden wurde Hugo Haase gewählt.

Nach der militärischen Niederlage, in den Revolutionstagen im November 1919, trat Haase für die Zusammenarbeit der beiden sozialdemokratischen Parteien ein. Er wurde neben Friedrich Ebert als gleichberechtigter Vorsitzender in den Rat der Volksbeauftragten gewählt. Innerhalb der USPD wandte sich Haase gegen putschistische Vorstellungen des radikalen Flügels, befürwortete das Zusammengehen mit den Mehrheitssozialdemokraten und die Einberufung einer Nationalversammlung. Auch nach dem Ausscheiden der Unabhängigen aus der Regierung trat Haase weiter für eine Zusammenarbeit ein.

Am 8. Oktober 1919 beabsichtigte Haase, im Reichstag über die gegenrevolutionäre Sammlungsbewegung im Baltikum zu sprechen. Der Attentäter gab später an, er habe sich rächen wollen, weil seine Klage über die Preußische Klassenlotterie von Haase in dessen Zeit als Volksbeauftragter abschlägig beschieden worden sei. Das Gericht erklärte den Angeklagten für geisteskrank. Die Hintergründe der Tat, die sich in einem Klima politischer Verhetzung abspielte, und die Frage nach der Herkunft der Waffe wurden nicht untersucht.

Fussnoten:

Fussnote 1:
Hugo Haase. Sein Leben und Wirken. Mit einer Auswahl von Briefen, Reden und Aufsätzen herausgegeben von Ernst Haase, Berlin [1929], S. 186; vgl. auch: Dieter Engelmann/ Horst Naumann: Hugo Haase. Lebensweg und politisches Vermächtnis eine streitbaren Sozialisten, Berlin 1999; Kenneth R. Calkins: Hugo Haase. Demokrat und Revolutionär, Berlin 1976. Zurück