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13.05.1963: Herta Gotthelf gestorben

Herta Gotthelf, 1956Über Politik sei in ihrem Elternhaus nie gesprochen worden, schrieb Herta Gotthelf im Rückblick auf ihre Jugend. Doch gerade dafür interessierte sie sich schon als Oberschülerin. 1920, mit 18 Jahren, trat sie in die SPD ein. Zuvor hatte sich die am 6. Juni 1902 in Breslau geborene Herta Gotthelf in ihrer Heimatstadt in politischen Jugendgruppen, u.a. in der Spartakus-Jugend, engagiert. Dort wurde leidenschaftlich über eine "neue Welt" ohne Ausbeutung und Krieg diskutiert. Als Herta Gotthelf zusammen mit ihrer Breslauer Jungsozialistengruppe 1921 am SPD-Parteitag in Görlitz als Gast teilnahm, rechnete sie sich selbstverständlich zur "linken Opposition", die sich gegen eine Beteiligung der SPD an Koalitionen mit der Deutschen Volkspartei (DVP) aussprach. Inzwischen arbeitete Herta Gotthelf nach einer Banklehre als Bankangestellte zunächst in Breslau, dann in Köln. Doch das Interesse an Politik ließ die berufliche Laufbahn bald in den Hintergrund treten. Als Herta Gotthelf 1924 arbeitslos wurde, schrieb sie sich ein Jahr an der Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main als "Freihörerin" ein. Den Lebensunterhalt verdiente sie sich nebenher durch Arbeit in einer Parfümfabrik. Zu den Dozenten, bei denen sie an der Frankfurter Akademie Vorlesungen hörte, zählten u.a. der Arbeitsrechtler Hugo Sinzheimer und sein damaliger Assistent Ernst Fraenkel. Nach Abschluss des Lehrgangs ging Herta Gotthelf 1925 als Volontärin zum SPD-Parteivorstand nach Berlin, der damals gerade damit begonnen hatte, junge Nachwuchskräfte für eine spätere Tätigkeit als Parteisekretäre oder Redakteure anzuwerben. Sie wurde zunächst Redaktionsvolontärin bei der SPD-Zeitschrift "Frauenwelt", dann Sekretärin von Marie Juchacz und ab 1926 Redakteurin der "Genossin", dem Nachfolgeorgan der von Clara Zetkin begründeten Zeitschrift "Die Gleichheit". Die Zusammenarbeit mit Marie Juchacz, Reichstagsabgeordnete, zentrale Frauensekretärin der SPD und Mitbegründerin der "Arbeiterwohlfahrt", brachte Herta Gotthelf in Kontakt mit vielen führenden Sozialdemokratinnen ihrer Zeit, u. a. mit Hildegard Wegscheider, Toni Pfülf und Clara Bohm-Schuch. In ihrer Funktion als Redakteurin nahm Herta Gotthelf an internationalen Konferenzen teil und knüpfte Kontakte zu Sozialistinnen aus anderen europäischen Ländern.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte ihrer politischen Arbeit in Deutschland 1933 zunächst ein Ende. Herta Gotthelf emigrierte im Februar 1934 nach Großbritannien. Im Londoner Exil schlug sie sich als Kindermädchen und Putzhilfe durch, gab Deutschunterricht, schrieb Artikel und hielt Vorträge, u.a. für die Labour Party und die britischen Gewerkschaften. Einige Jahre war sie Sekretärin des Schriftstellers Ernst Toller. 1943 bis 1946 arbeitete sie für die BBC. Seit 1942 war Herta Gotthelf Mitglied des Ausschusses der SPD-Ortsgruppe London, von 1941 bis 1944 gehörte sie dem Arbeitsausschuss der Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien an. Auch an der Ausarbeitung programmatischer Vorschläge für eine neue sozialdemokratische Partei war sie beteiligt. Auf dem Gebiet der Frauenarbeit gelang es ihr, noch während des Krieges zusammen mit emigrierten Sozialistinnen aus Deutschland, der Tschechoslowakei, Belgien, Holland, Polen, Frankreich, Italien und Norwegen eine "kleine Fraueninternationale" zu gründen - eine "selbstverständliche sozialistische Solidarität mitten im bombenzerstörten London", auf die sie später noch voller Genugtuung zurückblickte.

Im Frühjahr 1946 kehrte Herta Gotthelf nach Deutschland zurück. Im Juli 1946 übernahm sie das zentrale Frauensekretariat der SPD. Ein Jahr später, auf dem Nürnberger Parteitag 1947, wurde sie in den geschäftsführenden SPD-Parteivorstand gewählt. Herta Gotthelf übernahm auch wieder die Redaktion der zentralen Frauenzeitschrift der SPD, die ab 1947 zunächst unter dem Titel "Die Genossin", seit 1950 unter dem Titel "Gleichheit. Organ der arbeitenden Frau" erschien. Trotz der schwierigen Bedingungen in den Nachkriegsjahren gelang es Herta Gotthelf, Frauen für die SPD zu mobilisieren. Das Frauensekretariat gab Rundschreiben und spezielles Informationsmaterial heraus, das sich u. a. mit Problemen der Frauenerwerbsarbeit, Erziehungsfragen, der Einrichtung von Ehe- und Sexualberatungsstellen befasste, Anregungen zur Wahlagitation oder Hinweise zu Konsumgenossenschaften und Gewerkschaftsfragen gab. Ein zentrales Thema, das Herta Gotthelf immer wieder aufgriff, war die Reform des § 218. Auch an der Wiederherstellung der internationalen Verbindungen der SPD nach dem Krieg wirkte sie mit. Nach dem für die SPD enttäuschenden Ausgang der Bundestagswahlen von 1957 setzte innerhalb der Partei eine Diskussion über die Ursachen ein, die auf dem SPD-Parteitag in Stuttgart 1958 zu Umstrukturierungen im Vorstand führte. Zwei Exponenten des Apparats der festbesoldeten Parteivorstandsmitglieder, Herta Gotthelf und Fritz Heine, wurden nicht mehr in den neuen Vorstand gewählt. Herta Gotthelf blieb bis zu ihrem Tod am 13.5.1963 in Alf/Mosel Redakteurin der "Gleichheit" und Mitglied des Bundesfrauenausschusses der SPD.