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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / Dezember / Willy Brandt gesboren

18.12.1913: Willy Brandt geboren

Herbert Frahm, vermutlich bei der EinschulungWilly Brandt wurde am 18. Dezember 1913 - wenige Monate nach dem Tod August Bebels - als Herbert Ernst Karl Frahm in Lübeck geboren. Er wuchs unter schwierigen familiären Verhältnissen, aber geborgen in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung auf und trat bereits 1930 in die SPD ein. Als sich in den letzten Jahren des Niedergangs der Weimarer Republik die SPD-Reichstagsfraktion zur Tolerierung der umstrittenen Regierungspolitik durchrang, wechselte er zu der sich von der SPD absplitternden Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Die "Machtergreifung" der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 und das "Ermächtigungsgesetz", am 23. März 1933 verabschiedet gegen die Stimmen der Reichstagsabgeordneten der SPD, markierten das Ende jeglicher Demokratie. Nach zunehmend vergeblichen Bemühungen, nunmehr illegal gegen die um sich greifende Diktatur anzukämpfen, floh er unter dem eigens gewählten Decknamen "Willy Brandt" im April 1933 nach Norwegen. Dort gründete Brandt einen Exil-Stützpunkt der SAP und begann sofort mit der publizistischen und politischen Arbeit, um von Norwegen aus, aber auch auf Reisen durch viele europäische Staaten (u.a. im Herbst 1936 als norwegischer Student getarnt in Berlin, sowie im Jahr darauf in Spanien) gegen die Bedrohung Europas und der Welt durch den Faschismus und gegen die mörderischen Verbrechen des Dritten Reichs anzuschreiben.

Willy Brandt im Exil 1937/1938

Willy Brandt erlebte in Skandinavien seine zweite sozialdemokratische Prägung und wurde nach der 1938 bekanntgegebenen Ausbürgerung durch die Nazis nun auch als Staatsbürger von Norwegen aufgenommen. So kehrte er 1945 als Berichterstatter skandinavischer Zeitungen und als Presseattaché bei der norwegischen Militärmission nach Deutschland bzw. West-Berlin zurück, um neue Kontakte zwischen Westdeutschland und Europa zu knüpfen. 1947 entschloss er sich bewusst für die vollständige Rückkehr mitsamt Wiedereinbürgerung, um - zunächst in Bonn im Deutschen Bundestag, später dann in Berlin - beim Wiederaufbau sowohl der SPD wie auch der Bundesrepublik Deutschland mitzuhelfen. Da ihn mit seinem Geburtsnamen aus Kindheit und Jugend nicht mehr viel verband und er sich als "Willy Brandt" buchstäblich einen Namen gemacht hatte, nahm er diesen 1949 offiziell an.

Willy Brandts Weg an die Spitze der Berliner SPD war nicht vorgezeichnet, doch nach einer zweijährigen Präsidentschaft des Abgeordnetenhauses von Berlin wurde er 1957 Regierender Bürgermeister von Berlin - mitten im Brennpunkt des Ost-West-Konflikts im Kalten Krieg, in dem es viele brenzlige Sitationen vor und nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 zu bewältigen galt. Willy Brandt wurde zu einer Symbolfigur der Standhaftigkeit des Westens und zum Sprachrohr der von der Mauer umgebenen West-Berliner wie auch der von Stacheldraht, Zement und Schießbefehl eingezäunten DDR-Bevölkerung.

Willy Brandt, Konrad Adenauer und J.F. Kennedy 1963 in West-Berlin

Allen modernen Wahlkampfmethoden und Achtungserfolgen zum Trotz, hatte er als Kanzlerkandidat der SPD 1961 gegen Konrad Adenauer, der über seinen Kontrahenten als "Brandt alias Frahm" schwadronierte, noch keine Chance. Auch in den Jahren danach sah Brandt sich diffamierenden Attacken politischer Gegner ausgesetzt, die ihn als Emigranten oder unehelichen Sohn verunglimpften und zumeist in anonymer Form Lügen verbreiteten, deren Boshaftigkeit heutzutage viel vom engstirnigen Denken der damaligen Zeit erahnen lässt.

1964 wurde Willy Brandt - nach dem Tod von Erich Ollenhauer - zum SPD-Parteivorsitzenden gewählt. Infolge der zweiten verlorengegangenen Kanzlerkandidatur gegen den Vater des "Wirtschaftswunders", Ludwig Erhard, wähnte er sich bereits auf dem Rückzug - und wechselte doch nur ein Jahr später als Vizekanzler und Außenminister der ersten Großen Koalition nach Bonn, wo sich Ansätze seiner Friedens- und Entspannungspolitik (nach Egon Bahrs Formel "Wandel durch Annäherung") bereits bemerkbar machten; frei entfalten konnte sie sich dann 1969, beflügelt von einem deutlich verbesserten Ergebnis bei der Bundestagswahl und gestützt durch die sozial-liberale Koalition mit einer neuorientierten FDP.

Hatten Willy Brandt und seine MitstreiterInnen bereits in Berlin mit einer "Politik der kleinen Schritte" darauf gesetzt, den Eisernen Vorhang u.a. durch die mit dem Osten ausgehandelten Passierscheinabkommen durchlässig zu machen, wurden die Schritte nun größer: Brandt kündigte in seiner ersten Regierungserklärung an, die DDR nicht länger zu ignorieren - der Status Quo sollte anerkannt werden, um ihn mittel- oder langfristig verändern zu können. Unvergessen bleibt das erste deutsch-deutsche Treffen in Erfurt am 19. März 1970 ebenso wie die in den folgenden Monaten mit der Sowjetunion, mit Polen, mit der DDR und mit der ČSSR ausgehandelten Vertragswerke - und vor allem Willy Brandts Kniefall am 7. Dezember 1970 vor dem Ehrenmal für die Opfer des Warschauer Ghetto-Aufstands.

20 Jahre Kniefall Willy Brandt 1990 Aus heutiger Sicht erscheint die im Jahre 1971 erfolgte Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt für seine Ostpolitik nachgerade logisch, doch auch dies hielt seine Gegner nicht von ihren Versuchen ab, die wacklige parlamentarische Mehrheit von SPD und FDP auszuhebeln. Das von CDU und CSU im April 1972 angestrengte Misstrauensvotum scheiterte, Brandt blieb zur Begeisterung vieler Bürgerinnen und Bürger im Amt, und die wenige Monate später neu angesetzte Bundestagswahl geriet als "Willy-Wahl" mit 45,8 % der Zweitstimmen zum Triumph. Dass diesem Zenit nur noch rund eineinhalb Jahre sozial-liberaler Regierung unter ihm als Bundeskanzler folgten, verdeckt gelegentlich die Erinnerung an weitere grundlegende Reformen auch im Inneren des Landes ("Wir wollen mehr Demokratie wagen"), die zwischen den Jahren 1969 und 1974 die Bundesrepublik nachhaltig prägten; auch die Europäischen Gemeinschaften machten insbesondere durch den von Brandt forcierten Beitritt Großbritanniens, Irlands und Dänemarks wichtige Fortschritte.

Der Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers - wegen eines DDR-Spions, der es bis zur Position eines Referenten im Kanzleramt geschafft hatte und der viel zu lange unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stand - bedeutete für Brandt keineswegs den Rückzug auf allen Ebenen. Er blieb SPD-Parteivorsitzender und bespielte weiterhin - einmal sogar mit einer Mandoline in den Händen - seine Partei bis in die Kreisverbände und Ortsvereine hinein. Zugleich machte Willy Brandt sich daran, als Präsident der unter seiner Leitung erstarkenden Sozialistischen Internationale sowie als Vorsitzender der "Unabhängigen Kommission für Internationale Entwicklungsfragen" ("Nord-Süd-Kommission"), wegweisende Denkanstöße im Kampf gegen globale Probleme zu geben und einen weltweiten Dialog zu fördern, der nicht ausschließlich den beherrschenden Ost-West-Konfliktlinien folgte, sondern auch und vor allem die Gegensätze zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden der Welt zu überwinden suchte.

1987 trat Willy Brandt nach mehr als 23 Jahren Amtszeit vom SPD-Parteivorsitz zurück. Im Spätsommer 1989 erschienen seine Erinnerungen - doch die Geschichte war noch nicht zu Ende: die von den Bürgerinnen und Bürgern der DDR angestoßene friedliche Revolution brachte innerhalb weniger Monate die Berliner Mauer zu Fall, und tags darauf war es Willy Brandt, dem am Brandenburger Tor Willy Brandt 1989 am Brandenburger Tor und vor dem Schöneberger Rathaus der wärmste Beifall entgegenschallte. "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört" war ein Satz für die Geschichtsbücher, nicht nur auf Deutschland, sondern auf Europa ingesamt bezogen. Als Ehrenvorsitzender der neu gegründeten SPD in der DDR, als Zugpferd im Wahlkampf zur ersten frei gewählten Volkskammer bzw. später zur Bundestagswahl 1990, als weiterhin ältester Abgeordneter des Deutschen Bundestags und überhaupt als Elder Statesman begleitete Willy Brandt die Monate vor und die Jahre nach dem Vollzug der Deutschen Einheit - und verabschiedete sich im September 1992 mit einem Grußwort an den in Berlin tagenden Kongress der Sozialistischen Internationale u.a. mit den Worten: "Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum - besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll."

Mehr als 60 Jahre politisches Leben voll wichtiger Entscheidungen, illustriert durch bewegende Worte und Bilder - sie scheinen gerade für die jüngsten Generationen bereits weit weg zu sein, und doch haben sie sich längst eingeprägt in das kollektive Langzeitgedächtnis der bundesdeutschen Geschichte. Die Erinnerung an ihn ist hellwach: Willy Brandt galt spätestens nach seinem Tod am 8. Oktober 1992 als "Jahrhundertgestalt", die auch heute (wie Bundespräsident Joachim Gauck im offiziellen Festakt zum 100. Geburtstag feststellte) "immer noch gegenwärtig" ist. Das Gedenken an Willy Brandt, das Ende 1992 einsetzte und in den letzten Monaten des Jahres 2013 mit unzähligen Veranstaltungen und neuen Publikationen (ob als Buch, Fernsehsendung, Zeitschrift, Zeitungsartikel, CD oder Briefmarke) etliche Höhepunkte erreichte, wird auch über den 100. Geburtstag hinaus währen: hierfür sorgt vor allem die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung in Berlin und Lübeck mit ihren Ausstellungen und Editionsprojekten - in Unkel am Rhein initiierte eine separate Bürgerstiftung ein weiteres Museum. Das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn bewahrt auch weiterhin das Willy-Brandt-Archiv, seinen gesamten politischen und persönlichen Nachlass.

 

Weitere Informationen zu Willy Brandt finden Sie direkt hier, unter Bestände / Nachlässe und Deposita.

und unter Persönlichkeiten im Fokushier im Portal zur Geschichte der Sozialdemokratie