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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / März / Erster Kongress der Gewerkschaften Deutschlands

Halberstadt macht Geschichte...
Erster Kongress der Gewerkschaften Deutschlands vom 14. März 1892 bis 18. März 1892 in Halberstadt

Carl Legien (1861-1920)

Am 14. März, Punkt 9.30 Uhr, begrüßte Carl Legien als Vertreter der Generalkommission im größten Versammlungslokal der Stadt, dem "Odeum", die 208 Delegierten aus allen Teilen des Reiches, zum ersten Kongress der Freien Gewerkschaften in Deutschland. Sie vertraten rund 300.000 Arbeiter und ca. 4.000 Arbeiterinnen der verschiedensten Berufe. Die 57 zentralisierten, also reichsweit organisierten Verbände entsandten 172 und die lokalen Organisationen 36 Delegierte. Im Tagungssaal befanden sich außerdem Vertreter der örtlichen und überregionalen Presse, der Gewerkschaftsblätter und der für die damalige Zeit bei Versammlungen der "Roten" übliche Polizeispitzel sowie ein eigens für den Kongress besoldeter Stenograph.
Die Halberstädter Zeitung fand den Kongresssaal, "...in geschmackvoller Weise dekoriert. Frisch duftende Gedenktafel zum Odeum
© AdsDLaubgewinde, an die eine Reihe rother Fahnen geheftet waren, zogen sich den Saal entlang. Oberhalb des Podiums erhoben sich auf rothem Hintergrund die Büsten von Marx und Lassalle, beide mit einem rothem Bande geschmückt, darüber prangte ein rothes Emblem, auf dem in Goldschrift die Worte standen ‚Proletarier aller Länder vereinigt Euch! Den 1. Mai 1891, Frieden, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, 8 Stunden Arbeit!'"
Ein großer Schritt auf dem Weg zur Einheitsgewerkschaft war die am zweiten Kongresstag im Mittelpunkt stehende Beratung zur Organisationsfrage. In der Generaldebatte traten die Gegensätze von "Zentralisten" und "Lokalisten" offen zu tage. Die "Lokalisten" sahen in den Gewerkschaften hauptsächlich Vorschulen der Partei, denn nur die Partei sei imstande, die Lage der Arbeiter entscheidend zu ändern. Die "Zentralisten" dagegen meinten, im Zusammenhang aller Verbände eine machtvolle Organisation aufbauen zu können, um damit die Verbesserung der Lebenshaltung und Arbeitsbedingungen des Arbeitnehmers innerhalb der bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu erreichen.
Am nächsten Tag trennten sich die Delegierten zu Spezialkongressen, deren Hauptzweck darin bestand, die Möglichkeiten für Unionsbildungen in den einzelnen Branchen noch einmal auszuloten. Wie erwartet sprach sich die Mehrzahl der Delegierten für die Anbahnung von Unionen aus. Damit war für die "Lokalisten" das Signal zur Abreise gegeben. Demonstrativ verließen sie den Saal.
Der Kongress einigte sich auf einen Kompromissvorschlag der Holzarbeiter, welche sich für die Zentralisation und für die Anbahnung von Unionen durch Kartellverträge aussprach. Die Bildung von Industriebverbänden wurde offengehalten und damit der Industrieverband der Metallarbeiter anerkannt.
Nach den Wahlen zur Generalkommission wurden ihr vom Kongress bestimmte Rechte übertragen, wie das Führen einer einheitlichen Gewerkschaftsstatistik, das Betreiben der Agitation (Werbung), die Herausgabe einer Zeitschrift ("Correspondenzblatt") und die Anknüpfung und Pflege internationaler Beziehungen. Zur Bestreitung dieser Aufgaben zahlten die Gewerkschaften jährlich 20 Pfennig je Mitglied an die Kommission. Ohne große Debatte wurde noch kurz vor Toresschluss beschlossen, künftig die Gewerkschaften auch für Frauen zu öffnen.
Am Ende des Kongresses bat Adolf Dammann (Maurer) die Delegierten, sich von den Plätzen zu erheben, und er schloss den Kongress mit folgenden Worten: "Am 14. März 1883 schloß der edle Karl Marx (...) seine Augen. Heute, am 18. März vor 44 Jahren fielen in Berlin jene 256 Kämpfer, denen es ernst war, mit ihrem Streben nach Freiheit. Die Todten im Friedrichshain in Berlin mahnen uns, eingedenk zu sein, daß wir zu kämpfen und zu ringen haben..."
Die Delegierten gedachten der Toten und sangen stehend die Arbeitermarsellaise.