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07.04.1919: Räterepublik Bayern

Kurt Eisner, 1918

Am Ende des Ersten Weltkriegs kam es angesichts der sich spätestens ab September 1918 abzeichnenden deutschen Niederlage und der aus der Unterversorgung resultierenden Not in Deutschland zur Novemberrevolution. Ausgehend von der Meuterei von Besatzungen der Hochseeflotte in Wilhelmshaven und dem sich daran anschließenden Kieler Matrosenaufstand breiteten sich innerhalb weniger Tage revolutionäre Umwälzungen im ganzen Deutschen Reich aus und erfasste auch das Königreich Bayern und dessen Hauptstadt München – noch vor der Reichshauptstadt Berlin.

Am 7. November 1918 zogen Friedensdemonstranten durch München, Soldaten aus den Kasernen schlossen sich ihnen an: Nach einer Großdemonstration auf der Theresienwiese rief Kurt Eisner (USPD) in der Nacht den Freistaat Bayern aus. Ohne dass ein Schuss gefallen ist wurde an diesem Tag der erste deutsche Monarch, der bayerische König Ludwig III., abgesetzt. Damit wurde das seit 1180 herrschende Adelsgeschlecht der Wittelsbacher gestürzt. Eisner wurde vom Münchner Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat zum ersten Ministerpräsidenten der bayerischen Republik gewählt. Auch in anderen Städten des neuen Freistaats konstituierten sich Räte, etwa in Nürnberg, Fürth, Würzburg, Schweinfurt, Ingolstadt oder Kempten. Insgesamt gab es im Dezember 1918 etwa 7.000 Räte in ganz Bayern.

Bei den Wahlen zur bayerischen Nationalversammlung am 12. Januar 1919 unterlag die USPD, die mehrheitlich für eine Räterepublik stand, landesweit deutlich mit einem Anteil von 2,5 % der abgegebenen Stimmen. Kurt Eisner wurde, kurz vor seiner geplanten Rücktrittserklärung, am 21. Februar 1919 auf dem Weg zum Landtag von Anton Graf von Arco auf Valley, einem völkischen Rechtsextremisten, ermordet. Nach darauf sich anschließenden Tumulten im Landtag mit Schusswechseln und zwei weiteren Todesopfern wurde die Landtagssitzung vertagt.

Es kam zu einer Art zweiten Revolution - mit einem neugebildeten "Zentralrat der Bayerischen Republik" unter der Führung von Ernst Niekisch. Der SPD-Politiker berief zum 25. Februar den bayerischen Rätekongress ein. Ein Antrag des Anarchisten Erich Mühsam auf Ausrufung der Räterepublik wurde am 28. Februar 1919 mit 234 gegen 70 Stimmen abgelehnt. Der Kongress beschloss dagegen die vorläufige Vertagung des Landtages und erklärte, er stelle den provisorischen Nationalrat dar.

Revolution 1918/19 in München, Demonstration vor dem Landtag, 1919Die Wochen nach Eisners Ermordung waren durch ein Machtvakuum geprägt. Eine vom Kongress am 1. März gebildete Regierung unter Martin Segitz lehnten die Abgeordneten ab. Erst am 17. März traten sie zusammen und wählten Johannes Hoffmann, bereits Kultusminister im Kabinett Eisner, zum neuen Ministerpräsidenten. Der SPD-Politiker war damit der erste demokratisch gewählte Regierungschef in Bayern.

Anfang April 1919 überschlugen sich in München die Ereignisse:

Am 6. April hatten sich im Wittelsbacher Palais Partei-, Gewerkschafts- und Bauernbund-Delegierte versammelt. Es wurde die Gründung eines "revolutionären Zentralrates Baierns" beschlossen. Mit der Führung beauftragt wurden der Schriftsteller und Pazifist Ernst Toller, USPD-Führer seit Eisners Ermordung, der Anarchist Gustav Landauer sowie Erich Mühsam. Viele bayerische Städte schlossen sich der Räterepublik an, unter anderem Rosenheim, Kempten, Lindau, Regensburg, Würzburg, Schweinfurt, Fürth oder Hof. Von den Kommunisten erhielten sie so gut wie keine Unterstützung. Für sie war das neue Gebilde lediglich eine "Schein-Räterepublik".

Johannes Hoffmann war noch am 7. April nach Bamberg geflohen, das in der Folge Regierungssitz in Bayern bis zum 16. August blieb.

Am 13. April kam es unter der Führung von Heinrich Aschenbrenner, einem Kommandanten der zur Bamberger Regierung loyalen Republikanischen Schutzwehr, zu einem Putschversuch gegen die Räterepublik, bei dem einige Mitglieder des Zentralrats kurzfristig verhaftet wurden.

Nach Niederschlagung des Putschversuches durch kommunistische Truppen riefen Betriebs- und Soldatenräte im Hofbräuhaus die "Kommunistische Räterepublik" aus, die nach sowjetischem Vorbild eine "Diktatur des Proletariats" als Ziel hatte. Man bildete Exekutivgremien: einen 15-köpfigen "Aktionsausschuss" und einen aus vier Personen bestehenden "Vollzugsrat", dem Eugen Leviné und Max Levien angehörten. Zudem wurde eine "Rote Armee" unter der Führung von Rudolf Egelhofer gegründet.

Mitte April standen vor den Toren Münchens diverse Freikorpsverbände im Auftrag der Regierung Hoffmann, paramilitärische Truppen, zu einem Gutteil rekrutiert aus desillusionierten Weltkriegssoldaten. Am 16. April 1919 konnten Rotgardisten diese angreifenden Verbände bei Dachau zunächst noch zurückschlagen. Johannes Hoffmann forderte nach dieser Niederlage von Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) Unterstützung von Reichswehrverbänden an, so dass in der zweiten Aprilhälfte 1919 35.000 Mann, bestehen aus preußischen und württembergischen Reichswehr- sowie diversen Freikorpsverbänden, in Richtung München marschierten. Rudolf Egelhofers "Rote Armee" verfügte bestenfalls über 12.000 Angehörige.

Die Bamberger Regierung verhängte am 25. April über München das Standrecht, auf ihrem Vormarsch schreckten die Reichswehr- und Freikorpsverbände nicht vor willkürlichen Erschießungen von vermeintlichen Anhängern der Räterepublik zurück. Als Reaktion darauf nahmen Revolutionäre 14 Geiseln im Münchner Luitpold-Gymnasium und erschossen sie am 30. April.

Am 1. Mai 1919 schlossen die Truppen München ein und eroberten die Stadt bis zum darauffolgenden Tag vollständig. Damit endete die letzte Räteregierung sowohl in Bayern als auch in ganz Deutschland. Die Regierung Hoffmann kehrte einige Wochen später nach München zurück. Das Standrecht wurde am 1. August aufgehoben. Am 14. August wurde die „Bamberger Verfassung“ unterzeichnet, die am 15. September in Kraft trat. Der Kriegszustand endete am 1. Dezember 1919.

Exemplarisch zeigte sich an der Geschichte der Münchner Räterepublik die politische und gesellschaftliche Zerrissenheit im deutschen Reich nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges, die einen parlamentarisch-demokratischen Neuanfang erschwerte und nahezu unmöglich machte.