Wegbereiterinnen
Anna Starke
1905–1993
Lebensmittelhändlerin und Friedensaktivistin
Am 2. März 1905 kam Anna Starke in der kleinen Inselstadt Lindau zur Welt. Klein von Statur und leicht sehbehindert, lernte die „ Brillenschlange“ nach dem Besuch der Volksschule an der Höheren Mädchenschule in Lindau und hatte dabei schon mit den ersten Unbilden zu kämpfen. Ihre Mutter schrieb 1928: „Da im Frühjahr 1922 mein Mann und ich gleichzeitig schwer erkrankten, musste sie während der letzten sechs Wochen ihres Töchterschulbesuches beurlaubt werden, um das Geschäft zu übernehmen.“ Erste Ausreißversuche führten sie als Hausgehilfin nach Luzern, Frankfurt und Miltenberg am Main. Gleichzeitig begann sie die geistig-politischen Grenzen des heimatlichen Kleinbürgertums zu überschreiten und sich für die Werke von Leo Trotzki, Valerie Marcus und für Schriften der sozialistischen Frauenbewegung zu interessieren. Nach Praktika in den Sozialämtern Augsburg und Mannheim konnte sie ab 1929 bis zum erfolgreichen Staatsexamen im Frühjahr 1931 in München die „Soziale Frauenschule und staatlich anerkannte Wohlfahrtsschule“ besuchen. Die Weltwirtschaftskrise zerbrach die Lebensplanungen als „Wohlfahrtspflegerin“. Stattdessen half sie der kranken Mutter erneut im elterlichen Lebensmittelgeschäft. Wenige Wochen nach der Machtübertragung an die NSDAP notierte Lindaus Polizei: „Starke Anna, Haustochter. Die vorgenommenen Durchsuchungen bei Starke, die als geistige Führerin der K.P.D. anzusehen ist, förderte eine große Anzahl kommunistischer Zeitschriften, Tageszeitungen und Broschüren zu Tage, die vorläufig auf der Polizeihauptwache sichergestellt wurden“. Aus der Polizeihaft entlassen arbeitete Anna Starke 1934 für ein Jahr bei Bekannten in Stuttgart. Inzwischen hatten jene Jahre begonnen, in denen „Fräulein Anni Starke“ die bescheidenen Möglichkeiten des Lebensmittelladens dazu nutzte, bedrohten und in Not geratenen Menschen zu helfen; dazu gehörte der jüdische Professor F. Schnell aus München. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Anna Starke bis 1952 wieder im noch immer ungeliebten Laden. Danach konnte sie bis 1970 als Saisonkraft im Lindauer Fremdenverkehrsamt und daneben mit großer Freude in der Inselbücherstube arbeiten. Der wieder gegründeten KPD trat sie nicht mehr bei, weil ihr deren stalinistische Einstellung zuwider war. Zur politischen Linken hielt sie Kontakt und war in der bleiernen Zeit der Adenauer-Ära örtliche Beauftragte der Westdeutschen Frauen-Friedens-Bewegung (WFFB) in Lindau. Diese Aktivitäten und Kontakte zum Friedensrat der DDR führten zur Einleitung eines politischen Strafverfahrens, das im November 1959 vom Generalbundesanwalt eingestellt wurde. Die Mitwirkung in zwei Westallgäuer Filmen verhalfen ihr vor ihrem Todesjahr 1993 zu einer Medienöffentlichkeit, die sie nie gesucht hatte.
Text: Karl Schweizer, Lindau
Anna Starke im Online-Katalog der Bibliothek der FES
