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Flucht vor Hitler oder Widerstand

Teil 1: 1930 bis 1933

Seit 1923: Der Nationalsozialismus – eine Bedrohung für die Arbeiterbewegung

Die Sozialdemokraten haben frühzeitig, genau genommen bereits nach dem Hitler-Putsch 1923 in München, auf die Bedrohung hingewiesen, die der Nationalsozialismus für die Weimarer Demokratie bedeutete. In Flugschriften, Wahlplakaten, Broschüren und Zeitschriften, mit Vorträgen und Reden im Reichstag und bei Versammlungen und Parteitagen wandten sie sich gegen die nationalistische und antidemokratische Propaganda der NSDAP und enthüllten die kriminellen Machenschaften ihrer führenden Vertreter. Sie waren überzeugt davon, dass die Nationalsozialisten an der Macht die Arbeiterbewegung zerschlagen würde, wie das bereits der italienische Faschismus gezeigt hatte : (Dokument im Anhang : Artikel von Nölting).

Eine solche Deutung passte nicht in das Konzept konservativer bürgerlicher Politiker, die die Nationalsozialisten durch die Beteiligung an der autoritär modifizierten Regierungsmacht zähmen zu können glaubten. Spätestens nach den Septemberwahlen des Jahres 1930, die die NSDAP von 2,6 % auf 18,3 % der Wählerstimmen hochschnellen ließen, wurde die SPD mehr und mehr die einzige wirkliche vorbehaltslose republikanisch-demokratische Partei, die die Wertgehalte der Weimarer Verfassungsordnung bewahren wollte. Bereits 1929 nach Wahlen in einigen Reichsländern, die die Erfolge der NSDAP signalisierten, begann die SPD eine breite Palette von Abwehrstrategien gegen den Nationalsozialismus zu praktizieren. Die Republikschutzgesetzgebung wurde erweitert; in jenen Ländern, in denen Sozialdemokraten als Innenminister wirkten (Preußen, Baden, Hessen-Darmstadt, Hamburg), wurde die NSDAP auch mit administrativen Mitteln wie Verboten von Kundgebungen, Tragen von Uniformen bekämpft. Auch versuchte die Partei bis in die Mittelschichten hinein, bei den Bauern, Handwerkern und Händlern, die nationalsozialistische Agitation propagandistisch zu bekämpfen.

Alle prominenten Mandats- und Funktionsträger, aber auch Hunderttausende einfacher Mitglieder der SPD, der sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaften und des Reichsbanners engagierten sich in Wahlkämpfen, auf Demonstrationen und bei Kundgebungen gegen die Nationalsozialisten, deren brutale Überfälle oder persönliche Angriffe und Racheakte sich immer mehr steigerten. Zur Abwehr der republikfeindlichen Kräfte wurde im Dezember 1931 die „Eiserne Front“ gegründet; sie war ein Zusammenschluss von SPD, dem Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund, Reichsbanner und sozialdemokratischen Arbeitersportverbänden. In den Betrieben begannen die Gewerkschaften so genannte Hammerschaften zu organisieren.

Dennoch wurde aus der SPD keine das Risiko eines Bürgerkriegs wagende Kampfpartei, und sie traf auch nur geringe strategische Vorbereitungen für eine einem Bürgerkrieg adäquate Gegenwehr. Sie tolerierte vielmehr seit Ende März 1930 das von dem Fraktionsvorsitzenden der (katholischen) Volkspartei Heinrich Brüning geführte Reichskabinett, das mit dem Artikel 48 der Reichsverfassung regierte und damit den Charakter einer Präsidialregierung erhielt. Die Politik der Tolerierung einer solchen Regierung hatte das Ziel, die Nationalsozialisten in einer Abnutzungssituation zu halten und die ökonomische Krise zu überdauern, um so die Gefahr für die Demokratie, den republikanischen Staat und die Arbeiterbewegung zu entschärfen. Diese Politik ging über 20 Monate überwiegend zu Lasten der Sozialdemokratie, denn der Reichskanzler Brüning kam ihr im Rahmen seiner sozial restriktiven Deflationspolitik keinen Schritt entgegen. Allerdings vertrat die Führung von Partei und Fraktion eine fatalistische, fast vulgärmarxistische Krisendeutung gegenüber dem weltweit sich ausbreitenden ökonomischen Verfall, der bis dahin in der Entwicklung des Kapitalismus einmalig war. Die Krise musste ihre Talsohle erreichen, Interventionen in den Krisenverlauf galten als nutzlos. Überlegungen zu einem die Krise entschärfenden Arbeitsbeschaffungsprogramm und andere, die Konjunktur ankurbelnde Maßnahmen blieben im Vorfeld der aktiven Politik stecken.

Als die Opposition gegen die Folgen der Tolerierungspolitik in der Partei wuchs, kam es schließlich zu einer Zerreißprobe. Große Teile des linken Flügels trennten sich schließlich im Oktober 1931 von der Partei und bildeten zusammen mit enttäuschten Kommunisten und linken Intellektuellen eine neue Partei, die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, die allerdings mit einer kleinen Anhängerschaft erfolglos blieb und die Kampfpotenziale der Arbeiterbewegung noch weiter zersplitterte.

Bürgerkrieg oder Bekämpfung mit legalen Mitteln

Eine überzeugende effektive Gegenstrategie gegen den Nationalsozialismus hatte bereits 1931 niemand im linken Lager anzubieten. Der Zusammenfall von sozialem Elend und politischer Isolierung belastete die Handlungsspielräume extrem negativ und zwang die Sozialdemokratie, fast allein den Abwehrkampf gegen die deutsch-nationalen, katholisch-konservativen und nationalsozialistischen Republikgegner mit wenig Aussicht auf Erfolg zu führen. Auch den konservativ-nationalen Rechten war inzwischen klar, dass die nationalsozialistische Bewegung auch sie gefährdete, sie glaubten aber, diese als modernistisches Anhängsel unter Kontrolle halten zu können. Sie verkannten, dass die Nationalsozialisten ein ureigenes Interesse hatten, nämlich ins Zentrum der Macht vorzurücken, um dann „in der Verkleidung von Staatsautorität ein(en) gnadenlose(n) Kampf“ gegen ihre „absoluten Feinde“ (Blasius) – Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaften und bürgerliche Intellektuelle - zu führen.

Damit soll nicht suggeriert werden, dass es nicht anders kommen konnte, als es dann kam: Die deutsche Arbeiterbewegung löste den sich selbst gesetzten Anspruch, die Machtübergabe an den Faschismus in Deutschland zu verhindern, nicht ein. Aber es fällt eben auch den rückblickenden Historikern schwer, alternative Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. Die SPD war in ihrer Mitgliederstruktur überaltert und auf die Facharbeiterschaft konzentriert. Sie hätte vor der Weltwirtschaftskrise versuchen können, sich neuen Arbeitnehmerschichten wie den Angestellten, den männlichen wie den weiblichen, zu öffnen, katholische Arbeiter für ihre Ziele zu gewinnen, kommunistische Arbeiter zurück zu holen, vielleicht sogar die antibürgerliche Intelligenz davon zu überzeugen, dass die SPD keine verbürgerlichte Funktionärspartei geworden war. Das alles wurde in der SPD durchaus vorgedacht, und die ersten Erfolge zeigten sich in der Wahl von 1928 (Zuwachs von 3,8 % auf 29,8 %); aber die Katastrophe der Weltwirtschaftskrise seit Herbst 1929 führte dazu, dass alle Innovationen stecken blieben und Wagenburg- und Schutzraummentalität sich ausbreitete (Dokument im Anhang : Artikel von Mierendorff).

Dennoch erscheint die Frage nicht unangemessen, ob nicht vielleicht doch der 20. Juli 1932 der Tag gewesen wäre, den ‚Befreiungsschlag’ zu versuchen. Franz von Papen, der seit dem 1. Juni 1932 Reichskanzler war, setzte an diesem Tag die preußische Regierung unter dem Sozialdemokraten Otto Braun durch eine Notverordnung des Reichspräsidenten ab und ernannte sich selbst zum Reichskommissar für Preußen, was nicht verfassungskonform war. Preußen hatte bisher als sozialdemokratisches ‚Bollwerk’ gegolten, ja als Garant für die Existenz der demokratischen Weimarer Republik. Diese geriet nun in eine ‚Kipplage’, denn auf Deutschlands Straßen herrschten im Sommer 1932 bereits Bürgerkrieg: Mord und Totschlag zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, aber auch Sozialdemokraten standen auf der Tagesordnung.

Die sozialdemokratische Führung wich ihrerseits kein Jota von ihrem legalen Kurs ab, votierte für ein verfassungskonformes, und das hieß jeden außerparlamentarischen Widerstand ausschließendes Verhalten. Die eigenen Anhänger wurden aufgefordert, die anstehenden Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 zu einem überzeugenden Votum für die sozialdemokratische Arbeiterbewegung zu nutzen. Erst angesichts eines die Existenz der demokratischen Republik bedrohenden Verfassungsbruchs wollte man zu außerparlamentarischen Kampfmitteln greifen: „Dann werden wir die Weimarer Verfassung verteidigen, wenn es sein muss mit der Waffe in der Hand“ (so der sozialdemokratische Staatsrechtler Hermann Heller im Jahre 1930). Bei den Reichstagswahlen wurde die NSDAP mit 37,4 % der Stimmen (und einem Zuwachs von 19,1 % gegenüber 1930) zur stärksten Partei; die SPD verlor 2,9 % und erhielt 21,6 %; die Kommunisten legten 1,5 % zu und kamen auf 14.6 % der Stimmen. Die sozialdemokratische Legal-Strategie war gescheitert; Hitler stand im wahrsten Sinne des Wortes ‚ante portas’ (Dokument im Anhang : Rede von Schumacher).

Kein Spielraum für eine ‚proletarische Einheitsfront’?

Wäre nicht jetzt der letzte Augenblick gewesen für eine proletarische Einheitsfront oder doch wenigstens für eine zeitweilige Aktionseinheit mit den Kommunisten? Für sie traten namhafte Künstler wie Käthe Kollwitz und Heinrich Mann und weltbekannte Wissenschaftler wie Albert Einstein ein. Auch die Linkssozialisten, die sich von der SPD getrennt hatten (zu ihnen gehörte auch der junge Lübecker Sozialdemokrat Willy Brandt), und die aus der KPD ausgeschlossenen, in der Tradition von Rosa Luxemburg stehenden ‚Rechts’-Kommunisten, die sich zur SAP(D) zusammengeschlossen hatten, forderten sie und boten sich als Kristallisationskern einer solchen Einheitsfront oder Aktionseinheit an. Sie wussten, dass der Nationalsozialismus an der Macht die Arbeiterbewegung vernichten würde und dass Hitler Krieg bedeutete.

Es wäre schwierig gewesen, die inzwischen in zwei Blöcke zerfallene Arbeiterbewegung wieder zusammen zu führen, obwohl im Alltagsleben der proletarischen Milieus die alten gemeinsamen Lebensformen sich noch nicht ganz aufgelöst hatten. Obwohl die Sozialdemokraten sich als Repräsentanten der Facharbeiter und der angelernten Arbeiter der mittleren und der älteren Generation verstanden und wenig Zugang zu den radikalen jüngeren Arbeitern und Arbeitslosen fanden, zeigten sie sich ansprechbar für den Gedanken der Aktionseinheit, auf lokaler Ebene mehr denn in den Führungszentralen. Das Hemmnis bildete die KPD.

Die KPD war am Ende der Weimarer Republik durch eine Art Doppelnatur gekennzeichnet; einem Kern von klassenkämpferischen Betriebsarbeitern als Funktionärskader stand eine extrem fluktuierende Mitgliedschaft aus jungen Arbeitslosen und Gelegenheitsarbeitern gegenüber, die hoch motiviert waren für radikale Proteste und militante Auseinandersetzungen. Über beiden stand eine dogmatisch verengte, von der Kommunistischen Internationale gelenkte Führungsgruppe. Bereits 1929 warf diese Führungsgruppe den Sozialdemokraten „Sozialfaschismus“ vor , forderte eine „Einheitsfront von unten“ (ohne die SPD-Führung) und erklärte die SPD und nicht die NSDAP zu ihrem „Hauptfeind“, da die SPD in Fortsetzung ihrer angeblich konterrevolutionären Politik in der Revolution 1918/19 zur Speerspitze der von der Bourgeoisie bestochenen ‚Arbeiteraristokratie“ geworden wäre, die einer proletarischen Weltrevolution im Wege stand und den Angriff auf die Sowjetunion, dem „Vaterland aller Werktätigen“, vorbereitete. Die KPD-Führung unterstellte der SPD die „faschistische Politik“ der Regierungen von Brüning bis Papen zu unterstützen, ja, selbst eine „faschistische Politik“ zu betreiben.

Die KPD selbst schreckte nicht davor zurück, vorübergehend mit den Nationalsozialisten zu kooperieren, so beim Kampf gegen die sozialdemokratisch geführte preußische Regierung, bei der Opposition gegen die aus dem Versailler Friedensvertrag sich ergebenden Reparationsverpflichtungen und deren Ablösung sowie beim fünftägigen Berliner Verkehrsarbeiterstreik im November 1932. Selbst als die nationalsozialistische Machtübernahme definitiv absehbar war, änderte dies an der Haltung der KPD nichts; die zaghaften Versuche der SPD, im letzten Augenblick ein Aktionsbündnis mit den Kommunisten zu suchen, wurden abgelehnt oder blieben unbeantwortet. Die Sozialdemokraten gehörten zu den „faschistischen Feinden“; der Bürgerkrieg eskalierte; das bürgerliche Lager sah in Hitler und seinen paramilitärischen Kolonnen, vor allem in der SA, den einzigen „Schutz vor dem roten Blutrausch“. Mit ihrer ultralinken Politik und ihrer grundsätzlichen Demokratiefeindlichkeit, ausgedrückt in der ‚Sozialfaschismus’-These, hatte die KPD einen beträchtlichen Teil der historischen Verantwortung für den Sieg des Nationalsozialismus in Deutschland auf sich geladen.

Hitlers Ernennung zum Reichskanzler – der Beginn der nationalsozialistischen Diktatur

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler; seinem Kabinett gehörten noch zwei weitere Nationalsozialisten an, die übrigen Minister kamen aus der nationalistisch-konservativen Richtung. Die Konservativen glaubten, Hitler damit unter Kontrolle zu haben; der aber war von Anfang an entschlossen, eine Diktatur zu errichten. Die Sozialdemokraten wie die Gewerkschaften reagierten abwartend, hielten an der politischen Legalität fest, um Hitler, solange dieser sich an die Verfassung hielt, keinen Grund für Unterdrückungsmaßnahmen zu geben. Eindrucksvolle Demonstrationen in Berlin und vielen anderen Städten sollten die in Wirklichkeit nicht mehr vorhandene Macht der Arbeiterbewegung zeigen. Außerdem hatte man die Hoffnung, dass sich das Hitler-Kabinett wie alle voran gegangenen Präsidialkabinette bald ‚abwirtschaften’ würde. Aber noch in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1933 setzten erste Verfolgungen politischer Gegner, Morde und Racheakte ein. Besonders stark waren die Kommunisten betroffen, aber der Terror richtete sich auch gegen Sozialdemokraten und Gewerkschafter.

Am 2. Februar 1933 wurde der Reichstag aufgelöst. Hitlers Ziel war es, bei den Neuwahlen die absolute Mehrheit zu erreichen, um auf ‚legalem’ Wege die Verfassung abzuschaffen. Die Wahlen am 5. März 1933 waren bereits keine freien Wahlen mehr. Überfälle auf Wahlveranstaltungen, Zeitungsverbote, Morddrohungen und Wohnungsdurchsuchungen bei Mitgliedern der Arbeiterparteien standen auf der Tagesordnung. Am Abend des 27. Februar 1933 brannte der Reichstag – viele Sozialdemokraten waren davon überzeugt, dass die Nationalsozialisten den Brand gelegt hatten. Auf jeden Fall kam diesen der Vorfall sehr gelegen. Noch in der Nacht wurden zahlreiche Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, aber auch bürgerliche Demokraten verhaftet und sowohl die kommunistische wie die sozialdemokratische Presse verboten. Durch die Notverordnung des Reichpräsidenten „zum Schutz von Volk und Staat“ wurden wesentliche Grundrechte der Reichsverfassung eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt.

Dennoch stimmten am 5. März 1933 über 7,1 Millionen Wähler (18,3 %) für die SPD; das waren lediglich 2,1 % weniger als bei den Wahlen im November 1932. Die NSDAP erreichte 43,9 % der Stimmen, also nicht die absolute Mehrheit, zu der ihr die Rechtsparteien, mit denen sie koalierten, verhelfen mussten. Mit der Vorlage zum „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“, genannt ‚Ermächtigungsgesetz’ ließ sich die Hitler-Regierung das Recht erteilen, Gesetze auch ohne Zustimmung des Reichstags zu verabschieden. Die Zustimmung zu diesem Gesetz bedeutete die Selbstausschaltung des Parlaments. In der SPD-Fraktion war die Teilnahme an der Abstimmung am 23. März 1933 umstritten: Einige Abgeordnete waren bereits verhaftet, andere fürchteten deshalb, bei einer Teilnahme gleichfalls verhaftet zu werden. Die Fraktion beschloss, an der Sitzung teilzunehmen und das Gesetz abzulehnen. Mehrere Abgeordnete wurden zu ihrem Schutz krank gemeldet, darunter der Fraktionsvorsitzende Rudolf Breitscheid und der Cheftheoretiker Rudolf Hilferding.

In der Reichstagssitzung griff Hitler die SPD aufs heftigste an und umwarb gleichzeitig die Arbeiterschaft, indem er versprach, deren Interessen zu fördern. Der SPD-Parteivorsitzende Otto Wels antwortete Hitler, immer wieder unterbrochen durch rüde Zwischenrufe der Nazis, und begründete die Ablehnung des Gesetzes durch seine Partei (Dokument im Anhang : Rede von Otto Wels). Die 94 anwesenden sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten waren die einzigen, die gegen das Gesetz stimmten. Die Kommunisten konnten an der Sitzung nicht teilnehmen, da ihre Mandate bereits annulliert worden waren.

Die Zerschlagung der Arbeiterbewegung

Auch die Gewerkschaftsmitglieder wurden seit März / April 1933 verfolgt, und einige Gewerkschaftshäuser bereits besetzt. Dennoch hofften führende Gewerkschaftsvertreter, das Überleben ihrer Organisationen durch Anpassung sichern zu können. Dazu gehörte auch die bewusste Distanzierung von der SPD mit der Begründung, man sei zu sehr aufs Ganze gerichtet, „um Parteifesseln zu tragen“. Die ADGB-Führung glaubte, dass jeder moderne Staat, gleichgültig welcher politischen Richtung, funktionierende Gewerkschaften brauchen würde. Das war eine fatale Fehleinschätzung der Lage, und der SPD-Vorsitzende Wels warnte denn auch zu Recht davor, dass es „ein hoffnungsloses Unternehmen“ wäre, wenn man „das Leben der Organisation durch Preisgabe der Idee zu erkaufen“ versuchte.

Einräumen muss man allerdings, dass die Lage der Gewerkschaften auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise Mitte 1932 äußerst kritisch geworden war: 7,6 Millionen Vollbeschäftigten standen ebenso viele Erwerbslose gegenüber. Dazu kamen noch 5,2 Millionen Kurzarbeiter. Einige Regionen waren von der Arbeitslosigkeit überproportional betroffen: der Großraum Berlin, Sachsen, das Ruhrgebiet. Ganze Gewerbe befanden sich in Agonie, so das Baugewerbe mit einer Arbeitslosigkeitsquote von 90 %. Gegenüber einer Rekordmitgliederzahl von 8 Millionen im Jahre 1920 waren es jetzt nur noch 3,5 Millionen, von denen fast die Hälfte arbeitslos war und ein Fünftel in Kurzarbeit stand, und die Ressourcen in den Streikkassen waren entsprechend geschmolzen. Die interne Bereitschaft und die objektive Fähigkeit zum Generalstreik als ultima Ratio sanken in dem Maße, in dem sich abzeichnete, dass ein Generalstreik in einen totalen Bürgerkrieg münden würde.

Der 1. Mai 1933 wurde von den neuen Machthabern zum nationalen Feiertag erklärt und mit Massenaufzügen und aufwendigen Inszenierungen begangen. Der ADGB empfahl den Gewerkschaftsmitgliedern die Beteiligung und hoffte noch immer, dass die Gewerkschaftsverbände bestehen bleiben würden. Jedoch schon am folgenden Tag, dem 2. Mai 1933, wurden das ADGB-Haus in Berlin und alle wichtigen Gewerkschaftszentralen im deutschen Reich von SA und SS besetzt, zahlreiche Gewerkschafter misshandelt und verhaftet, die Kassen geplündert und Akten und Wertgegenstände vernichtet oder weggeschleppt. Das Vermögen der Gewerkschaften wurde in die Deutsche Arbeitsfront (DAF) überführt.

Nach dem 23. März 1933 war die Sozialdemokratie unsicher über ihren weiteren politischen Kurs. Zunächst meinte man, den Nationalsozialisten so wenig wie möglich Angriffspunkte bieten zu müssen, um die bereits verfolgten oder von der Verfolgung bedrohten Parteimitglieder und ihre Familien zu schützen. Zunehmend setzte sich jedoch in der SPD-Führung die Auffassung durch, dass für eine legale politische Tätigkeit keine Chance mehr bestand. So verurteilte denn auch die Vorstandsmehrheit das Verhalten der Reichstagsfraktion, die am 17. Mai 1933 (entgegen den Warnungen einer Minderheit um Kurt Schumacher), wenn auch unter Terrordrohungen des nationalsozialistischen Innenministers, einer ‚Friedensresolution’ Hitlers zustimmte. Auch die Entscheidung für das Exil blieb zunächst umstritten. Man hoffte teilweise immer noch, dass die Hitler-Diktatur nur von kurzer Dauer sein würde, und wollte die unter der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten leidenden Parteimitglieder nicht im Stich lassen. Schließlich musste Prag als Exilsitz der Partei gewählt werden. Am 10. Mai 1933 wurde das Parteivermögen der SPD, des Reichsbanners und der sozialdemokratischen Presse beschlagnahmt – ein beträchtlicher Teil konnte jedoch rechtzeitig ins Ausland gebracht werden. Am 22. Juni wurde die Partei faktisch verboten, und am 14. Juli ein allgemeines Parteienverbot erlassen – die einzige zugelassene Partei war nun die NSDAP.

Ein ‚heroisches Signal’ setzen?

Angesichts der nun folgenden brutalen nationalsozialistischen Diktatur, die auf die europäische Geschichte zurückblickend einen Kultur- und Zivilisationsbruch bedeutete, angesichts des bis dahin unvorstellbaren Ausmaßes der gnadenlosen Verfolgung der Gegner der Nationalsozialisten erst im eigenen Land, dann europaweit bis zum Holocaust sich steigernd und angesichts der Folgen des von der NS-Diktatur entfachten Zweiten Weltkriegs bleibt die heikle Frage: Hätte die deutsche Arbeiterbewegung nicht ein weltweit beachtetes ‚Heroisches Signal’ setzen sollen, auch ohne Aussicht auf Erfolg und wie zu erwarten opferreich? Leicht darf man es sich als rückblickender Historiker mit einer bejahenden Antwort nicht machen – man weiß es besser als die damals unter Handlungszwängen stehenden Arbeiter und ihre Führer.

Durch das Festhalten an der Tolerierungspolitik, die Zurückweisung aller Vorschläge, die die Auswirkungen der weltweiten ökonomischen Krise hätten mildern können, und die innerparteilichen Auseinandersetzungen, die noch verschärft statt beruhigt wurden, hat die sozialdemokratische Führung sich fast selbst gelähmt. Man verfolgte einen alternativlosen Legalitätskurs, der der Lage – einem Bürgerkrieg! – nicht mehr entsprach. Dabei ist einzuräumen, dass es ein Motiv war, sich nicht durch die Benutzung der Waffen des Gegners selbst zu verraten, die eigenen Werthorizonte in Frage zu stellen oder sie sogar zu verlieren.

Selbst da, wo die bewaffnete Auseinandersetzung als letzte unvermeidliche Ratio betrachtet wurde, wie in Teilen des Reichsbanners oder unter jüngeren Sozialdemokraten, besonders auf lokaler Ebene, bestanden solche die Tatkraft hemmenden Überlegungen. Hinzu kam, zeitgleich keineswegs verborgen, die mangelnde Ausrüstung für einen Bürgerkrieg, gemessen jedenfalls an der Ausrüstung der SA und der Polizei, die zunehmend als ein Unsicherheitsfaktor im Hinblick auf ihre Republiktreue betrachtet werden musste, und wie sich die Reichswehr verhalten würde, war ebenfalls nicht mehr kalkulierbar. Wahrscheinlich unterschätzten die Sozialdemokraten, auf den Führungsetagen wie vor Ort, wie die meisten Linken zu lange die Brutalität der Nationalsozialisten, wie sie ja auch deren Rassenhass zwar wahrnahmen, aber als ideologisch besetzte Absurdität unzulänglich einordneten.

Hinzu kam noch ein Faktor, der in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung historisch immer wieder einmal relevant geworden war: Man erwartete, dass „unsere Feinde an unserer Gesetzlichkeit zugrunde gehen“ würden – das war ja das Lehrstück der Sozialistengesetze nach 1878 gewesen. Und es gab eine doppelte Erwartungshaltung: die ‚Massen’ warteten auf das Signal von oben, die Führer auf eines von unten – so hatten es beide Seiten in der Revolution 1918/19 erlebt. Diesmal kam weder das eine noch das andere. Die SPD war – um es noch einmal zu betonen – allein nicht mehr in der Lage, die Machtübernahme der Nationalsozialisten zu verhindern. Aber sie war allein! Objektiv, von Wünschbarem frei rückblickend, wären die Rettung der Republik und die Beeinflussung der Krisenentwicklung – ökonomisch wie politisch – gerade noch im Sommer 1931 möglich gewesen. Subjektiv, von Wunschvorstellungen nicht frei rückblickend, ließe sich die Feststellung von Willy Brandt wiederholen: „Es kann eine Situation geben, wo es für die eigene Würde und die Zukunft derer, die nach uns kommen, besser ist, mit der Flagge hoch unterzugehen, als sich einem politischen Verwesungsprozess auszusetzen“ (1983).

Jedoch: Kritik und Selbstkritik der Arbeiterbewegung taugen nicht dazu, diejenigen auch nur im Geringsten davon zu entlasten, die in erster Linie die Verantwortung für das Scheitern der ersten deutschen Republik tragen: ihren nationalistischen und konservativen Gegnern.