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15.12.1955: Otto Braun gestorben

Otto Braun 1932

Weitgehend vergessen starb heute vor 50 Jahren in Ascona im Tessin der ehemalige preußische Ministerpräsident Otto Braun, der während der Weimarer Republik einer der „starken Männer“ und Hoffnungsträger der Sozialdemokratie gewesen war. Mit seinem Namen verknüpft ist die Vorstellung vom „Bollwerk Preußen“ als einer stabilen demokratischen „Ordnungszelle“ im von politischen und sozialen Kämpfen zerrissenen Deutschen Reich.

Am 28. Januar 1872 in Königsberg/Pr. (heute Kaliningrad) geboren und als Sohn eines kleinen Eisenbahnangestellten in bedrückenden Familienverhältnissen aufgewachsen, absolvierte Otto Braun nach der Volksschule eine Lehre als Steindrucker. 1888 schloss er sich der zu der Zeit illegalen sozialdemokratischen Partei an. Anschließend durchlief er typische Stationen eines örtlichen Funktionärs und war u.a. Vorsitzender des Arbeiter-Wahlvereins Königsberg (der damaligen örtlichen Organisationsform der Partei) sowie Herausgeber, Redakteur und Drucker des Parteiblatts „Volkstribüne“ (später „Königsberger Volkszeitung“). 1904 wurde gegen Braun und andere Sozialdemokraten ein Verfahren wegen Hochverrats eingeleitet, weil er zum Sturz des Zaren aufrufende Schriften nach Russland eingeführt habe. Die Beweise wurden aber vom Gericht nicht als stichhaltig angesehen.

Braun engagierte sich im noch stark von Großgrundbesitz und Junkertum geprägten Ostpreußen besonders für die Rechte der Landarbeiter. Er gehörte 1909-1920 dem Vorstand des Deutschen Landarbeiter-Verbandes an, den er mit begründet hatte, und entwickelte sich innerhalb der SPD zu einem Agrarexperten.

Über den Vorsitz des SPD-Bezirks Ostpreußen stieg Braun bis 1911 in den zentralen Parteivorstand auf. 1913 wurde er Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses. Im Ersten Weltkrieg unterstützte Braun die Burgfriedenspolitik der Mehrheits-SPD. Der Krieg nahm ihm das einzige Kind, als sein Sohn 1915 als Kriegsfreiwilliger an Diphterie starb.

Im Gefolge der Revolution von 1918/19 wurde Braun preußischer Landwirtschaftsminister. Willensstark und mit ausgeprägtem organisatorischen Talent wusste er, im Unterschied zu vielen anderen führenden SPD-Vertretern seiner Zeit, die Macht zu handhaben. Dabei ließ er sich von tiefen humanistischen Überzeugungen leiten. Sachlich und nüchtern wie er war, fehlte ihm aber rhetorisches Geschick. Nach dem gescheiterten Kapp-Lüttwitz-Putsch gegen die Republik übernahm Braun ab 27. März 1920 das Amt des preußischen Ministerpräsidenten, das er mit zwei kurzen Unterbrechungen bis zum Ende der Republik innehatte. Neben einem Sitz im Preußischen Landtag hatte Braun auch einen Sitz im Reichstag. In seiner Vertretung der Interessen des Landes Preußen kam es zu Auseinandersetzungen mit der sich an den Interessen des Reiches orientierenden SPD-Führung. Trotzdem wurde er 1925 als Kandidat der SPD für die Nachfolge Friedrich Eberts als Reichspräsident aufgestellt, konnte sich aber, nicht zuletzt wegen Uneinigkeit der demokratischen Parteien, nicht gegen den Generalfeldmarschall von Hindenburg durchsetzen.

Als Ministerpräsident waren Brauns wichtigste Verbündete die beiden sozialdemokratischen preußischen Innenminister Carl Severing und Albert Grzesinski. Die Koalition, die Braun führte, bestand neben der SPD aus Zentrum und DDP, bis 1924 auch noch der DVP. In Brauns Amtszeit gelangen unter anderem teilweise eine Bodenreform und eine demokratische Reform des Schulwesens. Preußen entwickelte sich zu einem modernen Freistaat, der durch die Republikanisierung des Beamtenapparats und insbesondere der Polizei eine der Hauptstützen der ersten deutschen Demokratie bildete. Auf der anderen Seite zog sich Braun durch seine Politik die Feindschaft der Deutschnationalen, der Nationalsozialisten – er setzte u.a. zeitweise ein im ganzen Reich geltendes Verbot der SA durch - und auch der Kommunisten zu.

Als die Koalition in der Landtagswahl im April 1932 ihre Mehrheit verlor und geschäftsführend im Amt blieb, nutzte der nur per Notverordnungen regierende Reichskanzler Franz von Papen die Situation, um der preußischen Regierung am 20. Juli 1932 in einem Staatsstreich ihre Machtbefugnisse zu entziehen und das Land kommissarisch dem Reich zu unterstellen. Braun, der wie die große Mehrheit der SPD-Führung davor zurückschreckte, die Republik um den Preis eines Bürgerkriegs mit ungewissem Ausgang zu verteidigen, blieben nur juristische Schritte vor dem Reichsgericht, die aber zu keinem durchschlagenden Erfolg führten.

Nachdem am 30. Januar 1933 die Regierung Hitler/Papen gebildet wurde und die staatliche Verfolgung der Sozialdemokratie einsetzte, resignierte Otto Braun, psychisch und physisch erschöpft. Er war gequält von der Sorge um seine seit 1927 unheilbar erkrankte und zunehmend gelähmte Frau Emilie. Nachdem er eine Warnung vor bevorstehenden Verhaftungen erhalten hatte, folgte Braun am 4. April 1933 seiner Frau nach Ascona in die Schweiz. Das Ehepaar lebte nun zwar in persönlicher Sicherheit, aber großer materieller Not. Der Masse der SPD-Anhänger erschien die Abreise zwei Tage vor der letzten Reichstagswahl vom 6. März wie ein Desertieren.

In der Emigration blieb Braun weitgehend isoliert und gehörte nicht zu einer der Gruppen von Emigranten, die später innerhalb der Nachkriegs-SPD einflussreich waren. Mit dem Krieg, der deutschen Niederlage, der Zerschlagung Preußens und der Gründung zweier neuer deutscher Staaten ging die Zeit über Otto Braun hinweg. Für die SPD der 1950er Jahre war er zu eng mit der Niederlage der ersten deutschen Demokratie verbunden, obwohl er zu den tatkräftigsten Verteidigern der Republik gehört hatte.

Weitere Informationen zu Otto Braun finden Sie direkt hier, unter Bestände / Nachlässe und Deposita.