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Flucht vor Hitler oder Widerstand

Aus der Anklageschrift des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof gegen Ferdinand Thomas, Rudolf Schmid, Adolf Reichwein und Julius Leber vom 9. August 1944

Etwa im Sommer 1943 begann in Berlin eine Anzahl führender kommunistischer Funktionäre, darunter Anton Saefkow und Franz Jacob, zu denen später insbesondere Bernhard Bästlein stieß, unter Ausnutzung früherer illegaler Beziehungen erneut eine straffe kommunistische Organisation aufzuziehen, die vor allem in den Betrieben und in der Wehrmacht verankert werden sollte.

Die Angeschuldigten sind im Rahmen dieser Bestrebungen tätig gewesen. Sie haben am 22. Juni 1944 in Berlin mit führenden kommunistischen Funktionären eine Besprechung abgehalten, die dem Aufbau einer Einheitsfront von KPD und Sozialdemokratie diente. Wortführer bei dieser Besprechung war vor allem der Angeschuldigte Dr. Leber, ein früherer sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter...

Reichwein war im Laufe des Jahres 1943 mit dem Mitangeschuldigten Leber, den er bereits vor der Machtübernahme kennengelernt hatte, wieder in nähere Beziehungen getreten. Er pflegte mit ihm und dem in der Zwischenzeit verstorbenen Dr. Karl Mierendorf[f], einem mit Leber befreundeten früheren sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, regen politischen Gedankenaustausch. Dabei stellten sich die drei Genannten auf den Standpunkt, im Falle der als sicher angenommenen deutschen Niederlage solle die Macht von einer Personengruppe übernommen werden, die sich auf eine "Einheitsfront" stützen könne. Die politischen Ideen der Angeschuldigten Reichwein und Leber drehten sich vor allem um die Schaffung dieser Einheitsfront. Sie waren sich darüber klar, daß nach einer Niederlage der Kommunismus in Deutschland eine entscheidende Rolle spielen werde, und fühlten sich daher als Exponenten der ehemaligen Sozialdemokratie berufen, schon jetzt Fäden zur illegalen kommunistischen Bewegung in Deutschland anzuknüpfen...

Am Abend des 22. Juni 1944 fanden sich in der Wohnung des Mitangeschuldigten Schmid die Angeschuldigten Leber, Reichwein und Thomas sowie der führende kommunistische Funktionär Franz Jacob mit Saefkow und "Hermann" ein...

Leber, der als alter erfahrener Parlamentarier Jacob und seine Leute sofort als typische Vertreter der KPD erkannt hatte, eröffnete die Aussprache mit der Frage, ob die anwesenden Kommunisten über Vollmachten der KPD verfügten. Jacob, der Wortführer der Kommunisten, erklärte, sie seien die richtige Stelle, es bestehe aber die Möglichkeit, daß sie von ihren Freunden im Ausland mit denen sie keine Verbindung unterhielten, desavouiert werden könnten. Auf die Gegenfrage des Jacob, ob Leber ermächtigt sei, für die Sozialdemokratie zu sprechen und ob er eine bestimmte Richtung innerhalb der SPD vertrete, erwiderte dieser, er vertrete keine bestimmte Richtung der SPD, außer ihm gebe es aber in Deutschland nur noch einen Mann, der im Namen der Sozialdemokratie verhandeln dürfe. Leber erklärte weiter, es habe keinen Sinn, über die früheren Zwistigkeiten zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus zu debattieren, es sei vielmehr ihre Aufgabe festzustellen, inwieweit ihre beiderseitigen Ansichten über die Zukunft in Übereinstimmung gebracht werden könnten und wie weit eine Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus für die Zukunft möglich sei. Nachdem Jacob zugestimmt hatte, stellte Leber, der auch im weiteren Verlauf die Aussprache im wesentlichen in der Hand behielt, an Jacob eine Reihe von Fragen, wie sich die Kommunisten die Gestaltung des politischen Lebens in Deutschland nach dem "Tage X" dächten. Die Antworten des Jacob waren, entsprechend der gegenwärtigen kommunistischen Taktik, auf einen beruhigenden und beschwichtigenden Ton abgestimmt, der den Bolschewismus als ein weitherziges und demokratisches System hinstellen sollte. So fragte Leber, ob von den Kommunisten beabsichtigt sei, Deutschland in Sowjetrepubliken aufzuteilen, die der Sowjetunion angeschlossen werden sollten. Jacob verneinte diese Frage und versicherte sogar, es würden im Reich keine russischen Kommissäre eingesetzt. Auf eine weitere Frage des Angeschuldigten Leber erklärte Jacob, auf Grund der inneren Entwicklung in Rußland komme eine Kirchenfeindschaft des Kommunismus nicht mehr in Frage. Im Zusammenhang mit dieser Frage erkundigte sich Leber nach der Einstellung der Kommunisten gegenüber nichtkommunistischen, insbesondere christlichen Gewerkschaften. Jacob erwiderte, Toleranz gegenüber nichtkommunistischen Gewerkschaften sei eine Selbstverständlichkeit. Auch auf die Fragen des Leber über die Vergesellschaftung des Großgrundbesitzes und die Sozialisierung der großen Betriebe gab Jacob dem Fragesteller befriedigende Auskünfte. Im weiteren Verlauf der Aussprache brachten beide Teile zum Ausdruck, daß sie über geeignete Persönlichkeiten verfügten, die in der Lage seien, nach dem Zusammenbruch die Führung zu übernehmen...