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Flucht vor Hitler oder Widerstand

Aus dem Urteil des 4. Strafsenats des Kammergerichts Berlin vom 4. Februar 1936 gegen Alfred Nau und vierzehn weitere Personen

Die Arbeit der illegalen SPD

Bereits während des Jahres 1933 wurde von alten Anhängern und Funktionären der SPD der Versuch gemacht, diese Partei in illegaler Weise wieder aufzubauen. Im Inlande gingen die Bestrebungen zunächst dahin, frühere Mitglieder der SPD für die illegale Arbeit zu werben, ihnen den Glauben an die Möglichkeit einer Wiederaufrichtung der alten Partei zu vermitteln, sie miteinander in Verbindung zu bringen und allmählich größere Kreise von Anhängern der SPD zusammenzuschließen. Aus diesem Gedanken heraus wurden innerhalb Deutschlands Werbereisen veranstaltet. Diese verfolgten als nächstes Ziel, bei geeignet erscheinenden ehemaligen Mitgliedern der SPD die Stimmung zu erkunden und gegebenenfalls für ihre künftige Mitarbeit den Boden zu bereiten.

Als Werbematerial wurde aus dem Auslande eine große Menge von Hetzschriften bezogen. Das eingehende Material wurde in Postanlaufstellen bearbeitet. Sorgfältig aufgebaute Verteilerketten leiteten das illegale Schrifttum in weitere Kreise der Bevölkerung. An der Förderung der illegalen Arbeit in Deutschland nahmen Propagandastellen und Büros, die nach der Machtübernahme von Emigranten im Auslande geschaffen worden waren, vielfach in entscheidendem Umfange teil.

Eine große Anzahl ehemaliger Hauptfunktionäre der SPD war nach der nationalsozialistischen Revolution nach Prag geflüchtet. Im Prager Vorstand der illegalen SPD sind nach den Feststellungen des Geheimen Staatspolizeiamts vor allem Wels, Stampfer, Vogel sowie der frühere Sekretär des Wels, Otto Schönfeld, tätig. Letzterer fährt mit dem Mercedeswagen P 21064 häufig nach Deutschland und erhält in Prag gelegentlich Besuche von seiner in Berlin wohnenden Schwester.

Zwischen dem Prager Parteivorstand und den illegalen Organisationen der SPD in Deutschland ist ein ständiger Kurierdienst eingerichtet. Die Kuriere fahren in der Regel am Sonnabend über Leipzig oder Dresden zur deutsch-tschechischen Grenze, weil an diesem Tage der starke Grenzausflugsverkehr ihr Treiben tarnt. Die Treffpunkte werden mit dem Prager Vorstand vorher schriftlich über den tschechischen Staatsangehörigen Pokorny vereinbart. Pokorny wohnt in Prag-Doldi; auf Grund einer Verfügung des Regierungspräsidenten in Düsseldorf ist er im April 1933 wegen staatsfeindlicher Betätigung ausgewiesen worden. Er ist der Postempfänger für die illegalen Drucksachen des Parteivorstandes.

Der Emigrant Crummenerl hat in der legalen Zeit aus Parteigeldern dem inzwischen geflüchteten Kriedemann und einem der Angeklagten erhebliche Summen zur Errichtung eines Kurzwellensenders auf einer Insel bei Ketzin sowie zur Anschaffung eines Motorboots zur Verfügung gestellt. Gegenwärtig bearbeitet er in der Prager Leitung der illegalen SPD die Kassenangelegenheiten. Als Kurier für Geldbeförderung ist ihm ein gewisser aus Magdeburg stammender Emigrant namens Karbaum zugeteilt.

Weiter sind beim Prager Parteivorstand die ehemaligen SPD-Mitglieder Leeb und Ollenhauer tätig.

Dr. Rinner war bis zur Machtübernahme im "Vorwärts"-Gebäude in Berlin als Kassierer der SPD tätig. Seine Eltern und seine Verlobte sind daselbst wohnhaft. Er beabsichtigte daher ursprünglich, nach Auflösung der Partei sich in Berlin als Steuerberater niederzulassen, gab diesen Plan jedoch später als aussichtslos auf. Noch im August 1933 hatte er mit einigen der Angeklagten Zusammenkünfte und Besprechungen in Berlin Gegenwärtig ist er einer der führenden Köpfe der illegalen SPD in Prag. Bei der im August 1934 nach Prag einberufenen Tagung aller Führer der illegalen Organisationen, auf der das neue Programm der Einheitsfront besprochen wurde, wirkte er in erster Reihe mit.

In besonders rühriger Weise ist der frühere Dresdner Rechtskonsulent Thiele als illegaler Grenzsekretär tätig. Er hält sich in Bodenbach auf und befördert die Postsachen, die fast täglich von Angestellten und Arbeitern des Transportgewerbes über die Grenze gebracht werden. In gleicher Weise bedient er sich der tschechischen Arbeiter, die in Deutschland tätig sind. Thiele zensiert die illegale Post aus Emigrantenkreisen, läßt sie durch seine Verbindungsleute nach Dresden bringen, dort mit Briefmarken versehen und der Post übergeben. In eiligen Fällen wird auch der ordnungsgemäße Bahnweg benutzt.

Die Verständigung der Kuriere mit den Prager Stellen erfolgt in der Weise, daß in einem Brief mit harmlosem Inhalt der Treffpunkt zwischen den Zeilen mit unsichtbarer Tinte vermerkt wird. Nach Behandlung mit Eisenchlorid wird die Schrift sichtbar. Bei den Treffs werden Berichte über die Stimmung in Deutschland, die innerpolitische Entwicklung und die Verhältnisse in einzelnen Betrieben gegeben, sowie gleichzeitig Bestellungen auf illegale Druckschriften entgegengenommen.

Um wichtigere Berichte über die Grenze zu schaffen, werden verkleinerte unentwickelte Filme verwendet, die in einem weißen Briefumschlag mit schwarzer Fütterung versandt werden. Findet eine Kontrolle statt, so werden die Filme durch das eindringende Licht vernichtet. Andernfalls werden sie am Bestimmungsort entwickelt. Die technischen Vorbereitungen für den Nachrichtendienst werden von Kurt Lorenz ausgeführt.

Lorenz stammt aus Dresden und wohnt jetzt in Bodenbach-Tetschen.

Crummenerl, Dr. Rinner und Ollenhauer werden nach Mitteilung der Anklagebehörde vom Oberreichsanwalt verfolgt.