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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / Juli / Arbeiter Turn- und Sportfest

Erstes Deutsches Arbeiter-Turn- und Sportfest in Leipzig

Frisch und frei, fröhlich und fromm sollten die Anhänger der von „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn angestoßenen Turn-Bewegung sein. Da den meisten Arbeitern eine Aufnahme in die Vereine der deutschnationalen „Deutschen Turnerschaft“ verwehrt oder sie aus eigener Überzeugung abgelehnt wurde, entstanden um 1900 zahlreiche Arbeiterturnvereine. Im Mai 1893 schlossen sich diese zum „Arbeiter-Turnerbund“ zusammen. Nach dem Ersten Weltkrieg nannte sich der Dachverband 1919 in „Arbeiter-, Turn- und Sportbund“ um. Er konnte regen Zulauf verbuchen – gegen Ende der 1920er Jahre zählte er mehr als 700.000 Mitglieder. Anders als in vielen bürgerlichen Turnvereinen gab es hier zahlreiche Angebote für Frauen. Neben dem Spaß am Sport sollte auch das Klassenbewusstsein der Arbeiter und Arbeiterinnen geschult und gefördert werden.

Der Arbeiter-Turn-Verband stand den völkisch orientierten Vereinen, wie dem „Deutschen Fußballbund“ oder dem „Deutschen Schwimmverband“, kritisch gegenüber. Das Programm beinhaltete daher nicht nur Turnsport. Auch Fußball, Handball, Schwimmen und weitere Sportarten wurden organisiert und angeboten. Die „Deutsche Turnerschaft“ warf den Arbeitersportvereinen vor, nicht sittlich und national genug zu sein, um der Idee des Turnens gerecht werden zu können. Den Vorwurf der Unsittlichkeit wollte man auf dem „Ersten Deutschen Arbeiter- Turn- und Sportfest“ 1922 entkräften und die Idee der internationalen Verbrüderung der Arbeiterschaft befeuern. Es wurde vom 22. bis zum 25. Juli in Leipzig ausgerichtet, wo der Arbeiter- Turn- und Sportbund seinen Hauptsitz hatte. Den Vorbehalten der bürgerlichen Vereine begegneten die Ausrichter mit einem hohen Maß an Disziplin und Ordnung: Alle Schauturnen wurden in einheitlicher Kleidung vorgeführt und die Bewohner Leipzigs wurden eingeladen, dem Spektakel beizuwohnen. Rund 100.000 Arbeiter und Arbeiterinnen aus dem Reich und dem Ausland marschierten in einem langen Festzug zu den Leipziger Sportstätten. Finnische, französische, belgische, tschechoslowakische, italienische und schweizerische Arbeitersportvereine nahmen an den Feierlichkeiten und den Wettkämpfen teil. Freiübungen, also die synchrone Ausführung verschiedener Turnübungen auf freiem Feld, wurden von mehreren Hundert Menschen auf einmal gezeigt. Einige der Übungen waren sogar extra auf die Arbeiter zugeschnitten. So gab es etwa das Hammerschwingen, bei welchem jeder Teilnehmer gymnastikartig einen großen Vorschlaghammer umherwirbelte. Anschließend wurden verschiedenste Wettbewerbe ausgetragen. Im Radball, Staffellauf, Fußball, Schlagball, Stabhochsprung, Schleuderballwerfen, Reck- und Barrenturnen, Speerwerfen, Ringen, Seilziehen, Hoch- und Weitsprung, Turmspringen, Wettschwimmen und vielen anderen Disziplinen traten die unterschiedlichen Gruppen und Nationalitäten gegeneinander an. Das Fest war ein großer Erfolg. Es war nicht nur das erste, das der Arbeiter- Turn- und Sportbund ausgerichtet hatte, sondern auch das erste Turnfest nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Während des Kriegs hatten keine Deutschen Turnfeste stattgefunden. Jetzt versammelten sich Turner und Turnerinnen der Arbeiterschaft zur Völkerverständigung.

Bis die Arbeitersportbewegung 1933 von den Nationalsozialisten verboten wurde, hatte der Verband steigende Mitgliederzahlen. Trotz der Zerschlagung der Arbeitersportvereine spielten diese eine wichtige Rolle, an welche die bundesrepublikanische Gesellschaft nach dem NS-Regime anknüpfen konnte. Erst durch die Erschließung des Turnens für eine breite Bevölkerung durch die Arbeitersportbewegung sind Turnvereine zu dem geworden, was sie heute darstellen – eine alle Generationen und zahlreiche soziale Gruppen einbindende Struktur mit einer wichtigen integrierenden und sozialen Funktion innerhalb der demokratischen Gesellschaft.

Broschüre

Material zum Ersten Deutschen Arbeiter- Turn- und Sportfest in Leipzig aus der Bibliothek

Arbeiter Turn- und Sportbund im Online-Katalog Bibliothek der FES