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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / Dezember / J.H.W. Dietz-Verlag gegründet

31.12.1881: J.H.W. Dietz-Verlag gegründet

Johannes Heinrich Wilhelm Dietz (1843-1922)

Am 31. Dezember 1881 wurde der Verlag J.H.W. Dietz in Stuttgart gegründet und ins Hadelsregister eingetragen. Sein Namensgeber, der Lübecker Schriftsetzer Johann Heinrich Wilhelm Dietz (30. Oktober 1843 - 28. August 1922) gründete den Verlag für seine Partei, die SPD, als Privatmann, denn die Partei hatte zur Zeit des Sozialistengesetzes (1878 - 1890) keine Möglichkeit, ihre Publikationen in einem parteieigenen Verlag herauszubringen. Schon das "Hamburg- Altonaer Volksblatt" und die Hamburger Genossenschaftsdruckerei hatte er vorher als Privatmann übernommen und geschickt durch alle polizeilichen Verbote gesteuert, ehe er 1880 aus Hamburg ausgebürgert wurde. Die erste Buchpublikation des neu gegründeten Verlags erschien erst 1883, also zwei Jahre nach der Gründung, weshalb das 50-jährige Geschäftsjubiläum nicht 1931, sondern erst am 1. April 1933 begangen wurde.
Dietz' verlegerische Tätigkeit wurde eine Erfolgsgeschichte: Von 1887 bis 1923 erschienen 67 Bände der Internationalen Bibliothek. Unter den Periodika wurden "Die Gleichheit", "Die Neue Zeit" und "Der wahre Jacob" am bekanntesten. Nahezu alle "sozialistischen Klassiker", ob August Bebel, Karl Marx, Friedrich Engels, Karl Kautsky, Eduard Bernstein, Rosa Luxemburg oder Clara Zetkin, wurden bei Dietz veröffentlicht. Bebels berühmtestes Buch, das mit mehr als einer Million Exemplaren verkaufte Werk "Die Frau und der Sozialismus", erschien 1879 zunächst in Leipzig (mit falschem Impressum), wurde dann 1883 in 2. Auflage mit Druckplatten von Dietz in Zürich gedruckt (wegen des Sozialistengesetzes), ehe schließlich Dietz es als Band 9 in seine Internationale Bibliothek nahm.
Dietz hatte es in seinem Unternehmen nicht leicht, weil die unterschiedlichen Flügel der Partei ihn gleichermaßen in Anspruch nahmen. Er motivierte den Marxisten Karl Kautsky, den revisionistischen Thesen Eduard Bernsteins zu widersprechen, und umgekehrt, natürlich um beide Positionen in seinem Verlag zu veröffentlichen. Die Äußerung Bebels, Dietz wechsele "... jeden Tag seine Ansichten", ist deshalb - wenn auch nicht auf die Revisionismusdebatte gemünzt - durchaus verständlich, aber zugleich auch falsch , da Dietz - auch in den Turbulenzen der Parteispaltung während des Ersten Weltkriegs - immer als ein Vertreter des Mehrheitsflügels der SPD galt. Dietz wollte sich heraushalten, damit schwere Meinungsverschiedenheiten nicht noch vertieft würden. Nur selten hat er bei innerparteilichen Auseinandersetzungen zugunsten einer Seite Stellung genommen und publizierte immer beide Lager. Doch war er für eine Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit. Dietz: " Ich bin nicht offizieller Vertreter der Mehrheit und will's auch gar nicht werden. Ich verlege, was mir paßt." Bernstein hielt Dietz gar für einen "Gefühlsmenschen". Er "... ist schwach ... in der Auffassung unserer politischen Stellung". Viele in der Politik - Linke wie Rechte - dankten ihm für seinen unermüdlichen, bis an die Grenze der Belastungsfähigkeit gehenden Einsatz in Partei und Verlag. Als 1917 Clara Zetkin - nach 25 Jahren "Gleichheit" - und Karl Kautsky - nach 35 Jahren Herausgabe der "Neuen Zeit" -, ohne sich von ihren Lesern verabschieden zu können, vom Parteivorstand entlassen werden mussten, verabschiedete sich Clara Zetkin in der "Leipziger Volkszeitung" mit einem Dank "... für den Mann, der die Seele des Stuttgarter Unternehmens ist: für Heinrich Dietz, der der 'alten' Gleichheit bis zur letzten Nummer als einsichtsvoller, weitschauender, erfahrener Berater, Freund, Wegbereiter zur Seite gestanden ist". Kautsky hatte Dietz bereits zu seinem 70. Geburtstag, 1913, in der "Neuen Zeit" ein Denkmal gesetzt, als er schrieb: "Die klassische deutsche Literatur ist eng verknüpft mit dem Namen eines Cotta. Die Literatur der aufstrebenden Demokratie mit dem Namen eines Campe ... So ist die Literatur des internationalen Marxismus untrennbar verknüpft mit dem Namen unseres Freundes J. H. W. Dietz."
Bereits am 30. Mai 1900 hatte Dietz - weitsichtig - festgestellt: "Es ist eine entsetzliche Faulheit in den Kreisen eingetreten, die unsere Bücher sonst zu kaufen pflegen. Wie mag das noch enden?" Dietz hatte Recht: Politische Bücher lassen sich - bis heute - immer schlechter absetzen und finden immer weniger Leser. Erfolge wie Bebels "Frau" oder "Der wahre Jacob" sind heute nicht mehr denkbar. Gerade deshalb ist es ermutigend, dass der Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn, auch heute noch munter Bücher produziert und einen Großteil der Klassiker nach wie vor im Programm hält.
Text: Heiner Lindner, Bonn

Weitere Informationen zu J.H.W. Dietz finden Sie direkt hier, unter Bestände / Nachlässe und Deposita.