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Flucht vor Hitler oder Widerstand

Analyse von Carl Mierendorff "Was ist der Nationalsozialismus" (1931)

Carl Mierendorff
Was ist der Nationalsozialismus. Zur Topographie des Faschismus in Deutschland
In: Neue Blätter für den Sozialismus. Zeitschrift für geistige und politische Gestaltung, hrsg. von Eduard Heimann, Fritz Klatt, August Rathmann, Paul Tillich, 2. Jg. 1931, H. 4 (April 1931), S. 149-154.

I.

[...] Gewiß spielt das ökonomische Moment in dieser Bewegung eine große Rolle. Aber daneben wirken auch andere außerökonomische Faktoren mit, die für die Entstehung des Nationalsozialismus nicht nur gleichbedeutend sind, sondern deren Hinzutreten der Bewegung erst das eigentliche Gepräge gegeben hat, so daß man im Grunde von drei Wurzeln des Faschismus in Deutschland sprechen kann: einer ökonomischen, einer ideologischen und einer psychologischen.

Was unter der ökonomischen Wurzel zu verstehen ist, braucht wohl nicht besonders ausgeführt zu werden. Es handelt sich um die soziale Notlage, die durch die Wirtschaftskrise an sich und durch ihre Verschärfung auf Grund der Nachtkriegssituation in Deutschland gegeben ist. Die ideologische Wurzel hat zwei Arme. Sie heißen: Nationalismus und Antiparlamentarismus. [...]

Die dritte Wurzel, die psychologische, betrifft in erster Linie die Jugend. Aber hier hat nicht bloß der Generationengegensatz schlechthin ein politisches Gesicht bekommen, auch die spezifisch jugendliche Haltung der Bewegung, als da sind Romantik, echter oder falscher Heroismus, spielen hier die ausschlaggebende Rolle. [...]

Man muß auch nach den Tendenzen fragen, die die Bewegung beherrschen. Dann zeigt sich, daß drei Haupttendenzen überwiegen: 1. die antikapitalistische Tendenz, 2. die antiproletarische bzw. die antimarxistische Tendenz, 3. die antidemokratische Tendenz. Eine vierte Tendenz, die antisemitische, hat früher dominiert. Ihr kommt heute nur noch regionale oder Nebenbedeutung zu. Die anderen haben das Übergewicht erhalten.

II.

[...] Zum Verständnis für die antiproletarische (d. h. antimarxistische) Haltung aber muß man schon weiter ausholen. Es ist kein Zufall, daß gerade in diesem Zusammenhang Schlagworte wie die vom „Dolchstoß“ und den „Novemberverbrechern“ sowie die fast hysterische Ablehnung jeglicher Belastung Deutschlands mit irgendwelcher Schuld am Kriege eine Rolle spielen. Ich glaube, man kann diese Vorgänge nur so deuten, daß das Bürgertum den historischen Tatbestand des politischen und militärischen Zusammenbruchs im Weltkriege gewaltsam in sein Unterbewußtsein verdrängt. [...]

Bei der Bauernschaft liegen die Dinge ähnlich, wenn auch weniger kompliziert. Sozial ist sie der Schicksalsgefährte des Mittelstandes im Kampf um die Erhaltung der Selbstständigkeit der Existenz, vornehmlich in der heranwachsenden Generation. Der Kampf der Landwirtschaft hat sogar schon lange vor der Weltwirtschaftskrise einen nahezu verzweifelten Charakter getragen. Und auch für die Bauernschaft gilt jene These des Erwachens zum politischen Machtbewußtsein wie beim Bürgertum. Am interessantesten ist der Fall bei der Angestelltenschaft gelagert. Was sich hier abspielt, ist nicht bloß ein Ausdruck sozialer Not und Verzweiflung; es treten tiefgehende subjektive Momente hinzu. Vor dem Kriege war die Angestelltenschaft der ausgesprochene Träger von Chauvinismus und Imperialismus. Hilferding hat im Finanzkapital dazu Feststellungen von klassischer Prägnanz gemacht. Heute ist die Angestelltenschaft zahlenmäßig beispiellos gewachsen. Sie ist das jüngste Kind der kapitalistischen Entwicklung, das jüngste Glied des Proletariats. Ihre Erscheinung ist mit der Phase des Monopol- und Hochkapitalismus von heute aufs engste verknüpft. [...]

Was sich hier abspielt, ist im Grunde nur die Wiederholung eines Prozesses, den das Handarbeiterproletariat in seiner Frühzeit durchgemacht hat: die Irrungen und Wirrungen vor dem Erwachen zur Klasse. So ist der Kampf der Angestellten in den Reihen des Nationalsozialismus, der antikapitalistisch und zur gleichen Zeit antiproletarisch ist, nichts anderes als ein Kampf gegen die Zurechnung zum Proletariat, zu dem man de facto gehört, während man subjektiv „der neue Mittelstand“ sein will. [...]

III.

Zu den verschiedenen Tendenzen, die im Nationalsozialismus sind, nur so viel: für die antikapitalistische Tendenz ist charakteristisch, daß sie nicht in die bereits vorhandene sozialistische Bewegung einmündet, um im Bündnis mit den dort vorhandenen Kräften zu wirken. Im Gegenteil, sie formiert sich ausgesprochen im Gegensatz zu der vorhandenen sozialistischen Bewegung (dem „Marxismus“) als eigenständige „nationalsozialistische“ Bewegung. Ursache und Erklärung ist in der bereits oben erwähnten antiproletarischen Tendenz zu suchen. Bei aller antikapitalistischen Haltung ist das wirtschaftliche wie gesellschaftliche Rivalitätsgefühl mit dem Proletariat eben so stark, daß eine Verbindung unmöglich wird. Typisch hierfür erscheint mir die Haltung der Studentenschaft, die von dem gesellschaftlichen Machtanspruch der Arbeiterschaft, vertreten durch Partei und Gewerkschaften, sich in der Vormachtstellung bedroht fühlt, die sie – bzw. das Bürgertum – bisher in Staat und Verwaltung besessen hat. Es ist der Kampf um die reservierten Plätze in der Verwaltung z. B., die bisher für das Bürgertum und seine Söhne allein offenstanden und jetzt auf Grund der politischen Machtverhältnisse von Vertretern des Proletariats beansprucht werden. Nicht umsonst spielt das Schlagwort vom „Parteibuchbeamten“ beim nationalsozialistischen Angriff eine solche Rolle. Ist schließlich der Kampf gegen den „Marxismus“ etwas anderes? Materiell bedeutet er für Bürger und Bauern dasselbe, den Kampf gegen zuviel Soziallasten, Kampf gegen die Idee des „Wohlfahrtstaates“. Für die Angestellten, die Studenten, überhaupt für die bürgerliche Jugend hingegen bedeutet er andrerseits Protest gegen zuwenig Aufstiegmöglichkeiten im weitesten Sinne. Nimmt man nur diese wenigen Momente zusammen, so vermag man wohl den starken antiproletarischen Zug dieser Bewegung eher zu begreifen.

Am beachtenswertesten ist aber die antidemokratisch-antiparlamentarische Tendenz. Sie bildet sozusagen die Krönung des ganzen, weil erst durch die Zusammenfassung der sozialen und nationalistischen Protestbewegung einer antidemokratischen, antiparlamentarischen Spitze die Bewegung ihren eigentlichen faschistischen Charakter erhält. Damit wird sie aber erst gefährlich. Diese scharf antiparlamentarische, antidemokratische Tendenz des Nationalsozialismus kommt zum Ausdruck in den Schlagworten der Bewegung. Hierbei ergibt sich aber auch die Frage, ob dieser Antiparlamentarismus echt ist, d.h. ob er grundsätzlich fundiert ist oder nur opportunistischen Charakter trägt. Der Umstand, daß gerade zwei Schlagworte wie „Bonzentum“ und „Parteienstaat“ im Vordergrund des Kampfes dieser Bewegung stehen und sie viel stärker beherrschen als die positive Diktaturforderung, läßt darauf schließen, daß die Ursache für die antidemokratische Haltung der nationalsozialistischen Wähler mehr auf spezifisch deutsche Mängel in der Demokratie als auf ihre Erscheinung an sich zurückgeht. Diese Betrachtung ist insofern wichtig, als davon in hohem Maße die Frage abhängt, was am zweckmäßigsten zur Bekämpfung des Nationalsozialismus zu geschehen hat.

IV.

Hat man sich so einigermaßen Klarheit über den Standort des Gegners, die Wurzeln seiner Kraft und die Schwäche seiner Stellung verschafft, so wird es nicht schwer fallen, die richtigen Gegenmaßnahmen zu treffen, um bei seiner Bekämpfung den größten und raschesten Erfolg zu erzielen. Dreierlei ist erforderlich: zum ersten: Überwindung der Krise, wobei man sich aber darüber nicht täuschen darf, daß auch nach einer wesentlichen Milderung der gegenwärtigen Lähmung infolge der strukturellen Arbeitslosigkeit durch weltwirtschaftliche Umschichtung und Rationalisierung noch immer ein sehr starker dauernder Druck auf dem Arbeitsmarkt zurückbleiben wird. Mit der Überwindung der Krise allein ist also nichts getan. Wenn wir den Faschismus in seiner deutschen Erscheinungsform überwinden wollen, werden wir unser Augenmerk darauf richten müssen, auch die beiden anderen großen Quellen zu verstopfen, aus denen er gespeist wird: die nationalistische und die antidemokratische. Und man übersehe nicht, daß diese Kräfte Eigenleben erhalten, je länger sie unter dem Druck der Wirtschaftskrise geweckt und aufgewühlt und politisch-organisatorisch gebunden werden können. Am schwersten dürfte die Arbeit gegen den Nationalismus sein. Auf schmalem Grat zwischen verschwommenem Internationalismus und Rückfall in den Nationalismus selbst führ hier der Weg: klare nüchterne Anwendungen der Gedankengänge sozialistischer Weltpolitik auf die unmittelbaren Probleme der Gegenwart (Europa!) kennzeichnet ihn. Bedeutend leichter scheint es hingegen, die deutsche Demokratie von ihren Schlacken und Konstruktionsfehlern zu befreien, die sie heute so unpopulär machen. Analysiert man nämlich diese Feindschaft gegen die Demokratie, so ergibt sich, daß der nationalsozialistische Haß gegen die Demokratie sich zumeist an ihren Unzulänglichkeiten entzündet. Die gilt es in erster Linie zu beseitigen.