Bestände der SPD-Parteiführung und des Parteivorstandes sowie zentraler sozialdemokratischer Parlamentsfraktionen
Erich Ollenhauer
Bestand: 17,00 lfd.m.
Laufzeit: [1931] - 1963
Lebensdaten: * 27.3.1901 † 14.12.1963
Erich Ollenhauer wurde am 27. März 1901 in Magdeburg geboren. Schon die Eltern - der Vater war Maurer, die Mutter Arbeiterin - waren Sozialdemokraten. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte Ollenhauer eine kaufmännische Lehre. Im Oktober 1916 schloß er sich der Sozialistischen Arbeiterjugend an, im November 1918 trat er in die SPD ein. 1919 ging Ollenhauer als Redaktionsvolontär zur "Magdeburger Volksstimme", wo er ab 1920 als Redakteur tätig war. Von 1920 - 1928 war er Sekretär des Hauptvorstandes der SAJ und ab 1921 Redakteur der Zeitschrift "Arbeiterjugend"; 1928 - 1933 war Ollenhauer SAJ-Vorsitzender. Daneben amtierte er seit 1921 (bis 1946) als Sekretär der Sozialistischen Jugend-Internationale.
Nach seiner Wahl in den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im April 1933 zählte er zu den engsten Mitarbeitern von Otto Wels und Hans Vogel. Mit dem Parteivorstand emigrierte Ollenhauer im Mai 1933 nach Prag. 1935 wurde ihm durch das NS-Regime die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Nach der Verlegung des Sitzes der SOPADE-Führung nach Frankreich setzte Ollenhauer dort die Parteiarbeit, den Kontakt mit illegalen Gruppen und die Zusammenarbeit mit ausländischen Parteifreunden unter schwierigen Bedingungen fort.
Im Mai 1940 wurde Ollenhauer verhaftet und interniert, kam aber kurze Zeit später auf Intervention von Léon Blum wieder frei. Auf abenteuerlichen Wegen gelang den Familien Ollenhauer und Vogel die Flucht von Frankreich über Spanien und Portugal nach England. Nach seiner Ankunft in London im Januar 1941 forcierte Ollenhauer die Zusammenarbeit unter den verschiedenen sozialistischen Gruppen in der Emigration, die sich dann im gleichen Jahr zur Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien zusammenschlossen.
Nach Kriegsende, im Oktober 1945, nahm Ollenhauer an der Konferenz in Wennigsen teil, wo er auch Kurt Schumacher persönlich kennenlernte.
Erst im Frühjahr 1946 konnte er jedoch endgültig nach Deutschland zurückkehren. Er wurde Leiter der Organisationsabteilung des SPD-Parteivorstandes und enger Mitarbeiter Kurt Schumachers in Hannover, wo sich das "Büro Schumacher" nun als "Büro der Westzonen" konstituierte. Im Mai 1946, auf dem ersten Nachkriegsparteitag der SPD in Hannover, erfolgte seine Wahl in den Parteivorstand, im November des gleichen Jahres die Wahl zum Ersten stellvertretenden Vorsitzenden der SPD. In dieser Funktion fiel ihm u.a. die Aufgabe zu, Kurt Schumacher während dessen Krankheiten 1948/49 und 1951/52 zu vertreten.
In der Schlußphase der Beratungen über das Grundgesetz wurde Ollenhauer in den Parlamentarischen Rat delegiert, wo er bei der abschließenden Gestaltung des Grundgesetzes eine maßgebliche Rolle spielte.
Dem Deutschen Bundestag gehörte Ollenhauer von 1949 bis zu seinem Tod an. Er vertrat zunächst den Wahlkreis 118, Bochum, später den Wahlkreis 41, Hannover-Süd. Ollenhauer war Mitglied des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten und des Ausschusses nach Artikel 45 des Grundgesetzes. In den Debatten über den Schuman-Plan und die EVG sprach Ollenhauer für den schwerkranken Schumacher. Berühmt wurde sein Rededuell mit Konrad Adenauer am 7.2.1952. Später wandte sich Ollenhauer entschieden gegen eine atomare Aufrüstung der Bundeswehr. Nach dem Tod Kurt Schumachers wurde Ollenhauer auf dem SPD-Parteitag in Dortmund im September 1952 zum Parteivorsitzenden gewählt; im Oktober übernahm er den Vorsitz in der SPD-Bundestagsfraktion.
Auch nach dem Krieg pflegte Ollenhauer die zahlreichen internationalen Kontakte, die er durch seine Tätigkeit in der Sozialistischen Jugend-Internationale und in der Emigration besaß, und versuchte, sie für die deutsche Politik zu nutzen. Im Juni 1950 nahm er an einer internationalen sozialistischen Konferenz in Kopenhagen teil; auf der COMISCO-Konferenz in Paris im Oktober 1950 machte er die Bedenken der SPD gegen den Schuman-Plan deutlich. Im Juli 1951 amtierte Ollenhauer als Präsident der Internationalen Sozialistenkonferenz in Frankfurt a.M., auf der die Zweite Sozialistische Internationale wiedergegründet wurde.
Ollenhauer wurde zu einem der stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Kurz vor seinem Tod, im September 1963, erfolgte die Wahl zum ersten Vorsitzenden der SI. Ollenhauer, der von 1951 - 1953 als Delegierter der Beratenden Versammlung des Europarats angehörte, war auch Mitglied der Europäischen Vereinigung für Kohle und Stahl. 1951 bereiste er mit 5 weiteren Bundestagsabgeordneten die USA, wo er mit Truman, Marshall und Eisenhower zusammentraf. Weitere Informationsreisen führten ihn 1956 nach Asien und 1957 erneut in die Vereinigten Staaten und nach Israel. Als führender Vertreter der deutschen Opposition suchte er immer wieder das persönliche Gespräch mit ausländischen Politikern.
Mit dem amerikanischen Außenminister Dulles traf er im Februar 1954 zu einer Aussprache in Berlin, im November 1955 in Genf und 1957 in den USA zusammen. Im März 1959 führte er in Berlin ein Gespräch mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow.
Als Reaktion auf die Niederlage der SPD bei den Bundestagswahlen 1957 bot Ollenhauer seinen Rücktritt als Parteivorsitzender an, wurde auf dem SPD-Parteitag im Mai 1958 in Stuttgart jedoch wieder im Amt bestätigt. Dennoch wurden dort einschneidende Veränderungen beschlossen, die auch ihn betrafen. Fritz Heine und Herta Gotthelf, die mit Ollenhauer persönlich eng verbunden waren, wurden aus dem Vorstand abgewählt, dem Vorsitzenden zwei Stellvertreter - Herbert Wehner und Waldemar von Knoeringen - an die Seite gestellt. Im Sommer 1959 verzichtete Ollenhauer auf eine eventuelle Kanzlerkandidatur, die dann von Willy Brandt übernommen wurde; der vom Kanzlerkandidaten aufgestellten "Mannschaft" gehörte er nicht an. Als Konsequenz aus den vergeblichen Bemühungen der SPD, die Regierung zu übernehmen, drängte Ollenhauer auf die Fertigstellung eines neuen Grundsatzprogramms, das 1959 in Bad Godesberg verabschiedet wurde.
Trotz seiner Funktion als erster Parteivorsitzender wurde Ollenhauer in den folgenden Jahren von der neuen Führungsspitze in tagespolitischen Fragen zunehmend in den Hintergrund gedrängt; für die SPD blieb er jedoch eine wichtige Integrationsfigur.
Erich Ollenhauer war seit 1922 mit Martha (geb. Müller), einer Gefährtin aus der Arbeiterjugendbewegung, verheiratet; das Ehepaar hatte zwei Söhne (Peter und Hermann).
Am 14. Dezember 1963 starb Erich Ollenhauer in Bonn.
Bei dem Bestand Erich Ollenhauer handelt es sich in erster Linie um Materialien und Handakten des Büros Ollenhauer beim SPD-Parteivorstand. Dem entsprechen die Laufzeit des Bestandes, die schwerpunktmäßig die Jahre 1946 - 1963 umfaßt, und die Zugehörigkeit zu den Akten des SPD-Parteivorstands.
Ergänzt bzw. angereichert wurde der Bestand durch persönliche Unterlagen, die (in unterschiedlicher Dichte) die Stationen der Emigration in Prag, Frankreich und England belegen, durch private Korrespondenz aus den Nachkriegsjahren, biographische Materialien sowie Kondolenzen zum Tod Ollenhauers. Mit Beginn der Ordnungsarbeiten kamen außerdem Unterlagen aus dem Bestand Kurt Schumacher hinzu (alte Signaturen: Bestand Schumacher, J 77, J 102, J 103, J 104, J 105, J 106, J 108, J 117).
Hier handelte es sich eindeutig um Handakten Ollenhauers, die fälschlicherweise in den Bestand Schumacher integriert worden waren. Bearbeitet wurden ferner eine Reihe bis dahin noch völlig ungeordneter Materialien, die im Laufe der Zeit dem Bestand hinzugefügt worden waren.
Die Altregistraturen weisen zum Teil Lücken auf. Vergleichsweise umfassend belegt sind jedoch die "publizistischen Äußerungen" Ollenhauers, wobei diese Aktengruppe für die Jahre 1920 - 1939 durch nachträglich zusammengetragene Kopien angereichert wurde. Sämtliche Publikationen wurden chronologisch geordnet.
Einen weiteren umfangreichen Block bildet die Korrespondenz. Sie umfaßt den Zeitraum 1946 - 1963. Im Hinblick auf die Entstehungsgeschichte des Bestandes wurde diese Gruppe in der ursprünglichen Aufteilung Korrespondenz - Inland / Korrespondenz - Ausland / Private Korrespondenz belassen. Innerhalb der einzelnen Korrespondenzbereiche mußte jedoch eine völlige Neuordnung vorgenommen werden. Weder war die vorgegebene Aufgliederung stringent durchgehalten (so war insbesondere die Trennung zwischen Inlands- und Auslandskorrespondenz nicht konsequent durchgeführt) noch existierte eine auch nur annähernd korrekte Ablage. Die Korrespondenz der 40er und 50er Jahre war ohnehin zu größeren Jahrgangsblöcken zusammengefaßt, die bei der Neuordnung völlig aufgelöst werden mußten. Alle Korrespondenzen sind nunmehr jahrgangsweise unter alphabetischen Gesichtspunkten verzeichnet, wobei die für die damalige SPD-Ablage charakteristischen meist personenbezogenen Kleinstdossiers erhalten blieben.
Die Sachakten umfassen insbesondere Unterlagen aus dem SPD-Parteivorstand, hausinterne Vorgänge aus der Parteizentrale, Korrespondenzen mit den Parteigliederungen und der SPD nahestehenden Organisationen sowie Materialien zur programmatischen Diskussion. Besonders hervorzuheben ist, daß sich im Bestand Ollenhauer Unterlagen aus dem Sicherheitsausschuß beim SPD-Parteivorstand erhalten haben. Ausführlich belegt ist außerdem die Diskussion um EVG-Vertrag und Wiederaufrüstung; auch zur Außen- und Deutschlandpolitik liegen umfangreiche Materialien vor. Erhalten geblieben sind ferner die Aktengruppen "Reisen" und "Wahlen" ab 1956. Die früheren Jahre sind jedoch gar nicht oder nur durch Einzelstücke belegt. Eine eigene kleine Sachgruppe wurde für Materialien aus der Emigration gebildet. Sie beziehen sich schwerpunktmäßig auf die Internierung Erich und Peter Ollenhauers und die Vorbereitungen für die Ausreise aus Frankreich.
Bei der Bearbeitung der Sachgruppen war in der Regel eine chronologische Neuordnung erforderlich. Wo es sinnvoll erschien, wurden jedoch die vorgegebenen Ordnungskriterien belassen. So wurde etwa auf ein Auseinanderreißen der vorwiegend nach Parteivorstandsmitarbeitern abgelegten Vorgänge in der Rubrik "SPD-Parteivorstand / Interne Vorgänge und Mitteilungen" verzichtet.
Bei der Beschreibung der einzelnen Mappen erfolgte die Erfassung der Unterlagen durch Titelbildung, formale Kriterien und Angaben über die Laufzeit. Bei der Verzeichnung der Korrespondenz und der Sachakten, die in nennenswertem Umfang Korrespondenz enthalten, wurden jeweils die wichtigsten Korrespondenzpartner namentlich aufgeführt. Alle im Text genannten Personen sind durch ein Personenregister erschlossen.
- Persönliche Unterlagen
- Veröffentlichungen ad personam
- Tod Erich Ollenhauers: Trauerfeiern und Nachrufe / Kondolenzschreiben / Kondolenzschreiben an Martha Ollenhauer
- Publizistische Tätigkeit: Materialien zu Publikationen
- Allgemeine Korrespondenz Inland
- Allgemeine Korrespondenz Ausland
- Private Korrespondenz
- Glück- und Genesungswünsche: Geburtstagswünsche / Glückwünsche zu verschiedenen Anlässen / Genesungswünsche
- Emigration: Aufenthalt der Familie Ollenhauer in Frankreich / Abrechnungen / Abschiedsfeier London
- SPD-Parteivorstand: Hausinterne Vorgänge und Mitteilungen
- Kontakte zu SPD-Gliederungen: Ortsvereine, Bezirke, Landesverbände
- Parteidiskussion und Parteiprogrammatik: Konferenz "Unsere Aufgaben in der Zweiten industriellen Revolution" / Parteidiskussion 1957 / Godesberger Programm / Kulturpolitik / Vorschläge Waldemar von Knoeringens
- SPD-Parteivorstand: Materialien zur Aufrüstungsdebatte
- Sicherheitsausschuss beim Parteivorstand der SPD
- Arbeitsausschuss "Kampf dem Atomtod"
- Wahlkampf / Öffentlichkeitsarbeit
- Sozialistische Jugend Deutschlands "Die Falken"
- Seliger-Gemeinde / Wenzel Jaksch
- Kontakte zur Bundesregierung: Konrad Adenauer / Kontakte zur Bundesregierung und zu den Fraktionen von CDU/CSU und FDP im Bundestag / Diskussion über eine Koalition mit der CDU/CSU
- Außen-, Sicherheits- und Deutschlandpolitik: Außen-, Sicherheits- und Deutschlandpolitik allgemein / Vertrauliche Dossiers zur Deutschlandpolitik / Deutschlandvertrag und EVG-Vertrag / Wehrbeitrag / Allgemeine Diskussion / Rechtsstreit um den Wehrbeitrag / Pariser Verträge
- Europapolitik: Aktionskomitee für die Vereinigten Staaten von Europa / Europafragen / Gemeinsamer Markt und Euratom / Gemeinsame Versammlung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl / Sozialistische Fraktion
- Deutscher Gewerkschaftsbund
- Deutsche Angestellten-Gewerkschaft
- Handakten und Dossiers: Ruhrfrage / Saarfrage / Vertrauliche Berichte über die DDR und andere Ostblockländer / Vertrauliche Informationen über rechts- und linksradikale Organisationen und Gruppierungen / Herbert Wehner und Willy Brandt / Bjarne Braatoy
- Prozesse
- Reisen
- Ablage "Kuriosa"
Erich Ollenhauer im Online-Katalog Bibliothek der FES


