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Flucht vor Hitler oder Widerstand

Analyse von Erik Nölting "Die Nationalsozialisten" (1929)

Erik Nölting
Die Nationalsozialisten
In: Volksstimme. Organ der Sozialdemokratie für Südwestdeutschland, 40. Jg. 1929, Nr. 266 (13. Nov. 1929)

Die Nationalsozialisten sind ein Gewächs jenes politischen Sumpfbodens, in den ein verlorener Krieg, ein hartes Diktat der Siegermächte und eine reaktionäre Politik im Innern Deutschland verwandelten. Mit gewissenloser Demagogie haben sie durch eine lärmvolle Agitation alles zusammenzubringen versucht, was sich durch die Ereignisse der letzten Jahre, die niemand befriedigt haben, enttäuscht, verletzt und betrogen fühlte. [...]

In den Reihen der Nazis laufen Freischärler, Putschisten, Landsknechtsnaturen, die das Kriegsabenteuer nicht verwinden können, durcheinander mit unreifen Gymnasiasten, konfusen Studenten und hysterischen Hitlerjungfrauen. Diese, bei allem Geschrei höchst harmlose, romantische Kerntruppe der Bewegung würde man sich selbst überlassen können, wenn nicht in letzter Zeit größere Kreise des städtischen und bäuerlichen Mittelstandes der nationalsozialistischen Agitation verfallen wären, die auch in der Industriearbeiterschaft einige Erfolge erzielen konnte. [...]

Als bloßer Radauklub, der sich um jede praktische Verantwortung herumdrücken kann, wird in skrupelloser Demagogie jedem jedes versprochen. Den betrogenen Inflationsgeschädigten verheißt man volle Aufwertung, den Handwerker und Händler leimt man mit dem Lockwort vom Kampf gegen Warenhäuser und Konsumvereine. Dem Bauer werden hohe Lebensmittelpreise, dem Arbeiter mit gleichem Atem hohe Löhne und billige Lebenshaltung in Aussicht gestellt. Auf welchem Wege man diese sich zum großen Teile direkt widersprechenden Ziele erreichen könnte, hat noch kein Nationalsozialist aufgezeigt. [...]

Bei ihren Versammlungsreden begnügen sie sich damit, hohle Gemeinplätze aufzustellen und alles Bestehende schonungslos zu zerreißen. Politischer Tamtam, Umzüge, Fahnenaufmärsche, Blechmusik und Heilrufe müssen die fehlenden Gedanken ersetzen.

Die Reden der Führer strotzen von geschwollener Blutrünstigkeit und leerer Kraftmeierei. Köpfe, die bei der nationalsozialistischen Revolution in den Sand rollen werden, Laternenpfähle und Galgen, an die man die Gegner aufknüpfen wird, spielen dabei eine große Rolle. Der Nationalsozialist liebt den scharfen Beiguß der Schimpfworte, er ist ein Meister jener Gruselromantik, die dem politischen Spießer eine Gänsehaut verursacht. Stark in erlogenen Behauptungen, kümmert man sich wenig um den Beweis, weshalb ein nationalsozialistischer Redner nach dem anderen wegen Verleumdungen und grundloser Verdächtigungen vor die Gerichte gestellt und abgeurteilt wird, sofern es ihm nicht gelingt, sich hinter feigen Ausreden oder hinter der Abgeordneten-Immunität zu verstecken. [...]

Die nationalsozialistischen Bombenattentate aus der letzten Zeit sind in aller Munde. Zu wiederholtem Malen ist in einwandfreien Gerichtsurteilen eine Beteiligung organisierter Nationalsozialisten an empörenden Friedhofsschändungen festgestellt worden (so in Göttingen, Gladbeck, Gerolshofen, Binswangen, Erfurt und vielen anderen Orten). Man lasse sich nicht dadurch irre machen, daß die Nationalsozialisten die ertappten Übeltäter veranlaßten, schleunigst ihren Austritt aus der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei anzumelden, um auf diese Weise die Spuren von sich abzuwischen. In Bremen wurde noch kürzlich der Nationalsozialist Nothdurft wegen roher Mißhandlung eines dreizehnjährigen jüdischen Knaben zu drei Monaten Gefägnis verurteilt. Aber auch da, wo die unmittelbare Beteiligung von Nationalsozialisten bei ähnlichen Roheitsakten nicht gerichtlich bekundet werden konnte, ist ihre moralische Mitschuld stets gegeben. Denn sie sind verantwortlich für jene Stimmung, aus der solche Greueltaten entstehen, verantwortlich für die wüsten Schlammwogen von Schmutz, Schmähwort und Verleumdung, die allein in sieben Fällen schulpflichtige Kinder dahin führte, die Ruhe der Toten zu entweihen.

Die Sozialdemokratische Partei führt den politischen Kampf ohne Zimperlichkeit, aber sie kämpft mit geistigen Waffen, sie kämpft nicht gegen Menschen, sondern gegen gesellschaftliche Institutionen, und sie verschmäht es, gleich den Nationalsozialisten in Bett-, Ehe- und Abstammungsgeheimnissen ihrer politischen Gegner herumzuschnüffeln. [...]

Die Nationalsozialisten behaupten von sich, eine sozialistische, den Kapitalismus bekämpfende Partei darzustellen, Rebellion gegen den Trustkapitalismus und die in ihm erfolgenden Konzentrationsprozesse wird immer allgemeiner. Auch die kleinbürgerlichen und mittelständlerischen Schichten werden zunehmend von dieser Empfindung ergriffen, ohne daß die mehr dumpfgefühlte Feindschaft sich sogleich zu erwecktem Klassenbewußtsein klärt. Für diese in Unruhe versetzten, aber noch nicht zur deutlichen Erkenntnis ihrer gesellschaftlichen Lage gelangten Schichten ist die Nationalsozialistische Partei heute die Aufnahmestation, in der sich allerlei proletarische Elemente ansammeln. Der immerhin vorhandene Klasseninstinkt dieser Gefolgschaft will seine Opfer haben; so konstruierte man den Popanz eines jüdischen Bankenkapitals, das nach der nationalsozialistischen Heilslehre allein zu bekämpfen ist, während das sogenannte arische (lies schwerindustrielle) Kapital unversehrt bleibt. Deshalb kämpft man in lächerlicher Inkonsequenz gegen das Warenhaus, während man den schwerindustriellen Konzern ohne Widerspruch schluckt. Den kapitalistischen Unternehmen kann es nur angenehm sein, wenn die grundsätzliche Gegnerschaft gegen den Kapitalismus dadurch abgebogen wird, daß man sie auf die Attrappe des jüdischen Banken- und Handelskapitals ablenkt, während doch in Wirklichkeit die einzelnen Erscheinungsformen des Kapitals im derzeitigen Entwicklungsstadium des Kapitalismus längst zur Einheitsform des Finanzkapitals zusammengeflossen sind. Durch die verfehlte nationalistische Taktik wird aus wirksamer Erkämpfung auf diese Weise ein bloßer nichts fruchtender Scheinalarm. Auf dieser Basis kam das famose Bündnis Hugenberg-Hitler zustande, denn der schwerindustrielle Diktator erkannte sofort, daß hier eine faschistische Avantgarde des Kapitals billig zu haben war. So konnte Hitler seine berühmte Rede vor den Industriellen in Essen halten, bei welcher Gelegenheit man gegenseitig beteuerte, daß man sich nicht weh tun würde, und wo der Führer soviel anders sprach, als wenn er in einem Münchener Bierkeller vor seinem Proletariergefolge steht.

In Verfolg dieser Interessengemeinschaft gehen die Nazis in letzter Zeit immer mehr zur Bildung sogenannter „weißer Zellen“ in den Belegschaften der großen Betriebe über, um die Gewerkschaftsfront durch eine Neuauflage gelben Gewerkschaftlertums auseinander zu brechen. Mit dieser neuen Schwenkung begannen für die Hitler-Partei die großen unterirdischen Geldströme aus dem Geldschrank der Schwerindustrie zu fließen. Die Thyssen, Borsig, Hugenberg und Konsorten geben ihre Gelder nicht umsonst, aber Buchungen auf dieses Unkostenkonto lohnen sich. So billig, für ein wollenes Braunhemd, für eine imitierte Lederhose und ein paar Glas Bier ist anderwärts keine Lohnbrechertruppe der kapitalistischen Reaktion zu kaufen. Wohin die Kapitalströme fließen, wandern auch die Gesinnungen; ob Nationalsozialisten, Stahlhelm, Altdeutscher Verband, Reichslandbund, oder christlich-nationale Bauern, der alte Hader ist begraben, seit Hugenbergs Geldströme sie alle in gleicher Weise befruchtet. Alles marschiert in einer großen innerpolitischen Oppositionsfront zum Ziele faschistischer und schwerindustrieller Diktatur.

Damit ist der romantische Schimmer dahin, der einst über der Hitler-Bewegung lag. Der Traum von völkischer Wiedergeburt, von rassisch und sittlich-religiöser Erneuerung ist ausgeträumt. Geblieben aber ist der soziale und wirtschaftliche Kampf gegen die Sozialdemokraten, gegen die freien Gewerkschaften, gegen die Arbeiter-Konsumvereine. [...]

Indem die nationalsozialistische Bewegung in das Kielwasser der Schwerindustrie abglitt, rief sie uns, die sozialdemokratische Millionenpartei, und unsere festen Verbündeten, die freien Gewerkschaften, auf den Plan. Der antisemitisch-völkische Schwarmbund brauchte uns wenig zu kümmern, die gelbe Streikbrecherorganistation aber ist unser Todfeind.